Kapitel 60

1180 Worte
„Wahrscheinlich beides.“ Sie hielten den Blick des anderen lange fest – still, verbunden, ohne dass Worte nötig gewesen wären. Und in dieser Stille pulsierte die Bindung einmal, sanft, aber unbestreitbar, und spannte sich zwischen ihnen hindurch. Lyon schluckte schwer und zog sich schließlich gerade weit genug zurück, um sich wieder zu sammeln. Seine Stimme wurde erneut leiser, zärtlich. „Streif nicht zu weit umher, Charise. Du hast gerade erst begonnen, hier deinen Platz zu finden.“ Sie legte den Kopf schief, und in ihren Augen lag wieder dieses neckische Funkeln. „Und wenn ich es doch tue?“ Er lächelte schwach und gefährlich. „Dann werde ich dich suchen müssen.“ Ihr Lachen – leise und aufrichtig – strich über ihn wie Sonnenlicht durch Wolken. Und für einen Herzschlag vergaß Lyon die Wunden, die Last der Pflicht und das Chaos draußen. Alles, was er sah, war sie – wild, unvollkommen, lebendig. Als die Sonne begann, tief über dem Anwesen zu sinken, ließ das stille Adrenalin, das Charise durch den Tag getragen hatte, langsam nach. Sie hatte sowohl Pagan als auch Lyon – mehr als einmal – gesagt, dass es ihr gut ging, dass sie nicht ständig überwacht werden musste. Und größtenteils stimmte das auch. Ihre Kräfte waren zurückgekehrt, ihre Rippen schmerzten nicht mehr bei jedem Atemzug, und ihr Wolf regte sich nicht länger aus jener Unruhe heraus, die von zu langer Eingeschlossenheit stammte. Doch als sie die Steinstufen zurück in die Haupthallen hinaufstieg, schlich sich die Müdigkeit an sie heran – zunächst kaum merklich, ein Ziehen an den Rändern ihrer Glieder, ein leises Summen hinter ihren Augen. Das Anwesen wirkte um diese Tageszeit friedlich, gebadet im verblassenden warmen Licht des späten Nachmittags. Stimmen drangen gedämpft aus entfernten Räumen herüber – Wachen, die ihre Schichten wechselten, Küchenpersonal, das leise lachte, das ruhige Summen eines Ortes, der nach dem Chaos endlich wieder frei atmete. Charise folgte dem langen Korridor in Richtung des Westflügels, ohne genau zu wissen, wohin sie ging, bis sie vor zwei hohen Holztüren stand, die einen Spalt offenstanden. Die Neugier gewann gegen die Vernunft. Sie stieß die Türen auf und trat ein. Die Bibliothek raubte ihr den Atem. Sie war gewaltig – zwei Stockwerke voller Regale, die beinahe bis zur Decke reichten, Leitern auf Schienen und der schwache Duft von altem Papier, Zedernholz und Wachs. Bernsteinfarbenes Licht glühte in den Wandlampen, jene Art von Licht, die Schatten weich statt scharf erscheinen ließ. Im steinernen Kamin brannte ein Feuer, niedrig, aber beständig. Sie atmete aus und lächelte beinahe. Dieser Ort war still. Sicher. Ihre Finger glitten über die Buchrücken, während sie entlangging und die verblassten Titel nachzeichnete: Geschichte der Lupinen. Alte Blutlinien. Die Auserwählten des Mondes. Bei einem Buch hielt sie inne. Lunaris: Die Schmiedung von Dreien. Der Titel ließ ihre Stirn sich leicht zusammenziehen. Als sie sich etwas drehte, bemerkte sie die Wand hinter dem Kamin, die mit großen Wandteppichen geschmückt war. Jeder von ihnen war kunstvoll gewebt, die Farben vom Alter gedämpft, aber immer noch reich und lebendig. Sie trat näher. Einer zeigte einen nächtlichen Wald – Wölfe standen Schulter an Schulter, silberne, schwarze und sandfarbene unter einem blutroten Mond. Ein anderer zeigte drei Alphas – jeder einzigartig, jeder mächtig – deren Hände auf einem zeremoniellen Schwert ruhten. Die Vereinigung. Der Beginn dessen, was später das Lunaris-Rudel werden sollte. Charise stand da, ihre Augen folgten den Fäden, während sich ihre Brust leicht zusammenzog. Einheit entsteht aus Notwendigkeit. Aus Überleben. Das verstand sie besser, als ihr lieb war. Ihr Wolf summte leise im Hintergrund ihres Geistes, ruhig, aber aufmerksam. Er ist hier, murmelte die Stimme. Sie musste nicht fragen, wer gemeint war. Eine leichte Veränderung in der Luft – der Duft von Eiche, Rauch und etwas Dunklerem, Sanfterem. Das tiefe Vibrieren von Autorität schien die Luft um ihn herum selbst zu beherrschen. Charise seufzte, und ihre Lippen zuckten. „Wer hat mich verraten?“, fragte sie trocken, den Blick noch immer auf den Wandteppich gerichtet. Eine Pause. Dann diese Stimme – tief, kontrolliert, mit einem Hauch von Belustigung. „Ich bin nicht sicher, wovon du sprichst.“ Sie schnaubte leise und verdrehte die Augen, bevor sie sich schließlich zu ihm umwandte. „Natürlich nicht.“ Merrick Thorne lehnte am Rand eines der hohen Bücherregale. In einer Hand hielt er ein Glas mit bernsteinfarbener Flüssigkeit, die das Feuerlicht einfing und warme Reflexe auf die klaren Linien seiner dunklen Hose warf. Die andere Hand ruhte locker in seiner Tasche. Sein Hemd – normalerweise bis zum Hals zugeknöpft – stand heute am Kragen offen. Zwei, vielleicht drei Knöpfe waren gelöst. Gerade genug, um einen Blick auf seine Brust freizugeben, auf die kräftigen Linien seines Halses, auf den leichten Schimmer eines langen, erschöpfenden Tages. Die Ärmel waren hochgekrempelt und zeigten die Adern an seinen Unterarmen sowie das subtile Spiel seiner Muskeln, als er das Glas in seiner Hand bewegte. Er sah aus wie jeder Zentimeter des Alphas, der er war – gefasst, kontrolliert, doch in dieser stillen Stunde wirkte etwas an ihm weniger bewacht. Charise schluckte und zwang ihre Augen zurück zu seinem Gesicht. Sein Haar war ordentlich zurückgekämmt, doch einige lose Strähnen waren nach vorn gefallen – und bei den Göttern, ihre Finger juckten danach, hinaufzugreifen und alles durcheinanderzubringen. Ihr Wolf wurde sofort aufmerksam und war von dem Gedanken begeistert. Tu es, murmelte ihr Wolf viel zu amüsiert. Er würde dich nicht aufhalten. Charise schob sie gedanklich beiseite und versuchte, nicht zu lächeln. Merricks Blick hielt ihren fest – kühles Grau, durchzogen von etwas Schärferem – und obwohl sein Ausdruck ruhig blieb, entging ihr nicht, wie seine Augen über sie wanderten. Die Lederjacke. Die Kurve ihrer Taille. Die leichte Röte, die noch immer auf ihren Wangen lag. „Du warst beschäftigt“, sagte er. Sein Tonfall war leicht, doch von Bedeutung durchzogen. Sie hob eine Augenbraue. „Du klingst, als würdest du mich gleich ausschimpfen.“ Er nahm einen langsamen Schluck aus seinem Glas, ohne den Blick von ihr abzuwenden. „Würde es einen Unterschied machen, wenn ich es täte?“ Sie verschränkte die Arme, und ein Mundwinkel hob sich. „Nicht im Geringsten.“ Für einen Moment senkte sich erneut Stille zwischen sie – das leise Knistern des Feuers, das entfernte Trommeln des Regens, der draußen gegen die Fenster zu fallen begann. Merricks Kiefer spannte sich kurz an, ein Muskel zuckte dort, doch sein Gesicht blieb undurchdringlich. Charises Puls hingegen war alles andere als ruhig. Sie wandte sich wieder dem Wandteppich zu und tat so, als würde sie ihn betrachten. Sie brauchte etwas, worauf sie sich konzentrieren konnte, das nicht der Alpha war, der nur wenige Schritte entfernt stand. „Fragst du dich manchmal, ob die Vereinigung der Territorien, die Gründung von Lunaris, es wert war? ... Ob es die richtige Entscheidung war?“ Merricks Augen wurden weicher, und die Spur eines Schmunzelns verschwand zugunsten von Nachdenklichkeit. „Jeden Tag.“ Die Worte blieben zwischen ihnen hängen – schlicht, ehrlich und schwerer, als sie wirkten. Charise atmete langsam aus und ließ ihre Hand erneut über den Rand des Wandteppichs gleiten. Ihr Wolf war still geworden. Neugierig. Beobachtend.
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