Elizabeth Greene stand nach ihrem Auszug bei den Greenes ziellos auf der Straße und fühlte sich ein wenig verloren. Aber was soll’s – sie würde sich davon nicht unterkriegen lassen.
Ihr eigenes Apartment? Momentan keine Option. Dort war schon ewig nicht mehr geputzt worden; der Staub lag wahrscheinlich so d**k, dass man einen Roman darin schreiben könnte. Also: Ab ins Hotel.
Die Familie Greene ahnte derweil nicht, dass Elizabeth seit ihrem zehnten Lebensjahr keinen einzigen Cent von den Bankkarten angerührt hatte, die sie ihr gegeben hatten. Schlimmer noch: Ethan Greene hatte sich in den letzten Jahren unzählige Male Geld von ihr geliehen. Wer wusste schon, wie viel er insgesamt angehäuft hatte?
Als Elizabeth ging, hinterließ sie alle Karten ohne Zögern. Als Ethan die Zahlen auf dem Kontoauszug sah, stieg ihm die Schamesröte ins Gesicht. Emma Norton hingegen war aus dem Häuschen. „Wow, ich bin so neidisch auf Schwester Elizabeth! So viel Taschengeld – ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so viel Geld gesehen!“, rief sie aus.
Mrs. Greene, deren Herz bei Emmas Worten schmerzte, eilte herbei, um sie zu trösten: „Mein liebes Mädchen, mach dir keine Sorgen. Von nun an gehört das alles dir. Elizabeth verdient davon keinen Cent!“
Die schillernde Begegnung
Elizabeth wollte den Abend ruhig ausklingen lassen und am nächsten Tag ins Krankenhaus fahren, um Emmas Adoptivvater zu treffen – den Mann, der vielleicht ihr leiblicher Vater war. Doch als sie am nächsten Morgen die Hotel-Lobby betrat, fiel ihr eine Gruppe auf: ein Mann mittleren Alters und fünf junge, auffallend gutaussehende Männer.
Jeder von ihnen hatte seinen eigenen Charme, doch die Ähnlichkeit untereinander war unbestreitbar. Einer von ihnen war zwar wie eine Mumie eingewickelt, sodass nur seine Augen zu sehen waren, aber selbst das konnte die Familienähnlichkeit nicht verbergen. Sie standen da wie eine geplante Ausstellung und zogen alle Blicke auf sich.
„Dad, Richie, seid ihr sicher, dass unsere kleine Schwester hier ist?“, fragte einer skeptisch. „Laut deinen Nachforschungen sollte sie doch im Haus der Greenes sein.“
„Sie wurde gestern rausgeworfen“, antwortete der Mann, dessen Gesicht wie aus Stein gemeißelt wirkte – markante Züge, scharfe Winkel, von einer reifen Attraktivität. „Die leibliche Tochter der Greenes ist zurückgekehrt. Ich habe ihre Spur hierher verfolgt.“
„Die Greenes sind Abschaum“, warf ein anderer ein, der jünger wirkte. „Sobald wir sie nach Hause bringen, werden wir die Rechnung für sie begleichen!“
Elizabeth, die in der Nähe saß, registrierte die Szene nur am Rande. Sie dachte lediglich, dass diese Männergruppe den Raum optisch aufwertete. Sie hatte Wichtigeres im Kopf: Sie musste herausfinden, was mit der Familie Norton los war.
Plötzlich hob einer der Männer den Kopf und traf ihren Blick. Schock und Überraschung blitzten in seinem Gesicht auf. Er stieß seinen Nachbarn an: „Schau! Schau doch! Ist sie das nicht? Ist das nicht unsere Schwester?!“
Das Harrison-Aufgebot
Die gesamte Gruppe stürmte auf sie zu und kesselte sie förmlich ein. „Kind, ich bin dein leiblicher Vater“, sagte der ältere Mann sichtlich bewegt. Elizabeth sah seiner Frau tatsächlich ähnlich – zu etwa fünfzig Prozent.
Elizabeth war völlig perplex. Erst wurde sie vor die Tür gesetzt, dann bereitete sie sich auf einen krebskranken, armen Vater vor, und nun stand sie einer Truppe von Model-Typen gegenüber, die behaupteten, ihre Familie zu sein? War ihr Leben eine absurde Seifenoper?
„Entschuldigen Sie, Sir, aber ich glaube, Sie verwechseln mich“, erwiderte Elizabeth stirnrunzelnd.
„Nein, ich irre mich nicht!“, schoss er zurück. „Dein Name ist Elizabeth Greene. Aber du bist keine Greene. Du bist meine Tochter, aus der Familie Harrison. Vor Jahren im Krankenhaus wurde manipuliert und du wurdest vertauscht. Du landest bei den Greenes, und deren echte Tochter bei den Nortons. Aber das Norton-Baby überlebte wegen einer Erbkrankheit nur wenige Tage.“
Er zog nervös Papiere hervor. „Wir haben so lange nach dir gesucht. Erst als dieser Norton-Mann an Krebs erkrankte und die Wahrheit enthüllte, wussten wir, wo wir suchen mussten. Wir haben sofort einen DNA-Test gemacht!“
Elizabeth überflog das Dokument. Es war wahr. Ein klassischer Plot-Twist.
„Komm mit nach Hause, okay?“, bat der Mann mit hoffnungsvollem Blick.
Richie Harrison, der Älteste, erklärte ruhig: „Ich bin dein großer Bruder. Ich habe den DNA-Test persönlich überwacht. Vor einer Woche hat Mrs. Greene deine Haare für einen Test mit Emma Norton eingereicht – ich habe die Gelegenheit genutzt, um einen Abgleich mit uns zu machen. Die Daten sind absolut korrekt.“
Elizabeth blieb äußerlich ruhig, aber innerlich herrschte Chaos. „Ich... bin ich wirklich eure Tochter? Was, wenn es wieder eine Verwechslung gibt?“
„Es gibt keinen Fehler“, versicherte er.
Sie musterte sie still. „Wer seid ihr überhaupt?“
Der Mann stutzte – sie hatten vor lauter Aufregung vergessen, sich vorzustellen.
* „Ich bin dein leiblicher Vater, Robert Harrison.“
* „Ich bin dein ältester Bruder, Richie.“
* „Dein zweiter Bruder, Alexander.“
* „Dein dritter Bruder, Nicholas.“
* „Dein vierter Bruder, Abner.“
* „Und ich bin dein fünfter Bruder, Samuel.“
Elizabeth erstarrte. Ernsthaft? Fünf Brüder?! Das war... eine Menge Testosteron.
„Ich bin Elizabeth Greene. Aber das wisst ihr wohl schon“, sagte sie sachlich.
„Ja, das wissen wir“, antwortete Richie mit warmer Stimme. Er ignorierte den eifersüchtigen Blick seines Vaters, trat vor und zerzauste Elizabeth sanft das Haar. „Ich bin jetzt dein großer Bruder. Von nun an brauchst du dir um nichts mehr Sorgen zu machen. Ich halte dir den Rücken frei. Du musst dich nur darauf konzentrieren, unsere kleine Prinzessin zu sein.“
Vielleicht war es die Magie der Blutsbande. Zu Hause gab es zwar eine andere Adoptivschwester, für die keiner von ihnen viel empfand – die Großmutter hatte darauf bestanden, sie aufzunehmen. Aber hier, bei Elizabeth, fühlten sie sofort eine tiefe Verbundenheit.