Wynta
Edward hatte sie und ihr Team losgeschickt, um sich das Gebäude anzuschauen. Dort wurden sie alle von Chester empfangen, dem Gamma des Rudels und auch einer der Gründer des Unternehmens, für das sie arbeiteten. Sie und ihr Team wurden durch alle Etagen geführt und durften die Wohnungen besichtigen.
Man zeigte ihnen alles, damit sie ein Gefühl für die Art von Menschen bekommen konnten, die diese Art von Wohnungen mieten könnten. Chester hatte ihnen gesagt, dass es wahrscheinlich alles Führungskräfte sein würden. Keine der Wohnungen hatte mehr als zwei Schlafzimmer, obwohl die Wohnungen groß waren. Es gab keinen wirklichen Platz für Kinder.
Chester beobachtete Wynta, während sie herumgingen. Er ging die ganze Zeit direkt neben ihr und sprach professionell mit ihr und dem Team, während er all ihre Fragen beantwortete. Sie war nicht so dumm, um nicht zu wissen, warum sie ausgewählt worden war, dieses kleine Projekt zu leiten.
Er hatte sich an ein Fenster in einem der Wohnbereiche des Penthouses gelehnt und gesagt: „Das ist eine ziemlich schöne Wohnung. Sie hat eine fantastische Aussicht und ist nah am Büro.“ Er hatte dann sogar in die Ferne gezeigt, damit sie das Bürogebäude sehen konnte. Sie wusste, wo es war. Denn sie war schließlich mit ihrem Team hierher gelaufen. Es war ein entspannter dreißigminütiger Spaziergang gewesen, bei dem sie sich alle unterwegs noch einen Kaffee geholt hatten.
„Ich denke, dieses spezielle Penthouse wäre für eine alleinstehende Frau wie dich doch gut geeignet, oder?“
Wynta hatte genickt, ihn angelächelt, ein wenig mit den Augen gerollt und kommentiert: „Ich bin mir sicher, dass es einem der Manager hier gefallen würde.“ Dann hatte sie sich lässig von ihm entfernt. Sie würde sich nicht dazu überreden lassen, in eine vom Rudel bezahlte Wohnung zu ziehen. Sie verstand, dass es Edwards Weg war, sie wahrscheinlich dazu zu bringen, einen kleinen Schritt in Richtung seines Rudels zu machen.
Davon ließ sie sich aber nicht täuschen. Sie hatte Chester leise lachen und murmeln hören. „Du bist wirklich eine harte Nuss“, hatte er gesagt.
„Nein, bin ich nicht. Ich mag mein einfaches Leben, das ist alles. Es ist unkompliziert und niemand sagt mir, was ich tun soll“, hatte sie erwidert und ihn dann angelächelt.
Sie hatte Chester angesehen, nachdem sie durch das Penthouse gegangen war: „Du kannst Edward sagen, dass ich meine eigene Wohnung habe und mich dort sehr wohl fühle. Ich lebe dort nun schon seit fünf Jahren und habe auch ein gutes Verhältnis zu meinem Vermieter.“ Dann hatte sie ihm mit ihrem Kaffee in der Hand zugenickt und die Wohnung verlassen.
Sie wohnte immer noch in ihrem Apartment im Erdgeschoss, nur fünf Querstraßen vom Büro entfernt, und sah keinen Grund, nur um des Status willen in etwas Größeres und Besseres umzuziehen. Sie brauchte auch keinen zusätzlichen Raum. Dann würde sie nur mehr putzen und mehr Geld für die Miete ausgeben müssen, was sie definitiv nicht wollte. Das war in ihren Augen völlig unnötig.
Ihr Vermieter pflegte außerdem das Gebäude, in dem sie wohnte. Sie hatte vor zwei Jahren einen neuen Teppichboden verlegt bekommen und die gesamte Wohnung war auch neu gestrichen worden. Es sah wirklich schön aus. Sie zahlte immer pünktlich ihre Miete und machte dem Vermieter auch sonst keine Probleme. Daher galt sie als gute Mieterin. Obwohl viele Menschen ein- und auszogen, lebten dort hauptsächlich Studenten der örtlichen Universität, sodass sie oft neue Nachbarn bekam.
Das Leben in ihrem Apartment hatte es ihr ermöglicht, sich eine beträchtliche Summe anzusparen. Dieses Geld lag für den Notfall auf ihrem Bankkonto. Wenn es eines Tages nötig wäre, könnte sie mit diesem Geld sofort die Stadt verlassen und an einem anderen Ort ein neues Leben beginnen. Aus welchem Grund auch immer.
Momentan fühlte sie sich allerdings sehr wohl und das war auch der einzige Grund, warum sie noch nicht weitergezogen war. Außerdem hatte sie wirklich Gefallen daran gefunden, Alpha Edward zu ärgern, indem sie sich ständig weigerte, sein Rudelgebiet zu betreten und ihn dazu brachte, sich an ihren ursprünglichen Deal bei ihrer Einstellung zu halten.
Sie legte die Einladung zurück in den Umschlag und dann in die Schachtel und stellte sie auf ein Regal hinter ihrem Schreibtisch. Sie hatte bemerkt, dass dort keine Begleitung vermerkt war. Zumindest wurde nicht erwartet, dass sie jemanden mitbringen würde. Das sagte ihr jedoch auch, dass Edward wusste, dass sie niemanden hatte, den sie hätte mitbringen können.
Sie seufzte bei dem Gedanken daran, wahrscheinlich ihr hart verdientes Geld für ein Kleid ausgeben zu müssen. Denn obwohl sie das Geld dazu hatte, wollte sie es nicht ausgeben. In ihren Augen war das eine völlige Verschwendung ihrer Ersparnisse. Sie hatte ein Dutzend Kleidungsstücke, die alle für Veranstaltungen akzeptabel waren und sie professionell und präsentabel aussehen ließen. Aber jetzt, da sie ein vollständiges Abendkleid kaufen musste, fragte sie sich, ob sie es nach einmaligem Tragen wieder verkaufen könnte, um etwas von ihrem Geld zurückzubekommen. Beim Kauf eines Kleides wusste sie auch, dass sie irgendeine Art von Absatzschuhen kaufen müsste, die zu dem Kleid passen würden.
Wynta seufzte, denn sie trug eigentlich nie Absatzschuhe. Selbst hier im Büro trug sie nur einfache, bequeme Schuhe, die ihr aber trotzdem einen professionellen Look verliehen. Sie wollte keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen und ihre distanzierte Haltung hielt auch die meisten Männer auf Abstand. Nicht alle, aber zumindest die meisten. Wenn sie doch mal jemand auf einen Kaffee oder zum Mittagessen einlud, lehnte sie es höflich, aber bestimmt ab. Sie war immer direkt und sagte, dass sie kein Interesse hatte, damit es keine Missverständnisse gab.
Allerdings war sie noch nie von einem Wolf innerhalb der Firma angemacht worden, sondern nur von Menschen. Und sie wusste auch warum. Es lag daran, dass sie den Status einer Abtrünnigen hatte, und keiner von ihnen wusste, wie sie zu einer Abtrünnigen geworden war. Für diejenigen, die hier arbeiteten, roch sie auch wie eine. Mehrere der Wölfinnen mochten es nicht, dass eine Abtrünnige in der Firma arbeitete.
Sie gingen ihr aus dem Weg, um sicherzustellen, dass sie es wusste, obwohl sie ihre abfälligen Bemerkungen darüber, wie sie roch, einfach ignorierte. Einmal hatte eines ihrer Teammitglieder tatsächlich die Stirn gerunzelt und gemurmelt: „Wovon redet sie? Hier riecht es doch ganz normal.“ Wynta hatte sich umgeschaut und gesehen, dass die Wölfin Carlotti sie absichtlich angesehen und dann die Nase gerümpft hatte, damit ihr Team es auch sah.
Carlotti, oder Lotti für die Wölfe des Rudels, war, soweit Wynta sagen konnte, die jüngste Stieftochter des Betas des Rudels. Sie hatte mitbekommen, wie diese Wölfin ihn manchmal Papa nannte. Sie hatte auch gesehen, wie die leibliche Tochter des Betas die Augen über das Verhalten des Mädchens verdrehte und einmal versucht hatte, sie zurechtzuweisen.
„Er ist nicht dein echter Vater und muss dir nichts geben!“, hatte Meredith gesagt, nachdem Ernesto gegangen war. „Wenn du Geld willst, geh und such dir einen verdammten Job und verdiene es dir selbst wie der Rest von uns!“
Daraus war dann eine familiäre Auseinandersetzung geworden zwischen einer Tochter, die hart arbeitete, und einer Tochter, die anscheinend nichts tat und dachte, sie hätte Anspruch auf alles.
Sie hatte gesehen, wie Carlotti in Tränen aufgelöst wegging, als Meredith sie vor dem Büro angefahren hatte: „Du bist nur ein Stiefkind und wirst nichts erben! Du bist nicht das leibliche Kind meines Vaters! Du bist nur ein gieriges, verwöhntes Mädchen! Und wenn mein Bruder übernimmt, wirst du wegen deines Verhaltens rausfliegen! Ich werde ihn gerne dabei unterstützen.“ Dann hatte sie zur versammelten Menge geblickt und gemurmelt: „Entschuldigung, kleine familiäre Auseinandersetzung. Zurück an die Arbeit, alle zusammen!“
Meredith schien es nicht zu stören, dass Wynta eine Abtrünnige war, aber mehrere andere störte es. Wahrscheinlich sah Meredith, dass Wynta ihre eigentliche Arbeit in der Firma machte und auch keine Probleme verursachte. Also störte es sie nicht, dass eine Abtrünnige hier arbeitete.
Die Wochen vergingen und plötzlich gab es Gerüchte über Jared Hayes, Edwards ältesten Sohn, der aus Europa für die Hochzeit seines Bruders nach Hause kommen würde. Es war das heißeste Gesprächsthema im Büro. Wynta hatte im Laufe der Jahre mehrere Bilder von ihm in der Firmenzeitschrift gesehen, die all seine Errungenschaften und das Wachstum des Unternehmens mit einem neuen Büro in Frankreich hervorhoben.
Er war anscheinend der heißeste Junggeselle des Unternehmens und mit zweiundvierzig Jahren immer noch unverheiratet. Sie hätte fast gelacht, weil die Menschen sein wahres Alter natürlich nicht erfahren durften. Wynta wusste, dass sich alle Kinder von Edward im Laufe der Jahre neu erfunden hatten und dass Jared tatsächlich zweiundachtzig Jahre alt war, aber kaum älter als fünfunddreißig aussah. Er hatte pechschwarzes Haar und blaue Augen und es wurde gemunkelt, dass er etwa 1,93 Meter groß war. Aber alle seine Brüder waren auch ungefähr so groß wie Edward, also überraschte es sie nicht wirklich.
Sie hatte den ältesten Erben des Alphas noch nie getroffen. Er kam selten, wenn überhaupt, nach Hause und schien damit beschäftigt zu sein, sein eigenes Imperium aufzubauen. Im Laufe der Jahre hatte sie alle anderen getroffen, weil Edward sie alle durch ihre Abteilung geführt und sie ihr vorgestellt hatte. Sie hatte genickt und sie höflich begrüßt. Danach hatte sie sich einfach wieder ihrer Arbeit zugewandt.
Sie hatten ihr nicht mehr Aufmerksamkeit geschenkt als sie ihnen. Sie interagierte danach auch immer nur mit ihnen, wenn es notwendig war. Was meistens nicht der Fall war. Keiner von ihnen war in der Marketingabteilung beschäftigt. Also war ihr Kontakt zu ihnen sowieso begrenzt. Obwohl jeder von ihnen gesehen hatte, wie distanziert sie war und dass sie Berufliches nie mit Privatem vermischte. Sie unterhielt sich nie einfach so mit einem Wolf hier im Gebäude.
Sie verstand sich recht gut mit ihrem menschlichen Team und konnte auch über die Dinge lächeln und kichern, die sie taten oder die Geschichten, die sie erzählten, wenn ihnen etwas Lustiges passierte. Sie hatte fünf Jahre lang mit ihnen zusammengearbeitet und ihre Beförderung damals nur unter der Bedingung angenommen, dass ihr Team auch befördert werden würde. Sie arbeiteten wie eine gut geölte Maschine zusammen und sie mochte sie wirklich.
Ihr jetziges Büro befand sich eine Etage über ihrem ursprünglichen Arbeitsplatz. Sie hatte nun ein großes Büro mit einer Glaswand und einer Tür zwischen ihr und den anderen Schreibtischen. Aber ihre Tür stand jederzeit für ihre Mitarbeiter offen und sie konnten immer hereinkommen, um sie etwas zu fragen oder mit ihr zu sprechen. Die Fenster des Büros würden sich auf Knopfdruck verdunkeln, aber sie hatte diese Funktion noch nie benutzt, weil sie dazu nie einen Grund hatte.
Jetzt betrachtete sie ihr Team. Sie waren alle ganz aufgeregt wegen der Nachricht, dass Edward Jared am Montag nach der Hochzeit seines Bruders mitbringen würde, um durch alle Abteilungen zu gehen und zu sehen, ob Verbesserungen nötig wären.