IV. Kennenlernen

3183 Worte
Das Wochenende war ein Wechselbad der Gefühle. Die meiste Zeit war ich entweder voll versteckter Vorfreude oder ich versuchte verzweifelt, einen Ausweg aus der Situation zu finden. Hin und wieder schlich sich auch die angenehme Scheiß-drauf-Einstellung ein, aber ich konnte nichts davon länger als ein paar Stunden halten. Daher versuchte ich mich so gut es ging mit meiner Seminararbeit abzulenken. Ich hatte noch nie so viel für ein solch klägliches Ergebnis gearbeitet, immer wieder schweifte ich ab, begann online über b**m zu recherchieren und klappte bei den Suchergebnissen sofort den Laptop wieder zu. Eine Unmenge an zweifelhaften Pornobildern tauchte auf, einige Einträge über die angebliche natürliche Unterlegenheit der Frau, ein paar Websites die diverses Spielzeug anboten. Schlussendlich fand ich doch noch einige wenige Foren und Blogs, die tatsächlich sachlich und informativ über b**m und andere Kinks berichteten. Zu Beginn las ich mir sofort die Warnsignale durch, aber kaum etwas traf dabei auf Doktor Fink zu. Ich hatte kein unangenehmes Gefühl in seiner Nähe und er schien mich nicht zu etwas drängen zu wollen, das ich nicht wollte. Er hatte mir nicht befohlen, etwas zu tun, was ich nicht wollte und hat nicht geschrien oder die Hand gegen mich erhoben. Noch nicht. Nachdem ich mir ein paar Erfahrungen durchgelesen hatte, fühlte ich mich nicht mehr ganz so, als würde ich etwas durch und durch Verbotenes tun. Meine Meinungsumschwünge bekam ich dennoch nicht in den Griff.   Montagmorgen fiel mir dann siedend heiß ein, dass ich Doktor Fink heute nicht nur wieder begegnen würde, sondern vermutlich auch nackt vor ihm stehen würde. Dabei wollte ich mich auf jeden Fall wohl fühlen und überredete Iris dazu, eine ausgiebige Runde Laufen zu gehen und danach einen Beautytag einzulegen. Obwohl überrascht, stimmte sie sofort zu. Sie hatte ein anstrengendes Arbeitswochenende hinter sich und meinte, dass sie sich sowieso gerne wieder sauber fühlen würde. Nachdem wir beinahe zwei Stunden draußen in der Kälte gesportelt hatten, machten wir es uns mit Detox-Tee, Haar- und Gesichtsmasken und einer verwöhnenden Dusche in unserer Wohnung bequem und plauderten. Iris wusste genau, dass mich seit Freitag etwas beschäftigte, aber sie hatte genug Anstand, nicht nachzufragen. Sie wusste, dass ich zu ihr kommen würde, wenn ich ihre Hilfe brauchte. Stattdessen sprachen wir kurz über meine Mama, mit der ich samstags immer telefonierte, über Iris‘ Arbeit und was wir nächste Woche unternehmen würden. Wir hatten beide genug Arbeit für die Uni, aber abends lenkten wir uns immer irgendwie ab. Für die kommende Woche hatten wir uns fürs Theater entschieden. Über die Uni bekamen wir vergünstigte Karten und so beschlossen wir, uns eine Vorstellung zu gönnen. Während ich versuchte, mich mit meiner besten Freundin zu entspannen, wechselten meine Stimmungen beinahe halbstündlich. Um drei Uhr hatte ich beschlossen, dass ich einfach nicht auftauchen würde, um halb vier lag meine gesamte Unterwäsche verstreut auf dem Boden, nichts davon schien mir gut genug, um es heute anzuziehen. Ich hatte Dessous, ich hatte schöne Unterwäsche in der ich mich sexy fühlte und die meinem Körper schmeichelte. Aber war sie gut genug für was auch immer heute Abend stattfinden würde? Um vier lag ich mit meiner Unterwäsche auf dem Boden und überlegte, wie ich es soweit kommen lassen konnte und schließlich sprang ich auf und schlüpfte in dunkle Spitzendessous. Ich erinnerte mich daran, dass Doktor Fink von Lack, Leder und Latex nicht viel hielt – wovon ich sowieso nichts besaß – aber dafür von Spitze ziemlich angetan zu sein schien. Oder war es Seide? Verdammt, ich sollte besser zuhören. Weniger denken, Ariane. Einfach weniger denken. Einen Augenblick später fragte ich mich, ob ich tatsächlich zu ihm fahren würde oder ob ich dieses Spiel doch noch abbrach, bevor es anfangen konnte. Tief in mir drinnen wusste ich allerdings, dass ich mich bereits entschieden hatte. Ich war nur zu feige, um danach zu handeln. Kurz überlegte ich, ob ich Iris um ihren Rat fragen sollte. Wenn sie mir raten würde, es zu tun, dann gäbe es nichts mehr zu überlegen. Ich seufzte und sank wieder auf den Boden. Eigentlich wollte ich gar keinen Rat. Ich wollte eine Bestätigung meines Plans haben. Aber ich holte sie mir nicht.   Überpünktlich schwang ich mich mit zitternden Knien vom Rad und betrat das Geschichteinstitut. Ich begegnete ein paar bekannten Gesichtern, die sich langsam aus der Bibliothek verzogen und versuchte so unbemerkt wie möglich in den dritten Stock zu gelangen. Wie immer schlich ich sofort aufs WC und überprüfte noch einmal meine Erscheinung im Spiegel. Die dunklen Haare waren im Winter kaum zu bändigen, aber dank der heutigen Extrazuwendung hatten sie einen schönen Glanz und auch meine Wangen leuchteten rosig und meine Haut fühlte sich weich an. Ich übte noch ein paar Sätze vor dem Spiegel, um meine piepsige Stimme in den Griff zu bekommen und ein paar Minuten vor sechs Uhr klopfte ich an die Bürotür. Ich wartete eine Weile vergeblich und klopfte dann erneut. Wieder keine Reaktion. Ich sah auf die Uhr. Es war kurz vor sechs. War ich denn überhaupt richtig? Hatte er mir am Freitag gesagt, dass ich woanders hinkommen soll? Noch bevor ich mir das Hirn zermartern konnte, was ich beim Gespräch am Freitag alles nicht gehört hatte, wurde die Tür geöffnet. Doktor Fink musterte mich ausgiebig, bevor er zur Seite trat und mich einließ. „Hallo“, piepste ich. Toll, das Üben hätte ich mir sowas von sparen können. „Komm rein.“ Ich war mir immer noch nicht vollkommen im Klaren darüber, ob ich seine kühle Stimme als angenehm oder desinteressiert empfand. Es schien einerseits beruhigend, dass er emotional wohl ein wenig ausgeglichener war als ich, andererseits wäre es schön, wenn ich ihm zumindest irgendeine Reaktion entlocken könnte. „Wie fühlst du dich?“ Er schloss die Tür und wandte sich dann mir zu. Unsicher stand ich in der Mitte seines Büros und betrachtete seine Schuhe. Oxfords. dunkelbraunes Leder. Sie mussten neu sein, das Salz hatte sie noch nicht angegriffen. „Mh. Jetzt im Moment?“ „Ja.“ Seine Augen fixierten meine, als ich aufsah. Sie waren genauso dunkel wie seine Schuhe. Ich zucke mit den Schultern, doch er ließ das als Antwort nicht gelten und starrte mich weiterhin aufmerksam an. Hatte er nichts Besseres zu tun? Schließlich räusperte ich mich und meine Stimme klang tatsächlich fester, als ich antwortete: „Ich bin mir nicht sicher. Ich-ähm- denke ich bin vielleicht ein wenig nervös.“ Er nickte und machte ein paar Schritte auf mich zu. „Willst du dich setzen, oder bevorzugst du es, zu stehen?“ „Ich-nein, setzen ist gut.“ Er zog eine Augenbraue kurz nach oben und deutete dann mit der Hand auf das kleine Sofa. Kopfschüttelnd nahm ich Platz. Der leicht angewetzte Bezug verriet nicht, wie bequem es tatsächlich war. Das war ein tolles Sofa! Ich konnte mir gut vorstellen, wie praktisch es war, darauf zu lesen. Keine Chance, dass einem hier der Hintern einschlief. Meine Gedanken wirbelten weiter, was nur bedeuten konnte, dass meine Nervosität doch größer war, als gedacht. Er bot mir etwas zu trinken an und ich nahm das Glas Wasser dankend entgegen. Dann ließ er sich neben mir auf dem Zweisitzer nieder. Ich zupfte an meinem Pulli und atmete tief durch. Bergamotte und Sandelholz umspielten meine Nase. „Es gibt keinen Grund nervös zu sein, Ariane. Wir unterhalten uns erstmal nur.“ Ich nickte und malte mit dem Finger den Rand des Glases nach. Na toll. Die kratzende Spitze hatte ich also um sonst angezogen. Und ich hatte noch überlegt, wieder in die Baumwollhöschen zu schlüpfen. Oh, meine Oma-Schlüpfer! Sie waren einfach zu bequem. Er fragte mich nach meinem Tag. Ich kam mir vor wie im falschen Film. Was hatte das eine mit dem anderen zu tun? Auf meinen fragenden Blick reagierte er nicht. Seine steinerne Miene blieb vollkommen regungslos und ich erzählte ihm, dass ich noch an einer Hausarbeit arbeitete und mir heute ein wenig Urlaub gegönnt habe. „Hast du über unser Gespräch am Freitag noch nachgedacht?“ „Pfft, nein. Absolut nicht.“ Er bedachte mich mit einem halbamüsierten Blick und schien zu überlegen, was er tun sollte. Ich seufzte. Warum musste ich ausgerechnet jetzt reagieren, wie ein hormongesteuerter Teenager?! „Sind dir noch Fragen eingefallen, die du gerne stellen würdest?“ Ich kam mir vor wie bei einem Verhör. Ich mochte es nicht, dass er sich vollkommen auf mich fokussierte, dabei wusste ich einfach nicht, was ich tun sollte. Was machte ich eigentlich mit meinen Händen? Und sahen meine überkreuzten Beine komisch aus? Wieso musste es mich gerade jetzt am Zeh jucken? Jedes andere Thema wäre mir lieber. Warum mussten wir ausgerechnet über mich sprechen?! Also schüttelte ich einfach nur den Kopf und spielte weiter am Rand meines Glases herum. „Was macht dich dann-“ „Können wir bitte nicht… keine Ahnung nicht…“ „Reden?“ „Ja. Nein. Ich meine, nicht über mich. Bitte.“ Er zog wieder eine Augenbraue hoch und lehnte sich dann gegen die Armlehne in seinem Rücken. Sein Blick lag noch immer auf mir. Mein Herz pochte in meiner Brust und ich schloss für einen Moment die Augen. In meinem Magen kribbelte es immer noch und ich war froh, mich am Wasserglas festhalten zu können. „Nun, dann werde ich dich mal beruhigen und dir sagen, was wir heute machen.“ Ich nickte zustimmend, dankend beinahe, dass er das Thema wechselte. „Ich möchte heute noch ein paar Dinge klären“, ich schaffte es, meinen Blick vom Glas zu lösen und ihn tatsächlich anzusehen. Mir war noch nie aufgefallen, dass seine Kiefermuskeln beim Sprechen hervortraten. „Wir fangen langsam an und machen bestimmt Nichts, was du nicht willst. Das Ampelspiel kennst du ja bereits. Grün steht für alles was gefällt, orange ist für Unsicherheit und es sollte mit absoluter Vorsicht weitergemacht werden und rot bedeutet nein.“ Ich nickte erneut und wiederholte in Gedanken, was er gesagt hatte. Diesmal wollte ich tatsächlich alles mitbekommen und mich nicht ablenken lassen. „Wie eine Art Safeword also?“ „Genau. Nur da du selbst noch sehr unsicher und unerfahren bist, solltest du in der Lage sein, mehr Rückmeldung zu geben. So können wir uns beide absichern.“ Das klang logisch und durchaus machbar. Die Wörter würden mir bestimmt leichter einfallen als Birnenmus. Oder Ziffernblatt. Oder irgendso etwas. „Klare Regeln und Strukturen sind wichtig, damit wir wissen, in welchem Rahmen wir uns bewegen. Du musst dich zuerst akklimatisieren, wenn du hier rein kommst und ich muss auch in der Rolle ankommen“, ich nickte und hatte eigentlich keine Ahnung, was das eine mit dem anderen zu tun hatte, „Deshalb möchte ich, dass du dich am Anfang immer zuerst hinkniest. Dann kannst du runterschalten und ankommen. Danach beginnen wir dann mit der eigentlichen Session.“ „Okay?“ Ich war mir nicht sicher, was genau er mit hinknien meinte und ich konnte das nervöse Kribbeln in meiner Magengegend wieder spüren. Sollte ich einen Knicks machen? Wie eine Verbeugung? Oder mich auf den Boden knien? Den ekligen Teppichboden hier? Und wann kamen wir eigentlich zum guten Part? „Ich zeige es dir später. Währenddessen sprechen wir uns nicht mit Vornamen an, die sind ausschließlich für den öffentlichen Umgang. Doktor oder Sir, auf keinen Fall Herr oder Daddy oder dergleichen.“ Ich nickte und kaute an meiner Unterlippe. Wie würde er mich wohl nennen? Kosenamen oder Beleidigungen? „Kann…“ Die stumme Aufforderung in seinen Augen reichte diesmal jedoch aus, mich zum Sprechen zu bewegen. „Also… Ich mag solche Ausdrücke wie – Hure und so nicht. Also gar nicht.“ Ich konnte ihn nicht ansehen, während ich sprach. Bei meinen Recherchen am Wochenende war ich darüber gestolpert, dass die verbale Erniedrigung auch von vielen in der Szene genutzt wurde. Ich hasste solche Ausdrücke, mir wurde alleine bei dem Gedanken daran übel. Ich fand es vollkommen inakzeptabel. Und einmal hätte ich ihm beinahe in den p***s gebissen, als Tobi mich seine kleine Fickhure genannt hatte. Iris hatte mich ausgelacht und dann getröstet. Und danach wieder ein wenig gelacht. „Baby oder Süße. Kurz und bündig.“, war seine Antwort, dann stand er auf. Er hielt mir die Hand hin und zögernd ergriff ich sie. Baby klang ein wenig abgedroschen. Süße war überraschend zärtlich. Seine warmen Finger umfassten meine und er zog mich sachte auf die Beine. Ich stellte das Glas ab und ließ mich von ihm vor das Sofa lotsen. Er ließ meine Hand los und deutete auf den Teppichboden vor sich. „Geh mal auf die Knie.“ Ich tat wie geheißen und kniete mich hin, währenddessen trat er ans Fenster und zog die Lamellen des Rollos so zu, dass niemand hereinsehen konnte. Ich spürte, wie meine Handflächen zu schwitzen begannen. Jetzt wurde ernst. Danach trat Doktor Fink wieder an mich heran. Ich wusste nicht was ich tun sollte und blickte ihn unsicher an. Er betrachtete mich gedankenversunken und umrundete mich langsam. Als er hinter mir stand, beugte er sich hinunter und brachte meine Füße in eine gerade Position, sodass mein Hintern genau auf meinen Fersen auflag. Meine Hände lagen verschränkt in meinem Schoß und mein Blick sollte auf einen Punkt ein wenig vor meinen Knien liegen. Ich blieb für eine Weile so sitzen, während er mich weiterhin langsam umrundete und betrachtete. Doktor Fink gab mir noch einige Anweisungen, zum Beispiel, wie ich richtig durch die Nase ein- und den Mund ausatmen sollte in dieser Position. Dann blieb er einfach nur neben mir stehen und schwieg. Machte ich etwas falsch? Warum hatte er aufgehört zu reden? Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus, ihn nur aus den Augenwinkeln zu sehen und blickte auf. Mir fiel das Haar aus dem Gesicht und sein Blick ruhte auf mir. Ich sah ihn an, in der Hoffnung, eine Regung in ihm zu erkennen. Tatsächlich spannten sich seine Kiefermuskeln kurz an, dann reichte er mir die Hand und zog mich wieder auf die Beine. Das Knien war ganz schön anstrengend und ich war ein wenig wackelig unterwegs. Doktor Fink zog mich hinter sich her zum Sofa. „Ich möchte, dass du das zu Hause übst. Fang langsam an, zuerst fünf Minuten, dann zehn. Versuch jeden Tag ein wenig mehr zu schaffen als den Tag zuvor.“ Ich nickte. „Verbale Antworten, damit ich weiß, dass du tatsächlich begriffen hast.“ „Okay, ähm ja. Ich übe zu Hause.“ Nun war er es, der nickte. Meine Mundwinkel zuckten. Ob er die Ironie auch erkannte? Er sah nicht so aus. Ich griff nach meinem Wasserglas und musste feststellen, dass ich nun nicht mehr nervös war, sondern vorfreudig. Auf meinem Handrücken kribbelte es noch ein wenig von seiner Berührung. Ich seufzte. Er hatte tolle warme Hände. „Was machst du nach dem s*x üblicherweise?" Zack, kaum sagte er das Wort, wurde ich verlegen. Ich war nicht prüde, nicht prüder als sonst jemand. Aber etwas an ihm ließ mich dabei immer wie ertappt wirken. Vielleicht, weil er mein Dozent war. Warum er allerdings wissen wollte, was ich danach tat, war mir ein Rätsel. Was meinte er überhaupt? So direkt danach? Oder am Tag danach? Wenn mein Sexualpartner weg war? Ich sah ihn fragend an. "Kuscheln? Duschen? Essen?" Seltsamerweise hörte sich kuscheln aus seinem Mund noch viel anzüglicher an, als duschen. Oder s*x. Wie es wohl war, mit ihm zu kuscheln? War er ein Kuschler? Ich war mir sicher, dass er toll umarmen konnte. Aber kuscheln? Was mochte ich nach dem s*x? Kuscheln definitiv. Nur nicht mit Tobi. Das hat mein Polster erledigen müssen. Der war ein besserer Kuschler. Eigentlich traurig, wenn man nicht kuscheln konnte. Duschen nach dem s*x hat mir Iris eingetrichtert. Oder zumindest auf die Toilette gehen. Und essen war immer gut. Vielleicht hatte ich danach auch nur immer gegessen, weil ich frustriert war. Wer weiß das schon so genau. "Achso. Ja." "Ja?" Er sah mich verwirrt an. "Ja. Alles davon. In der Reihenfolge." Doktor Fink lachte leise auf und schüttelte amüsiert den Kopf. Den restlichen Abend über unterhielten wir uns einfach nur. Er fragte mich mehr über meine Interessen und Hobbys, wir sprachen über die Uni und fachsimpelten ein wenig. Er ging tatsächlich schwimmen. Und auf Militärgeschichte war er gestoßen, da es die einzigen Bücher waren, die man sich zu seiner Zeit in der Bibliothek länger als eine Woche ausleihen konnte. Es war amüsant, mehr über ihn zu erfahren und er war langsam nicht mehr der abstrakte Dozent, den man nur halb als menschliches Wesen wahrnahm, sondern wurde immer mehr zu einem interessanten Mann.   Unsere nächsten Treffen verliefen beinahe gleich. Ich lernte, dass ich nach dem Eintreten meine Tasche, Jacke und Schuhe ablegte und mich dann vor das Sofa kniete. Am Anfang korrigierte er meine Haltung noch einige Male und er fragte mich immer, wie mein Tag war, wie es mir ging und wie es mir mit dem Üben zu Hause ging. Dabei sprach er mich hauptsächlich mit Baby an und auch wenn wir uns ein klein wenig über b**m unterhielten – meistens nur, wenn ich eine Frage hatte –, ansonsten war ich immer Ariane. Großteils sprachen wir über vollkommen andere Dinge, hauptsächlich über die Uni und wir erzählten uns von unserem Tag. Dabei begann er, mit seinen Fingern sanft über meinen Oberarm zu streichen. Seine Berührungen hinterließen eine elektrisierende Spur auf meiner Haut zurück und ich hielt jedes Mal erwartungsvoll den Atem an, wenn ich merkte, dass er mich sogleich berührte. Ich begann sogar, mir kurzärmelige Oberteile anzuziehen, nur um sicher zu gehen, dass ich seine Haut direkt auf meiner spüren konnte, auch wenn ich deswegen ein wenig frieren musste auf dem Weg zu ihm. An unseren Treffen montag-, mittwoch- und freitagabends in seinem Büro änderte auch der Unibeginn nichts. Da ich mir dieses Semester nahm, um meine Bachelorarbeit zu schreiben, konnte ich mir meine Zeit relativ frei einteilen. Ich besuchte nur drei Kurse aus dem Master und hatte ein gemütliches Semester vor mir. So konnte ich unsere Treffen gut einplanen und ich freute mich immer schon darauf. Ich mochte die Routine. Eintreten. Ablegen. Hinknien. Unterhalten. Ich rückte mit Absicht näher an ihn heran, sodass seine Finger mich leichter berühren konnten. Immer wieder hatte ich die Hoffnung, dass heute doch etwas mehr geschehen würde. Doch als die Uni wieder anfing, waren wir noch immer nicht über das Knien hinausgekommen. Es war mehr als frustrierend. Ich hatte angenommen, dass ich zu diesem Zeitpunkt schon genau wusste, welchen Reiz Fessel und Knebel ausübten und vor allem wollte ich ihn endlich berühren können. Ich hatte mich noch immer nicht getraut, ihn von mir selbst aus anzufassen. Es war ja auch wirklich schwer, wenn er immer langärmelige Hemden anhatte und nach seiner Hand zu greifen traute ich mich einfach nicht. Immer wieder nahm ich mir vor, dass es heute so weit war. Heute würde ich einfach über seine Hand streichen, denn seine sanften Berührungen, das sachte Streicheln und Malen waren nicht mehr genug. Ich würde endlich diesem unsichtbaren Band folgen und die scheinbar unüberwindbare Hürde nehmen und ihn endlich berühren. Ich wollte angefasst werden. Ich wollte ihn anfassen. Ich wollte so dringend. Aber nicht dringend genug, dass ich es tatsächlich tat. Es war frustrierend und beschämend zugleich.
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