„Ich verliere nicht die Kontrolle.“ Sein Kiefer spannte sich an, doch seine Hand zitterte leicht dort, wo sie ihren Hinterkopf stützte. „Sie sollte nicht so aussehen. Sie ist kalt.“
Merricks Augen wurden weicher, selbst während er weiterarbeitete – seinen Atem beruhigte und die anderen durch die Bindung erdete.
„Wir bekommen sie wieder warm. Lyon, kannst du ihre Magie stabilisieren?“
Lyon atmete zittrig aus, Schweißperlen bildeten sich an seiner Schläfe.
„Ich kann es versuchen. Sie … wehrt sich gegen mich. Instinktiv. Ihre Magie hat sich abgeschottet – als würde sie sich vor irgendetwas schützen.“
Pagan zog sie näher an seine Brust und schlang seinen Körper um ihren. Seine Wärme ging auf sie über, verzweifelt und beschützend.
„Dann halten wir sie sicher, bis sie aufwacht.“
Merrick riss sein Oberhemd aus und legte es über ihre Beine. Seine Hände strichen über ihre Stirn und suchten nach Fieber, nach Schweiß – nach allem, was ihnen mehr verraten könnte als die Magie.
„Ihre Vitalwerte stabilisieren sich“, sagte er leise, obwohl das Zittern in seiner Stimme seine Fassung verriet.
Lyons Magie flackerte erneut und glomm schwach entlang ihrer Hände.
„Sie reagiert auf Wärme“, murmelte er mit leiser, hoffnungsvoller Stimme. „Die Bindung hilft … glaube ich.“
„Gut“, knurrte Pagan. Seine Lippen streiften ihre Schläfe, als könnte er sie allein durch diese Berührung zurückholen.
Merrick nickte einmal entschlossen.
„Ich schicke nach der Heilerin.“
Lyons Hand schwebte über ihrer Brust und spürte den schwachen Rhythmus ihres magischen Pulses unter ihrer Haut.
„Etwas hat nach ihr gegriffen“, sagte er erneut, diesmal leiser, als würde er es sich selbst eingestehen. „Etwas Mächtiges – und etwas, das weiß, was sie ist.“
Pagans Gesicht verhärtete sich, jede Spur von Wärme verschwand daraus.
„Dann hat es gerade den Krieg erklärt.“
Der Wind strich durch die Bäume und ließ die Blätter um sie herum rascheln.
Charise lag zwischen ihnen – Pagans Wärme an ihrem Rücken, Lyons Magie schwach an ihrer Brust leuchtend, Merricks ruhige Hand, die sie beide durch die Bindung verankerte.
Die drei Alphas blieben dicht bei ihr, regungslos, jeder auf seine Weise mit ihr verbunden und bereit, sie vor der unsichtbaren Macht zu schützen, die sie getroffen hatte.
Ihr Atem wurde gleichmäßiger.
Langsam.
Flach.
Aber gleichmäßig.
Merrick atmete schließlich aus, ruhig und bestimmt.
„Sie kämpft sich zurück.“
Lyons Blick blieb auf ihr Gesicht gerichtet, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern.
„Das tut sie immer.“
Pagan wandte den Blick nicht von ihr ab. Sein Daumen strich über ihren Kiefer, rau, aber ehrfürchtig.
„Dann wird sie nicht allein sein, wenn sie es tut.“
Der Mond stieg über die Baumwipfel, als die Heilerin eintraf.
Doch keiner der Alphas bewegte sich.
Nicht, bis Charise sich regte.
Sie trugen sie ins Haus.
Pagans Arme lockerten sich kein einziges Mal um sie – nicht einmal, als Merrick der Heilerin befahl, das Zimmer vorzubereiten.
Ihr Körper fühlte sich in seinem Griff viel zu leicht an. Ihr Kopf lag an seiner Brust, als hätte sie keine Knochen mehr.
Jeder Schritt die Treppe hinauf war bewusst und vorsichtig.
Seine Kehle war eng.
Sein Kiefer so fest angespannt, dass er schmerzte.
Als sie ihr Zimmer erreichten, hatte Lyon bereits die Balkontüren geöffnet und den Raum mit kühler Nachtluft geflutet.
Das silberne Licht des Mondes ergoss sich über alles – weich, geisterhaft.
Es fing den blassen Schimmer von Charises Haut ein, als Pagan sie behutsam auf das Bett legte.
„Sie reagiert immer noch nicht“, murmelte Lyon mit heiserer Stimme.
Er stand an ihrer Seite, seine Augen glühten noch schwach von den Resten der Magie, die er benutzt hatte, um sie zu stabilisieren.
„Ihr Puls ist stabil, aber ihre Energie – Merrick, es ist, als würde etwas sie jedes Mal wieder aussaugen, sobald wir versuchen, sie aufzufüllen.“
Merricks Ton war knapp und erzwungen ruhig.
„Dann hören wir auf, sie dazu zu zwingen. Lassen wir ihre Magie ihr Gleichgewicht selbst finden.“
Er wandte sich zur Heilerin.
„Tun Sie, was Sie können.“
Die Heilerin – eine schlanke Frau mit silbernem Haar und ruhigen, wissenden Augen – trat näher.
Ihre Handflächen schwebten wenige Zentimeter über Charises Brust. Goldene Lichtfäden strömten hervor und webten sich sanft durch die Luft.
Das Summen ihrer Kraft war schwach, aber beständig.
„Sie lebt“, sagte die Frau schließlich mit einer Stimme wie das Rascheln trockener Blätter. „Aber etwas hat sie durch ihre Magie getroffen. Es ist, als wäre ihr Geist auf eine andere Ebene gezogen und dann … abrupt zurückgerissen worden.“
Pagans Hand krallte sich in die Decke neben Charise, die Knöchel weiß vor Anspannung.
„Können Sie das beheben?“
Die Heilerin antwortete nicht sofort.
Ihre Augen schlossen sich, während sie eine Spur aus Licht über Charises Brustbein zog.
Ihr Gesichtsausdruck wurde sanfter.
„Ihre eigene Kraft versucht, den Schaden zu reparieren. Aber sie ist … roh. Gewaltsam.“
Lyon trat einen Schritt vor, seine Magie schwang instinktiv mit Charises mit.
„Lassen Sie mich helfen—“
„Nein.“
Die Heilerin unterbrach ihn und hob eine Hand, ohne ihn anzusehen.
„Ihre Magie ist ihrer zu ähnlich. Sie würden die Kollision nur verschlimmern.“
Lyon erstarrte mitten in der Bewegung. Seine Brust hob sich scharf.
Seine Hände zitterten einmal, bevor er sie hilflos sinken ließ.
Pagan fluchte leise und wandte sich ab. Er ging einmal im Zimmer auf und ab, bevor er sich am Bettpfosten festhielt, um sich zu sammeln.
Sein Wolf war zu nah an der Oberfläche.
Er spürte, wie er kratzte und sich wand.
Verzweifelt darauf bedacht, etwas zu tun.
„Sie ist schon viel zu lange bewusstlos“, murmelte er mit tiefer, rauer Stimme. „Was, wenn sie nicht—“
„Wird sie.“
Merricks Ton durchschnitt die Spannung.
Hart.
Sicher.
Er setzte sich auf die Bettkante neben sie, seine Fassung hing nur noch an einem seidenen Faden.
„Charise ergibt sich nicht. Niemandem. Nichts.“
Lyons Hand schwebte erneut über ihrer.
Er konnte der Anziehung nicht widerstehen.
Er berührte ihre Haut nicht – nur den Raum darüber, dort, wo ihre Wärme hätte sein sollen.
„Sie ist kalt“, flüsterte er. Seine Worte zitterten. „Sie sollte nicht kalt sein.“
Das Licht der Heilerin flackerte.
Stockte.
Dann zog sie mit einem leisen Ausatmen ihre Hände zurück. Schweiß glänzte an ihrem Haaransatz.
„Mehr kann ich nicht tun. Ihr Körper wird sich erholen, aber ihre Magie … das liegt bei ihr. Was auch immer sie gesehen hat, hat ihr etwas genommen. Daran kann ich nichts ändern.“
Pagans Atem stockte – nur einmal.
Doch das genügte, um die Stille zu zerbrechen.
Er ließ sich neben dem Bett auf ein Knie sinken und griff nach Charises Hand.
Sein Daumen strich über ihr Handgelenk, wo der schwache Schimmer ihres Bindungszeichens noch immer leuchtete.
„Dann halte ich sie hier“, sagte er leise mit rauer Stimme. „Bis sie beschließt zurückzukommen.“
Merrick beugte sich vor, die Ellbogen auf die Knie gestützt, und starrte ihr Gesicht an, als wollte er sich jede Einzelheit einprägen.
„Wir bleiben“, sagte er schlicht.
Lyon musste gar nicht antworten.
Er hatte bereits einen Stuhl an das Bett gezogen.
Seine Haltung war angespannt.
Seine Augen verließen sie keine Sekunde.
Die Heilerin sammelte schweigend ihre Sachen ein, neigte einmal den Kopf und verließ das Zimmer.
Das leise Klicken der Tür schloss die vier im Raum ein.
Erneut senkte sich Stille über sie.
Dicht.
Elektrisch.
Beschwert von Angst.
Das einzige Geräusch war das sanfte Heben und Senken von Charises Brust.
Pagans Stimme erklang tief und fast nur für sich selbst:
„Sie kämpft gegen etwas, das wir nicht sehen können.“