„NEIN!“
Marleens Stimme explodierte, scharf, unnachgiebig, hallte über den kalten Asphalt.
Der Vampir sprang vor, die Fänge blitzten, zielten direkt auf die weiche Stelle ihres Halses.
Doch sie war schneller.
Mit einem brutalen Bogen trieb ihre Faust nach oben, traf hart seine Brust.
Der Aufprall krachte wie Donner. Er flog zurück, schlug mit einem schweren, leblosen Aufprall auf den Boden.
Eine lange Sekunde lag er still da, die Brust hob sich nicht.
Ein plötzlicher Windstoß fegte durch die Gasse, peitschte ihr weißes Haar ins Gesicht, ein wilder Schleier, der ihre Augen stach und sie für einen Herzschlag blendete.
Sie presste beide Handflächen fest gegen ihre Schläfen, die Schultern sanken, als das Adrenalin nachließ und rohe Erschöpfung zurückließ.
„Nicht schon wieder…“ flüsterte sie, die Worte bitter auf der Zunge.
Ein tiefes, feuchtes Stöhnen zerriss die Stille.
Ihre Hände fielen weg.
Ihr Blick haftete auf ihm.
Blut rann aus dem Mundwinkel, zog dunkle Rinnsale über sein Kinn. Seine benommenen Augen fanden die ihren, weit aufgerissen, verwirrt, kämpften, das Feuer in seinen Rippen zu begreifen.
„Heute hast du dich mit der falschen Person angelegt“, sagte sie.
Ihre Stimme war kalt, scharf wie gehärteter Stahl.
Mehr Blut quoll aus seinen Lippen. „Bitte… hilf… mir…“
Jede Silbe kratzte, schwerfällig, feucht.
Ein kurzes, bitteres Schnauben entfuhr ihr.
„Du hättest besser gehört, als ich gesagt habe, du sollst verschwinden.“
Sie trat einen deliberate Schritt näher, die Augen zu Schlitzen verengt.
„Niemand entkommt meinen Schlägen. Also stirb still, und lass die Welt vergessen, dass ein Vampir wie du je existiert hat.“
Er hustete erneut. Frisches Karmesin spritzte über sein Kinn.
„Was… sind…“
Marleen hockte sich neben ihn, nah genug, dass er die Kälte spüren konnte, die von ihr ausging.
Ihr Flüstern schnitt wie eine langsam gezogene Klinge über die Haut.
„Ein überlegenes Wesen. Ein Vampir, geboren so wie er ist.“
Ihre Armbanduhr piepste schrill. Hartnäckig. Zerbrach den Moment.
Ihr Kopf schnippte nach unten. „Verdammt. Ausgangssperre.“
Sie warf dem sterbenden Vampir einen letzten Blick zu, dann sprang sie.
Ihr Körper schoss nach oben, über die Dächer hinweg, eine flüssige Bewegung im mondbeschienenen Himmel.
Sie landete leicht vor ihrem Gebäude, die Stiefel lautlos auf dem rissigen Asphalt.
Eine streunende Katze saß in der Nähe, leckte faul eine Pfote, völlig unbeeindruckt von dem Raubtier, das gerade aus der Nacht gefallen war.
„Marleen…“
Matthias’ Stimme wehte aus den Schatten an der Tür.
Sie strich an ihm vorbei, ohne langsamer zu werden, ignorierte die Frage, die sich auf seinen Lippen formte, und drängte in den schummrigen Flur.
In ihrem Zimmer riss sie Schubladen und Regale auf. Kleidung und Papiere wirbelten wie Blätter im Sturm umher.
„Wo ist es?“ murmelte sie, der Atem holperte in scharfen Zügen.
„Wo zur Hölle hab ich es hingelegt?“
„Was suchst du?“ Miriam fragte von der Tür aus, die Stirn gerunzelt.
Matthias trat leise hinter ihr herein.
Ohne ein Wort griff er in den Wäschekorb und zog die vertraute dornenbesetzte Krone heraus. Das Metall glitzerte matt im schwachen Licht.
„Das hier?“
Marleen schnappte nach vorn und riss es ihm aus den Händen.
Erleichterung überflutete sie wie eine Welle, als sie die Krone auf ihren Kopf setzte.
Die Dornen bissen in die Kopfhaut. Scharf. Vertraut. Ein Schmerz, der sie verankerte, ihren rauen Atem beruhigte, das Zittern in ihren Fingern stoppte.
„Puh“, flüsterte sie und ließ sich auf den Bettrand sinken.
Der Sturm in ihr beruhigte sich, gedämpft von dem stechenden Halt.