Kapitel 5

1185 Worte
Was definiert wahre Schönheit? Im Vergleich zu Elizabeth Greene hatten die anderen jungen Damen der Gesellschaft nicht den Hauch einer Chance! Dieses schlichte, weiße, knielange Kleid war für sich genommen nichts Spektakuläres, aber an Elizabeth wirkte es völlig anders. Abby Harrison konnte ihre Begeisterung nicht verbergen. Ihre Tochter war atemberaubend – viel hübscher, als sie selbst es in ihrer Blütezeit je gewesen war! Samuel Harrison trat sofort strahlend vor. „Wow, kleine Schwester, du siehst fantastisch aus! Ernsthaft, selbst Top-Schauspielerinnen würden sich neben dir zweitklassig fühlen!“ Er war schon bei ihrer ersten Begegnung von ihrem Aussehen überwältigt gewesen, aber jetzt, in diesem Kleid? Sie wirkte noch eleganter und strahlte eine natürliche, fast königliche Würde aus. „Danke“, erwiderte Elizabeth und legte den Kopf leicht in den Nacken, während sie mit Samuel sprach. Sie konnte nichts dafür – jeder einzelne Mann in dieser Familie war einfach zu groß. Selbst der kleinste, Nicholas, musste mindestens 1,85 m sein. Wahrlich unfair. Zu Hause bei den Greenes war Ethan mit seinen 1,83 m bereits wie ein Riese behandelt worden. Samuel war außer sich vor Freude. Seine kleine Schwester hatte tatsächlich mit ihm gesprochen! Ein stürmisches Mittagessen „Setz dich erst mal hin und iss was. In dieser Familie gibt es nichts Besonderes, aber jetzt, wo du zurück bist, fühlt sich alles komplett an.“ Abby Harrison kamen bei diesen Worten fast die Tränen – der Gedanke, wie sehr ihre Tochter in der Fremde gelitten haben musste, schmerzte sie tief. „Ja, ja, lass uns endlich essen.“ Elizabeth Greene war wirklich den am Verhungern. Als sie morgens das Hotel verlassen hatte, wollte sie eigentlich nur kurz etwas essen und dann ins Krankenhaus. Stattdessen war sie von den Harrisons abgefangen worden. Seitdem hatte sie keinen Schluck Wasser mehr getrunken, und es war bereits Mittag. Ihr Magen klebte ihr förmlich am Rücken. Als Abby ihre Tochter so reden hörte, war sie so überwältigt, dass ihre zitternden Hände nicht wussten, wohin. Am Ende landete ein versehentlicher, lauter Klaps auf Nicholas Harrisons Arm. „Deine Schwester verhungert und du sitzt hier nur rum – beeil dich und bring das Essen raus!“ Völlig überrumpelt rieb sich Nicholas den Arm. „Mama, das hat wehgetan!“ Bevor Abby etwas sagen konnte, warf Robert Harrison ihm einen Blick zu, der scharf genug war, um Stahl zu schneiden. Oh, okay, tut wohl doch nicht mehr weh! Mama hat mich gar nicht fest geschlagen! Resigniert ging Nicholas in die Küche, um dem Personal beim Servieren zu helfen. Dabei bemerkte die Haushälterin, Mrs. Liang, das unbekannte Gesicht. Sie zögerte einen Moment, dann blieb ihr Blick an Elizabeth hängen. Dieses Mädchen sah Mrs. Harrison in jungen Jahren so verblüffend ähnlich... Könnte es sein...? Ohne ihre Überraschung zu zeigen, stellte sie die Schüsseln auf den Tisch und fragte mit einem höflichen Lächeln: „Darf ich fragen, wer dieser Gast ist?“ Abby Harrison legte ihre Stäbchen mit einem Knall ab. Ihr Gesicht verdunkelte sich. „Sie ist kein Gast – sie gehört zur Familie. Sie ist meine leibliche Tochter!“ Mrs. Liang erstarrte. Es war also wahr. „Gnädige Frau, bitte seien Sie nicht ungehalten. Ich war blind und habe sie nicht erkannt. Es ist allein meine Schuld“, sagte sie mit einem erzwungenen Lächeln, während sie innerlich in Panik geriet. Sie wandte sich an Elizabeth: „Willkommen zu Hause, Miss.“ Elizabeth würdigte sie keiner Antwort und nickte nur kühl. Sie hatte den feindseligen Unterton der Frau sofort bemerkt – warum also Freundlichkeit verschwenden? „Sie können jetzt gehen“, sagte Abby, deren gute Laune nun getrübt war. Diese Mrs. Liang... eines Tages würde Abby sie hochkant rauswerfen. Zurück zum Anwesen der Watsons, wo sie hingehörte! Mrs. Liang zog sich zurück, fest entschlossen, so bald wie möglich Dorothy Watson anzurufen. Die Harrisons mochten sich über Elizabeths Rückkehr freuen, aber im Hause Watson würde Dorothy sicher nicht begeistert sein. Geschwisterliche Fürsorge Abby fing sich schnell wieder und legte Elizabeth ein Stück Rindfleisch in die Schüssel. „Probier das mal. Von uns allen kann Richie zweifellos am besten kochen.“ Elizabeth schob sich das Fleisch in den Mund und ihre Augen leuchteten auf. Sie musste zugeben: Es war köstlich, weitaus besser als alles, was man in Restaurants bekam. „Sehr gut.“ Nicholas Harrison hatte den Atem angehalten, und als das „sehr gut“ kam, schwebte er förmlich vor Glück. Meine Schwester findet mein Essen lecker! Von jetzt an werde ich ihr alles kochen, was sie will, damit sie nicht von irgendwelchen Typen da draußen weggelockt wird! Die Brüder fingen sofort an, sich gegenseitig zu überbieten und häuften heimlich Berge von Essen auf Elizabeths Teller. Elizabeth: „...“ Es war ein bisschen viel, aber es war süß. Sie wusste nicht recht, wie sie reagieren sollte. Sie spürte zum ersten Mal, wie es war, eine große, trubelige Familie zu haben, die sich warm und gemütlich anfühlte. Die ungeladene Schwester Mitten im Essen kam ein Mädchen von draußen herein. Sie schien im selben Alter wie Elizabeth zu sein – lebhaft, aufgeweckt und niedlich. Doch im Moment ihres Erscheinens runzelten die fünf Harrison-Brüder die Stirn. „Verdammt, was macht die denn hier?“ „Papa, Mama, Brüder, warum habt ihr mich nicht zum Essen gerufen? Ich habe euch so sehr vermisst!“ Die Sprecherin war Lily Harrison, die Adoptivtochter der Harrisons. „Was machst du hier? Solltest du nicht in der Schule sein?“, fragte Samuel Harrison mit finsterer Miene. Die warme Atmosphäre verflog augenblicklich. „Ich habe gehört, dass Mama ihre leibliche Tochter gefunden hat, also wollte ich mal nachsehen“, sagte Lily und ignorierte die Mienen der anderen. Sie wusste längst, dass sie hier eigentlich nicht gewollt war. Nur weil die Großmutter es erzwungen hatte, lebte sie überhaupt hier. „Woher wusstest du davon? Wir haben es niemandem erzählt“, sagte Richie Harrison mit scharfem Blick. Lily erstarrte kurz, sie hatte sich verplappert. „Nur von jemandem gehört.“ Sie vermied es, Mrs. Liang oder die Großmutter zu erwähnen. „Nun, wenn du schon mal da bist, setz dich und iss“, sagte Robert Harrison. Er wollte nicht mit einem Kind streiten. Lily war erst drei Jahre alt gewesen, als seine Schwiegermutter darauf bestand, sie aufzunehmen. Sie konnte nichts dafür. Lily Harrison lächelte sanft. „Danke, Papa.“ Sie setzte sich Elizabeth gegenüber. „Das hat sicher mein dritter Bruder gekocht, oder? Da erwartet mich heute ja ein Festmahl.“ Elizabeth beobachtete Lily schweigend. Sie spürte keine direkte Feindseligkeit, aber... etwas Manipulatives? Oder war das nur ihre Einbildung? Lily wandte sich ihr zu, ihr Tonfall übertrieben vertraut: „Du musst Mamas echte Tochter sein, was? Papa und Mama haben all die Jahre überall nach dir gesucht. Gott sei Dank bist du zurück, sonst hätten sie sich das nie verziehen!“ Elizabeth blieb stumm. „Schön, dass du zu Hause bist. Jetzt ist die Familie endlich komplett“, plapperte Lily ungefragt weiter. „Lily Harrison, sei still beim Essen“, unterbrach Richie Harrison sie scharf. Seine Stimme schnitt durch den Raum – er hatte offensichtlich genug von ihrem endlosen Geschwätz!
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