Kapitel 2-2

1699 Worte
Jesse rollte sich steif auf ihre Knie, bevor sie an die Wand gestützt aufstand. Fast drei Stunden hatte sie ausgeharrt, ehe die Lichter im Nebenraum endlich ausgegangen waren. Als ihre Muskeln protestierten, musste sie ein Stöhnen unterdrücken. Sie war sich nicht sicher gewesen, ob die drei Männer und eine Frau sich jemals hinlegen würden. Der eine große Kerl war bisher jede halbe Stunde herausgekommen und in den Lieferwagen geklettert, um dann wieder zu verschwinden. Sie beugte sich herunter, um ihren Rucksack aufzuheben, bevor sie resigniert seufzte. Sie konnte es nicht tun. Nachdem sie gehört hatte, welche Pläne diese Leute für den Alien hatten, konnte sie ihn nicht seinem Schicksal überlassen. Eher würde sie ihm das Jagdmesser ihres Vaters ins Herz rammen, wenn er denn eins hatte, als ihn in den Händen dieser Verrückten zu lassen. Jesse richtete sich wieder auf und holte hinter dem schwarzen Schal, der ihr Gesicht fast vollständig bedeckte, tief Luft. Sie würde ihn befreien. Naja, sie würde ihn so weit befreien, wie sie konnte, und ihn den Rest selbst machen lassen, während sie die Beine in die Hand nahm. Mit einer Hand strich sie über die Dietriche. Sie hatte von ihrem Vater gelernt, wie man sie benutzte. Es wäre ein schwerer Verlust, aber sie hatte keine Wahl. Jesse deponierte ihren schwarzen Rucksack direkt hinter der Öffnung, durch die sie sich zuvor gequetscht hatte. Möglicherweise würde sie um ihr Leben rennen müssen, aber sie konnte das Essen dieses Mal nicht zurücklassen. Ihre Schwestern brauchten es unbedingt. Sie zog das Jagdmesser ihres Vaters hervor und betrachtete die herumliegenden Trümmer, ehe sie ihr Versteck leise verließ und an die Seite des Lieferwagens hastete. Ihren Rücken gegen das kalte Metall gepresst, wartete sie mehrere lange Sekunden und lauschte. Schweiß stand auf ihrer Stirn, obwohl die Luft eisig war und sie konnte die Nässe fühlen, die zwischen ihren Schulterblättern den Rücken hinablief; ein Beweis ihrer Angst. Sie weigerte sich der Furcht nachzugeben, obwohl sie fast daran erstickte. Auch wenn er ein Alien war, würde sie ihn nicht zum Sterben zurücklassen. Niemand verdiente es, so zu sterben, wie die Männer und die Frau es planten. Wenn sie es nicht schaffte, ihn zu befreien, könnte sie immerhin dafür sorgen, dass er einen würdigeren Tod hatte. Jesse bewegte sich langsam und lauschte, für den Fall, dass doch noch jemand kam, um den Lieferwagen zu überprüfen. Ihr Herz schlug wild in ihrer Brust, als sie nach dem Riegel griff. Mit zitternden Händen öffnete sie die Tür gerade so weit, dass sie hindurchschlüpfen konnte. In der Stille und Dunkelheit des Lieferwagens holte sie keuchend Luft. Sie war noch nie zuvor einem der Aliens so nah gekommen, sondern hatte immer alles getan, was in ihrer Macht stand, um so viel Abstand wie möglich zu halten. Daher wusste sie nicht genau, welcher Anblick sie erwartete. Sie fischte die kleine Taschenlampe, die sie immer bei sich trug, aus einer der Taschen ihrer Cargohose. Sie schaltete sie ein und leuchtete über den Boden, wo der Schein der Lampe auf das Bein eines Metalltisches fiel. Zögernd trat sie einen Schritt vor, während sie das Licht den Tisch entlanggleiten ließ, bis es schließlich die riesigen Stiefel des Aliens erreichte. Leise ging sie vorwärts, bis sie neben seinen Füßen stand. Jesse runzelte die Stirn, als sie die dicken Ketten sah, die ihn an den Tisch fesselten. Sie ging seitlich an seinem Körper entlang und starrte auf die Ketten, mit denen er umwickelt war. Im Schein der Taschenlampe entdeckte sie ein Schloss an jeder Ecke und wandte sich dem oberen Teil des Metalltisches zu, um zu sehen, ob dort noch mehr Schlösser waren. Sie erstarrte, als ihr Blick auf ein Paar glühende, gelbe Augen traf, die sie mit stiller Wut ansahen. Ihre Hand zitterte so sehr, dass sie beide Hände brauchte, um die Lampe stillzuhalten. »Ich …«, begann sie flüsternd. Sie befeuchtete ihre trockenen Lippen hinter dem Schal, ehe sie ihn vom Gesicht zog, weil sie das Gefühl hatte zu ersticken. »Ich … oh verdammt.« Jesse starrte in die wunderschönen Gesichtszüge des Mannes, der auf dem Tisch lag. Trotz des Knebels konnte sie erkennen, dass er auf eine exotische Art und Weise sehr attraktiv war. Er hatte langes, dickes, schwarzes Haar, das zurückgebunden war. Seine Augen ähnelten in ihrer Form denen eines Löwen oder Tigers. Sie hatten eine tiefgelbe, fast goldene Farbe und glühten im Schein der Taschenlampe. Er hatte hohe Wangenknochen und schmale Wülste auf der Nase, die flacher als die eines Menschen war. Jesses Blick glitt an ihm hinab, über seine Schultern und seine Brust. Er war nur wenig behaart, wenn man bedachte, dass er aussah, als wäre er zur Hälfte eine Katze. Eine Sache war aber noch auffälliger als alles andere. Er war riesig! Er musste fast 2,10 Meter groß sein und sie hatte, außer im Kino, noch nie einen Mann mit so großen Muskeln gesehen. Ihr Blick fuhr wieder zurück zu seinem, als sie sein Knurren eher spürte als hörte. Da bemerkte sie, dass ihre Hand auf seinem Bauch lag. Errötend zog sie die Hand weg und trat näher an den Kopf heran. Sie musste ihm verständlich machen, dass sie ihm helfen wollte. »Sei bitte leise«, flüsterte sie neben seinem Ohr. »Sie werden mich töten oder schlimmeres, wenn sie mich fangen und ich kann nicht ... Ich werde den Knebel entfernen. Nicke zweimal, wenn du verstanden hast, was ich gesagt habe.« Sie rückte weit genug von ihm ab, um zu sehen, ob er sie verstanden hatte. Zufrieden, dass er zweimal genickt hatte, löste sie vorsichtig eine Ecke des Klebebandes und riss es dann mit einem entschuldigenden Blick von seinem Mund. Sobald das Klebeband weg war, drehte er seinen Kopf und spuckte den Knebel aus. Jesse wäre fast geflüchtet, als er seinen feindseligen Blick wieder auf sie richtete und seine Zähne aufblitzen ließ. Ihre Augen weiteten sich und sie biss sich unschlüssig auf die Lippen. Ein Gefühl von Panik erfüllte sie, als sie ihre verrückte Entscheidung überdachte. Selbst wenn die Menschen außerhalb des Lieferwagens sie nicht finden und töten würden, der Alien hier drinnen sah so aus, als würde er es ohne zu zögern tun. »Bitte, hör mir zu«, bat sie verzweifelt, während sie zur Tür blickte, ehe sie ihn wieder ansah. »Sie wollen dich auf eine wirklich grausame und schmerzvolle Art töten. Ich … ich kann das nicht zulassen, aber ich kann auch nicht zulassen, dass du mich tötest. Bitte, bitte versteh mich. Ich kann die Schlösser der Ketten öffnen. Ich öffne alle bis auf eins.« Sie streckte eine zitternde Hand aus und berührte sein Gesicht. Er musste ihr glauben. Sie musste sicher sein, dass er ihr nicht den Hals umdrehte oder, ihr Blick glitt zu seinen spitzen Zähnen, ihr die Kehle aufriss, wenn sie ihm zu nahe kam. Sanft berührte sie seine Wange, um ihm verständlich zu machen, dass von ihr keine Gefahr ausging. »Ich werde dir zeigen, wie du den Dietrich benutzen musst, mit dem ich die Schlösser öffne. Wenn du frei bist, musst du dich nach links halten. Ganz am Ende ist eine Tür, die nach draußen führt. Zehn Blöcke Richtung Westen findest du ein paar deiner Leute. Sie werden dir helfen«, flüsterte Jesse und sah ihm fest in die Augen, während sie mit ihrem Daumen sanft über sein Kinn rieb. »Verstehst du, was ich dir sage?« »Ja.« Jesse lächelte ihn zögerlich an, bevor sie sich daran machte, das erste Schloss neben seinem Kopf zu öffnen. Sie legte die Lampe auf den Tisch, zog einen Dietrich aus der Tasche und machte sich ans Werk. Sie brauchte für das Schloss mehrere Minuten, ehe sie es so leise wie möglich auf den Boden legte und sich dem nächsten Schloss zuwandte. Innerhalb weniger Minuten hatte sie seine Arme befreit. »Warte,« flüsterte sie, als sie sah, dass er sich die Ketten von seinem Oberkörper schieben wollte. »Wir müssen so leise wie möglich sein, bis ich mindestens einen deiner Füße frei habe. Kannst du die Ketten leise anheben, während ich an dem anderen Schloss arbeite?« »Ja«, zischte er. Jesse nickte erleichtert. Sie verspürte einen Funken Hoffnung, dass sie es beide schaffen und dann wieder getrennte Wege gehen konnten. Inzwischen war sie mit dem Mechanismus vertraut und das dritte Schloss war innerhalb von Sekunden geknackt. Sie wollte ihm gerade erklären, wie er den Dietrich benutzen musste, als sie draußen Schritte hörten. Jesse sah die männliche Gestalt, die jetzt vor ihr saß, ängstlich an. Ihr Blick fiel auf das letzte Schloss. Sie musste es knacken oder er wäre ein leichtes Ziel. Sie huschte zwischen Wand und Tisch und arbeitete hektisch daran. Diese Leute würden wissen, dass etwas nicht stimmte, wenn sie die offene Tür sahen. Jesses Hand zitterte so sehr, dass sie mehrfach fast den Dietrich fallen ließ. Ich hätte ihn zurücklassen sollen, dachte sie, als das Schloss endlich aufsprang. Ich habe meine Schwestern und mich getötet, um jemanden zu retten, der für unsere Lage verantwortlich ist. Jesse ließ sich nach hinten fallen und glitt zwischen Tisch und Wand, als die riesige Gestalt sich die letzten Ketten vom Körper zerrte und sich um die riesigen Fäuste wickelte. Jesse biss sich auf die Lippen, während sie beobachtete, wie der Alien sich zum Angriff bereit machte. Als sie vor der Tür einen gemurmelten Fluch hörten, griff er an. Alles, was sie sah, war ein verschwommener Schatten, ehe sich die Tür explosionsartig nach außen öffnete. Jesse wartete nicht ab, was als nächstes passieren würde. Sie hatte getan, was sie konnte, um diesen riesigen Alien zu retten. Jetzt lag es an ihm, zu seinen Leuten zurückzufinden. Sie musste ihre eigene Familie beschützen. Nachdem sie aus dem Lieferwagen gesprungen war, rollte sie sich darunter hindurch, um möglichst nahe an ihrem ursprünglichen Versteck, wieder hervorzukommen. Sie packte ihren schwarzen Rucksack, quetschte sich durch den Spalt und ignorierte den Schmerz, als sie sich an einer Kante tief in den Bauch schnitt. So schnell sie konnte entfernte sie sich von dem lauten Brüllen und den markerschütternden Schreien, die hinter ihr die Nacht erfüllten. Sie war von Angesicht zu Angesicht mit einem der Aliens gekommen und sie war erschüttert und verwirrt. Insgeheim hoffte sie, dass er überlebte und zu seinen Leuten zurückkehren konnte. Vielleicht konnte er die anderen seiner Art überzeugen, dass man die Menschen besser sich selbst und ihrer Selbstzerstörung überließ.
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