Kapitel 10

538 Worte
Alexander Volkov wurde in das teure Privatkrankenhaus verlegt, das für einen Mann seines Ranges deutlich geeigneter war. Ich blieb die ganze Zeit an Christians Seite, die Kiefer fest zusammengepresst, während ich meine Umgebung genau beobachtete. Lucas Volkov war bereits früher eingetroffen, zusammen mit ihrer Mutter, Marianna Volkov. Sie sah völlig anders aus als bei unserer letzten Begegnung – vollkommen aufgelöst und voller Sorge um Christian. Jetzt ruhte ihr Blick fast ausschließlich auf der geschlossenen VVIP-Station, und sie schenkte Christian kaum Beachtung. Christian war still. Ich hatte seine Hand längst losgelassen, doch die Wärme kribbelte noch immer auf meiner Haut, als wären seine Finger noch mit meinen verschränkt. Ich schüttelte den Kopf. Das war nicht der richtige Moment. Ich versuchte, mich abzulenken, indem ich die anderen beobachtete. Colin stand wachsam da, das Kinn erhoben, die Augen scharf. Ich sah zu Lucas. Er trug noch immer denselben makellosen Anzug wie zuvor. Seine Lippen waren missmutig nach unten gezogen, die Brauen zusammengezogen, aber seine Augen… Seine Augen verrieten, was der Rest seines Gesichts zu verbergen versuchte. Sie wirkten weder traurig noch wütend, noch auch nur annähernd besorgt. In seinen dunklen Pupillen lag ein scharfer Schimmer von Genugtuung, und der krasse Gegensatz zwischen seinen Augen und dem Rest seines Gesichts ließ mich zweimal hinsehen. Weder Lucas noch Christian noch Marianna sprachen wirklich miteinander. Es wirkte fast, als wären sie keine Familie. Nur eine Gruppe von Fremden, die durch eine gemeinsame Person verbunden waren und gezwungenermaßen denselben engen Raum teilten. Plötzlich öffnete sich die Tür der VVIP-Station. Wir alle drehten uns um, als eine diensthabende Krankenschwester herauskam. „Er ist jetzt wach und möchte seinen Sohn sehen.“ Marianna trat sofort zurück, und Lucas strich sein Jackett glatt. „Lucas, du solltest gehen“, sagte Marianna, wobei ihr Blick für den Bruchteil einer Sekunde zu Christian huschte. Lucas machte einen Schritt nach vorne, doch die Krankenschwester schüttelte den Kopf. „Haben Sie Lucas gesagt?“ Mariannas Brauen zogen sich zusammen, und Lucas nickte langsam. „Ich bin Lucas.“ Die Krankenschwester schüttelte erneut den Kopf. „Es tut mir leid, aber er fragt nach Christian.“ Ich drehte mich zu Christian um, der seit unserer Ankunft kaum ein Wort gesprochen hatte. Seine Augen weiteten sich leicht, als sein Blick zwischen Lucas und Marianna hin- und herhuschte. „Ich glaube, da liegt ein Missverständnis vor. Lucas ist der Ältere, also falls es irgendwelche…“, setzte Marianna an und drängte sich nach vorne, doch die Krankenschwester blieb unerbittlich. „Es tut mir leid“, sagte die Krankenschwester mit leiser Stimme. „Er hat ausdrücklich nach Christian gefragt. Bitte lassen Sie Christian zu ihm.“ Lucas zog Marianna zurück, seine Finger gruben sich in ihren Arm, um sie von weiteren Protesten abzuhalten, auf die sie sich bereits vorbereitete. „Christian“, sagte Lucas und zwang ein Lächeln auf sein Gesicht, das so falsch wirkte, dass es förmlich abprallte. „Lass Vater nicht warten.“ Christian schluckte schwer, und ich widerstand dem Impuls, seine Hand zu drücken und ihm zu sagen, dass er nicht allein war. Mit einem letzten Blick auf die anderen ging er nach vorne. Die Krankenschwester trat zur Seite und ließ ihn hinein. Die Tür schloss sich leise hinter ihm.
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