Der Cursor auf Lyras Bildschirm pulsierte wie ein digitaler Herzschlag, gleichmäßig und erwartungsvoll. Vespers Aufforderung stand dort und verspottete sie.
Sag mir, wie es sich anfühlt, wenn sie dir in den persönlichen Raum eindringen.
Lyras Finger flogen über die Tasten. Sie dachte weder an das Stipendium noch an die drohende Gefahr des Studienplatzverlusts. Sie dachte nicht an die Maske der „Eiskönigin“, die sie wie eine Rüstung trug. Sie dachte daran, wie die Luft im Flur schwer und erstickend geworden war, als Kaelen Thorne ihr den Weg versperrte.
Es fühlt sich an wie Diebstahl, tippte sie, die Worte strömten mit einer zerklüfteten, rohen Energie aus ihr heraus. Es ist ein Eindringen in genau den Sauerstoff, den ich zum Überleben brauche. Wenn er in der Nähe ist, schrumpft die Welt, bis nichts mehr übrig ist als die Hitze, die von ihm ausgeht, und die arrogante, mühelose Art, wie er den Raum einnimmt. Es ist, als stünde man zu nah an einem Lauffeuer – man weiß, dass es einen verbrennen wird, aber man kann nicht wegsehen, weil man darauf wartet, dass der Funke überspringt.
Sie drückte auf „Senden“, bevor sie sich davon abbringen konnte. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen, ein hektischer, unregelmäßiger Rhythmus, den sie seit Jahren nicht mehr gespürt hatte.
Auf der anderen Seite der Stadt lehnte sich Kaelen Thorne in seinem Lederschreibtischstuhl zurück, das blaue Licht seines Monitors spiegelte sich in seinen Augen. Er las die Nachricht einmal. Dann zweimal. Er spürte einen seltsamen, elektrischen Schlag in seiner Brust. Nova-9 – diese Frau, die er als kalte, mechanische Intrigantin abgetan hatte – hatte gerade ein Gefühl beschrieben, das so instinktiv war, dass es seine eigene Haut kribbeln ließ.
„Wildfire“, flüsterte er in den leeren Raum.
Er beugte sich vor, seine langen Finger schwebten über der mechanischen Tastatur. Er sollte das nicht tun. Er musste bis zum Morgen eine Lateinübersetzung fertigstellen und sich auf das „State of the Thorne Empire“-Dinner seines Vaters morgen Abend vorbereiten. Aber diese Autorin … sie war ein Rätsel, das er plötzlich lösen musste.
[NACHRICHT VON: Vesper]
Das ist ein Anfang. Aber du versteckst dich immer noch hinter Metaphern. „Wildfire“ ist harmlos. Es ist poetisch. Erzähl mir von der körperlichen Reaktion. Ist dein Herzschlag schneller geworden? Wolltest du ihn wegstoßen, oder warst du gelähmt von der schieren Dreistigkeit seiner Existenz? Zeig mir den Mut, Nova-9. Zeig mir die Wahrheit.
Lyra starrte auf den Bildschirm. Die Wahrheit? Die Wahrheit war, dass sie in jenem Bruchteil einer Sekunde im Flur, als Kaelens Schulter ihre gestreift hatte, nicht nur Wut empfunden hatte. Sie hatte eine erschreckende, magnetische Anziehungskraft gespürt – eine Reibung, die ihre Haut auf eine Weise kribbeln ließ, die sie nicht wahrhaben wollte.
Ich fühlte mich … klein, tippte sie, während ihr der Atem stockte. Und ich hasse es, klein zu sein. Ich hatte das Gefühl, er blickte durch die Schichten, die ich mir über Jahre hinweg aufgebaut hatte, und fand die Teile von mir, die ich im Dunkeln verschlossen halte. Es ist nicht nur Hass. Es ist die Angst, dass er der Einzige ist, der mein wahres Ich sieht, und dass er es nutzen wird, um mich zu zerstören.
Am nächsten Morgen war die Oakhaven Academy ein Wirrwarr aus marineblauen Blazern und geflüsterten Geheimnissen. Lyra ging über den Innenhof, den Blick nach vorne gerichtet, den Rücken zu einer starren Linie der Trotzigkeit gestreckt. Sie hatte vier Stunden geschlafen, ihr Geist eine chaotische Schleife aus Vespers Nachrichten und der erschreckenden Realität ihrer finanziellen Lage.
„Vance! In mein Büro. Sofort.“
Die Stimme gehörte Coach Miller, dem Leiter des Honors Athletics Committee. Lyra spürte ein mulmiges Gefühl in ihrem Magen.
In dem kleinen, mit Trophäen gefüllten Büro saß bereits Kaelen Thorne, gelangweilt und umwerfend gutaussehend in seinem gestärkten weißen Hemd.
„Da ihr beide die ‚hellsten Sterne‘ der Abschlussklasse seid“, begann Coach Miller und beugte sich über seinen Schreibtisch, „und da ihr beide ein Problem mit … ... nennen wir es mal ‚zwischenmenschliche Zusammenarbeit‘, hat der Dekan beschlossen, dass ihr gemeinsam den Vorsitz des Legacy-Projekts übernehmen werdet.“
„Gemeinsam den Vorsitz?“, sagten Lyra und Kaelen unisono, wobei ihre Stimmen wie Zimbeln aneinanderstießen.
„Mit ihm?“, fügte Lyra hinzu, wobei ihre Stimme eine Oktave höher wurde.
„Mit dem Roboter?“, konterte Kaelen und deutete vage auf sie.
„Das Legacy-Projekt ist ein einmonatiges Programm zur Öffentlichkeitsarbeit“, sagte Miller und ignorierte die beiden. „Es macht zwanzig Prozent eurer Endnote aus. Wenn ihr nicht zusammenarbeiten könnt, fallen beide durch. Und angesichts der … *jüngsten Veränderungen* in deinen akademischen Leistungen, Lyra, würde ich dir raten, das sehr ernst zu nehmen.“
Es wurde still im Raum. Lyra spürte, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich. Kaelen drehte langsam den Kopf und kniff die Augen zusammen, als er sie ansah. Er grinste nicht. Er verspottete sie nicht. Er starrte sie nur an, sein Blick ungewöhnlich schwer.
„Na gut“, sagte Kaelen mit ungewöhnlich leiser Stimme. „Wir machen es.“
Lyra brachte kein Wort heraus. Sie nickte nur einmal und rannte praktisch aus dem Büro.
Sie schaffte es bis zur Bibliothek, versteckte sich in der hintersten Ecke zwischen den Regalen und holte ihr Handy heraus. Ihre Hände zitterten. Sie musste Dampf ablassen. Sie brauchte die einzige Person, die nicht wusste, wer sie war.
[NACHRICHT AN: Vesper]
Er hat gewonnen. Ich sitze die nächsten dreißig Tage mit der Person, die ich am meisten hasse, in einem Käfig fest. Ich habe das Gefühl, ich ersticke.
Fast augenblicklich erschien eine Benachrichtigung.
[NACHRICHT VON: Vesper]
Betrachte es nicht als Käfig. Betrachte es als Recherche. Jedes Mal, wenn er dich in Rage bringt, schreib es auf. Jedes Mal, wenn er etwas sagt, das dich verletzt, nutze es. Willst du diesen Wettbewerb gewinnen? Mach ihn zu deiner Muse. Nutze den Hass, Nova-9. Es ist das ehrlichste Gefühl, das du hast.
Lyra blickte von ihrem Handy auf. Ein paar Tische weiter sah sie Kaelen Thorne. Er saß allein da, sein eigenes Handy in der Hand, die Stirn vor Konzentration gerunzelt. Für einen Moment, nur einen einzigen Moment, fiel das Licht des Buntglasfensters auf seinen Kiefer, und er sah nicht wie ein Raubtier aus. Er sah … müde aus.
Dann blickte er auf.
Ihre Blicke trafen sich quer durch die stille Bibliothek. Die Spannung zwischen ihnen war greifbar, wie eine Schnur, die bis zum Zerreißen gespannt war.
Kaelen wandte den Blick nicht ab. Er hielt ihrem Blick stand, sein Gesichtsausdruck war unlesbar. Langsam legte er sein Handy mit dem Display nach unten auf den Tisch, stand auf und ging auf sie zu.
Lyras Herz hämmerte – nicht im rhythmischen Takt eines Roboters, sondern im hektischen, chaotischen Puls eines Mädchens, das kurz davor stand, die Kontrolle über die Geschichte zu verlieren.
„Wir müssen einen Termin vereinbaren, Lyra“, sagte er und blieb nur wenige Zentimeter vor ihrem Tisch stehen. Er atmete wieder in ihren persönlichen Raum hinein. Der Duft von Sandelholz traf sie wie ein physischer Schlag. „Bei mir. Heute Abend um sieben Uhr. Komm nicht zu spät.
Er drehte sich um und ging weg, bevor sie widersprechen konnte.
Lyra blickte auf ihr Handy hinunter. Vespers letzte Nachricht leuchtete noch immer auf dem Bildschirm.
Nutze den Hass. Es ist das ehrlichste Gefühl, das du hast.
Sie umklammerte das Handy so fest, dass ihre Finger schmerzten. Sie würde es nutzen, ganz sicher. Sie würde eine Geschichte schreiben, die die Welt erschüttern würde, selbst wenn sie dafür durch Feuer gehen müsste.
Doch als sie Kaelen durch die Türen der Bibliothek verschwinden sah, schlich sich ein kleiner, beängstigender Gedanke in ihren Kopf.
Was, wenn der Hass nicht das Einzige ist, was ehrlich ist?