Selene erstarrte.
Das Vorhängeschloss fühlte sich plötzlich an, als würde es tausend Tonnen wiegen.
Kalter Schweiß brach ihr im Nacken aus und rann ihr den Rücken hinunter.
Ihr Herz hämmerte so laut, dass sie sicher war, er konnte es hören.
Ihr Verstand zersplitterte – jedes Stück suchte verzweifelt nach einer glaubwürdigen Ausrede, jedes schlimmer als das vorherige.
Sie drehte sich nicht sofort um. Sie konnte nicht.
Denn Ethans Anwesenheit erfüllte den Raum wie ein Schatten, schwer und erdrückend.
Sie schlang sich um sie wie eine Schlinge und forderte sie heraus, einen falschen Schritt zu machen.
Atme, Selene.
Sie schluckte schwer.
Lächeln. Sprechen. Überleben.
Langsam stand sie auf und wandte sich ihm zu.
Selene brachte die ruhigste Stimme hervor, die sie aufbringen konnte.
„Ich – ich habe geputzt, Alpha.“
Sein Blick fiel auf den makellosen Schreibtisch. Dann auf den fast blitzblanken Boden.
„Wirklich?“
Sie nickte.
„Ich hätte nicht gedacht, dass du so früh zurück bist. Mir wurde dieser Flügel zugeteilt.“
Es entstand eine kurze Stille.
„Du hast über dieser Schublade gebeugt“,
sagte er leise.
„Diese Schublade ist nicht umsonst abgeschlossen.“
Selene befeuchtete ihre Lippen.
„Ich habe den Staub an den Griffen bemerkt. Ich wollte nur –“
Sie schluckte.
„Nur …?“ „Ach ja?“, fragte er ungläubig.
„Komisch, dass sich ein Dienstmädchen für die einzige Schublade mit einem Vorhängeschloss interessiert.“
Selene zuckte nicht zusammen, aber sie spürte ihren Herzschlag in den Ohren.
„Du bist nicht nur ein Dienstmädchen“,
fügte Ethan nun leiser hinzu.
„Bist du es?“
Ihre Kehle schnürte sich zu.
„Ich bin zweifellos das, was ich gesagt habe. Eine Ausreißerin, die nirgendwo anders hin kann.“
Ethan neigte leicht den Kopf, wie ein Wolf, der seine Beute mustert.
„Du lügst zu gut für eine Ausreißerin. Zu …“ Sie hielt seinem Blick stand und bemühte sich, verletzt statt ertappt auszusehen.
„Vielleicht bin ich es einfach leid, dass …“
Das ließ ihn innehalten. Einen Moment lang veränderte sich die Luft zwischen ihnen.
Sein Gesichtsausdruck veränderte sich – nicht ganz, aber genug, dass sie es spürte. Ein Riss im Eis.
„Ich kenne Leute, die etwas zu verbergen hatten“,
murmelte er.
„Und Leute, die einfach … gebrochen waren.“
Sein Blick fiel auf ihre Hände, wo noch immer schwache rosa Linien von Ninas jüngster Grausamkeit zu sehen waren.
„… ich habe mich noch nicht entschieden, was du bist.“ Selene antwortete nicht. Sie konnte nicht. Denn wenn sie den Mund öffnete, würden die Lügen herausplatzen und
in sich zusammenfallen.
„Du wirst deine Pflichten wie gewohnt fortsetzen“,
sagte Ethan schließlich und wandte sich der Tür zu.
„Aber von nun an bist du direkt Arden unterstellt. Er wird dir deine Aufgaben zuweisen.“
Ein Test. Natürlich. Er wollte sie nicht hinauswerfen – noch nicht. Er wollte sie scheitern sehen.
„Ja, Alpha“,
sagte sie und senkte den Kopf. Ethan rührte sich nicht.
„Und Lila …“
Ihr Herz erstarrte. Es war das erste Mal, dass er sie mit ihrem Namen ansprach.
Zugegeben, einem falschen, aber immerhin.
Ihr Atem stockte, nur ganz leicht.
„Ja?“
Ein Schritt, zwei weitere, und er stand nur noch einen Atemzug von ihr entfernt.
Die Zeit schien abrupt stillzustehen, die Realität verblasste, als sein Blick von ihren zu ihren
Händen fiel.
Sein Blick ruht wieder auf ihren Augen, in denen etwas Verbotenes aufblitzt.
Seine Hand bewegt sich, und einen Augenblick lang ist Selene sicher, dass er nach ihrer Hand greifen wird.
Er will diese schwindende Spannung durch eine Berührung beenden, eine, die ihnen beiden vielleicht Erleichterung bringen könnte.
Er fährt zusammen wie ein Mann, der aus einem Albtraum erwacht, sein Blick ist eiskalt und leer.
Er macht einen großen Schritt zurück, als fürchte er, sie könnte ansteckend sein, und räuspert sich.
Die Geste riss Selene aus ihren Gedanken – ihr rationales Denken war in dieser Minute der Nähe für immer verloren gegangen.
Seine Stimme sank zu einem Murmeln.
„Pass auf, welche Türen du öffnest.“
Dann ging er.
---
Der nächste Morgen brach mit einer dichten, angespannten Atmosphäre an.
Selene stand vor dem Übungsplatz und beobachtete die Krieger beim Exerzieren. Arden hatte sie ohne Erklärung herbeigewünscht.
Seine Befehle waren kurz angebunden und kalt.
Sie war nicht die Einzige, die unter Beobachtung stand. Die Atmosphäre um das Rote Mond-Rudel hatte sich verändert.
Die Wachen wirkten wachsamer. Die Diener schweigsamer. Das Rudel fühlte sich an wie eine gespannte Feder – jederzeit bereit zu schnappen.
„Du bist hier“, sagte Arden, als er näher kam. Seine Augen musterten sie wie ein Rätsel, von dem er nicht sicher war, ob er es lösen wollte.
„Du wirst beim Ordnen von Ethans Schriftrollenarchiv helfen. Nichts verlässt die Regale ohne mein Einverständnis.
Du sprichst mit niemandem, außer ich spreche dich an. Verstanden?“ Selene nickte.
„Ja, Beta.“
Er kniff die Augen zusammen, hakte aber nicht weiter nach.
„Folge mir.“
Schweigend gingen sie durch die stillen Flure. Jeder Schritt, den Selene tat, fühlte sich schwerer an.
Sie wusste nicht, wie viel er ahnte. Aber sein Blick verriet ihr, dass sich alles veränderte.
Sie musste Marcus kontaktieren. Und zwar schnell.
An diesem Abend, als sie sich auf den Rückweg zu den Dienerquartieren machte, riss sie plötzlich eine Hand in einen Seitengang.
„Tanzt du gern mit dem Tod?“, zischte Nina, ihr Gesicht nur Zentimeter von ihrem entfernt. Selenes Rücken prallte gegen die Wand. Ihr Wolf knurrte in ihr, doch sie behielt eine neutrale Miene.
„Du machst dich auf die falsche Art und Weise bemerkbar“, höhnte Nina.
„Alphas Arbeitszimmer? Arbeit für Arden? Sag mir – was ist dein Plan?“ „Ich habe nicht gewusst, dass ich eins brauche“, sagte Selene kühl.
„Du bist nicht klug, Streunerin. Du bist selbstmordgefährdet. Teste mich weiter, und du bekommst beim nächsten Mal keine Warnung.“
Selene beugte sich näher, ihre Stimme wurde leiser. „Ethan ist nicht da, um dich aufzufangen.“
„Dann tu es, Nina. Versuch es. Aber bete lieber.“
Ninas Augen flackerten kurz auf. Dann stürmte sie davon, ihre Absätze klackten auf dem Marmorboden.
--- In dieser Nacht lag Selene auf ihrer Pritsche und starrte an die rissige Decke. Sie musste sich beeilen. Ethan kam der Wahrheit zu nahe – und sie selbst auch. Denn dieser Moment im Arbeitszimmer war nicht nur Angst gewesen. Es war etwas anderes gewesen. Die Anziehungskraft. Die Hitze. Die Elektrizität, die sie seit dem Tag ihrer Begegnung versucht hatte zu ignorieren. Doch dafür blieb jetzt keine Zeit.
Denn am Morgen würde die Jagd nach dem Verräter erst richtig beginnen.
Und wenn Selene nicht aufpasste, würde sie nicht nur ihre Mission verlieren.
Sie würde ihr Leben verlieren.