Kapitel 51

1410 Worte
Der Motor des SUVs summte gleichmäßig, während Merrick fuhr und Pagan neben ihm saß. Die Reifen knirschten über die schneebedeckte Straße. Vorne in der Fahrerkabine war es ruhig. Die einzigen Geräusche waren das leise Rattern der Federung und die entfernten Gespräche aus den anderen Fahrzeugen des Konvois. Hinter ihnen hatte Lyon Charise auf dem improvisierten Bett im Heck des SUVs gebettet, fest in Decken eingewickelt. Sie lag auf der Seite, den Kopf auf ein Kissen gebettet, während ihr Haar über ihre Schulter fiel. Das übergroße Hemd hing locker an ihr, ihre nackten Beine waren leicht angezogen – ein natürlicher Schutz ihrer Bescheidenheit. Selbst im Schlaf lag eine Spannung in ihrer Haltung. Fein. Aber unübersehbar. Als wäre ein Teil von ihr weiterhin wachsam. Merrick warf einen Blick in den Rückspiegel. Ihre Finger zuckten leicht und strichen über die Decke, als würde sie deren Wärme prüfen. Oder vielleicht sich selbst. Dann durchlief ihn ein Puls. Schwach. Beharrlich. Er wusste sofort, dass er von ihr kam. Das Band regte sich. Die silberne Strömung, die sie zusammengeführt und sie mit allen dreien verbunden hatte, spannte sich gerade genug an, um ihn selbst durch Metall und Glas des Fahrzeugs zu erreichen. „Sie ist unruhig“, murmelte Pagan neben ihm. Seine Stimme war tief. Sein Blick blieb auf die Straße gerichtet. Doch seine Pupillen waren tiefschwarz geweitet, während an ihren Rändern Gold schimmerte. Sein Kiefer spannte sich an. Unter seinen Worten lag ein kaum gebändigtes Knurren. „Sie versucht noch immer dagegen anzukämpfen.“ Merricks Hand strich über seine Brust und spürte erneut das Ziehen des Bandes. „Nein“, sagte er leise. Seine Stimme war sanft. Fast ehrfürchtig. „Sie gewöhnt sich nur daran. Mehr nicht.“ Ein leises Rascheln erklang hinter ihnen. Dann durchbrach eine ruhige Stimme die Stille. „Was passiert jetzt?“ Charises Tonfall war zerbrechlich. Von Zögern durchzogen. Merrick erstarrte mitten im Atemzug und wechselte einen Blick mit Pagan. Ihre Augen waren halb geöffnet. Silbergrün. Sie fingen das Licht der vorbeiziehenden Schneelandschaft ein. Verletzlichkeit flackerte darin auf. Ein kurzer Moment ungeschützter Ehrlichkeit, den Charise normalerweise niemandem zeigte. Merrick spürte, wie das Band sich enger zog. Es rief seine Instinkte hervor. Sie zu beruhigen. Ihr Sicherheit zu geben. Den Raum anzunehmen, den sie ihnen plötzlich geöffnet hatte. Charises Hand zuckte erneut und strich über die Decke auf ihren Schultern. Das leichte Zittern ihrer Finger ließ Merricks Brust eng werden. Sie war nicht nur erschöpft. Sie erlaubte sich selbst, an einem Ort zu existieren, an dem man sich um sie kümmern durfte. Wenn auch nur ein wenig. Wenn auch nur für diesen Augenblick. Lyons Anwesenheit an ihrer Seite – stets ruhig und erdend – ließ ihre Finger sich leicht auf seiner Brust zusammenziehen. Der Mondstein unter seinem Hemd erwärmte sich unter ihrer Handfläche. Und das Band pulsierte als Antwort. Ihre Stärke. Ihre Sturheit. Ihr Vertrauen. Alles vereint in einer fragilen, schmerzenden Verbindung. Merrick lehnte sich zurück und atmete langsam aus. „Wir gehen vorwärts“, murmelte er. Seine Stimme trug gleichermaßen Befehl und Trost in sich. Pagans Augen blitzten bei diesen Worten golden auf. Die Hitze seines Wolfs brodelte direkt unter der Oberfläche. Der Konvoi setzte seinen Weg nach Norden durch den Wald fort. Der Schnee fiel sanft gegen die Windschutzscheibe. Charises Atmung wurde gleichmäßiger. Das Band beruhigte sich. Doch der silberne Faden, der sie miteinander verband, pulsierte weiterhin beharrlich. Eine Erinnerung daran, dass sie ihnen gehörte. Und sie ihr. Selbst in ihrer Erschöpfung und Verletzlichkeit hatte ihre Stimme ihnen einen Faden gereicht. Und sie würden ihn nicht loslassen. Charises Augenlider flatterten auf. Schwer. Widerwillig. Der Nachgeschmack von Erschöpfung und verbliebenem Adrenalin lag noch an den Rändern ihrer Wahrnehmung. Sie blinzelte einmal. Dann noch einmal. Und zwang ihren Blick durch das dämmrige Innere des Konvois. Lyon saß dicht bei ihr. Seine Anwesenheit war ruhig, aber beruhigend. Seine hellen Augen beobachteten sie aufmerksam. Eine Hand ruhte in ihrer Nähe und schwebte knapp über ihrer eigenen, ohne sie zu berühren. Eine stille Anerkennung ihres Freiraums. Auf dem Vordersitz waren Pagans goldgrüne Augen scharf, gespannt und wachsam. Die Spannung in seinem Kiefer verriet das leise Grollen seines Wolfs unter der Oberfläche. Merricks ruhige, beständige Stimme kam von vorne. Knapp. Kontrolliert. „Wo ... sind wir?“ Ihre Stimme war rau. Kaum mehr als ein Flüstern. Vom Schlaf und den Nachwirkungen der Schmerzen gezeichnet. „Fast da“, murmelte Pagan. Tief. Ruhig. „Black Hallow liegt direkt vor uns.“ Merricks Stimme erklang von vorne. „Höchstens noch zwei Stunden. Du musst dich ausruhen.“ Sie verzog das Gesicht und zog die Decken enger um ihre Schultern. „Ausruhen ... klar. Weil mein Leben im Moment ja so unglaublich anstrengend ist“, murmelte sie trocken und scharf. Ihr Blick glitt zu Lyon. Sie bemerkte das kaum sichtbare Zucken eines Lächelns auf seinem Gesicht. „Denk nicht einmal daran“, warnte Pagan. Seine Stimme war kaum mehr als ein zurückgehaltenes Knurren. „Leg dich wieder hin.“ „Zu spät“, murmelte sie unter ihrem Atem. Sie verdrehte die Augen, ignorierte seine Warnung und setzte sich trotz ihrer schmerzenden Muskeln auf. Lyon schüttelte leicht den Kopf. Sein Ausdruck blieb ruhig, aber bestimmt. „Du hast genug durchgemacht. Lass deinen Körper ruhen, Charise.“ „Ich teste im Moment eher meine Geduld als alles andere“, murmelte sie und rollte die Schultern, um die Steifheit zu lösen. Draußen veränderte sich die Landschaft allmählich, während der Konvoi sich den Toren von Black Hallow näherte. Steinstraßen. Von Laternen erhellte Alleen. Eine Stadt, die lebendig und fremd zugleich wirkte. Charises Blick blieb am Fenster hängen. Neugier flackerte durch ihre Erschöpfung. „Nun ... wenigstens ist es nicht so kalt wie in Wintercrest“, murmelte sie trocken. Und zum ersten Mal seit dem Hinterhalt erlaubte Charise sich einen Moment der Ruhe. Ihr Körper war noch immer verletzlich. Ihr Geist noch immer störrisch. Doch das unausgesprochene Band zwischen ihr und den drei Alphas pulsierte leise. Unmöglich zu übersehen. Unbestreitbar lebendig. Der Konvoi verlangsamte sich, als die Tore von Black Hallow in Sicht kamen. Gewaltige Torbögen aus Eisen und Stein ragten über ihnen auf. Wachen standen reglos im fallenden Schnee. Die Stadt dahinter erstreckte sich weit. Straßen aus dunklem Stein. Laternen, die blasses Licht über den Frost warfen. Charise drückte ihre Finger gegen die Decke, die sie umhüllte, während ihr Blick jedes Detail durch das Fenster des SUVs verfolgte. Die Größe der Stadt. Die disziplinierte Präsenz der Rudelmitglieder auf den Straßen. Der stille Respekt, der den Tri-Alphas und ihrem Konvoi entgegengebracht wurde. Ihr Atem stockte leicht. Zur Hälfte Ehrfurcht. Zur Hälfte Nervosität. „Fast da“, erklang Merricks knappe Stimme vom Fahrersitz. Charise bewegte sich vorsichtig und blinzelte auf die ausgedehnte Stadtlandschaft. „Sie ist ... groß“, murmelte sie heiser. Mehr zu sich selbst als zu jemand anderem. Pagans goldgrüne Augen fanden ihre, als er sich nach ihr umsah. „Sieh nicht so überwältigt aus“, sagte er. Seine Stimme war tief. Neckend. Aber von Sorge durchzogen. Der SUV kam nahe dem äußeren Hof der Tore zum Stehen. Pagan bewegte sich als Erster. Er stieg in die Kälte hinaus. Seine Stiefel knirschten auf den schneebestäubten Pflastersteinen. Er öffnete die hintere Tür und beugte sich ohne Zögern hinunter. Dann hob er Charise in seine Arme. Sie versteifte sich sofort. „Pagan—“ „Schhh“, flüsterte er und drückte sie näher an sich. Seine Arme waren stark und sicher. „Diesen Teil darfst du nicht bekämpfen.“ Ihre Lippen zuckten. Zur Hälfte vor Ärger. Zur Hälfte vor widerwilliger Belustigung. „Ich bin nicht—“ In diesem Moment stieg Merrick aus und ließ den Blick mit geübter Autorität über die versammelten Wachen und Mitarbeiter schweifen. „Organisiert die Verwundeten und die Vorräte. Bringt alles zum Anwesen“, befahl er. Seine Stimme hallte über den Hof. Jedes Wort war scharf und präzise. Lyons Hände schwebten über den Verletzten. Seine Finger berührten sie mit stiller Magie, die Wärme und Erleichterung durch ihre Schmerzen schickte. Charise spürte es sogar aus Pagans Armen heraus. Eine feine Welle im Band. Die Gewissheit, dass sie in fähigen Händen waren. Pagan schritt voran und trug sie durch die Tore. Die Stadt öffnete sich vollständig vor ihnen. Die Menschen traten instinktiv zur Seite. Flüsternde Worte des Respekts folgten ihnen. Er lockerte seinen Griff kein einziges Mal. Er spürte ihren Puls gegen seine Brust. Spürte das leichte Heben und Senken ihres Atems. Und er hielt sie weiterhin fest.
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