Kapitel 90

1216 Worte
Merricks Stimme klang kälter. „Vorsicht, Toren. Die Grenzen deines Rudels fallen immer noch unter unseren Schutz.“ Toren lehnte sich vor, die Lippen gekräuselt. „Schutz? Oder Kontrolle?“ Bevor Merrick antworten konnte, bewegte sich Lyon. Seine Hand zuckte einmal an seiner Seite, und die Luft in der Halle erzitterte. Ein schwacher Puls aus blau-weißem Licht flackerte um seine Fingerspitzen — Magie, roh und aufsteigend. Pagan fing ihn ab, bevor sie ausbrechen konnte. „Lyon“, murmelte er tief, seine Hand umklammerte dessen Arm. Die Adern in seinem Unterarm leuchteten schwach dort, wo die Magie hinauswollte. Lyons Kiefer spannte sich an, seine Stimme dunkel. „Sie spucken auf ihren Namen, auf unseren —“ „Und wir geben ihnen nicht die Genugtuung“, schnappte Merrick, schärfer, als er beabsichtigt hatte. Charise drehte sich um, blickte zwischen ihnen hin und her — die Augen verengt, die Lippen schmal zusammengepresst. Das Flackern von Sorge unter ihrer Ruhe traf Merrick direkt in die Brust. Sie trat nicht vor, um sie zu beruhigen, sie musste es nicht. Ihre bloße Gegenwart reichte aus, um den schlimmsten Sturm zu besänftigen. Als der Lärm abebbte, wandte Merrick sich wieder der Empore zu. „Ihr wollt uns Arroganz vorwerfen, bitte. Aber verwechselt unser Schweigen nicht mit Schwäche. Die Lunaris antworten nicht auf Angst.“ „Worauf antwortet ihr dann?“, verlangte eine andere Stimme von rechts zu wissen — Alpha Edda vom Hollow Vale, eine große Frau mit bernsteinfarbenen Augen, die vor Skepsis brannten. „Ihr behauptet, dieser Hybrid gehöre zu euch — was sollen wir glauben? Wurde euer Band aus politischen Gründen geschlossen? Aus Mitleid?“ Merricks Atem stockte einmal hart in seiner Brust. Charises Duft veränderte sich — Hitze, gehärteter Stahl. Er drehte sich leicht zu ihr, nur um festzustellen, dass sie bereits einen Schritt nach vorn gemacht hatte. Das Licht fing das Mal an ihrem Handgelenk ein, das schwach glänzte, wo das Band unter ihrer Haut schimmerte. Ihre Stimme war fest. „Wenn ihr fertig seid, über mich zu diskutieren, als stünde ich nicht hier —“ Die Kammer wurde still. Sogar das leise Rascheln von Stoff und das Verrücken von Stühlen hörte auf. Sie blickte zwischen ihnen hin und her, ihr Wolf streifte die Oberfläche seines Geistes, ein Puls geteilter Stärke, der ihn beruhigte, während er darum kämpfte, seinen Gesichtsausdruck neutral zu halten. „Darf ich jetzt sprechen?“, fragte sie. Die Worte hingen in der Luft — gemessen, ruhig, aber durchzogen von etwas, das den Raum um sie herum summen ließ. Merrick spürte es durch das Band — einen Funken von Trotz, Zielstrebigkeit, Macht, die weder Hexe noch Wolf war, sondern etwas Tieferes. Varrics dünnes Lächeln geriet ins Wanken. Und in dieser Pause wusste Merrick, dass jeder Alpha im Raum es ebenfalls gespürt hatte. Die Ratskammer war still geworden, das Gewicht ihrer Frage hing in der Luft wie der Moment, bevor ein Sturm losbrach. Für einen Herzschlag bewegte sich niemand. Das Licht der hohen Fenster fing die Kanten von Charises Profil ein — scharf und still, ihr Ausdruck unergründlich. Sie wartete nicht auf Erlaubnis. Sie brauchte sie nicht. Als sie einen Schritt nach vorn trat, war die Veränderung fast unmerklich, doch jeder Alpha in der Kammer spürte es — den Puls von Macht, der unter ihrer Ruhe pulsierte. Der Duft ihrer Magie — Erde und Sturm — vermischte sich mit dem schwachen silbernen Summen des neuen Bandes zwischen ihnen und erdete Merrick, wo er stand. „Ihr habt Jahre unter dem Schutz der Lunaris verbracht“, begann sie, die Stimme klar und trug mühelos durch den gewölbten Raum. „In manchen Fällen Jahrzehnte. Jedes Territorium, das in diesem Raum vertreten ist, hat von diesem Schutz profitiert — von ihnen.“ Ihr Kinn hob sich leicht, die Augen fest auf die Ratsempore gerichtet. „Die drei Männer, die ihr infrage stellt, haben an eurer Seite gekämpft, für euch geblutet, mit euch geblutet. Sie haben an euren Grenzen und an euren Kehlen Wache gestanden, wenn es darauf ankam. Sie haben es ohne Klage getan, ohne Erwartung einer Belohnung und ohne Zögern.“ Ein schwaches Raunen ging durch die Halle — einige Alphas rutschten auf ihren Sitzen, Unbehagen flackerte über Gesichter, die es nicht gewohnt waren, in so klaren, bewussten Tönen angesprochen zu werden. Charise zuckte nicht zusammen. „Und jetzt“, fuhr sie fort, leiser, aber dadurch irgendwie schärfer, „weil ihr nicht versteht, was ich bin, weil ihr fürchtet, was ihr nicht definieren könnt, entehrt ihr sie.“ Die Stille, die folgte, war d**k genug, um Gewicht zu tragen. „Das ist Feigheit“, sagte sie schlicht. „Zu fürchten, was man nicht versteht — und wegen dieser Angst nach der Hand zu schlagen, die einen nährt. Ihr könnt mich Hybrid nennen. Hexen-Wolf. Missgeburt. Das ändert nichts daran, was sie für euch getan haben. Was sie immer noch für euch tun.“ Ihre Augen wanderten durch den Raum und blieben kurz bei jedem Alpha hängen. Merrick konnte ihren Herzschlag spüren — ruhig, unbeirrt —, der durch das Band wie ein Trommelschlag unter seiner Haut pulsierte. „Jeder Alpha in diesem Raum hat einen Eid geschworen, sein Rudel zu schützen“, sagte sie, „genau wie die Lunaris geschworen haben, euch zu schützen. Wenn ihr ihr Urteilsvermögen infrage stellt, ihre Strategie — bitte. Das ist Politik. Aber ihre Loyalität wegen mir infrage zu stellen?“ Ihre Stimme wurde tiefer, ein Hauch ihres Wolfs drang hindurch. „Das ist keine Stärke. Das ist Angst, die sich als Rechtschaffenheit verkleidet.“ Eine Unruhe ging durch die Halle. Sogar Varrics Haltung veränderte sich — nur leicht, als hätte sie es geschafft, den alten Wolf tatsächlich zum Zuhören zu zwingen. Charise ließ die Pause wirken. Die Stille war keine Unsicherheit — es war Kontrolle. „Ich bin nicht hier, um euer Vertrauen zu erbitten“, sagte sie nun leiser, doch die Worte trafen dadurch härter. „Ich erwarte es nicht. Ich habe es nicht verdient. Und ich brauche es nicht. Alles, worum ich bitte, ist, dass ihr euch daran erinnert, wer zwischen euch und den Abtrünnigen steht, die an euren Grenzen vorbeikriechen. Die Lunaris beschützen euch — sogar jetzt —, trotz eures Zweifels. Trotz alledem.“ Sie trat einen Schritt näher an die Empore. „Ihr müsst mir nicht vertrauen. Aber ihr solltet ihnen verdammt noch mal vertrauen. Denn sie haben euch nie einen Grund gegeben, es nicht zu tun.“ Ihre Stimme trug die letzte Zeile klar durch die Halle, hallte gegen Stein und Banner, bis selbst diejenigen, die noch vor wenigen Momenten „Hexe“ gemurmelt hatten, ihrem Blick nicht mehr standhalten konnten. Merricks Kehle war trocken geworden. Er konnte Lyons Zurückhaltung auf einer Seite summen spüren — leise, fassungsloser Stolz. Pagan dagegen strahlte Hitze aus wie ein kaum eingedämmter Sturm, sein Blick fest auf sie gerichtet, als hätte er noch nie etwas Vergleichbares gesehen. Und Merrick — Gott stehe ihm bei — konnte vor dem Gewicht davon kaum atmen. Die Art, wie sie in die Höhle des Rates marschiert war und die Luft für sich beansprucht hatte. Die Art, wie ihre Macht nicht brüllte oder forderte, sondern einfach herrschte. Draven vom Frostmoor war der Erste, der sich bewegte — er neigte leicht den Kopf, eine Hand auf die Brust gedrückt.
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