Der Auktionsblock-1b

1226 Worte
*PRÄSENTIERT: HINTER DER BÜHNE, ANWESEN DER MONTGOMERYS* „Los Nummer fünf, Sie sind dran.“ Ein Mädchen mit roten Haaren und Sommersprossen ging auf den Bühneneingang zu. Sie blickte noch einmal zurück – ein kurzer, verängstigter Blickkontakt mit Lysandra –, dann verschwand sie hinter dem Vorhang. Die gedämpfte Stimme des Auktionators drang herein: „*Los Nummer fünf. Dreiundzwanzig Jahre alt. Ausbildung: NYU, Abschluss in Bildender Kunst. Hintergrund: Unbescholten. Besondere Merkmale: Erfahrung als Model, spricht drei Sprachen fließend…*“ Er zählte sie auf wie Vieh. Lysandras Magen drehte sich um. Was zum Teufel tat sie da? Das war Wahnsinn. Illegal. Unmoralisch. Doch Elaras letzte SMS hatte sich in ihr Gedächtnis eingebrannt: *„Behandlungsbeginn für Montag, falls du die Finanzierung auftreibst. Dr. Shaw meint, ich habe maximal zwei Wochen Zeit, sonst ist es zu spät. Ich liebe dich, Lys. Pass bitte auf dich auf, was auch immer du tust.“* Zwei Wochen. Die Auktion war heute Abend. Die Behandlung war am Montag. Der Zeitplan war zu perfekt, um Zufall zu sein – dafür hatte Lysandra gesorgt. Sie hatte sich vor drei Wochen für die Auktion beworben. Die Sicherheitsüberprüfung bestanden. Die medizinischen Untersuchungen absolviert. Vorverträge unterschrieben. Jede noch so erniedrigende Hürde genommen. Alles für diesen Moment. Los Nr. 5 kam durch den Vorhang zurück. Rote Augen. Zitternd. „Verkauft?“, fragte jemand. Sie nickte. „Vierhundertfünfzigtausend.“ Ein kollektives Aufatmen. Das war gutes Geld. Geld, das das Leben verändern konnte. Aber keine zwei Millionen. Nicht genug für die Schweiz. Nicht genug für Elara. Lysandra brauchte einen Käufer mit tieferen Taschen. Sie brauchte ein Wunder. „Los Nummer sechs.“ Die schöne, ältere Frau schritt auf die Bühne zu, als gehöre sie ihr. Selbstsicher. Unbekümmert. Sie hatte das schon einmal gemacht, erkannte Lysandra. Oder etwas Ähnliches. Die gedämpfte Auktion begann von Neuem. Lysandra schloss die Augen und zählte ihre Herzschläge. *Eins. Zwei. Drei.* *Das ist für Elara.* *Vier. Fünf. Sechs.* *Sechs Monate lang kannst du alles überstehen.* *Sieben. Acht. Neun.* *Du warst dein ganzes Leben lang unsichtbar. Was machen da schon sechs weitere Monate Nichtexistenz aus?* Los Nummer 6 kehrte zurück. Lächelnd. „Achthundertneunzigtausend“, verkündete sie und überprüfte ihr Handy, als hätte sie gerade einen wichtigen Geschäftsabschluss erzielt. Jemand pfiff. „Nicht schlecht für einen Abend.“ Die Frau zuckte mit den Achseln. „Dieser blöde reiche Kerl. Ich kauf mir eine Eigentumswohnung und verschwinde nach sechs Monaten. Er wird mich nie finden.“ Margot warf ihr einen warnenden Blick zu. „Das ist Vertragsbruch –“ „Was will er denn machen? Mich verklagen? Mich vor Gericht zerren und zugeben, dass er eine Frau auf einer illegalen Auktion gekauft hat?“ Sie lachte. „Reiche Männer und ihr Ego. Macht sie so leicht manipulierbar.“ Lysandra merkte sich das. Sechs Monate. Dann Freiheit. Sie konnte das schaffen. Sie *musste* das schaffen. „Losnummer sieben.“ Die Worte fielen wie Steine. Lysandras Beine bewegten sich wie von selbst. Margot rückte ihr Kleid ein letztes Mal zurecht – rote Seide, die Kurven betonte, von denen Lysandra gar nicht wusste, dass sie sie hatte. Ein Kleid, das mehr kostete als ihre Lehrbücher. Ein Kleid, das *teuer* ausstrahlte, ohne ein Wort zu sagen. „Du siehst wunderschön aus“, sagte Margot. Und einen Moment lang klang sie fast aufrichtig. „Denk daran: Lächeln, Blickkontakt halten, langsam gehen. Sie kaufen dir nicht deine Angst ab. Sie kaufen dein Potenzial. Zeig ihnen, dass du die Investition wert bist.“ *Investition.* Nicht menschlich. Investition. Lysandra atmete tief ein. Der Duft schmeckte nach teurem Parfüm und ihrer eigenen Angst. Dann trat sie durch den Vorhang. --- **DIE BÜHNE** Die Scheinwerfer trafen sie wie ein Schlag. Blendig. Heiß. Bewusst, um zu desorientieren. Sie konnte nichts sehen, was hinter der Bühne lag. Nur Dunkelheit, gefüllt mit Formen. Schatten. Anonymisierter Reichtum. Ihr Herz hämmerte so heftig gegen ihre Rippen, dass sie dachte, sie würden brechen. *Lächeln.* Sie lächelte. *Blickkontakt.* Sie starrte ins Leere und tat so, als ob sie die siebenundvierzig Augenpaare nicht spürte, die sie wie ein Präparat musterten. Der Auktionator stand zu ihrer Linken – ein älterer Mann im Smoking, silbernes Haar, eine Stimme wie abgestandener Whisky und Zigaretten. „Los Nummer sieben“, verkündete er, sein Tonfall so beiläufig, als würde er Möbel verkaufen. „Einundzwanzig Jahre alt. Ausbildung: Columbia University, Hauptfach Anglistik. Hintergrund: einwandfrei. Krankengeschichte: ausgezeichnet. Besondere Merkmale: keine früheren Beziehungen, keine Angehörigen, hochintelligent, fließend Englisch und Französisch.“ Er zählte ihr Leben in Stichpunkten auf. Einundzwanzig Jahre auf einen Absatz reduziert. Sie wollte schreien. Stattdessen drehte sie sich langsam um – eine volle Umdrehung, wie Margot es ihr geraten hatte – und bot den gesichtslosen Bietern einen vollständigen Blick. *Das bin ich. Das ist es, was Sie kaufen. Ein Mädchen. Einen Körper. Ein Leben.* Der Auktionator fuhr fort: „Startgebot: fünfzigtausend Dollar.“ Stille. Lysandras Brust schnürte sich zusammen. Was, wenn niemand – „Fünfzigtausend.“ Eine Stimme aus der Dunkelheit. Männlich. Gelangweilt. Erleichterung durchflutete sie so schnell, dass sie beinahe stolperte. „Sechzigtausend.“ „Fünfundsiebzig.“ „Einhundert.“ Die Gebote stiegen. Langsam. Qualvoll. Jede Zahl erinnerte sie daran, dass sie gekauft wurde. Bewertet. Mit einem Preis versehen. „Einhundertfünfzigtausend.“ „Zweihunderttausend.“ Lysandras Atem wurde flacher. *Nicht genug. Immer noch nicht genug.* „Zweifünfzig.“ „Dreihundert.“ Das Bieten verebbte. Dreihunderttausend war gut. Für die meisten Menschen lebensverändernd. Aber Elara brauchte zwei Millionen. *Los. Bitte. Irgendjemand.* „Dreiundzwanzigtausend.“ „Dreifünfzigtausend.“ Dann – Stille. Der Auktionator wartete. „Dreihundertfünfzigtausend. Zum ersten Mal –“ Lysandras Welt geriet ins Wanken. *Nein. Nein, das darf nicht sein. Das darf nicht sein –* „Zum zweiten Mal –“ Ihre Sicht verschwamm. *Elara. Es tut mir leid. Ich habe es versucht. Ich habe es so sehr versucht –* Dann. Eine Stimme. Tief. Kalt. Endgültig. Sie durchschnitt die Stille wie eine Klinge Seide. „**Eine Million Dollar.**“ Der Saal schnappte nach Luft. Selbst der Auktionator stockte. „Ich – entschuldigen Sie, Sir, das aktuelle Gebot liegt bei nur dreihundertfünfzig –“ „**Eine Million. Letztes Gebot.**“ Wieder die Stimme. Ruhig. Bestimmt. Absolut. „**Verschwenden Sie nicht meine Zeit.**“ Lysandra rang nach Luft. Konnte nicht denken. Konnte es nicht begreifen. *Eine Million.* *Eine Million Dollar.* *Für sie.* Der Auktionator fasste sich schnell wieder. „Eine Million Dollar von Bieter Nummer zwölf. Gibt es Gegengebote?“ Er hielt inne. Niemand sagte etwas. Der Raum war totenstill. „Zum ersten Mal …“ Lysandras Herz setzte aus. „Zum zweiten Mal …“ Sie wusste nicht, ob sie gerettet oder zerstört wurde. „**Verkauft.**“ Der Hammer fiel. Der Klang hallte in ihrer Brust wider wie ein zufallender Sargdeckel. „Los Nummer sieben. Verkauft an Bieter Nummer zwölf. Eine Million Dollar.“ Das Licht wurde gedimmt. Lysandra stand wie erstarrt da. Sie war verkauft worden. In weniger Zeit als ein Kinobesuch dauerte, war ihre Zukunft versteigert, gekauft, in Besitz genommen worden. Eine Hand berührte ihren Ellbogen – Margot führte sie von der Bühne, als würde sie jeden Moment zusammenbrechen. Vielleicht würde sie es ja. Ihre Beine fühlten sich an wie Wasser. Hinter der Bühne starrten die anderen Mädchen. „Eine Million?“, flüsterte jemand. „Wer zum Teufel bietet denn so viel?“ „Muss jemand *wirklich* reich sein. Oder wirklich verzweifelt.“ Margot reichte Lysandra eine Karte. Dickes Papier. Geprägte Schrift.
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