Charise’s Kiefer spannte sich an. „Selbst wenn –“, sie unterbrach sich selbst, der Atem ungleichmäßig, „– selbst wenn es wahr wäre, Darius wird mich niemals gehen lassen. Du weißt, was passiert, wenn ich es versuche.“
Die Stimme ihres Wolfs wurde sanfter, aber die Macht darunter verblasste nie. Du denkst, er könnte drei Alphas aufhalten, die durch den Mond an dich gebunden sind?
Charise’s Lachen brach leicht. „Das würdest du gerne sehen, oder?“
Das würde ich, gab ihr Wolf zu, mit etwas wie einem Schmunzeln, das sich durch ihren Ton zog. Ich würde gerne sehen, wie er es versucht.
Charise verdrehte die Augen, konnte aber nicht verhindern, dass der Mundwinkel zuckte. „Du genießt das viel zu sehr.“
Weil es gerade erst anfängt“, murmelte ihr Wolf.
Charise’s Finger strichen über die Fensterscheibe. Der Wald dahinter schwankte im schweren Nachmittagslicht. Ihre Brust fühlte sich eng an, ihr Herz war unruhig.
Und dann – schwach – verschwamm ihre Sicht an den Rändern.
Ihr Atem stockte.
Die Welt kippte, die Farbe wich aus den Ecken ihres Sichtfelds, bis nur noch Licht übrig blieb. Ihr Wolf wurde still.
Der Rand einer Vision bildete sich.
Die Welt kippte.
Ein Puls – zuerst sanft, dann scharf – durchlief Charise’s Körper. Die Luft veränderte sich, schwer und elektrisch, schmeckte schwach nach Ozon und Silber.
Ihre Hand schoss hervor, um sich am Kleiderschrank abzustützen, die Knöchel weiß. „Nein“, flüsterte sie, die Stimme zitternd. „Nicht jetzt –“
Aber das silberne Feuer brannte bereits an den Rändern ihrer Sicht.
Es begann als Licht – dünne Adern davon krochen ihre Arme hinauf, sickerten durch ihre Venen, bis ihr der Atem in der Brust stockte. Ihre Reflexion im Spiegel flackerte – die Augen trübten sich, Grün löste sich in flüssiges Silber auf. Das Leuchten baute sich dahinter auf, hell und unerbittlich, bis der Raum selbst dagegen verblasste.
Ihr Wolf schwieg. Beobachtete.
Der Boden unter ihren Füßen verschwand.
Die Welt um sie herum zerbrach in Fragmente eines anderen Ortes – ein Schneefeld unter einem schwarzen Himmel, kalte Winde heulte durch Kiefern, die schwach im Mondlicht leuchteten. Blut tränkte den Schnee – dunkel, schwer, frisch.
Und in der Mitte davon –
Lyon.
Er kniete auf einem Knie, sein Atem kam in sichtbaren Wolken, Blut lief langsam in dunklen Bändern seine Seite hinunter. Seine Hand presste sich gegen die Rippen, Karmesinrot breitete sich durch das Weiß seines Hemdes aus. Der Schnee unter ihm wurde zu scharlachrotem Matsch.
„Lyon…“, flüsterte sie und streckte die Hand nach ihm aus, obwohl er sie nicht hören konnte.
Sein Kopf hob sich, die Augen brannten blassblau sogar in der Dunkelheit – der Wolf dicht unter seiner Haut. Er drehte sich scharf um, spürte etwas –
Ein Schatten bewegte sich hinter ihm.
Etwas erhob sich daraus – massiv, falsch. Kein Wolf. Nichts, das aus der Natur geboren war. Seine Form bog die Luft um sich herum, schwarzer Rauch durchzogen von dem schwachen Schimmer von Runen.
Charise taumelte in ihrer Vision rückwärts, schüttelte den Kopf, die Stimme brach. „Nein –“
Das Bild verdrehte sich. Das Schneefeld spaltete sich in Blitze anderer Szenen: Darius stand in einer Lichtung, halb verborgen von Nebel, seine Stimme tief, während er zu Gestalten sprach, die in Schatten gehüllt waren.
Abtrünnige.
Und nicht allein.
Hinter ihnen – schwach, aber unverkennbar – der Schimmer von Magie. Hexenlicht. Kalt, grün-blau, das sich wie Rauch um ihre Hände wand.
Ihr Atem ging kurz, jeder Einatmer kratzte in ihren Lungen. Die Schatten drehten sich zu ihr um, als wüssten sie, dass sie zusah.
Dann –
Eine Stimme, tief und schlangenartig, schlängelte sich durch die Vision. Er blutet zuerst. Dann die anderen. Und das Band wird mit ihm brennen.
Charise keuchte. Das Licht zerbrach.
Sie schlug hart auf dem Boden auf, die Luft wich aus ihren Lungen. Die Hütte drehte sich – Wände verzerrten sich, Geräusche verzerrten sich. Das Leuchten in ihren Augen flackerte, verblasste zurück zu Grün, während Tränen ungebeten über ihre Wangen liefen.
Ihre Brust schmerzte, als wäre sie getroffen worden. Jeder Nerv schrie.
„Lyon…“, brachte sie heraus, die Stimme rau. Ihre Sicht verschwamm – diesmal nicht durch die Macht, sondern aus Angst.
Die silbernen Runen entlang ihrer Arme verblassten, zogen sich zu schwachen Spuren unter ihrer Haut zurück. Ihre Magie zog sich zurück wie eine Flut, die sich vom Ufer zurückzieht, und ließ sie zitternd zurück.
Sie rollte sich auf den Rücken, keuchend, und starrte hinauf zu den Balken über ihr.
Ihre Kehle war eng. Ihr Körper fühlte sich hohl an, als hätte die Vision etwas aus ihm herausgeschnitten.
Für einen langen Moment gab es nichts außer dem Geräusch ihres Atems – rau, ungleichmäßig, real.
Dann, leise, regte sich ihr Wolf erneut. Du hast es gesehen.
Charise schluckte schwer, Tränen glitten in ihren Haaransatz. „Ich habe gesehen, wie er blutet.“
Dann weißt du, was als Nächstes kommen muss.
Sie schüttelte schwach den Kopf. „Nein… noch nicht…“
Aber das Schweigen ihres Wolfs sagte ihr, was sie bereits wusste.
Es war nicht nur eine Warnung.
Es war ein Ruf.
Das Anwesen war jetzt ruhiger, die Geräusche des Wintercrest-Rudels gedämpft durch die Steinwände. Ein Feuer brannte im Kamin – zu hell für die Kälte, die im Raum noch immer herrschte.
Lyon saß in der Nähe, die Ellbogen auf den Knien, die Augen distanziert im Flackern des Lichts. Merrick lehnte am Tisch neben dem Fenster, die Ärmel bis zu den Unterarmen hochgerollt, die Lesebrille auf den Papieren abgelegt, die Darius ihnen gegeben hatte. Pagan lief auf und ab, rastlose Energie rollte wellenförmig von ihm ab.
Die Luft zwischen ihnen war schwer von Schweigen – nicht Feindseligkeit, sondern Nachdenken. Kalkulation.
Schließlich brach Merrick es. „Er lügt.“
Lyon sah nicht auf. „Wir haben es alle gesehen.“
Merricks Blick wanderte zum Feuer, die Flamme spiegelte sich im Grau seiner Augen. „Seine Berichte waren gefälscht. Seine Grenzen sind schwach, seine Wölfe verängstigt. Er verliert die Kontrolle – und versteckt es.“
Pagan schnaubte, unterbrach sein Auf-und-ab-Laufen lange genug, um die Rückenlehne eines Stuhls zu packen. „Er versteckt es nicht nur. Er deckt es mit ihr ab.“
Lyon hob den Kopf, langsam und bewusst. „Charise.“
Der Name fühlte sich seltsam auf seiner Zunge an – zu intim für jemanden, mit dem sie kaum gesprochen hatten, und doch war er da.
Merricks Brauen zuckte. „Er nannte sie eine Assistentin. Aber die Art, wie sie sich bewegt hat…“ Er brach ab, die Stimme senkte sich. „Sie hatte keine Angst vor ihm. Nicht wirklich. Nur… beherrscht.“
„Beherrscht“, wiederholte Pagan mit einem dunklen Lachen. „Das ist ein Wort dafür. Ich nenne es Überleben.“
Er sank in einen Stuhl, die Ellbogen auf die Knie gestützt, und starrte ins Feuer, als könnte er sie noch immer dort stehen sehen – dunkles Haar zurückgesteckt, das Glitzern silberner Strähnen, das das Licht einfing, als sie den Kopf drehte, der schwache Schimmer von etwas Mächtigem unter ihrer Haut.