Kapitel 2
11 Jahre und 3 Monate früher, Moskau
Ein zaghaftes Klopfen ertönt an meiner Schlafzimmertür. »Alina, bist du da drin? Komm schon, es ist Zeit für unseren Unterricht.«
Ja, Scheiß drauf. Ich pausiere das Spiel, das ich gerade auf der Wii spiele, und drehe die Lautstärke meines iPods auf, bis Get Low von Lil’ Jon & The East Side Boyz in meinen Ohren dröhnt und die nervige Stimme meines Nachhilfelehrers übertönt.
Ich schalte den Ton des Fernsehers aus, nehme das Spiel wieder auf und führe Mario die Straße hinunter, wobei ich das ständige Klopfen ignoriere. Ich weiß nicht, warum ich den ganzen Sommer über Englischunterricht nehmen muss, obwohl ich die letzten drei Jahre auf einem Internat in New Hampshire verbracht habe. Mittlerweile ist mein Englisch so gut wie das meiner amerikanischen Klassenkameraden – und mein russischer Akzent nicht mehr vorhanden. Sicher, meine Rechtschreibung und Grammatik könnten besser sein, aber ich komme gerade erst in die neunte Klasse. Irgendwann werde ich all die blöden Regeln lernen.
Das Klopfen hört auf, und ich atme erleichtert aus. Mit etwas Glück verbringt Dan – Gott, ich hasse diesen Namen – die ihm zugewiesene Stunde damit, in allen Ecken und Winkeln unseres zweistöckigen Moskauer Penthouses nach mir zu suchen, bevor er für heute Schluss macht. Er könnte sich auch bei meinem Vater beschweren, aber egal. Ich möchte lieber, dass Papa mich anschreit, als mit Dan zu verhandeln, der mich immer so ansieht.
Ich erschaudere, als ich mich an diesen Blick erinnere, den ich ständig in den Gesichtern der Männer sehe, seit mir Brüste gewachsen sind. Sie sind nicht groß oder so – einige der Mädchen in meiner Klasse haben schon ein D-Körbchen oder mehr –, aber die Jungs scheint das nicht zu stören. Erwachsene Männer auch nicht, vor allem nicht, wenn Mama mich zwingt, Make-up zu tragen. Wo wir gerade davon reden …
Es klopft erneut an meine Tür, diesmal viel beharrlicher. Ich erkenne den Rhythmus sogar durch die Musik, die aus meinen Ohrhörern dröhnt. Widerwillig pausiere ich das Spiel und drehe die Lautstärke meines iPods herunter. »Ja?«
»Alinochka, ich bin’s. Bist du angezogen und bereit?«
Ich hatte gehofft, sie würde mich vergessen. Ich ziehe meine Ohrstöpsel heraus, schalte den Fernseher aus und springe auf. »Eine Sekunde, Mama!«
Sie ignoriert meine Bitte, stößt die Tür auf und betritt mein Zimmer. Augenblicklich weiten sich ihre Augen. »Was hast du da an?«
Erwischt. Ich werfe so lässig, wie ich nur kann, einen Blick auf meine Jogginghose und mein übergroßes T-Shirt. »Klamotten.«
Sie verengt ihre Augen. »Werd nicht frech. Du weißt, was ich meine.«
»Gut.« Ich stoße einen verärgerten Seufzer aus. »Gib mir nur eine Minute.«
»Du hast dreißig Sekunden«, ruft sie, während ich in meinen Kleiderschrank renne und mir das erste Kleid überwerfe, das ich finden kann, das sie wahrscheinlich für angemessen hält – ein rotes Abendkleid, das ebenso glitzert wie es unbequem ist.
Ich weiß nicht, warum ich diesen Mist immer tragen muss, wenn Papa Gäste hat, aber Mama besteht darauf. Es geht darum, dass wir uns von unserer besten Seite zeigen. In diesem Kleid wirkt es allerdings, als wäre meine beste Seite mein Busen. Im Ernst: Ist er seit letzter Woche größer geworden? Grimassen schneidend versuche ich, die Fleischwülste tiefer in das korsettähnliche Mieder zu schieben, aber der eingebaute Push-up-BH macht seinen Job zu gut.
»Was machst du da? Hör auf damit. Das soll so aussehen«, sagt Mama und betritt den Schrank, um meine Hände wegzuschlagen. »Zieh dir Schuhe an, und wir machen dir die Haare und das Make-up.«
Erschießt mich jetzt. Ich ziehe mir ein Paar hochhackige Plateauschuhe an, die zum Kleid passen, und lasse mich von ihr zum Spiegel führen, wo sie beginnt, mein langes Haar mit der Geschwindigkeit und dem Enthusiasmus von jemandem zu bürsten, der es an den Wurzeln ausreißen will.
»Autsch!« Ich zucke zusammen, als die Bürste an einem besonders brutalen Knoten hängen bleibt, aber sie ignoriert mich wieder. Das habe ich wohl davon, dass ich es bis zur letzten Minute aufgeschoben habe.
Endlich ist mein Haar geschmeidig und glatt. Ich wünschte, ich könnte sie zu einem Pferdeschwanz binden, aber Mama mag es, wenn sie wie ein tiefschwarzer Vorhang über meinen Rücken hängen. Ich bin kein Fan der Farbe und träume von dem Tag, an dem ich ein paar Strähnchen hinzufügen darf. Nächstes Jahr, hoffentlich.
Danach kommt das Make-up. Mürrisch beobachte ich, wie mein blasses Gesicht mit einem Rouge aufgehellt wird, meine Lippen in einen leuchtend roten Schmollmund verwandelt werden und die katzenhafte Neigung meiner grünen Augen mit einem gekonnten Auftrag von Liner und Mascara betont wird. Der einzige Makel, den ich noch habe, ist mein Lächeln mit der kleinen Lücke zwischen den Vorderzähnen, von der Mama sagt, dass sie mich unverwechselbar aussehen lässt.
»So, schon viel besser«, sagt sie zufrieden, als sie fertig ist, und ich muss mich zusammenreißen, um keine Grimasse zu schneiden.
Das Mädchen, das mich im Spiegel anschaut, ist keine Fremde, sondern jemand, den ich nicht mag. Alles glänzend und unecht und erwachsen. Mit meiner überdurchschnittlichen Körpergröße und meinem Kleid, das sich an meine frisch gesprossenen Kurven schmiegt, sehe ich so mindestens wie siebzehn, vielleicht sogar achtzehn Jahre alt aus. Wenn Dan mich so sieht, wird er an seiner Spucke ersticken. Genauso wie einige von Papas Gästen, diese alten Männer mit ihren schmierigen Komplimenten, vor denen er mich gerne zur Schau stellt.
Ich hasse es. Ich hasse es, dieses glänzende, hübsche Objekt zu sein, das Mama und Papa wie ein wertvolles Pony vorführen. Wenn es nach mir ginge, würde ich in Jogginghosen und T-Shirts leben, Mario und Zelda spielen und den ganzen Tag Kanye hören. Aber das ist nicht das Leben einer Molotowa. Wir sind die Crème de la Crème, oder zumindest der Ölteppich, der auf einem Topf Suppe schwimmt. Die High Society, wie Mama sie gerne nennt – oder die Spitze der Mafia-Hierarchie, wie ich sie mir vorstelle.
Vladimir Molotow, mein Vater, ist stinkreich. Die Art von Reichtum, die in Russland nur durch besonders widerwärtige Mittel zustande kommt. Mama denkt, ich wüsste nicht, was für ein Mann er ist – zu was für Männern er meine älteren Brüder erzogen hat – aber ich weiß es. Ich höre schon mein ganzes Leben lang, wie sie sich mit Papa streitet. Kämpfe, die in den letzten Jahren immer schlimmer geworden sind, obwohl ich versuche, nicht daran zu denken.
»Wir sollten dich als Model arbeiten lassen«, sagt Mama und tritt zurück, um mich anerkennend zu mustern, und diesmal ziehe ich eine Grimasse.
Ich hoffe, sie sagt es nur, aber wie ich meine Mutter kenne, hat sie meine Bilder schon an eine Agentur geschickt.
»Wer kommt denn heute?«, frage ich, nur für den Fall, dass sie die Bilder noch nicht abgeschickt hat. Wenn ich sie ablenke, vergisst sie diese schreckliche Idee vielleicht ganz und gar. »Papas Geschäftspartner?«
»Ja, und …«
»Vera!« Papas tiefe Stimme dröhnt von unten herauf. »Wo bist du? Sie sind hier.«
Beim Klang ihres Namens streicht meine Mutter mit ihren Handflächen über ihr Kleid und berührt ihre kunstvoll geflochtene Hochsteckfrisur, um sicherzugehen, dass jedes einzelne glänzende braune Haar an seinem Platz ist. »Ich komme!«, ruft sie zurück und blickt mich mit einem stechenden Blick an. »Du kommst in einer halben Stunde runter, um alle zu begrüßen, verstanden? Behalte die Uhr im Auge und verlier dich nicht in deinen dummen Spielen. Das ist wichtig.«
Ich rolle mit den Augen. »Ja, ja.«
»Ich meine es ernst, Alina. Ich werde keine Zeit haben, hierherzukommen und dich aus deinem Zimmer zu zerren.«
»Ja, ich habe es verstanden. Los.« Ich mache eine scheuchende Bewegung mit meinen Händen. »Papa wartet.«
Mit einem letzten Blick aus verengten Augen auf mich geht sie, und ich lasse mich auf die Couch fallen und schalte mein Spiel ein.
* * *
Ich bin so damit beschäftigt, den nächsten Endgegner zu besiegen, dass ich nach fast einer Stunde auf die Uhr schaue. Hoppla. Ich laufe zum Spiegel, um mich zu vergewissern, dass mein Make-up nicht verschmiert ist, und dann verlasse ich den Raum, so schnell es die blöden Absatzschuhe zulassen.
Als ich den Flur hinuntergehe, höre ich Stimmengewirr und betrunkenes Gelächter aus dem unteren Stockwerk. Ich stelle mir vor, wie die alten Männer und ihre Frauen herausgeputzt und einparfümiert ihre schleimigen Trinksprüche sagen, während sie Wodka und Cognac in sich hineinschütten und die reichhaltigen Vorspeisen verschlingen, die unser Küchenchef Pavel zubereitet hat. Hier gibt es keinen einfachen Salat oliv’ye, sondern nur ausgefallenen Kaviar und französischen Gourmetkäse, wobei jedes Gericht sorgfältig ausgewählt wird, um unsere Macht und unseren Reichtum zu zeigen.
Ich komme gerade an Papas Arbeitszimmer vorbei, als die Tür aufschwingt und ein Mann vor mir heraustritt.
Erschrocken springe ich zurück, und mein linker Absatz landet unglücklich auf dem Teppich. Ich schreie auf und fuchtele mit den Armen, als mein Knöchel schmerzhaft unter mir einknickt. Bevor ich auf den Hintern fallen kann, ergreifen mich starke Hände an den Ellenbogen, stützen mich, und ich blicke in das dunkelste Augenpaar, das ich je gesehen habe.
Der Mann, der mich festhält, ist muskulös und groß. Er ist so groß, dass ich sogar in meinen Stöckelschuhen den Kopf anheben muss, um ihm in die Augen zu schauen. Und er ist jung. Jung genug, um ein Junge genannt zu werden. Seine Größe und die Breite seiner Schultern haben mich zunächst getäuscht, aber er kann nicht viel älter sein als mein Bruder Nikolai, der gerade zwanzig geworden ist.
Ich schlucke heftig, als die dunklen Augen mit schweren Augenlidern über mein Gesicht wandern und einen Moment auf meinen knallroten Lippen verweilen. Mein Herz klopft, und meine Haut fühlt sich seltsam warm an, besonders dort, wo seine Finger meine nackten Arme umfassen. Ich war noch nie so nah an einem Mann, der nicht mit mir verwandt ist, und obwohl dieser Junge nicht annähernd so gut aussieht wie meine Brüder, kann ich nicht aufhören, sein Gesicht mit den rauen, männlichen Zügen anzustarren. Er hat etwas Wildes an sich, etwas Ungezähmtes in den zerzausten schwarzen Locken, die ihm über die Stirn fallen, und in den scharfen, fast grausamen Linien seines Kiefers. Sogar sein Parfum mit seinen subtilen Noten von Kiefer und Leder erinnert mich an dunkle Winterwälder und die darin lauernden Gefahren.
»Geht es dir gut?«, fragt er leise. Das tiefe Timbre seiner Stimme ist die eines Mannes, nicht die eines Jungen. »Hast du dich verletzt?«
Ich schüttele den Kopf, und er lässt mich los. Ich trete sofort zurück. Meine Arme kribbeln dort, wo er mich festhält, und die kühle Luft, die über meine Haut streicht, bildet einen starken Kontrast zur Hitze seiner Berührung.
Er lässt seinen Blick über mich gleiten, und der ist eindeutig männlich und erwachsen. Seltsamerweise stört mich das nicht. Zum ersten Mal bin ich froh, dass ich aussehe wie siebzehn, vielleicht sogar achtzehn. Ich wünschte, ich sähe aus wie zwanzig. Ich ziehe meine Schultern zurück und stehe aufrechter, auch wenn mir unter dem engen Mieder des Kleides ein Rinnsal nervösen Schweißes den Rücken hinunterläuft.
Gefällt ihm, was er sieht? Weil ich es will. Ich will es unbedingt.
Seine Lippen verziehen sich verrucht, als sein Blick wieder auf mein Gesicht fällt. »Was ist los, Schönheit? Hast du deine Zunge verschluckt?«
Schönheit? Ihm gefällt, was er sieht! Dann setzt sich die Bedeutung seiner Worte in meinem Gehirn fest, und mir wird klar, dass ich ihn wie ein ehrfürchtiges Groupie schweigend angestarrt habe. Heiße Röte versengt mein Gesicht. »Natürlich nicht!«
Seine Augen verengen sich, das verruchte Grinsen verschwindet von seinen Lippen, und ich möchte mich unter dem Teppich verkriechen. Was für eine dumme, unreife Antwort. Schlimmer noch, die Worte kamen in einem Quietschen aus meinem Mund und lassen mich wie ein dummes Kind klingen anstatt wie eine junge Erwachsene in seinem Alter. Das werde ich auch bald sein. In etwa vier oder fünf Jahren.
Ich räuspere mich und lasse meine Stimme tiefer klingen. »Was zum Teufel machst du hier oben?«
So. Das klang vielleicht wie eine Achtzehnjährige. Eine selbstbewusste. Ich glaube, ältere Jungs mögen das.
Ein spekulatives Funkeln erscheint in seinen Augen, vermischt mit einem Hauch von Belustigung. »Was machst du hier oben?«
Ich schnaube. »Netter Versuch. Das da hinten ist mein Zimmer.« Ich strecke meinen Daumen in Richtung meines Schlafzimmers und werde zu Papa, wenn er am herrischsten ist. »Jetzt beantworte meine Frage. Was machst du im Büro meines Vaters?«
Seine Stimme wird eiskalt. »Deines Vaters?« Eine starre Maske legt sich über sein Gesicht, und alle Anzeichen von Jungenhaftigkeit verschwinden aus seinen Zügen. Der Mann, der mich jetzt ansieht, ist genauso dunkel und gefährlich wie die Vollstrecker meines Vaters. »Du bist Alina? Molotows dreizehnjährige Tochter?«
»Ich bin fast vierzehn!« Verdammt, das hörte sich an, als wäre ich gerade einmal zehn Jahre alt. So viel dazu, ihn davon zu überzeugen, dass ich ungefähr so alt bin wie er, wie alt auch immer das ist. Unter Berufung auf Generationen von Molotow-Arroganz frage ich so hochmütig, wie es mir möglich ist: »Wie alt bist du?«
In Wahrheit bin ich mir nicht sicher, ob ich das noch wissen will. Oder irgendwo in seiner Nähe sein will. Während mich der Junge fasziniert hat, macht mir der Mann Angst. In seinen dunklen, fast schwarzen Augen liegt Spott, als er mich jetzt anblickt. Spott und etwas anderes … etwas Beängstigendes.
Seine Stimme wird tödlich leise. »Das geht dich nichts an, kleines Mädchen. Lauf zu deinem Vater und sag ihm, dass sein Plan nicht funktioniert hat. Ich werde den Köder nicht schlucken, auch wenn er noch so hübsch verpackt sein mag.«
Köder? Was will er damit …?
Dann dämmert es mir. Er meint mich.
Ich bin der hübsch verpackte Köder.
Mein Gesicht wird wieder heiß, aber dieses Mal aus reiner, ungebremster Wut. »Fick dich. Ich bin kein Köder.«
»Bist du das nicht?« Er lässt seinen Blick über mich gleiten und verzieht grausam seine Lippen. »Warum sollten sie dich sonst so angezogen vorführen?«
»Niemand führt mich vor!« Ich möchte ihn ohrfeigen. Ich möchte ihm die Augen auskratzen. Mama mag es zwar, wenn ich hübsch aussehe, aber für sie und Papa ist es eine Statussache. Wie der Kaviar und der ausgefallene Käse. Meine Brüder müssen auch einen Anzug tragen, wenn wir Besuch haben – so sind wir eben erzogen worden. Wütend lasse ich meinen Blick über ihn gleiten, vom Scheitel seiner schwarzen Haare bis zu den glänzenden Spitzen seiner Schuhe. »Führen sie dich vor?«
Denn er ist auch in Abendgarderobe gekleidet. Ich bin so sehr daran gewöhnt, Männer in Smokings und Anzügen zu sehen, dass ich seine Kleidung zuerst gar nicht wahrgenommen habe. Aber sie ist schön, genauso schick wie alles, was mein Vater und meine Brüder tragen. Sein schwarzes Smokingjackett schmiegt sich an seine breiten Schultern, bevor es sich in seiner schlanken Taille verjüngt, und seine Hose passt perfekt zu seinen langen, athletischen Beinen. Sein Hemd ist strahlend weiß und unterstreicht den olivfarbenen Ton seiner Haut und das kräftige Schwarz seiner Fliege. Und darüber – Moment, ist das ein Tattoo, das aus dem gestärkten Kragen seines Hemdes herausschaut?
Er lacht kurz und schrill auf, aber es klingt nicht amüsant, sondern wie grausamer Spott. »Du bist ein schlaues Kind, nicht wahr? Eine Molotowa im wahrsten Sinne des Wortes.«
Ich beiße die Zähne zusammen. »Ich bin kein Kind.« Dann verarbeite ich den zweiten Teil seiner Bemerkung, und ein seltsamer Verdacht keimt in mir auf. Ich verenge die Augen. »Wer bist du nochmal?«
Er verbeugt sich spöttisch vor mir. »Alexej Leonow, zu Ihren Diensten.«
Und nachdem er diese Bombe hat platzen lassen, macht er auf dem Absatz kehrt und geht zur Treppe, als hätte er jedes Recht, hier zu sein.
* * *
Ich stehe immer noch unter Schock, als Papa mich den Gästen vorstellt, die um den langen Esstisch sitzen, während Mama mir Blicke zuwirft, die Vergeltung für meine Verspätung versprechen. Keiner meiner Brüder ist heute hier. Nikolai dient in der Armee, Konstantin weigert sich strikt, zu diesen Veranstaltungen zu kommen, und Valery besucht die Sommerschule in Amsterdam. Gut für sie. Ich wünschte, ich wäre irgendwo anders als hier, mit ihm.
Alexej Leonow.
Er ist auch nicht allein hier. Sein Vater, Boris, ist heute Abend auch bei meinen Eltern zu Gast, was ungefähr so verrückt ist wie wenn die Montagues die Capulets zu Besuch hätten. Okay, vielleicht ist das zu dramatisierend – wir befinden uns nicht aktiv im Krieg mit den Leonows, und ich bin sicherlich keine Julia, aber unsere Familien sind alles andere als befreundet. Die Feindseligkeit reicht bis in die Zeit zurück, als Alexejs Großvater dem meinen Illoyalität gegenüber dem kommunistischen Regime vorwarf und ihn dadurch in ein sibirisches Arbeitslager schickte. Mein Großvater hat es nach zwei Jahren irgendwie geschafft, den Spieß umzudrehen, indem er ihn mit einer ähnlich erfundenen Anklage in ein Arbeitslager schickte.
Ja, die gute, alte sowjetische Art, Spaß zu haben.
Auf jeden Fall bedeuten die Leonows schlechte Nachrichten. Das wurde mir eingebläut, seit ich alt genug bin, um zu laufen. Sie mögen fast so reich und mächtig sein wie wir, aber sie sind nicht so kultiviert und geschliffen wie wir. Sie sind im Grunde genommen extrem wohlhabende Verbrecher, die ihren Reichtum auf eine noch widerwärtigere Weise erworben haben als wir. In der Vergangenheit wurde viel Blut zwischen den Untergebenen unserer Familien vergossen, und in den letzten Jahren kam Papa oft schlecht gelaunt nach Hause, weil die Leonows etwas getan hatten, zum Beispiel ihn bei einem Geschäft unterboten oder eine Fabrik sabotiert hatten.
Das heißt, ich habe keine Ahnung, warum die Leonows hier sind und warum Papa mich seinem Erzfeind vorstellt, als wären sie beste Freunde.
»… ist meine Jüngste«, sagt er stolz zu Boris, als ich wieder hinhöre. »Sie ist wunderschön, nicht wahr?«
»Sie wird ein Model werden«, mischt sich Mama ein. »Alle Agenturen sind an ihr interessiert.«
Scheiße. Sie hat die Bilder eingeschickt. Na ja, egal. Ich habe nicht die Absicht, zu modeln. Wenn ich groß bin, werde ich eine Videospielentwicklerin sein. Konstantin bringt mir bereits einige grundlegende Programmierkenntnisse bei.
»Ja, schön«, stimmt Boris mit kiesiger Stimme zu und mustert mich leidenschaftslos mit Augen, die so dunkel sind wie die seines Sohnes.
Ein Schauer läuft mir über den Rücken. Wenn Alexej mich gegen Ende ein wenig verängstigt hat, macht mir dieser Mann regelrecht panische Angst. Ich weiß jetzt, was ich in Alexejs Augen außer Spott gesehen habe. Ich weiß es, weil sein Vater es ausstrahlt.
Grausamkeit. Dunkelheit. Ich fühle es so deutlich wie die kalte Berührung einer Klinge.
Jetzt, wo ich den Mann treffe, glaube ich jedes gruselige Gerücht über ihn – und über seine Söhne. Vor allem Alexej, dem älteren von beiden.
Ich habe versucht, ihn nicht anzusehen, aber irgendetwas zieht meinen Blick immer wieder zu seinem Gesicht – einem Gesicht, das so hart und teilnahmslos ist wie das seines Vaters. Es gibt keine Spur von Erkennen in seinen kalten, dunklen Augen, keinen Hinweis darauf, dass wir uns schon einmal begegnet sind und dass er mich davor bewahrt hat, auf den Hintern zu fallen, und dass er mich Schönheit genannt hat.
Wenn ich nur daran denke, kribbelt es in meinen Armen, wo er mich angefasst hat.
Eigentlich sollte ich Papa erzählen, dass ich Alexej oben in seinem Büro gesehen habe, aber aus irgendeinem Grund bringe ich es nicht über mich, das zu tun. Alles an dieser Begegnung hat mich so verunsichert, dass ich nur noch diese Vorstellung überleben und mich in meinem Zimmer verstecken möchte.
Leider ist das nicht der Fall. Sobald die Vorstellungsrunde vorbei ist, muss ich mich neben Mama an den Tisch setzen, während Papa eine lange Ansprache über Partnerschaften, Freundschaften und allen möglichen Blödsinn hält. Noch schlimmer ist, dass ich die ganze Zeit den Drang bekämpfen muss, Alexej anzustarren, der so tut, als würde ich nicht existieren. Er ignoriert mich völlig und unterhält sich mit einem Mann mittleren Alters, der rechts neben ihm sitzt. Ivan irgendwas, ein Politiker, glaube ich. Die meiste Zeit der Vorstellungsrunde bin ich mit meinen Gedanken woanders.
Mama tischt mir etwas zu essen auf und schenkt mir ein Glas Wein ein, damit ich mit den Erwachsenen anstoßen kann. Ich nehme pflichtbewusst einen Schluck, als Papa endlich mit dem Toast fertig ist, und dann stochere ich die nächste halbe Stunde in meinem Essen herum, da ich keinen Appetit mehr habe.
»Alinochka, warum isst du nichts?«, fragt Mama mit einem Stirnrunzeln, als sie es bemerkt.
Ich zucke mit den Schultern. »Du willst doch, dass ich ein Model werde, oder nicht? Models essen nicht.«
Sie wirft mir einen finsteren Blick zu, und ich weiß, dass sie mir den Kopf abreißen würde, wenn nicht so viele Leute um uns herumsäßen. Sie lächelt, als hätte ich gerade einen Witz gemacht, und wechselt das Thema auf unseren bevorstehenden Urlaub auf Zypern.
Ich stochere noch ein bisschen in meinem Essen herum, vor allem für Pavel, der hart gearbeitet hat, um diese Gerichte zuzubereiten, und dann entschuldige ich mich, um auf die Toilette zu gehen. Ich hoffe, dass es niemand merkt, wenn ich nicht zurückkehre. Inzwischen sind die meisten Leute hier schon sturzbetrunken wegen der ständigen Trinksprüche.
Die meisten, aber nicht alle. Als ich gehe, sehe ich Alexejs Augen auf mich gerichtet – eisig dunkel und nicht im Geringsten angetrunken.
Ich schätze, er weiß, dass ich existiere.
Meine Brust fühlt sich eng an, als ich die Treppe hochgehe und in mein Zimmer eile. Erst als ich die Tür hinter mir schließe, kann ich wieder richtig durchatmen. Ich lasse mich auf die Couch fallen, setze die Ohrhörer ein und schalte mein Spiel ein, aber es hilft nicht.
Als ich zwei Stunden später einschlafe, denke ich immer noch an unsere Begegnung, fühle mich immer noch unruhig und seltsam verunsichert.