Kapitel 3 „Hereinbrechende Dunkelheit”
Shinbe landete hinter Toya, war gerade angekommen, als Kyou und Kyoko verschwanden. Die anderen landeten hinter ihm, während sie zusahen, wie Toyas mächtige Aura sich in fluoreszierend blauen Wellen um ihn ausdehnte.
Kamuis Gesicht zeigte den Schrecken über das, was er gerade gesehen hatte, als die violetten Strähnen in seinem ungebändigten Haar in dem Wind von Toyas Machtausbruch flatterten. Seine Augen schienen mit jedem verwirrten Herzschlag ihre Farbe zu verändern. „Kyoko?“ Seine Stimme klang atemlos, als seine Unterlippe rebellisch zitterte. Glitzernder, bunter Staub fiel von seinen durchsichtigen Flügeln, als er sie ausbreitete und mit einem kräftigen Flügelschlag denjenigen verfolgen wollte, der ihnen Kyoko weggenommen hatte.
Ein Blitz zeigte die Umrisse der dunklen Flügel des Feindes, als dieser sich Kamui in den Weg stellte. Hyakuheis langes, nachtschwarzes Haar hob sich in dem Aufwind, der durch seine plötzliche Landung entstanden war. Seine ebenholzschwarzen Augen hielten Kamuis Blick fest, sodass der Beschützer seinen überstürzten Aufbruch ruckartig abbrach.
„Armes Kind… hast du etwas verloren?“ Hyakuheis Stimme enthielt einen mitfühlenden Unterton, aber seine schwarzen Augen verrieten seine wahren Absichten. Er schwebte vorwärts und streckte seine Hand aus, um Kamuis blasse Wange zu berühren, dann lachte er, als der Beschützer mehrere Schritte rückwärts eilte, um dem Kontakt zu entgehen.
„Immer so zappelig.“ Die anderen Beschützer ignorierend, die noch stehengeblieben waren, näherte sich Hyakuhei wieder dem Jungen mit den funkelnden Augen, der sich weiter von ihm entfernte. „Komm schon, Kamui, wie willst du mich jemals wirklich besiegen… wenn du deine Priesterin nicht bei dir hast?“ Er kannte die Ängste des Jungen besser als sonst irgendjemand. Seine Lippen deuteten ein sadistisches Lächeln an. Schließlich… war er derjenige, der Kamui all diese Ängste beigebracht hatte.
Kamui erstickte fast an der Panik, die jede Sekunde weiter in ihm aufstieg. Das Monster vor ihm zu sehen, war fast so schlimm, wie das versteckte Monster in ihm zu fühlen… den Traumdämon. Er konnte ihn dort vor ihm, hinter dem Gesicht seines Feindes fühlen. Erinnerungen von Albträumen, die er längst verdrängt hatte, kamen zurück und er kämpfte gegen den Drang an, vor dem Mann vor ihm zu fliehen.
Als er fühlte, wie Kamuis Angst von ihm ausströmte, rief Shinbe. „Lass ihn in Ruhe, du Verräter!“ Er hob seinen Stab und nutzte seine Telekinese, um Steine und Dreck auf ihren Onkel zu schleudern, um diesen lange genug abzulenken, damit Kamui entkommen konnte.
Mit einer kurzen Handbewegung erzeugte Hyakuhei einen Schutzschild, von dem die Geschosse harmlos abprallten, und sein schwarzer Blick richtete sich wütend auf den violetten Beschützer. „Misch dich nicht in etwas ein, was du nicht verstehst, lieber Neffe.“
Kamui stellte sich neben die anderen und schob die finsteren Erinnerungen zurück, hoffte, dass sie noch lange verborgen bleiben würden. Sie waren seine Geheimnisse und er musste sie behalten. Kamui blinzelte… seine Augen verfärbten sich wieder zu ihren normalen, glitzernden Farben. Er würde sich nie daran erinnern, wozu Hyakuhei ihn zwingen wollte… er schielte auf die anderen Beschützer, wünschte sich, dass die Lüge wahr wäre.
Toya hatte genug gesehen und sein Geduldsfaden riss. So schnell, dass es für ein menschliches Auge nicht wahrnehmbar war, schien Toya einfach zu verschwinden und hinter Hyakuhei wieder aufzutauchen. Er schlang einen Arm um den Hals seines Feindes und knurrte: „Und was, zur Hölle, meinst du, kannst du dagegen tun… lieber Onkel?“
Hyakuheis Augen wurden zu schmalen Schlitzen, als ihm klar wurde, dass Toyas Wut eine Macht hervorgerufen hatte, die seiner eigenen ebenbürtig war. Nachdem er sah, dass Kamui vorerst außerhalb seiner Reichweite war, lächelte er verräterisch. „Wie willst du mich aufhalten, wenn du es nicht einmal schaffst, ein kleines Mädchen zu beschützen? Du hast schon verloren.“
Er wusste, er konnte die Priesterin noch immer mit den verführerischen Erinnerungen, die er tief in ihren Träumen versteckt hatte, quälen. Der Traumkobold würde dafür sorgen, dass ihre Verbindung bestehen blieb. Früher oder später… würde sie freiwillig zu ihm kommen. Kyou würde sie nicht lange haben. Er konnte sogar jetzt fühlen, wie sie schlief… darauf wartete, dass er in ihren Träumen zu ihr kam.
Mit einem gemeinen Lachen verschwand Hyakuheis Körper, ließ einen Toya zurück, der wieder nur vor Wut schreien konnte.
*****
Dunkelheit umgab Kyoko mit ihrer Schwere und irgendwie wusste sie, dass sie wieder schlief. Die Realität verblasste im Hintergrund und sie zog innerlich den Kopf ein, wusste, dass der Traum einen Weg gefunden hatte, sich fortzusetzen. Sie versuchte dagegen anzukämpfen… aufzuwachen, damit er sie nicht erreichen konnte, aber der Sog des Traumes war zur stark.
Zeit und Raum hatten keine Bedeutung, als der Traum für Kyoko wahr wurde. Ihr wurde warm, fast zu warm, und das Gefühl machte es schwer für sie, aufzuwachen. Sie bemühte sich, die Dunkelheit abzuschütteln, die sie so schwächte und die Kontrolle verlieren ließ. Als sie ihre Finger neben sich bewegte, fühlte sie ein weiches Fell. Sie wurde wach genug, um zu erkennen, dass sie auf einer Art Pelz lag.
Als sie ihre Augen öffnete, sah sie eine steinerne Decke, ehe ihr Blick über die Steinwände glitt, die sie umgaben. Sie war in irgendeiner Höhle. Licht flackerte in allen Farben um sie, von einem kleinen Feuer ausgehend, das wenige Meter entfernt war. Es war wahrlich atemberaubend, wie nur ein Traum sein konnte.
Sie versuchte sich aufzusetzen, aber bereute die Bewegung sofort, legte sich so langsam wie möglich zurück. Ihr Kopf schmerzte und sie war schwach… als wäre all ihre Kraft aus ihr gewichen. Was war geschehen?
Ihre Lippen öffneten sich, als die Erinnerungen langsam zurückkamen. Diesmal setzte sie sich schnell auf und kümmerte sich nicht um den Schmerz, dennoch hielt sie ihren Kopf in ihren Händen, in der Hoffnung, dass sich ihre Umgebung dann nicht mehr drehen würde.
Es sah aus, als wäre sie tief in der Erde, weil sie Kristallformationen an der Decke und an den Wänden sah. Sie erblickte nur einen Eingang und er war schmal, also erwärmte das Feuer den Raum sehr effektiv. Ohne Feuer wäre die Höhle bestimmt sehr kalt gewesen.
Während sie ihre Augen wieder schloss und sich ihre Schläfen rieb, versuchte sie, logisch zu denken. Der Schützende Herzkristall… Sie hatte ihn zerbrochen, um zu verhindern, dass Hyakuhei ihn bekam. Das war das Letzte, woran sie sich erinnerte. Als sie ihre Augen wieder öffnete, konnte sie klarer sehen.
Ihr Blick senkte sich zum Boden und sie erkannte, dass sie auf einem nachtschwarzen Fell lag. Kyoko stöhnte. Hyakuhei hatte sie. Sie wusste es. Wieso sonst sollte sie auf etwas liegen, das aussah, wie ein schwarzer Fellmantel, in einem Loch tief in der Erde… nur Hyakuhei konnte so bescheuert sein.
Sie wollte heulen, aber unterließ es, denn sie wusste, wenn sie der Angst nachgab… würde sie nie wieder aufhören zu weinen. Nachdem sie ihren Körper nach Verletzungen abgesucht hatte, um sich von ihrer Angst abzulenken, musste sie feststellen, dass sie unverletzt war und fühlte sich sofort besser. Wenn Hyakuhei sie umbringen wollte… hätte er es schon gemacht… oder? Sie zitterte über die offene Frage.
Kyoko sah sich um und beruhigte sich ein wenig, als sie erkannte, dass sie alleine war. Wenn sie versuchen wollte, zu entkommen, dann wäre jetzt ein guter Zeitpunkt. Sie hoffte nur, dass sie die Energie hatte, aus der Höhle zu fliehen, ohne dass Hyakuhei es bemerkte.
Sie erhob sich auf Hände und Füße und wartete kurz. Sie brauchte ihre ganze Kraft, nur um aufzustehen. Sie wehrte sich gegen den Schwindel, der sie überkam. Was hatte er ihr angetan? Oder war es das Zerbrechen des Kristalls, das ihre Lebensenergie geraubt hatte? Sie fühlte sich, als wäre sie gefangen in einem Traum und konnte nur hoffen, dass es so war.
Sie wollte nicht kindisch sein, aber sie würde alles dafür geben, dass jetzt einer der Beschützer käme, um sie zu retten. Nachdem sie so lange in einer Welt voller Dämonen gewesen war… fürchtete sie sich kaum noch vor etwas, aber im Augenblick… war sie fast panisch vor Angst.
Kyoko richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Öffnung in der Höhle. Obwohl es in der Höhle hell war, schien es auf der anderen Seite der Öffnung stockdunkel zu sein. Sie näherte sich langsam dem Ausgang, hatte fast Angst davor, was dahinter sein könnte.
Sie konnte den Temperaturunterschied fühlen, als sie zu der Öffnung kam. Sie konnte auch fühlen, wie die Kälte versuchte, in den warmen Raum einzudringen, und fast sehnte sie sich nach dem schwarzen Pelz, auf dem sie gelegen hatte. Mit einem kurzen Blick über die Schulter überlegte sie noch einmal, ob sie umkehren sollte, um ihn zu holen, aber verdrängte den Gedanken schnell.
‚Nein‘, dachte Kyoko stur, während sie ihre Arme rieb, um sie zu wärmen. Sie war schon so weit gekommen, sie würde nun nicht mehr zurückgehen. Außerdem gehörte er Hyakuhei und es erschien ihr falsch, ihn zu brauchen. Er war der Feind.
Sie machte einen weiteren Schritt, der sie in den dunklen Durchgang brachte, und sie hatte recht gehabt. Es war stockdunkel. Kyoko hob ihren Blick und fand einen kleinen Lichtstrahl, der von weit oben kam. Soweit sie das beurteilen konnte, war sie sehr tief unter der Oberfläche. Sie starrte das Licht an, um nicht in die Dunkelheit sehen zu müssen, und beschloss, dass es mittlerweile Morgen sein musste.
Mit einem stillen Seufzen fragte sie sich, wie lange sie bewusstlos gewesen war. Sie biss sich auf ihre Unterlippe, hoffte, dass sie nicht tagelang geschlafen hatte oder so. Der Gedanke, alleine einen Kilometer unter der Erde zu sein, ängstigte sie und der Gedanke, dass Hyakuhei ebenfalls hier unten war, war mehr als nur beängstigend.
Sie nickte sich zu, dachte: ‚Es ist eindeutig an der Zeit abzuhauen, bevor der Teufel kommt, um mich ins Feuer zu werfen.‘ Mit einem tiefen Atemzug beruhigte sie ihre Angst, wusste, dass sie keine Alternative hatte… aber wie sollte sie zurück nach oben kommen?
Kyoko machte einen weiteren Schritt in die Dunkelheit, hoffte, besser sehen zu können, aber was als nächstes geschah, raubte ihr den Atem. Sie konnte nicht einmal schreien. Da war kein Boden, den ihr Fuß hätte berühren können. Sie verlor sofort das Gleichgewicht und fiel. Wortlos sah sie zu, wie der dünne Lichtstrahl über ihr sich immer weiter entfernte.
Schließlich schloss Kyoko ihre Augen und suchte nach dem Licht, während sie auf den Aufprall wartete. Aus der Dunkelheit kamen warme Arme und schlangen sich um sie, um ihren Fall zu verlangsamen. Es war ihr egal, wer es war, solange sie nicht mehr fiel. Ihr unterdrückter Schrei hallte von den Steinwänden wider, als sie sich fest an die muskulösen Schultern klammerte, während ihr klar wurde, dass sie hätte sterben können.
Sie konnte die Wärme fühlen, die die Person ausstrahlte, deren starke Arme sie sicher an eine breite Brust drückten. Sie konnte etwas hören, das wie weiche Flügel klang, als sie sich wieder hoben, in Richtung des Raums, aus dem sie gerade gefallen war. Den Drang, sich fester an den Körper zu drücken, der sie gerettet hatte, unterdrückend, konzentrierte sie sich darauf, wie viel heller die Wände erschienen.
Als das Licht näherkam, hatte Kyoko Angst, hochzusehen, wusste schon, wer sie hielt, aber morbide Neugierde brachte sie dazu, ihre smaragdgrünen Augen zu dem Gesicht zu heben, das an ihrem Rettungsseil befestigt war. Ihre Ängste kamen wieder zurück. Sein perfektes Gesicht drehte sich zu ihr, als sein langes, dunkles Haar in Wellen um ihn floss. Wenn das Böse einen Namen hätte… der Name müsste Verführung sein.
„Hyakuhei.“ Ihre Stimme verriet gleichzeitig ihren Schrecken und ihre Dankbarkeit. Es war seine Schuld, dass sie hier war, aber gleichzeitig… hätte er sie nicht retten müssen, als sie gefallen war. Wieso hatte er das getan? Wie konnte sie gegen ein solches Rätsel kämpfen? Eine leichte Brise traf ihren Rücken und sie erkannte, dass sie sich der kleinen Höhle näherten, in der sie ursprünglich aufgewacht war. War sie wirklich so weit gefallen?
Sie sagte kein Wort, als er geräuschlos am Boden landete und sie zu dem Pelz zurücktrug, um sie dort hinzusetzen. Dann setzte er sich vor sie. Kyokos Nerven waren ein fester Knoten, noch bevor er richtig saß. Es half auch nicht, dass er sie einfach nur anstarrte, als wäre er ganz in Gedanken versunken. Sie biss auf ihre Unterlippe, wusste, dass es nutzlos wäre, wegzulaufen.