FAYE
Einfach so war es entschieden. Mein Schicksal war besiegelt.
In meinem Kopf blitzten immer wieder Bilder von Jason und Sage auf, die sich in dem Bett, das für mich bestimmt war, miteinander vergnügten. Mein Gefährte. Meine Schwester. Und jetzt stand ich hier und sollte an einen Mann übergeben werden, den ich kaum kannte, nur um den Frieden zwischen den Rudeln zu wahren.
Alpha Wells’ Stimme durchbrach meine Gedanken. „Na gut. Dann sollten wir beginnen. Die Gäste warten.“
Mein Herz zog sich zusammen, aber ich zwang mich zu nicken. „Natürlich“, flüsterte ich, aber meine Stimme klang dumpf, als gehöre sie jemand anderem.
Alexander sagte kein Wort. Er beobachtete mich nur mit seinen kalten grauen Augen. Ich wollte ihn nicht ansehen, aber mein Blick wanderte immer wieder zu ihm zurück, auf der Suche nach etwas-irgendetwas-hinter diesem steinernen Gesichtsausdruck. Aber da war nichts.
Sie führten uns nach draußen auf das heilige Gelände hinter dem Rudelhaus. Es war offensichtlich, dass dies überstürzt war, ganz anders als die Zeremonie, von der ich einst geträumt hatte. Die Gäste standen in einem weiten Kreis und flüsterten. Einige sahen mich mit Mitleid an, die meisten beobachteten mich nur neugierig.
Die Ältesten standen neben dem Altar, einem niedrigen Steintisch, der mit einem weißen Tuch bedeckt war. Darauf lag der zeremonielle Dolch, und allein sein Anblick verursachte mir Magenschmerzen.
Alexander trat näher. Sein Gesicht blieb hart, kälter als zuvor, und wieder fragte ich mich, warum. „Bist du bereit?“, fragte er kalt.
„Nein“, wollte ich sagen. Aber alles, was herauskam, war: „Bringen wir es hinter uns.“
Er nickte.
Ältester John hob die Hände und brachte die Menge zum Schweigen. „Heute Nacht, unter den Augen des Mondes und unserer Vorfahren, verbinden wir Alpha Alexander von Blood Crescent und Delta Faye von Silver Hollow. Dieses Band bewahrt den Frieden und stärkt die Verbindung zwischen unseren Rudeln.“
Seine Worte klangen distanziert, als wären sie nicht für mich bestimmt. Ich hörte nur Sages Stimme in meinem Kopf: „Warum sollte es nicht einmal ich sein?“ Und Jasons leerer Blick, als er mich ansah. Meine Brust fühlte sich so schwer an, dass ich kaum atmen konnte.
„Faye“, rief Ältester John. „Tritt vor.“
Ich zwang mich, vorzutreten und meine Schultern gerade zu halten, obwohl jeder Teil von mir davonlaufen wollte.
Alexander nahm den Dolch als Erster. Ohne zu zögern zog er ihn über seine Handfläche, sodass Blut floss, und reichte ihn mir dann.
Meine Hand zitterte, aber ich umklammerte ihn fest. Der Schnitt brannte, aber verglichen mit dem Verrat, den ich heute Abend empfunden hatte, war das nichts.
Wir pressten unsere Handflächen aneinander, unser Blut vermischte sich und tropfte auf den Dolch.
„Von dieser Nacht an seid ihr verbunden“, erklärte Elder John. „In Stärke, in Pflicht und unter dem Mond.“
Um uns herum brandete höflicher Applaus auf, aber ich hörte ihn kaum. Mein Herz fühlte sich an, als wäre es hinter einer Mauer eingeschlossen, von der ich nicht einmal wusste, dass ich sie gebaut hatte, eine Mauer, die Jason und Sage mir heute Abend geholfen hatten zu errichten. Ich hatte Jason einmal geliebt, ihm vollkommen vertraut, und er hatte dieses Vertrauen zerstört, als wäre es nichts. Ich würde nie wieder jemandem diese Macht geben. Nicht Alexander. Niemandem.
Alexander beugte sich näher zu mir, sein Atem streifte meine Wange. „Jetzt sprich das Gelübde“, flüsterte er.
Ich schluckte schwer. „Ich, Delta Faye von Silver Hollow, verbinde mich mit dir in Pflicht und Bündnis.“
Seine Augen blieben kalt, während er sprach. „Ich, Alpha Alexander von Blood Crescent, verbinde mich mit dir als Gefährtin und Luna meines Rudels.“
Seine Worte klangen flach, als würde er sie aus Pflichtgefühl vortragen, nicht aus freiem Willen.
Der Älteste John trat mit einem silbernen Kelch vor. „Trinkt und besiegelt das Band.“
Wir nahmen beide einen Schluck. Es schmeckte bitter und metallisch, aber ich zwang mich, es hinunterzuschlucken.
Der Älteste hob seinen Stab. „Bei Mond und Blut, es ist vollbracht.“
Ein leiser Jubel ging durch die Gäste.
Meine Mutter wischte sich die Tränen aus den Augen und versuchte zu lächeln. Das Gesicht meines Vaters war von Schuld und Sorge gezeichnet. Hinter ihnen sah ich Sage neben Jason stehen und wandte mich ab, bevor die Wut, die in meiner Brust brodelte, vor allen anderen hervorbrechen konnte.
Alexander trat zurück, um leise mit Alpha Wells und meinem Vater zu sprechen. Die Gäste begannen sich zu verabschieden und warfen mir beim Gehen verstohlene Blicke zu.
Ich stand da und fühlte nichts als Kälte in meinem Inneren. Alles tat so weh, dass es mir leichter erschien, gar nichts mehr zu fühlen.
Ich hörte Sage nicht kommen, bis sie neben mir stand.
„Faye“, begann sie leise.
Ich drehte mich zu ihr um. Ihre Augen waren feucht, aber ihr Kinn blieb wie immer erhoben.
„Ich wollte sagen...Es tut mir leid, dass du es auf diese Weise erfahren hast“, flüsterte sie. „Jason und ich hatten das nicht so geplant.“
Ihre Worte klangen hohl. „Es tut dir also leid, dass ich euch erwischt habe“, sagte ich leise. „Nicht, dass ihr es getan habt.“
„Das ist nicht fair“, schnauzte Sage und ihre Stimme wurde etwas lauter. „Du verstehst nicht...“
„Doch, das tue ich“, unterbrach ich sie. „Du wolltest ihn, also hast du ihn dir genommen. Und es war dir egal, was das für mich bedeutete.“
Sie wandte den Blick ab, dann sah sie mich wieder an. „Du hattest immer alles, Faye. Du durftest dir Jason aussuchen. Ich wurde einem Mann versprochen, den ich nie getroffen hatte. Weißt du, wie sich das angefühlt hat?“
„Und weißt du, wie sich das hier anfühlt?“, fragte ich mit zitternder Stimme, obwohl ich mich bemühte, ruhig zu bleiben. „Meine eigene Schwester mit meinem Gefährten zu sehen? An dem Abend, der für uns bestimmt war?“
Sie zuckte zusammen, wich aber nicht zurück. „Du wirst es überleben, Faye. Du bist immer die Starke. Nicht wahr?“
Sie hielt inne und seufzte. „Ich bin nicht gekommen, um zu streiten. Ich will nicht, dass wir uns hassen. Wir sind immer noch Schwestern.“
Ich starrte sie an, Wut vermischte sich mit dem Schmerz in mir. „Du hast ihn mir vorgezogen, Sage. Tu nicht so, als hätte sich nichts geändert. Du hast deine Entscheidung getroffen. Jetzt lass mich meine treffen.“
Ihre Augen verengten sich. „Du wirst mich also für immer hassen? Nur weil ich mich dieses Mal geweigert habe, hinter dir zu stehen?“
„Ich bin müde, Sage“, sagte ich ehrlich. „Ich kann das jetzt nicht.“
Ihr Blick verhärtete sich. „Na gut“, sagte sie. „Aber tu nicht so unschuldig, Faye. Du warst bereit, mich einen Fremden heiraten zu lassen, damit du Jason behalten konntest. Ich habe wenigstens für das gekämpft, was ich wollte.“
Ich presste die Kiefer aufeinander. „Du hast nicht gekämpft, Sage. Du hast gelogen. Du hast mich betrogen.“
Sie spottete. „Du bist immer noch Luna! Du bekommst immer noch, was du willst!“
Ich atmete langsam ein. „Ich hoffe, du bist glücklich“, sagte ich leise. „Du hast bekommen, was du wolltest. Ich hoffe, es ist es wert.“
Bitterkeit huschte über ihr Gesicht. „Vielleicht erkennst du jetzt, dass man nicht immer alles haben kann, Faye. Ich verdiene auch Gutes.“
Ich schüttelte den Kopf. „Wir sind fertig hier, Sage.“
Ohne auf ihre Antwort zu warten, drehte ich mich um und ging weg. Meine Brust brannte, aber ich ging weiter. Ich schaute nicht zurück. Diesmal nicht.
Ich konnte die Vergangenheit nicht ändern. Aber ich konnte entscheiden, welche Teile von mir ich nie wieder aufgeben würde. Jason und Sage hatten mir beigebracht, dass Liebe in einem Augenblick zerbrechen kann. Jetzt würde ich eine Mauer um mein Herz bauen, damit mich niemand mehr verletzen konnte.
Nicht einmal Alexander.