Kapitel 7

1017 Worte
Der Morgen, der über der Oakhaven Academy anbrach, war viel zu hell für das Chaos, das Lyra in ihrem Inneren verspürte. Seit der Enthüllung im Medienlabor war der Schlaf ihr fremd geworden. Sie hatte die Nacht damit verbracht, auf ihr Handy zu starren und durch monatelange Nachrichten von *Vesper* zu scrollen – dem Mann, der ihre Seele auseinandergenommen hatte –, nur um das Profilfoto anzusehen, das sie dem Kontakt schließlich zugewiesen hatte: Kaelen Thorne. Als sie die Honors Lounge betrat, fühlte sich die Atmosphäre anders an. Die Maske der „Eiskönigin“ saß wieder an ihrem Platz, doch sie fühlte sich schwer an, wie nasser Zement, der auf ihrer Haut trocknete. Kaelen war bereits da und saß in ihrer üblichen Ecke. Er schaute nicht auf sein Handy. Er schaute zur Tür und wartete. Als sich ihre Blicke trafen, gab es kein Grinsen, keinen abfälligen Kommentar über ihre „Roboter“-Programmierung. Es gab nur eine erschreckende, unverfälschte Erkenntnis. „Lyra“, sagte er, seine Stimme so leise, dass die Sophomores in der Nähe nicht aufblickten. „Kaelen“, antwortete sie und ließ sich auf den Stuhl ihm gegenüber gleiten. Die Stille zwischen ihnen war nicht der Kalte Krieg, der sie drei Jahre lang gewesen war. Es war ein geteiltes Geheimnis, ein Summen wie von Hochspannungsleitungen, das die Luft selbst zum Vibrieren brachte. „Ich habe die Überarbeitung von Kapitel 6 nicht fertiggestellt“, sagte Kaelen, während seine Finger unwillkürlich zu seiner Tasche zuckten. „Als dein Lektor, meine ich. Als Vesper.“ „Ich glaube, wir sind über den Rotstift hinaus, meinst du nicht?“, fragte Lyra mit zitternder Stimme. „Du weißt alles. Du weißt, dass ich versage. Du weißt, dass ich diese fünfzigtausend Dollar dringend brauche.“ Kaelen beugte sich vor, seine blauen Augen suchten die ihren. „Und du weißt, dass ich ein Betrüger bin. Du weißt, dass ich Gedichte in einem Haus schreibe, das nur auf Gewinnmargen aus ist. Wir spielen beide eine Rolle, Lyra. Aber die Worte auf dem Bildschirm … die waren echt.“ „Waren sie das?“, fragte Lyra herausfordernd, während ihre Abwehrmechanismen hochfuhren. „Oder war das nur Teil der ‚Übung‘? Du hast mir gesagt, ich solle die Person, die ich am meisten hasse, als Muse nutzen. Du hast mich dazu gedrängt, für einen Helden zu bluten, der du warst. War das für die Geschichte oder war das für dein eigenes Ego?“ Kaelen zuckte zusammen, als hätte sie ihn geschlagen. „Am Anfang? Vielleicht. Aber dann hast du angefangen, Dinge zu schreiben, die ich niemandem erzählt habe. Du hast mich gesehen, Lyra. Bevor du meinen Namen kanntest, hast du die Teile von mir gesehen, die ich begraben hatte. Das kannst du nicht einfach wegredigieren.“ Bevor Lyra antworten konnte, fiel ein Schatten über den Tisch. „Vance. Thorne. In mein Büro. Sofort.“ Es war Coach Miller. Sein Gesichtsausdruck war nicht seine übliche strenge Maske; er war grimmig. Als sie auf den Verwaltungsflügel zugingen, streifte Kaelens Hand Lyras. Diesmal war es kein Zufall. Seine Finger hielten ihre für einen flüchtigen Augenblick fest, ein stilles Versprechen der Verbundenheit, bevor sich die Bürotüren öffneten. Dekan Sterling stand dort und hielt ein ausgedrucktes Blatt Papier in der Hand. Lyras Herz sank. Sie kannte diesen Blick. Es war derselbe Blick, den er gehabt hatte, als er ihr Stipendium entzogen hatte. „Wir haben heute Morgen einen weiteren anonymen Hinweis erhalten“, sagte der Dekan, seine Stimme klang wie ein Hammer. „Es scheint, als wäre das ‚Legacy-Projekt‘ nicht das Einzige, woran ihr beide gemeinsam gearbeitet habt.“ Er schob das Papier über den Schreibtisch. Es war ein Screenshot von The Nexus. Genauer gesagt war es ein Protokoll ihrer letzten Unterhaltung – jener, in der die Namen Lyra und Kaelen endlich gefallen waren. „Oakhaven hat strenge Regeln bezüglich des digitalen Verhaltens und ‚unbefugter beruflicher Unternehmungen‘ während der akademischen Bewährungszeit“, fuhr Sterling fort. „Aber was noch wichtiger ist … Lyra, dieser Hinweis deutet darauf hin, dass deine ‚Romantikautorin‘-Persönlichkeit private Schülerakten und ‚persönliche Beobachtungen‘ von Mitschülern für kommerzielle Zwecke genutzt hat.“ Lyra fühlte, wie sich der Raum drehte. Die „Heldin“ in ihrem Buch – die, die Kaelen ihr geholfen hatte zu gestalten – basierte auf ihrem eigenen Leben. Aber die „Bösewichtin“? Sie hatte ihre Beobachtungen der sozialen Hierarchie an der Schule genutzt, um das Drama anzuheizen. „Ich habe keine privaten Unterlagen verwendet“, flüsterte Lyra. „Der Hinweis besagt etwas anderes“, entgegnete Sterling. „Und bis wir die Untersuchung abgeschlossen haben, sind Sie beide vom Legacy-Projekt suspendiert. Was bedeutet, Lyra … dass Ihre Chancen auf eine Anfechtung der Studiengebühren praktisch gleich null sind.“ Benommen wurden sie aus dem Büro geführt. Im Flur wandte sich Lyra an Kaelen, die Augen tränenfeucht. „Du hast gesagt, du hättest den ersten Hinweis nicht geschickt. Du hast gesagt, du hättest versucht, mich zu beschützen. Aber das hier? Wer wusste noch davon, Kaelen? Wer sonst könnte diese Protokolle gesehen haben?“ Kaelen starrte auf die Tür des Dekans, sein Kiefer war zu einer harten Linie gepresst. „Die Protokolle sind verschlüsselt, Lyra. Nur zwei Personen haben Zugang zu diesem Chatraum.“ „Vesper und Nova“, hauchte sie. „Nein“, sagte Kaelen, wandte sich ihr zu, seine Augen kalt vor einer neuen Art von Wut. „Der Redakteur und der Autor. Aber auf diesen Plattformen ist immer eine dritte Person im Raum. Der Plattformadministrator.“ Lyras Gedanken rasten. Ihre „beste Freundin“ in Oakhaven, die ihr immer bei technischen Problemen half, arbeitete als Praktikantin bei InkHeart Digital. Der Morgen nach der Enthüllung war kein Neuanfang. Es war eine Kriegserklärung. Und zum ersten Mal standen Lyra und Kaelen nicht auf gegnerischen Seiten. „Wir müssen herausfinden, wer die Feder in der Hand hält“, sagte Kaelen, griff nach ihrer Hand und ließ sie diesmal nicht los. „Denn sie versuchen, unser Ende zu schreiben. Und mir gefällt ihr Entwurf nicht.“
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