Kapitel 3 – Eis im Schweigen

1301 Worte
Ich war schon eine halbe Stunde vor der verabredeten Zeit am Brunnen eingetroffen. Irgendwie hatte ich es nicht länger Zuhause ausgehalten, wodurch ich sofort losgegangen war, als ich mit meinen Hausaufgaben fertig gewesen war. Nein, ich war viel zu aufgeregt, um Zuhause auf die richtige Uhrzeit zu warten. Wir hatten so viel Zeit zusammen. Erst würden wir ein Eis essen gehen und dann vielleicht noch ein wenig durch die Straßen schlendern. So viele Dinge wollte ich von dir erfahren. „Hey, Basti.“ Ich hörte deine Stimme und im nächsten Moment warst du schon neben mir, wobei du mich leicht anlächeltest. „Mist. Eigentlich hatte ich gehofft, dass ich vor dir da sein würde. Anscheinend habe ich mich getäuscht. Wie lange wartest du schon?“ „Nicht lange. Ich bin auch gerade erst gekommen.“ Ich winkte ab und lächelte leicht, wobei ich mich nun vom Brunnen abstieß und neben dich trat. Ich war sogar größer als du. Einen ganzen Kopf. „Das ist gemein, dass du so groß bist.“ Ich hörte dich grummeln, doch ich lächelte sanft: „Du hättest dich halt nicht so früh dazu entschließen dürfen, mit dem Wachsen aufzuhören.“ „Als hätte ich das festlegen dürfen.“ Du strecktest dich neben mir. „Ich habe es mir auch nicht ausgesucht. Die Größe ist manchmal sehr hinderlich. Deine wäre mir um einiges lieber. Könnten wir es, würde ich sofort mit dir tauschen“, meinte ich gelassen. Erneut erklang dein Lachen, wobei du mich ruhig ansahst. „Dir wird die Größe bestimmt dann fehlen. Nein, eigentlich ist es gut, so wie es gekommen ist. Deine Beine würden komisch aussehen, wenn du kleiner wärst.“ „Vielleicht.“ Ich zuckte mit den Schultern und nach wenigen Schritten kamen wir schließlich bei der Eisdiele an, die ich gerne mit Cathy besuchte, wodurch mich der Besitzer kurz neckisch begrüßte: „Na, wo hast du denn deine temperamentvolle Freundin gelassen?“ „Bei sich Zuhause, schätze ich.“ Ich müsste lügen, wollte ich behaupten, dass es mich in jenem Moment interessierte, was sie tat. Du warst einfach wichtiger für mich, wodurch wir uns beide jeweils einen Eisbecher bestellten und dann darauf warteten, dass man sie uns brachte. „Und? Was machst du sonst noch, außer ins Kino zu gehen oder irgendwelche Strecken zu laufen?“, begannst du sofort ein Thema, wodurch ich leicht lächelte. „Ist das nicht genug? Nun ja, ich bin eigentlich gerne Zuhause und lese ein gutes Buch oder Comic. Auch beschäftige ich mich gerne mit Computern. Und was machst du neben Kino und Skateboard fahren?“ „Hab ich da überhaupt noch Freizeit? Nicht wirklich. Aber wenn das Wetter schlecht ist, dann spiel’ ich eigentlich gern ein gutes Computerspiel oder Gemeinschaftsspiel, wenn genügend Leute greifbar sind.“ Erneut dein Lächeln. Ich hätte nicht gedacht, dass es wirklich so einfach sein würde, mit dir in Kontakt zu treten. Aber es war nun einmal da: Ein Band, das uns unsichtbar aneinander kettete. „Oh, ein Zocker.“ Ich hob eine Augenbraue, wobei ich schelmisch grinste. „Was für Spiele spielst du denn?“ „Nun ja, gerne Rollen- oder Adventurespiele. Sonst gerne auch mal ein Strategie- oder Simulationsspiel, wenn ich mal ein wenig Abwechslung möchte.“ Du zucktest mit den Schultern und gabst die Frage zurück: „Welche Bücher findet man bei dir im Regal?“ „Thriller, Krimi und normale Romane. Also nichts Besonderes.“ Auch ich zuckte am Ende meiner Aussage mit den Schultern und schließlich kamen unsere Eisbecher, wodurch wir ruhig damit begannen, zu essen. „Wo siehst du dich in zehn Jahren?“, stelltest du eine Frage, die mich zunächst ein wenig überraschte, bevor ich dann kurz überlegte, um schließlich zu antworten: „Nun ja, darüber habe ich eigentlich noch nie so wirklich nachgedacht. In zehn Jahren sollte ich meinen Abschluss in der Tasche haben. Vielleicht ein gemeinsames Zuhause mit dem Menschen, den ich liebe, bewohnen.“ „Den Menschen, den du liebst? Stehst du denn nicht nur auf Frauen?“ Du sahst mich irritiert an und ich schluckte kurz, bevor ich dann mit den Schultern zuckte. „Nein, ich finde beide Geschlechter reizvoll.“ Mein Herz schlug gegen meine Brust. Hart und unnachgiebig, wobei ich spürte, wie meine Handinnenflächen feucht wurden. Ich hatte Angst, dass ich nun alles verdorben hätte. Schließlich wusste ich, wie die meisten Männer auf dieses Thema reagierten. „Interessant. Ich begegne selten einem Jungen, der offen zugibt, bi zu sein.“ Ich hörte deine Stimme und ein Stein fiel mir vom Herzen, wobei ich ein erleichtertes Lächeln nicht verhindern konnte. „Ich weiß, ist auch nicht so einfach, dazu zustehen.“ „Traurig irgendwie. Na ja, gibt es einen solchen Menschen im Moment in deinem Leben?“, stelltest du schon die nächste Frage, wobei ich kurz stockte und dann überlegte, was ich antworten sollte: „Ich bin im Moment Single.“ „Komisch. Ich hätte damit gerechnet, dass so ein Kerl wie du, schon längst vergeben wäre. Du kannst dich wahrscheinlich vor Angeboten kaum retten.“ Du schobst dir einen Löffel voller Eis in den Mund und ich musste erneut leicht lächeln. „Ja, vielleicht. Aber niemand, der mich interessiert. Um s*x zu haben, brauche ich ja keine Beziehung.“ Etwas veränderte sich in deinem Blick. Irgendwas starb dort. Ich wusste nur nicht, ob das gut war oder nicht, wodurch du erneut einen Löffel nahmst und ich ebenfalls ein wenig weiter aß. Wir schwiegen eine gefühlte Ewigkeit. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte und als ich mich dazu durchgerungen hätte, dich ebenfalls nach deinem Liebesleben zu fragen, durchbrachst du selbst die Stille: „Hast du es schon einmal mit einem Mann getrieben?“ Die Frage war eigentlich viel zu privat, doch ich wollte ja selbst, dass du der Mensch wurdest, der alles über mich wusste, wodurch ich sanft den Kopf schüttelte. „Nein. Hat sich bis jetzt nicht ergeben.“ „Hm. Woher weißt du dann, dass du auf Kerle stehst?“, kam prompt die nächste Frage und ich seufzte kurz: „Nun ja, weil mich die Vorstellung daran nicht wirklich abschreckt oder abturnt. Es gab schon den ein oder anderen Mann, bei dem ich mir mehr vorstellen konnte als Freundschaft. Aber nun ja, hat sich halt nicht ergeben. Wie sieht’s bei dir aus? Vergeben oder frei? Mann oder Frau?“ „Im Moment bin ich Single und nun ja, mit Frauen kann ich nur sehr wenig anfangen.“ Du zucktest wieder mit den Schultern und erneut spürte ich, wie mein Herz schneller schlug. Oh mein Gott, du warst auch noch schwul. Es konnte nicht besser werden. Jetzt musste ich dich nur noch von mir überzeugen. „Musst du ja auch nicht“, meinte ich ruhig, um deine Anspannung ein wenig zu lösen, wobei du mich unsicher ansahst. „Warum reagierst du so locker darauf?“ „Warum nicht? Ich weiß die Vorzüge von Männern auch zu schätzen. Also kann ich mich darüber ja nicht beschweren, oder?“ Ich versuchte dich weiter ein wenig aus der Reserve zu locken, wobei ich dich sanft anlächelte. „Hast auch wieder Recht“, kam es kleinlaut über deine Lippen und erneut nahmst du einen Löffel Eis in deinen Mund, wobei ich nicht verhindern konnte, dass ich deine Zunge dabei beobachtete, wie sie genüsslich über deine Lippen glitt. Wie sehr wünschte ich mir, dass ich mit diesem Muskel spielen konnte? Doch ich schluckte nur trocken und aß selbst weiter, bis erneut deine Stimme zu mir durchdrang. „Du bist ein richtig guter Mensch, Basti. Ich bin froh, dass ich an dich geraten bin. Ich glaube, dass du mir noch sehr gut tun wirst.“ Erneut lächelten wir uns an und aßen dann schweigend weiter. Genossen einfach die Anwesenheit des anderen und versanken in unseren eigenen Gedanken…
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