Anfang: Die Autofahrt. Stille. Manhattan verschwimmt vorüber. Lysandra verarbeitet den Schock. Cassian beobachtet sie mit beunruhigender Konzentration.
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**Die Autofahrt. Stille. Manhattan verschwimmt vorüber. Lysandra verarbeitet den Schock. Cassian beobachtet sie mit beunruhigender Konzentration.**
Sie spürte seinen Blick auf sich.
Nicht ständig. Nicht offensichtlich. Aber so, wie man es merkt, wenn man beobachtet wird – die Aufmerksamkeit wie Hitze auf der Haut.
Lysandra starrte aus dem Fenster. Straßenlaternen blitzten rhythmisch auf. Gelbe Taxis. Fußgänger. Normale Menschen, die normale Samstagnächte verbrachten. In Bars gingen. In Restaurants. Nach Hause in ihre eigenen Wohnungen.
Wohin sie fuhr, wusste sie nicht.
Nun ja. Das stimmte nicht ganz.
Sie fuhr zu Cassian Vales Haus.
Sie wusste nur noch nicht, was das bedeutete.
Die Auktion kam ihr jetzt wie ein Fiebertraum vor. Hatte sie wirklich auf einer Bühne gestanden, während Fremde auf sie geboten hatten? Hatte tatsächlich jemand *eine Million Dollar* für sechs Monate ihrer Zeit bezahlt?
Hatte sie dem wirklich zugestimmt?
Ihr Spiegelbild im Autofenster wirkte wie das einer Fremden. Rotes Kleid. Professionelles Make-up. Die Haare waren in Wellen gestylt, für deren Perfektionierung die Stylistin des Auktionshauses fünfundvierzig Minuten gebraucht hatte.
Sie sah teuer aus.
Fühlte sich verkauft.
„Du bist still“, sagte Cassian.
Die ersten Worte, seit sie vor zehn Minuten das Anwesen der Montgomerys verlassen hatten.
Lysandra sah ihn nicht an. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“
„Du könntest mit Fragen anfangen. Ich bin sicher, du hast welche.“
*Wo fahren wir hin? Was willst du von mir? Warum hast du so viel bezahlt? Was meintest du vor fünf Jahren mit dem Sandwich? Wirst du mir wehtun? Mich ausnutzen? Mich zerstören?*
Sie entschied sich schließlich für: „Wo wohnst du?“
„Vale Tower. Midtown. Wir sind fast da.“
Sie kannte das Gebäude. Jeder in Manhattan kannte den Vale Tower – 68 Stockwerke aus Glas und Stahl und obszönem Reichtum. Er war im *Architectural Digest* abgebildet gewesen. Allein das Penthouse war über 50 Millionen Dollar wert.
Natürlich würden sie dorthin fahren.
„Du hast dein eigenes Zimmer“, fuhr er fort, in einem beiläufigen Ton, als würden sie über das Wetter plaudern. „Dein eigener Bereich. Privatsphäre. Ich werde nicht ohne Erlaubnis eintreten.“
„Aber du besitzt mich.“
Sie sagte es emotionslos. Sie testete die Worte. Spürte, wie sie sich anfühlten.
Sie fühlten sich an wie Asche.
„Ich habe deine Zeit gekauft“, korrigierte er. „Nicht dich. Das ist ein Unterschied.“
„Wirklich?“
Er antwortete nicht sofort. Er beobachtete sie nur mit diesen sturmgrauen Augen, die durch Haut und Knochen hindurch direkt die Panik darunter zu erkennen schienen.
Schließlich: „Ja. Und du wirst es lernen. In den nächsten sechs Monaten.“
Sechs Monate.
183 Tage.
4.392 Stunden.
Drei Wochen lang hatte sie besessen gerechnet, während sie auf diesen Abend wartete. Sie zählte die Zeit herunter wie eine Gefängnisstrafe.
Denn genau das war es.
Eine wunderschöne, teure, freiwillige Gefängnisstrafe.
Der Wagen bog in eine breite Allee ein. Die Energie Manhattans am Samstagabend umgab sie – überall Menschen, lebendig, laut und *frei*.
Lysandra war einst eine von ihnen.
Jetzt war sie hinter getönten Scheiben. Abgetrennt. Anders.
Besitz.
*Nein. Nicht Besitz. Zeit. Er hat deine Zeit gekauft.*
Aber Zeit war alles, was jeder hatte. Sie zu verkaufen, fühlte sich an, als würde man sich selbst verkaufen.
„Erzähl mir von deiner Schwester“, sagte Cassian.
Lysandras Kopf schnellte zu ihm herum. „Was?“
„Elara. Dreiundzwanzig Jahre alt. Akute lymphatische Leukämie. Diagnose vor vierzehn Monaten. Behandlung im Mercy General, bis die Versicherung vor drei Monaten die experimentellen Behandlungsprotokolle nicht mehr übernahm. Vor zwei Wochen ins St. Catherine’s verlegt, nachdem Sie private Mittel gefunden hatten.“ Er trug die Fakten vor, als läse er einen Bericht vor. „Erzählen Sie mir von ihr. Nicht von ihrer Krankengeschichte. Von ihr selbst.“
„Woher wissen Sie das alles?“
„Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, das herauszufinden.“
Diese beiläufige Aussage ließ ihr einen Schauer über den Rücken laufen.
„Sie haben mich durchleuchtet.“
„Gründlich.“
„Das ist …“ Sie suchte nach dem Wort. „Invasiv.“
„Ja.“
Keine Entschuldigung. Keine Ausrede. Nur Zustimmung.
Lysandra starrte ihn an. „Warum?“
„Weil ich keine Millioneninvestitionen ohne Recherche tätige.“
*Investition.*
Da war es wieder, dieses Wort.
Sie wandte sich wieder dem Fenster zu. „Elara ist brillant. Klüger als ich. Sie hat an der Columbia Medizin studiert. Neurowissenschaften. Einser-Notendurchschnitt. Sie wollte Chirurgin werden. Leben retten.“ Die Vergangenheitsform fühlte sich falsch an. „Will werden. Wird werden. Nach der Behandlung.“
„Du bist nah dran.“
„Sie ist alles, was mir geblieben ist.“
„Deine Mutter ist vor vier Jahren gestorben. Autounfall. Mit neunzehn wurdest du Elaras Vormund. Hast dein Studium auf Teilzeit reduziert. Drei Jobs angenommen.“ Immer noch zählte sie Fakten auf. Ihr Leben klang immer noch wie eine Tabelle. „Du kümmerst dich seitdem um sie.“
„Ja.“
„Deshalb bist du hier.“
Es war keine Frage, aber Lysandra antwortete trotzdem. „Ja.“
„Du würdest alles für sie tun.“
„Ja.“
„Sogar dich selbst versteigern.“
Die Direktheit traf sie wie ein Schlag.
„Ja“, flüsterte Lysandra.
Stille.
Dann leise: „Diese Art von Liebe ist selten.“