Kapitel 112

1252 Worte
Charises Augenlider flatterten, die Welt um sie herum war ein verschwommenes Gemisch aus gedämpften Formen und wechselndem Licht. Ihr Körper fühlte sich schwer an, als würde das Gewicht der Vision noch immer auf ihr lasten, und jeder Atemzug brachte ein dumpfes Ziehen mit sich. Ihre Finger zuckten auf der weichen Matratze unter ihr und testeten vorsichtig, ob sie sich bewegen konnte. Ihre Glieder gehorchten nur träge. Die Muskeln waren steif von Anspannung und Erschöpfung. Pagans Präsenz summte in ihrer Nähe, tief und wild, doch durch die Bindung, die ihn an sie kettete, gedämpft. Sie konnte Lyon hinter sich spüren, beständig, Wärme und stille Geduld ausstrahlend. Merrick hockte an ihrer Seite. Still. Kontrolliert. Doch die Spannung in seiner Haltung verriet seine Sorge. Langsam öffneten sich ihre Lider. Ihre verschwommenen grünlichen Augen nahmen Schatten und das sanfte Licht wahr, das durch die Vorhänge fiel. Der Raum fühlte sich fern an. Fremd. Doch das schwache Pulsieren der Bindung erinnerte sie daran, dass sie nicht allein war. Ihr Kopf neigte sich leicht, während sie versuchte, ihn anzuheben. Dabei bemerkte sie, dass sie auf dem Rücken lag, in weiche Laken gehüllt, die sich um sie verwickelt hatten. Eine sanfte Hand strich über ihren Arm – Merricks Hand, ruhig und erdend. Sie zuckte leicht zusammen, zunächst erschrocken über den sanften Druck. Lyons Wärme drückte gegen ihren Rücken. Erdend. Sicher. Sie konnte Pagans Nähe spüren. Seine Energie war angespannt, beschützend, wie ein Raubtier, das sich um sie geschlungen hatte und darauf wartete sicherzugehen, dass sie nicht erneut fiel. Ihr Atem blieb flach. Der Nebel in ihrem Kopf machte jeden Gedanken träge. Jede Bewegung wurde zur Herausforderung. Ihre Finger krümmten sich. Dann streckten sie sich wieder. Dann zuckten sie erneut, als müssten sie erst lernen, sich selbst zu bewegen. Sie schloss kurz die Augen und ließ das Pulsieren der Bindung durch sich hindurchströmen. Die Wärme. Die Präsenz der drei. Sie hielten sie im Raum verankert. Sie bewegte sich leicht. Die erste wirkliche Bewegung. Sofort verzog sie das Gesicht, als die Last der Erschöpfung und der verbliebenen Magie auf sie drückte. Ein leises Stöhnen entwich ihren Lippen. Mehr aus Überraschung über ihre eigene Schwäche als aus Schmerz. Die Alphas murmelten leise. Ihre Stimmen waren vorsichtig. Lockend. Ohne sich aufzudrängen. Pagans Stimme grollte. Nah genug, dass sie die Schwingung durch die Bindung spüren konnte. „Charise … du bist in Ordnung“, sagte er vorsichtig und beherrscht. „Atme einfach.“ Lyons Hand zog langsame Kreise über ihre Schulter und gab ihr weiteren Halt. „Du bist in Sicherheit. Lass dir Zeit“, murmelte er. Jedes Wort bewusst. Ungehetzt. Merricks Finger strichen leicht über ihre und gaben ihr Halt. „Wir sind hier“, sagte er mit ruhiger, präziser Stimme. „Nichts drängt dich.“ Ihr Kopf sank leicht zur Seite, während sie flach einatmete. Sie verarbeitete den Raum. Die Bindungen. Die Wärme, die sie von allen Seiten umgab. Ihre Lippen öffneten sich. Doch noch formten sich keine Worte. Ihre Stimme fühlte sich schwer an. Fern. Als käme sie von weit weg. Sie erlaubte sich zuerst, die Verbindung zu spüren. Das Pulsieren ihrer Gegenwart. Die Sicherheit, die sie daraus zog. Erst danach dachte sie an irgendetwas anderes. Sie atmete zitternd aus. Kleine Beben liefen durch ihren Körper. Und sie erlaubte sich einfach, in diesem Moment zu existieren. Getragen von ihrer Gegenwart. Verbunden. Lebendig. Charises Finger zuckten erneut und krümmten sich leicht, als würden sie die Grenzen ihres eigenen Körpers testen. Sie versuchte, sich zu bewegen. Sich aufzurichten. Doch ein scharfer Zug der Bindung ließ sie innehalten. Sie war nicht allein. Sie spürte, wie die Präsenz der Alphas sich um sie schloss wie ein lebendiger Schild. Jeder Muskel ihrer Körper war angespannt. Bereit zum Handeln. „Charise …“ Pagans tiefes Knurren rollte durch die Bindung und vibrierte entlang ihrer Wirbelsäule. „Bleib liegen. Versuch nicht—“ „Ich kann mich bewegen“, murmelte sie heiser. Kaum mehr als ein Flüstern. Ihr Körper schmerzte vor Erschöpfung. „Du glaubst doch nicht, dass ich dich nach so etwas aufstehen lasse?“ Lyons ruhiger Ton trug eine scharfe Kante unter seiner Wärme. Seine Hand schwebte nahe ihrer Schulter, bereit, sie aufzufangen, falls sie schwankte. Merricks Finger schlossen sich kurz fester um ihre. Ein Anker. „Du wirst noch nirgendwo hingehen“, sagte er. Präzise. Fast klinisch. Doch die Spannung in seiner Stimme verriet seine Sorge. Sie schnaubte leise durch die Nase. Frustriert. „Mir geht es gut“, beharrte sie und verzog das Gesicht, als sie erneut versuchte, sich zu bewegen. Die Reaktionen der Alphas kamen augenblicklich. Gleichzeitig. Pagan spannte sich an. Lyon rückte näher. Merricks Griff wurde fester. Ihre Energie drückte gegen sie. Verbunden. Beschützend. Fast erdrückend in ihrer Intensität. Charises Brust hob und senkte sich ungleichmäßig unter ihrer wachsamen Aufmerksamkeit. Dann bewegte sich Pagan. Bewusst. Langsam. Er glitt neben sie aufs Bett und legte sich hinter sie. Sein Arm schlang sich um ihre Taille und zog sie an die Wärme seiner Brust. Sein Körper war warm. Fest. Erdend. Auf eine Weise, die die Kälte der Vision und die Schwere der Nacht allmählich verblassen ließ. Sie ließ sich leicht gegen ihn sinken. Erlaubte der Wärme, in ihre ausgekühlte Haut einzudringen. Spürte, wie sich ihre Muskeln unter dem Druck seiner Nähe entspannten. Ihr Kopf neigte sich zurück und streifte seine Schulter. Ein leises, genervtes Stöhnen entwich ihr. „Du spielst nicht fair“, murmelte sie. Ihre Stimme war noch immer leise. Erschöpft. Ihre halb geschlossenen Augen wanderten zu ihm. Die Spannung löste sich gerade genug, damit die Alphas erkennen konnten, dass sie noch immer sie selbst war. Noch immer scharfzüngig. Noch immer trotzig. Selbst in ihrem zerbrechlichen Zustand. „Fair?“ Pagans Stimme war ein Flüstern an ihrem Ohr. Tief. Dunkel. Besitzergreifend. „Fair interessiert mich nicht, kleiner Sturm. Mich interessiert nur, dich zu beschützen.“ Ihre Lippen verzogen sich zu einem kaum sichtbaren Grinsen. Sie hatte nicht einmal die Kraft, es vollständig aufrechtzuerhalten. „Typisch“, murmelte sie. Ihre Finger strichen leicht über seinen Arm. Sie zog Kraft aus seiner Wärme. „Was … was ist passiert?“, flüsterte sie schließlich heiser. Die Frage zog sich mühsam hervor, während ihr Verstand versuchte, die Ränder von Erinnerung und Vision zu greifen. Merricks Stimme war ruhig. Lockend. Beständig. „Wir hatten gehofft, dass du uns das sagen kannst“, sagte er. Seine blassgrauen Augen hielten die ihren fest. „Wir müssen wissen, was du gesehen hast.“ Charise runzelte leicht die Stirn. Ihre halb geschlossenen Augen waren schwer vor Müdigkeit. Ihr Kopf ruhte an Pagans Brust, während sie dennoch versuchte, sich Merrick stärker zuzuwenden. „Ich … ich erinnere mich an das Abendessen mit euch … ans Aufräumen … ans Gehen …“ Ihre Stimme stockte. Verlief sich. Die Erinnerung wurde verschwommen und verdrehte sich zu Dunkelheit. Ihr Wolf gab ein tiefes Lauten von sich. Knurrte sie an. Als würde er sie warnen. Die Erinnerung kam zackig zurück. Plötzlich. Brutal. „Es war … Darius“, flüsterte sie. Ihre Augen weiteten sich, als sie Merricks Blick fanden. Sie spürte, wie das Gewicht seines Blickes dunkler wurde. Schärfer. Wie Stahl. „Er plant etwas …“, fuhr Charise fort. Ihre Stimme war leise. Angestrengt. Doch die Warnung war eindeutig. „Einen Angriff … die Rogues … sie stehen auf seiner Seite.“ Hinter ihr knurrte Pagan. Tief. Wild. Die Hitze seines Körpers strahlte in greifbaren Wellen von ihm aus. Jeder Muskel spannte sich an, während die Bindung von seiner Wut und seinem Besitzanspruch pulsierte.
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