Elara lehnte sich gegen den gegenüberliegenden Tresen und verschränkte die Arme.„Immer noch derselbe Traum?“
„Manchmal Blut. Manchmal Schnee. Aber immer dasselbe Gefühl — als würde ich irgendwo stehen, das nicht hier ist. Als würde etwas zurückstarren.“ Ihr Tonfall blieb trocken, doch ihre Finger schlossen sich fester um die Tasse. „Ziemlich beruhigend, oder?“
„Vielleicht ist es nichts, wovor du Angst haben musst“, sagte Elara vorsichtig. „Vielleicht ist es eine Botschaft. Die Göttin—“
Charise warf ihr einen scharfen Blick zu.„Fang gar nicht erst damit an.“
Elara seufzte und hob ergeben die Hände.„Okay. Keine Gespräche über göttliche Eingriffe vor Mittag. Verstanden.“
Für einen Moment verfielen sie in ein angenehmes Schweigen. Die Art von Stille, die nur Vertrautheit entstehen ließ — zwei Menschen, die die Luft nicht mit Worten füllen mussten, um sich verstanden zu fühlen.
Elara überprüfte ein Tablett mit Heilsalben und blickte über die Schulter zurück.„Weißt du, die anderen reden zwar viel Mist, aber sie sehen auch, wie ruhig du bleibst. Du rastest nicht aus, du verlierst nie die Kontrolle. Das macht ihnen mehr Angst als deine Magie jemals könnte.“
Charises Mund verzog sich zu einem schiefen Lächeln.„Also haben sie Angst, weil ich besser im Schauspiel bin?“
„Weil du stärker bist“, sagte Elara schlicht.
Das traf sie unerwartet. Für einen kurzen Augenblick bekam die Mauer um sie herum einen kleinen Riss. Sie blickte in ihren Tee hinunter, während der aufsteigende Dampf das flüchtige Aufflackern in ihren Augen verbarg.
„Mach mich nicht sentimental vor dem Koffein“, murmelte sie.
Elara grinste.„Würde mir nie einfallen. Furchterregender Hybrid und so.“
„Verdammt richtig“, sagte Charise mit einem erneuten Grinsen.
Elara lachte, warm und leicht. Für einen Herzschlag fühlte sich die Klinik weniger kalt an.
Durch Charises Blick bemerkte sie das Aufflackern von etwas in Elaras Augen — stille Bewunderung, vielleicht sogar Beschützerinstinkt. Trotz all ihrer Freundlichkeit wusste Elara genau, wie dünn Charises Rüstung in Wahrheit war.
„Versuch heute Nacht etwas Schlaf zu bekommen“, sagte Elara sanfter. „Und wenn die Träume schlimmer werden—“
„Ich komme klar“, unterbrach Charise sie. „Wie immer.“
Die Worte klangen ruhig, doch ihr Spiegelbild im Glas der Klinik erzählte eine andere Geschichte — die einer Frau, die sich allein durch ihren Willen zusammenhielt.
Draußen frischte der Wind auf und jagte Frost gegen die Fensterscheiben. Das Geräusch überdeckte beinahe das schwache Summen am Rand ihrer Sinne — dasselbe Summen, das immer vor einer Vision auftauchte. Fern. Unvermeidlich.
Sie zwang es mit einem weiteren Schluck Tee zurück und schloss kurz die Augen.
Nicht jetzt. Noch nicht.
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Als Elara die Regale wieder aufgefüllt hatte, war die Klinik warm genug geworden, dass die Luft schwach nach Thymian und Sonnenlicht roch. Charise blieb, um zu helfen — nicht, weil sie musste. Sie hätte jederzeit gehen können. Aber dies war einer der wenigen Orte, an denen sie nicht das Gefühl hatte, zu ersticken.
Als Elara die Hintertür öffnete, strömte Winterluft herein und brachte den Geruch feuchter Erde und Kräuter aus dem kleinen Garten hinter der Klinik mit sich. Reihen hartnäckigen Grüns — Rosmarin, Salbei und jene widerstandsfähige Minze, die sich weigerte zu sterben — kämpften sich trotz Frostes aus dem Boden.
Charise folgte ihr hinaus, dankbar für die Ruhe und den freien Raum.
Sie ging in die Hocke und zupfte ein paar verwelkte Blätter aus der Erde. Ihre Finger streiften den Boden, und ein schwaches Summen vibrierte gegen ihre Haut — ihre Magie, immer da, immer wartend.
„Hätte nie gedacht, dass du gärtnern mögen würdest“, sagte Elara und band ihren Zopf neu zusammen.
„Tu ich auch nicht“, erwiderte Charise. „Ich mag nur Dinge, die wachsen, obwohl sie es eigentlich nicht sollten.“
Bevor Elara antworten konnte, durchschnitt ein scharfer Schrei den Hof. Ein kleiner Junge — einer der jüngeren Welpen des Rudels, kaum älter als sieben — taumelte um die Ecke und hielt sich den Arm. Blut lief aus einer tiefen Schramme über seine Haut.
Elara reagierte sofort und kniete sich neben ihn.„Ganz ruhig, Cole. Was ist passiert?“
„Trainingsplatz“, schniefte der Junge. „Ich bin hingefallen—“
„Oder jemand hat dich geschubst“, murmelte Charise und musterte die blauen Flecken an seinen Knien. Der Junge widersprach nicht.
Elara griff nach Mullbinden aus ihrer Gürteltasche, doch Charise hielt sanft ihr Handgelenk fest.
„Lass mich.“
Elara zögerte.„Charise—“
„Es ist okay.“
Charise kniete sich neben den Jungen, ihre Stimme wurde weicher.„Hey, Kleiner. Halt einfach still, ja?“
Er nickte mit großen Augen. Blut tropfte in die Erde.
Sie legte ihre Handfläche leicht auf die Wunde.
Die Luft veränderte sich. Ein schwacher Schimmer floss unter ihrer Haut entlang — wie Mondlicht auf Wasser. Das Blut verlangsamte sich, dann hörte es ganz auf zu fließen. Fleisch schloss sich innerhalb von Sekunden und hinterließ nur eine blassrosa Linie. Die Magie verschwand fast schneller, als Elara atmen konnte.
Der Junge starrte seinen Arm an, den Mund offen.„Es tut gar nicht mehr weh.“
Charise lächelte schwach und müde.„Hab dir doch gesagt, dass alles gut wird.“
Ohne Vorwarnung warf er die Arme um sie und hätte sie beinahe umgerissen. Sein kleiner Körper war warm, sein Herzschlag schnell gegen ihre Brust.
„Danke, Miss Charise.“
Dann rannte er davon, bevor sie etwas erwidern konnte, zurück Richtung Trainingsplatz.
Die Stille danach fühlte sich irgendwie schwerer an.
Elara atmete langsam aus.„Du weißt, dass Darius ausrasten wird, wenn er davon erfährt.“
Charise stand auf und klopfte sich den Dreck von den Jeans.„Dann soll er eben ausrasten. Ich lasse kein Kind verbluten, nur damit er sich mächtig fühlen kann.“
Elara sah sie besorgt an.„Du kannst das nicht immer weiter tun. Der Alpha hat klar gemacht—“
„Ja, er hat viele Dinge klargemacht“, sagte Charise, während ihr Blick auf ihr Handgelenk fiel, wo ein Siegel schwach leuchtete. Ein Bindungsmal, das Darius ihr nach dem Tod ihrer Mutter gegeben hatte. Ein Zeichen dafür, dass sie festsaß…
Ihre Stimme wurde flach.
„Das heißt noch lange nicht, dass er recht hat.“
Lange Zeit war das einzige Geräusch der Wind, der durch die Kräuter strich — weich und gleichmäßig wie Atemzüge.
Charise blickte auf ihre Hände hinunter. Unter ihrer Haut schimmerte noch immer schwach Licht, wie Mondschein, der sich weigerte zu vergehen.
„Magie war nie der Fluch“, murmelte sie. „Menschen waren es.“
Elaras Kehle zog sich zusammen, doch sie widersprach nicht. Sie betrachtete einfach ihre Freundin — das Halbblut, vor dem das Rudel Angst hatte, wie sie im schwachen Sonnenlicht stand, ohne Scham.
Noch ein paar Sekunden vergingen, bevor Charise sich zum Waldrand umdrehte, den Blick in die Ferne gerichtet.
Dieses leise Summen war wieder da — tief, eindringlich, kriechend entlang ihrer Wirbelsäule.