Kapitel 65

1121 Worte
Er spürte sie, bevor er überhaupt realisierte, was es war. Ein Puls durch die Verbindung, sanft aber scharf, wie ein Faden aus Wärme, der tief in seiner Brust zog. Es war kein Schmerz. Es war nicht nötig. Es war… Emotion. Charise. Lyon erstarrte, seine Hand schloss sich fester um die Kante der Theke. Ihre Energie war jetzt stabil – nicht schwach wie noch vor Tagen – sondern lebendig, lebhaft, verflochten mit Flackern von Dingen, die sie zu vergraben versuchte. Sein Wolf grollte leise, reagierte, bevor er es aufhalten konnte. Sie denkt schon wieder, murmelte der Wolf, sein Ton irgendwo zwischen amüsiert und beschützend. Ist sie immer, antwortete Lyon stumm. Sie weiß nicht, wie man aufhört. Die Wärme schwoll erneut an – diesmal stärker. Ein Hauch von Verlegenheit zog sich hindurch, gefolgt von einer ironischen Art von Zuneigung, die nicht seine war. Lyon lachte fast lautlos. Was auch immer sie gedacht hatte, sie hatte erkannt, dass die Verbindung nicht so still war, wie sie gehofft hatte. Dann kam ihre Stimme – leise, nicht gesprochen, sondern durch diese schimmernde Verbindung geflüstert. Vielleicht sorge ich mich ein bisschen. Es traf ihn wie Sonnenlicht, das durch Wolken brach. Lyons Atem stockte, und er lehnte sich gegen die Theke, schloss die Augen. Der Mondstein an seinem Hals leuchtete kurz auf und hallte den Puls ihres Geständnisses wider. Es war nicht nur er, der es spürte – er wusste, dass Pagan und Merrick es ebenfalls gespürt hatten. Ein gemeinsamer Herzschlag, den sie teilten, verbunden mit ihr. Die Stimme seines Wolfs wurde tief. Unser Licht wird weicher. Lass sie. Lyon nickte einmal, die Worte waren nicht für jemand anderen bestimmt. „Immer.“ Er blickte zum Fenster – in Richtung ihres Zimmers – und für einen langen Moment stand er einfach da, spürte das Summen ihrer Energie in seinem Blut. Es stabilisierte ihn mehr, als er zugeben wollte. Er erinnerte sich, wie sie früher an diesem Tag ausgesehen hatte – wie sie auf dem Klinikboden saß, mit einem Welpen malte, Lachen in den Augen. Dieses Lächeln hatte ihn den ganzen Tag begleitet wie eine Wärme, die nicht verblassen wollte. Er konnte auch die anderen spüren. Pagans Energie heiß und ruhelos irgendwo draußen; Merricks gedämpfter, aber immer wachsam, ein stetiger gravitativer Zug am Rande von Lyons Bewusstsein. Drei Alphas. Eine Verbindung. Eine Frau, die ihre Welt irgendwie aus der Achse gekippt hatte. Er fuhr sich mit einer Hand durch die Haare und atmete aus. „Götter steh uns bei“, murmelte er leise, obwohl ein stilles Lächeln dahinter lag. Die Verbindung pulsierte noch einmal – diesmal schwach, aber bewusst. Als wollte sie Gute Nacht sagen. Lyon schaltete die Lichter der Klinik aus und ging hinaus, diese Wärme immer noch glühend in seiner Brust. Er brauchte sie nicht zu sehen, um zu wissen, dass sie sicher war. Er konnte sie spüren – jeden gleichmäßigen Atemzug, jedes Flackern ihrer Magie, jeden unausgesprochenen Gedanken. Und obwohl er es nicht laut zugeben würde – noch nicht – das Gefühl, dass sie da war, dass diese Verbindung ihn genauso hielt, wie er sie hielt… Das Anwesen war ruhig. Nachmittagslicht ergoss sich über die westliche Terrasse und färbte den Stein in Bernstein und Gold. Merrick lehnte an der eisernen Brüstung, ein Glas in der Hand, der Duft von altem Bourbon wehte durch die Brise. Unten summte der Hof leise vor Aktivität – Training, Patrouillenwechsel, der Rhythmus eines Rudels bei der Arbeit. Er hätte ein Teil davon sein sollen. War er aber nicht. Stattdessen stand er vor ihrem Zimmer, das Geräusch ihres Herzschlags leise hinter den Balkontüren. Sie ruhte jetzt, obwohl er bezweifelte, dass ihr Geist still war. Das war er selten. Er nahm einen langsamen Schluck, sein Kiefer spannte sich gegen das Brennen. Die Wärme des Getränks breitete sich in seiner Brust aus – aber es war nicht das, was er fühlte. Er fühlte sie. Die Verbindung pulsierte erneut – schwach, aber stetig, strich durch sein Bewusstsein wie ein Flüstern. Charises Energie hatte einen eigenen Rhythmus, silberdurchzogen und wild, weich an den Rändern, aber wild, wenn sie herausgefordert wurde. Jetzt jedoch war sie zart – ein Funke von Wärme, überlagert von Müdigkeit und etwas anderem, das sich wie ein Geständnis in seine Haut senkte. Merrick erstarrte. Es waren keine Worte, nicht wirklich. Nur ein Gedanke, der Form und Ton trug. Vielleicht sorge ich mich ein bisschen. Er atmete durch die Nase aus, schloss die Augen und ließ die Verbindung sich setzen. Der Wolf in ihm regte sich, sein Schweif zuckte einmal in stiller Anerkennung. Sie öffnet sich, sagte der Wolf, seine Stimme rauer als seine eigene. Du spürst es auch. „Tue ich.“ Merricks Stimme war leise. Er leugnete es nicht – nicht vor sich selbst, nicht vor dem Wolf. „Aber sie ist nicht bereit für das, was es bedeutet.“ Du auch nicht. Das brachte ihm einen trockenen, humorlosen Laut ein. „Vielleicht nicht.“ Er stellte das Glas auf die Brüstung, seine Finger schlossen sich um das kühle Metall, während er über das Land blickte. Die Aussicht war von hier aus klar – Pinien, die sich in die Ferne erstreckten, der See dahinter glitzerte wie geschmolzenes Glas unter der Nachmittagssonne. Normalerweise beruhigte ihn das. Aber jetzt erinnerte es ihn nur daran, wie nah er daran war, die Kontrolle zu verlieren. Er hatte sein Leben auf Beherrschung aufgebaut – darauf, der Verstand zu sein, wo andere Muskeln waren, der Stratege, während Pagan die Kraft und Lyon das Herz war. Aber Charise… sie durchschnitt seine Struktur, als wäre sie nichts. Ihre Trotzhaltung. Ihr Witz. Die Art, wie sie gegen drei Alphas standhielt, ohne mit der Wimper zu zucken. Die Art, wie ihre Magie seine Sinne streifte – unberechenbar und roh, dennoch vertraut. Und Götter, die Verbindung machte es schlimmer. Wenn sie lachte, spürte er es in seiner Brust. Wenn sie litt, verknotete es sich in seinem Bauch. Wenn sie weich wurde – wie gerade eben – war es ein langsames Auflösen, gegen das er keine Verteidigung hatte. Er ließ den Kopf leicht zurückkippen, die Augen halb geschlossen. Der Wind bewegte sich und trug ihren Duft schwach herüber – Silber, Wildrose und Regen. Sein Wolf knurrte leise. Du willst sie. Merricks Lippen verzogen sich, langsam und gefährlich. „Sie zu wollen ist nicht das Problem.“ Was dann? Er hielt inne, sein Blick wanderte zur Tür – zu ihr. „Sie verdient eine Wahl“, sagte er leise. „Nicht drei Alphas, die durch Instinkt gebunden sind.“ Der Wolf verstummte und verstand diese tiefere Wahrheit: Merricks Angst galt nicht dem Verlangen. Es ging darum, ihr die Freiheit zu nehmen, selbst unabsichtlich. Er drehte sich um, lehnte sich nun mit dem Rücken gegen die Brüstung und richtete den Blick auf die Balkontüren.
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