„Konntest du nicht schlafen?“, murmelte er, seine Stimme zugleich sanft und rau.
Charise schüttelte leicht den Kopf, die Augen noch immer auf den Himmel gerichtet.
„Zu viel Lärm hier drin.“ Sie tippte sich mit zwei Fingern auf die Brust. „Der Mond macht alles lauter.“
Lyons Hände glitten ihre Arme hinunter und legten sich dann um ihre Taille, zogen sie zurück an die feste Linie seines Körpers. Er legte sein Kinn leicht an ihre Schläfe, sein Blick folgte ihrem hinauf zum Mond.
„Ich weiß“, sagte er leise. „Er zieht auch an mir. Das hat er schon immer getan.“
Die Bindung zwischen ihnen war nicht wie die mit Pagan – sie sprühte nicht, sie brannte nicht. Sie schimmerte. Sie schwang mit. Ihre gemeinsame Affinität zur Magie – derselbe silberne Puls, der sich durch das Mondlicht zog – summte wie ein Akkord, der perfekt gestimmt angeschlagen wurde.
Charise atmete langsam aus und lehnte sich gegen ihn zurück. Seine Brust hob und senkte sich an ihrem Rücken, langsam und gleichmäßig, und sie konnte spüren, wie sein Herzschlag sich ihrem anpasste. Der Wind fing ihr Haar ein und hob einige Strähnen an, und Lyon strich sie sanft beiseite, wobei seine Finger die Kurve ihres Halses streiften.
Sie neigte den Kopf leicht zu ihm, die Augen halb geschlossen.
„Was machst du hier?“, fragte sie leise, doch ihre Worte hatten kein Gewicht. „Ich dachte, du wärst heute Abend in der Klinik.“
„War ich auch.“
Lange sagte er nichts.
Dann einfach:
„Aber du sahst aus, als würdest du jemanden brauchen, der zu deinem Schweigen passt.“
Die Worte sanken tief in sie hinein.
Einfach.
Aber wahr.
Ihre Finger fanden seinen Unterarm und zeichneten die Linie seiner Muskeln unter dem Stoff seines Hemdes nach. Die Energie zwischen ihnen veränderte sich – nicht schärfer, nicht auf dieselbe Weise erhitzt wie bei Pagan, sondern tiefer. Die Art von Nähe, die ihr den Atem raubte, ohne etwas zu verlangen.
Das Mondlicht sammelte sich um sie und überzog ihre Haut mit Silber, ließ seine Augen wie geschmolzenes Grau erscheinen. Sein Blick glitt einmal zu ihren Lippen, zögerte und kehrte dann zu ihren Augen zurück.
Langsam drehte sie sich in seinen Armen um, ihre Brust streifte seine, während sich die Welt auf das schwache Summen ihrer Magie und das Flüstern der Nachtluft verengte. Ihre Hände ruhten an seinem Kragen, die Finger leicht in den Stoff gekrallt.
„Lyon …“, hauchte sie, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern.
Seine Antwort bestand darin, den letzten Abstand zwischen ihnen zu schließen – nicht grob, nicht besitzergreifend, einfach unvermeidlich.
Der Kuss war zunächst sanft.
Ehrfürchtig.
Ein gemeinsames Einatmen.
Ein Versprechen, das im Schweigen gegeben wurde.
Für einen Herzschlag verschwand die Welt – der Mond, die Nacht, die Mauern – bis nur noch das langsame Gleiten ihrer Lippen, die Wärme ihres Atems und das stetige Summen der gemeinsamen Energie blieb, die sich durch sie beide zog.
Als er sich zurückzog, ruhte seine Stirn gegen ihre.
„Du brennst hell“, flüsterte er mit tiefer, ehrfürchtiger Stimme. „Selbst dann, wenn du es nicht beabsichtigst.“
Sie blieben dort stehen, eingehüllt in Mondlicht und die stille Nähe des anderen, bis die Nacht schließlich in Richtung Schlaf verblasste – kein Feuer, keine Jagd, nur silberne Stille und zwei Herzen, die im Rhythmus unter dem Blick des Mondes schlugen.
Die Nacht summte um sie herum, die Luft weich vom Mondlicht. Lyons Arme lagen noch immer um sie, sein Atem warm an ihrem Hals, und ihr Schweigen war vertraut und erfüllt. Doch seit er sich neben sie gestellt hatte, regte sich etwas unter ihren Rippen – etwas Ungesagtes, Beharrliches.
Sie zögerte, bevor sie sprach, ihre Stimme leise, aber bestimmt.
„Kann ich dich etwas fragen?“
Lyon lehnte sich weit genug zurück, um sie ansehen zu können. Seine Brauen zogen sich leicht besorgt zusammen. Sein Ausdruck wurde weicher, während er ihr Gesicht musterte.
„Du kannst immer fragen.“
Charise biss sich auf die Innenseite der Wange und überlegte.
Dann drehte sie sich um, schloss ihre Finger um sein Handgelenk und zog sanft daran.
„Komm rein. Bitte.“
Ohne ein Wort folgte er ihr. Seine Schritte waren leise auf dem Boden. Die Vorhänge des Balkons bewegten sich im Wind, als sie zurück in ihr Zimmer traten, und das blasse Mondlicht floss wie Wasser über das Bett.
Sie setzte sich zuerst auf die Bettkante und zog die Knie leicht an. Er blieb einen Moment stehen, als wäre er unsicher, ob er sich setzen sollte, bis sie nach seiner Hand griff.
Als er sich neben sie setzte, gab die Matratze leicht unter seinem Gewicht nach, und ihre Schultern berührten sich.
„Ich weiß, warum ich Magie habe“, sagte sie schließlich mit ruhiger, wenn auch sanfter Stimme. „Meine Mutter war eine Hexe. Ich kenne meine Geschichte. Ich weiß, woher sie kommt.“
Sie hob den Blick zu ihm, ihre Augen fingen das Mondlicht ein.
„Aber du …“
Sie brach ab.
„Du hast sie auch. Ich spüre es jedes Mal, wenn du in meiner Nähe bist. Und sie ist nicht wie meine – nicht genau. Was verbindet dich mit ihr?“
Lyon betrachtete sie lange. Sein Gesicht war ausdruckslos, hinter seinen hellen Augen tobte ein stiller Sturm aus Gedanken.
Dann lächelte er.
Nicht das geübte, makellose Lächeln, mit dem er andere bezauberte.
Etwas Kleineres.
Echteres.
Er hob eine Hand und legte sie an ihre Wange. Sein Daumen strich über ihren Wangenknochen. Die Berührung war vorsichtig, beinahe ehrfürchtig.
„Das ist eine lange Geschichte“, murmelte er.
„Lange Geschichten machen mir nichts aus“, sagte sie und schmiegte sich leicht in seine Hand. Ihre Stimme war jetzt weicher.
Er atmete langsam aus.
Während sein Daumen weiterhin in langsamen Kreisen über ihre Haut strich, begann sich Wärme um sie zu sammeln – nicht Hitze, nicht wirklich, sondern Energie.
Vertraut.
Lyons Magie.
Sie glitt über ihre Haut wie eine sanfte Strömung, sickerte durch ihre Poren und hüllte ihren Körper in eine silberne Wärme, die zu dem Mondlicht passte, das durch das Fenster fiel.
„Lyon?“, flüsterte sie und öffnete die Augen.
„Hab keine Angst“, murmelte er und senkte die Stirn, bis sie ihre fast berührte. „Atme einfach.“
Die Luft schien sich nach innen zu falten.
Licht kräuselte sich.
Die Welt veränderte sich.
Plötzlich war sie nicht mehr in ihrem Zimmer.
Die Luft roch nach Stein und Moos, schwer von Magie und uralter Erde. Die Ruinen umgaben sie – jene nahe dem Rand der Ländereien von Lunaris – doch sie waren vollständig, lebendig.
In der Ferne leuchteten Laternen mit sanftem Licht.
Wölfe und Hexen standen in stillen Kreisen beisammen und murmelten Gebete zu dem blutroten Mond über ihnen.
Und neben ihr – noch immer ihre Hand haltend – stand Lyon.
Ihr Atem stockte.
„Das … das ist—“
„Mein Anfang“, sagte er leise.
Sie drehte sich zu ihm um und beobachtete, wie sein jüngeres Ich in der Mitte der Ruinen erschien – eine Frau lag auf dem Boden, blass und zitternd, ein Neugeborenes in ihren Armen.
Die rote Finsternis färbte den Himmel, der Mond war halb vom Schatten verschlungen.
Die Wölfe um sie herum flüsterten Gebete, die wie Angst klangen.