Selene hatte Grausamkeit erwartet.
Sie hatte sich mental und physisch darauf vorbereitet, sobald sie das Red Moon Pack betreten hatte.
Aber Nina war schlimmer als erwartet.
Nina war schlimmer als ein Dorn im Fleisch. Sie war der ganze verdammte Busch – Dornen, Zweige und alles.
„Deine Haltung ist falsch“,
schnappte Nina eines Morgens und stieß Selene nach vorn.
„Oder bist du einfach nur verdammt begriffsstutzig?“
„Bist du blöd?“ Selene biss sich auf die Innenseite der Wange und hielt den Kopf gesenkt, während sie die Marmorböden schrubbte.
Sie hatte noch nie zuvor Böden geschrubbt.
Sie hatte in ihrem ganzen Leben noch nie einen Finger rühren müssen, um Hausarbeiten zu erledigen.
Aber sie spürte, dass sie das aushalten konnte.
Sie musste alles aushalten für ihre wahre Mission.
Der Palast war prachtvoll, ein riesiges Labyrinth aus Gängen und geräumigen Zimmern.
Es dauerte jedoch nicht lange, bis Selene sich im Palast zurechtfand.
Sie lernte schnell, welche Türen verschlossen blieben und warum. Sie erfuhr, wo sich die Krieger heimlich trafen.
Sobald sie konnte, fand sie heraus, wen sie meiden und mit wem sie sich abgeben sollte, obwohl sie kaum Freunde hatte.
Sie lauschte. Sie beobachtete. Und langsam ergründete sie den Puls und Rhythmus des Roten Mondrudels.
Und da war Ethan.
Alles drehte sich um ihn.
Er strahlte mühelos Loyalität aus. Seine Krieger folgten seinem Befehl ohne zu zögern. Sein Rat war ihm treu ergeben. Selbst diejenigen, die ihn fürchteten, respektierten ihn.
Selene hätte es bewundert, wenn er nicht ihr Feind gewesen wäre.
Ethan war Grausamkeit gegenüber gleichgültig. Er duldete sie, aber sie konnte nicht behaupten, dass er sie förderte. Vielleicht war es zu früh für diese Schlussfolgerung. Sie bemerkte jedoch, dass er Nina nie aufhielt. Nie eingriff.
Nicht einmal, als sie Selene heißen Tee über die Hände schüttete. Nicht einmal, als sie sie Zimmer putzen ließ, die nicht geputzt werden mussten. Nicht einmal, als sie sie denselben Boden zweimal schrubben ließ.
Ethan sah einfach nur zu.
Manchmal wirkte er sogar amüsiert, doch dann nahm er wieder seinen typischen stoischen Gesichtsausdruck an.
Aber störte Selene seine Gleichgültigkeit? Nein.
*** Die kühle Nachtluft streichelte Selenes Haut, als sie durch den Hof ging. Die Erschöpfung des Tages lastete schwer auf ihren Gliedern. Der größte Teil des Palastes schlief.
Der größte Teil – aber nicht alle.
Selene sah den Angriff kaum kommen.
Ein Fuß hakte sich in ihren Knöchel ein, und sie stolperte – ein stechender Schmerz durchfuhr ihre Seite, als sie auf den Steinboden aufschlug. Dann – Gelächter.
Selene knirschte mit den Zähnen. Nina.
Sie blickte auf, ihr Puls ruhig, trotz des Schmerzes in ihren Rippen. Nina beugte sich über sie, die Arme verschränkt, ein zufriedenes Lächeln umspielte ihre Lippen.
„Ups“,
murmelte Nina.
„Du solltest wirklich aufpassen, wo du hintrittst.“
Selene richtete sich langsam und kontrolliert auf.
„Selbstverständlich, Mylady.“
„Es ist meine Luna“,
korrigierte Nina stirnrunzelnd.
„Verzeiht, meine Luna.“
Der Spott in ihrer Stimme war subtil. Zu subtil, als dass Nina ihn hätte aussprechen können – aber nicht subtil genug, um unbemerkt zu bleiben. Ninas Lächeln verdüsterte sich.
„Du hältst dich wohl für schlau?“ Selene behielt ihren ausdruckslosen Gesichtsausdruck.
„Ich denke, ich bin eine Dienerin, die ihre Pflicht tut.“
Nina trat näher, ihre Stimme kaum mehr als ein kontrolliertes Flüstern.
„Glaubst du, ich sehe es nicht?“ Was nun?
Selene runzelte die Stirn.
„Was denn?“ Ninas Nägel gruben sich in Selenes Kinn und hoben ihr Gesicht an.
„Wie Ethan dich ansieht.“
Selene erstarrte.
Ninas Grinsen wurde schärfer.
„Er ist fasziniert. Und das macht dich gefährlich.“
Selene presste ein leises Lachen hervor.
„Dem Alpha ist ich egal.“
Ninas Griff verstärkte sich und drohte, ihr den Kiefer zu brechen.
„Nein, tut er nicht. Aber du musst ihm nicht wichtig sein.“ Und dann, ohne Vorwarnung, zog Nina einen Dolch hervor.
Selene hatte kaum Zeit zu reagieren. Die silberne Klinge glänzte im Mondlicht,
schnellte auf ihre Rippen zu –
Doch es erreichte sie nie.
Eine Hand schnellte vor und hielt Nina mitten in ihrer Bewegung auf.
Die Luft war zum Schneiden.
Eine tiefe, vertraute Stimme durchbrach das Chaos.
„Nina.“
Es war Ethan.
Seine Finger umklammerten Ninas Handgelenk, sein Griff fest und unnachgiebig.
Nina erstarrte, ihre Augen weiteten sich.
„Ethan, ich wollte nur …“
„Ich habe gesehen, was passiert ist.“
Seine Stimme war ruhig. Zu ruhig. Selene atmete langsam aus und zwang ihren Puls, sich zu beruhigen. Sie war nur Sekunden davon entfernt gewesen,
den Dolch selbst zu ergreifen – ihn abzuwehren, ihn zu drehen und die Bedrohung zu beenden.
Doch Ethan hatte zuerst gehandelt.
Seine goldenen Augen huschten zu Selene. Für einen Augenblick – nur einen Augenblick – wurde sein Blick weicher.
Dann war er verschwunden.
Er ließ Ninas Handgelenk los und wandte sich ab, als wäre nichts geschehen.
„Es ist spät. Geh ins Bett.“
Nina ballte die Hände zu Fäusten und fluchte leise vor sich hin.
Selene wusste, dass das noch lange nicht vorbei war.
Langsam ging sie zurück in die Dienerquartiere, immer noch geschockt von dem, was gerade geschehen war.
Nina hatte tatsächlich versucht, sie zu töten.
Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken, als der Gedanke in ihrem Kopf wiederkehrte. Sie hatte Gemeinheit erwartet, sich auf Misshandlungen vorbereitet, aber das – das war etwas ganz anderes. Das war Verzweiflung.
Sie krempelte den Ärmel ihrer Tunika hoch und betrachtete die dünne rote Linie, wo Ninas Klinge ihre Haut gestreift hatte. Wenn Ethan nicht eingegriffen hätte …
Selene atmete tief und langsam aus.
Sie war nur Sekunden davon entfernt, zurückzuschlagen, den Kampf zu beenden, bevor er überhaupt richtig begonnen hatte.
Und dann, in einem Augenblick, hatte Ethan gehandelt.
Warum?
Sie hatte ihn wochenlang beobachtet, kannte jedes Detail, jede Gewohnheit, jede Reaktion. Er war
erbarmungslos, berechnend und völlig unempfindlich gegenüber Grausamkeit.
Er tat nie etwas ohne Grund.
Warum also hatte er Nina aufgehalten?
Vielleicht durfte Nina nicht töten, wen sie wollte.
Sie ging zu den Dienstbotenquartieren und öffnete die Tür mit einem leisen Knarren. Bis auf eine
Kerze auf dem Holztisch war der Raum in Dunkelheit gehüllt. Die anderen Mägde schliefen tief und fest, ihr sanfter Atem war das einzige Geräusch in diesem Raum.
Selene ging zu ihrer Pritsche und ließ sich vorsichtig auf die dünne Matratze sinken. Der Schmerz in ihren Rippen
knirschte, aber sie ignorierte ihn.
Sie hatte Wichtigeres zu tun.
Diese Nacht hatte eines bewiesen – Nina betrachtete sie als Bedrohung. Und wenn Ethan weiterhin eingriff,
selbst in kleinen Dingen, würde diese Bedrohung nur noch zunehmen.
Selene musste vorsichtiger sein. Unauffälliger.
Zumindest vorerst.
Denn in Wahrheit wollte sie Nina nicht nur überleben.
Sie wollte sie überlisten.
Sie überdauern. Und wenn der richtige Zeitpunkt gekommen war – sie vernichten.