«Das ist ihr Pflicht. Bitte beeilen sie sich aber. Wir haben schon zu viel Zeit verloren» antwortete der magere Colonel und tat so, als würde er die Geduld verlieren.
Keinesfalls eingeschüchtert steckte der Sergeant seine Hand in die Tasche der Uniform und zog sein Handy heraus. Er wählte eine Nummer und wartete.
Die beiden Offiziere hielten die Luft an, bis der Soldat, nachdem er eine Taste des Geräts gedrückt hatte, lakonisch sagte «Nicht erreichbar.»
«Also Sergeant, wollen wir uns beeilen?» sagte der Offizier mit einem strengeren Ton als vorher. «Wir können hier nicht die ganze Nacht verbringen.»
«Hol den General» befahl der große Sergeant einem der Soldaten, die die beiden Offiziere begleitet hatten.
Nach einigen Minuten erschein ein komplett glatzköpfiger Mann mit Schnurrbart, grauen Augenbrauen und verschlagenen Augen auf der Türschwelle im Rücken des Sergeanten. Er trug eine Uniform mit den Graden eines Generals, aber auf der rechten Schulter fehlte einer der vier Sterne. Er war gefesselt und hinter ihm hielt ihn ein Soldat im Visier.
Als er die beiden sah, triumphierte der General für einen Augenblick, aber da er ihren Plan vermutete, blieb er still und machte das traurigste Gesicht, das ihm möglich war.
«Danke Soldat» sagte der Colonel, während er seine Beretta M9 aus dem Halfter zog. «Jetzt nehmen wir diesen Schweinehund in Empfang.»
Sternenschiff Theos – Der Plan
«Ist es nicht aufregend, dass wir beide die Erde retten werden, mein Schatz?» sagte Elisa, während sie den Colonel bei der Hand nahm und mit den verliebten Augen eines Kätzchens ansah.
«“Mein Schatz”? Meinst du nicht, dass du etwas zu schnell bist?» antwortete Jack verlegen.
Elisa reagierte enttäuscht und erst als der Colonel sie sanft anlächelte und ihr die Wange streichelte, hatte sie verstanden, dass er sie auf den Arm genommen hatte. «Gemeiner Hund. Mach nie wieder so einen Scherz mit mir, sonst zeig ich‘s dir» und schlug mit beiden Händen auf seine Brust.
«Ganz ruhig» flüsterte Jack ihr zu, während er sie sanft an sich drückte. «Ok, es war ein dummes Spiel. Ich mach‘s nicht nochmal.»
Diese plötzliche Umarmung hatte auf Elisa eine beruhigende und entspannende Wirkung. Sie spürte, wie all die Spannung, die sich bis jetzt angesammelt hatte, wie Schnee in der Sonne dahinschmolz. Nach all dem, was in den letzten Stunden passiert war, hatte sie genau dies gebraucht. Sie entschied sich, sich in seinen Armen zu verlieren, schloss langsam die Augen, legte ihren Kopf auf seine muskulöse Brust und ließ sich komplett fallen.
In der Zwischenzeit hatte sich Azakis in die zu enge Kabine des H^COM begeben und wartete, dass auf dem holographischen Visor die Antwort auf seine Kommunikationsanfrage ankam.
Von der Mitte des Bildschirms gingen eine Reihe mehrfarbiger Wellen aus und erzeugten einen ähnlichen Effekt wie ein Stein, der in das ruhige Wasser eines Teichs geworfen wird. Plötzlich verschwanden die Wellen langsam und auf dem Bild erschien das ausgezehrte und durch die Jahre gezeichnete Gesicht seines vorgesetzten Ältesten.
«Azakis» der Mann lächelte leicht, während er langsam die knochige Hand zum Gruß hob. «Was kann dieser arme Alte für dich tun?»
«Wir haben den beiden Erdbewohnern die Wahrheit gesagt.»
«Das war sehr gewagt» kommentierte der Älteste, und rieb sich das Kinn zwischen Zeigefinger und Daumen. «Wie haben sie es aufgenommen?»
«Sagen wir, dass sie nach der zu erwartenden anfänglichen Verwunderung ganz gut reagiert haben.» Azakis machte eine kurze Pause und sagte dann mit sehr viel ernsterer Miene «Wir haben ihnen vorgeschlagen, den Superflüssigkeits-Torus zu benutzen.»
«Den Torus?» rief sein Gesprächspartner, der so ruckartig aufstand, dass ein Knabe neidisch hätte werden können. «Er wurde doch noch gar nicht komplett getestet. Du erinnerst dich doch daran, was das letzte Mal passiert ist oder nicht? Mit dem Gerät könnten wir eine unkontrollierbare Gravitations-Fluktuation erzeugen und dann besteht auch noch das Risiko, dass sogar ein Mini-Schwarzes Loch entsteht.»
«Ich weiß, ich weiß» antwortete Azakis unterdrückt. «Ich glaube aber, dass wir keine Alternativen haben. Wenn wir dieses Mal keine drastischen Mittel anwenden, könnte der Vorbeiflug des Kodon für die Erdbewohner fatal sein.»
«Wie sieht dein Plan aus?»
«Die Überkreuzung der Orbits der beiden Planeten erfolgt in etwa sieben Tagen. Du müsstest den Torus vorbereiten lassen und mindestens einen Tag vorher hierherbringen lassen.»
«Das ist nicht viel Zeit und das weißt du.»
«Du musst mir etwas Spielraum für die Positionierung, die Konfiguration und die Aktivierung lassen.»
«Ich habe ein schlechtes Vorgefühl» sagte der Älteste während er mit einer Hand durch das spärliche Haar strich.
«Petri ist bei mir. Es wird alles gut gehen.»
«Ihr seid zwei fähige Jungs und ich habe keine Zweifel, aber bitte geht sehr vorsichtig vor. Das Gerät könnte sich in eine tödliche Waffe verwandeln.»
«Tu alles, damit wir es rechtzeitig bekommen und um den Rest kümmern wir uns. Mach dir keine Sorgen.»
«In Ordnung. Ich kontaktiere dich, sobald alles bereit ist. Viel Glück.»
Das Gesicht des Vorgesetzten verschwand vom Bildschirm, der wieder dieselben mehrfarbigen Wellen zeigte, wie vorher.
Azakis erhob sich langsam aus dem unbequemen Sessel und stand eine Weile mit auf der engen Konsole aufgestützten Händen. Tausend Gedanken gingen durch seinen Kopf und während ein leichter Schauer über seinen Rücken lief, hatte er das Gefühl, als ob sie sich eine Menge Probleme aufhalsen würden.
«Zak» sagte sein Abenteuergefährte fröhlich, als er ihn aus der H^COM-Kabine kommen sah. «Was hat der Alte gesagt?»
Azakis streckte sich ein bisschen und sagte dann ruhig «Er hat uns sein OK gegeben. Wenn alles nach Plan läuft, haben wir den Torus, oder besser Newark, am Tag vor der Überschneidung.»
«Hoffentlich schaffen wir es. Es wird nicht einfach sein, das Ding in so kurzer Zeit zu programmieren.»
«Über was machst du dir Gedanken, mein Freund?» antwortete leicht lachend Azakis «Im schlimmsten Fall öffnen wir eine Raum-Zeit-Verzerrung, die die Erde, Kodon, Nibiru und alle anderen Satelliten auf einmal in sich aufsaugt.»
Die beiden Erdbewohner, die etwas abseitsstanden und keine Silbe des Gesprächs verpasst hatten, standen wie versteinert da.
«Was sagst du da?» konnte Elisa nur zischen, während sie ihn fassungslos anschaute. «Raum-Zeit-Verzerrung? Aufsaugen? Willst du damit sagen, dass wenn dieser Plan fehlschlägt, wir die Auslöser der Zerstörung von unserem und eurem Planeten sein werden?»
«Nun, ein minimales Risiko besteht» kommentierte Azakis ruhig.
«Ein “minimales Risiko”? Und das sagst du uns so, mit einem so ruhigen und friedlichen Gesichtsausdruck? Du musst verrückt sein und wir noch mehr als du.»
«Beruhige dich Schatz» griff Jack ein, packte sie bei den Schultern und schaute ihr gerade in die Augen. «Sie sind sehr viel fähiger und vorbereiteter als wir und wenn sie sich entschieden haben, diesen Weg zu gehen, können wir nur beistimmen und ihnen all unsere Hilfe anbieten.»
Elisa atmete tief und lange ein und sagte dann «Ich muss mich setzen. Das ist zu viel heute. Wenn es so weitergeht, sterbe ich noch.»
Jack nahm sie unter den Arm und brachte sie zum nächsten Sessel. Elisa ließ sich mit einem leichten Seufzer darauf fallen.
«Vielleicht haben wir den Sauerstoffgehalt zu sehr verringert» flüsterte Azakis seinem Gefährten zu.
«Ich habe versucht, ihn für uns alle so gut wie möglich anzupassen, damit wir diese unbequemen Atemgeräte nicht tragen müssen.»
«Ich weiß mein Freund, aber ich fürchte, dass sie sehr darunter leiden.»
«Ok, ich versuche, das Gemisch zu verändern. Wir können uns leichter anpassen.»
Dem Colonel schien dies jedoch nichts auszumachen und er war fit wie nie. Entscheidungen treffen und Risiken eingehen waren sein tägliches Brot und in solchen Situationen fühlte er sich absolut wohl. «Gut» rief er, während er sich genau unter das dreidimensionale Bild von Newark positionierte, das noch immer majestätisch in der Mitte des Raumes schwebte. «Das Ding kann uns also alle retten oder an den Rand der absoluten Zerstörung bringen.»
«Analyse abgekürzt, aber effizient» kommentierte Azakis.
«An diesem Punkt» sagte der Colonel ernst und mit tiefer Stimme «glaube ich, dass der Moment gekommen ist, den Rest des Planeten über die bevorstehende Katastrophe zu informieren.»
«Und wie willst du das machen?» fragte Elisa von ihrem Sessel aus. «Nehmen wir das Telefon, rufen den Präsidenten der Vereinigten Staaten an und sagen dann: “Guten Tag Präsident. Wir sind hier mit zwei Außerirdischen zusammen, die uns gesagt haben, dass in wenigen Tagen ein Planet kommt, der uns alle von der Bildfläche fegt?”»
«Das mindeste, was uns passieren kann, ist, dass er das Gespräch ortet, uns holen lässt und in die Klapsmühle steckt» antwortete Jack lachend.
«Habt ihr denn kein globales Kommunikationssystem wie unser Netz?» fragte Petri den Colonel neugierig.
«Netz? Was meinst du damit?»
«Es handelt sich um ein globales Kommunikationssystem, welches das Wissen auf planetarer Ebene speichern und verbreiten kann. Wir haben alle auf verschiedenen Ebenen mit einem neuralen System N^COM Zugang, das und bei der Geburt direkt ins Gehirn eingepflanzt wird.»
«Wow» sagte Elisa verwundert und sagte dann «In Wirklichkeit haben auch wir ein System dieser Art. Wir nennen es Internet, aber wir haben sicher nicht euren Stand erreicht.»
«Wäre es nicht möglich, euer “Internet” zu benutzen, um eine Mitteilung an den ganzen Planeten zu schicken?» fragte Petri neugierig.
«Nun, das ist nicht so einfach» sagte Elisa. «Wir können Informationen in das System eingeben, Mitteilungen an Personengruppen schicken, vielleicht auch einen Film drehen und diesen dann so weit wie möglich verbreiten, aber uns würde niemand glauben und sicher würde er nicht alle erreichen.» Sie überlegte einige Sekunden und fügte dann hinzu «Ich glaube, das einzige geeignete System ist noch immer unser altes und geliebtes Fernsehen.»
«Fernsehen?» fragte Azakis. Dann sagte er zu Petri «Ist das vielleicht das System, das wir benutzt haben, um die Bilder und Filme zu empfangen, die wir bei der Herfahrt gesehen haben?»
«Ich glaube ja, Zak» und er begann eine Reihe von Befehlen an der Zentralkonsole einzugeben. Nach wenigen Sekunden erschienen auf dem gigantischen Bildschirm einige Sequenzen, die sie vorher gespeichert hatten. «Redet ihr hiervon?»
Viele Filme aller Art erschienen in schneller Reihenfolge: Werbespots, Nachrichten, Fußballspiele und sogar ein alter schwarz-weiß Film mit Humphrey Bogart.
«Das ist ja Casablanca» sagte Elisa überrascht. «Wo habt ihr das alles denn her?»
«Eure Übertragungen werden auch im All ausgestrahlt» antwortete Petri ruhig. «Wir mussten etwas an unserem Empfangssystem arbeiten und am Ende haben wir das empfangen.»
«Und dank dessen» fügte Azakis hinzu «konnten wir auch eure Sprache lernen.»
«Und auch einige andere, die wirklich viel komplizierter sind» kommentierte Petri traurig. «Ich bin fast verrückt geworden mit alle den Zeichnungen.»
«Auf jeden Fall» griff der Colonel ein «ist es genau das, von dem wir gesprochen haben, aber ich glaube, dass das auch nicht die beste Lösung ist.»
«Entschuldige Jack» griff Elisa ein. «Glaubt du nicht, dass wir vor allem zuerst deine Vorgesetzten vom ELSAD informieren sollten? Wenn ich es richtig verstanden habe, steht an der Spitze dieser Organisation der Präsident der Vereinigten Staaten oder nicht?»
«Und woher weißt du diese Dinge?» wendete der Colonel verblüfft ein.
«Nun, ich habe auch meine Quellen» sagte Elisa und schob verführerisch eine Haarsträhne zur Seite, die an ihrer rechten Wange herunterhing.
«Machen das die Frauen bei euch auch so?» fragte Jack die beiden Außerirdischen, die die Szene verblüfft beobachtet hatten.
«Die Frauen sind im ganzen Universum gleich, mein Lieber» antwortete Azakis lächelnd.
«Tja» fuhr der Colonel nach dem riskanten Scherz fort «ich glaube, du hast wirklich Recht. Wir brauchen eine seriöse und glaubhafte Einrichtung, um eine solch schwerwiegende und überwältigende Nachricht zu veröffentlichen. Ich mache mir etwas Sorgen wegen externer Eindringlinge, die auch General Campbell und die beiden Typen, die uns angegriffen haben, engagiert haben. Ehrlich gesagt ist der General mein direkter Vorgesetzter, aber es scheint so, als wäre er korrupt und ein Verräter.»
«Also sieht es so aus, als ob wir das Telefongespräch, von dem wir vorher geredet haben, wirklich machen müssen?» sagte Elisa.
«So absurd es scheint, aber vielleicht ist das wirklich die einzige Lösung.»