Stille (2)

1141 Worte
Draußen zogen Elaras Schritte sich schließlich zurück. Ich spürte keine Erleichterung. Ich fühlte nichts. Nur diesen leeren, hohlen Raum, wo einst mein Herz gewesen war. Tag Drei: Zerbrechen Die Taubheit riss auf, wenn auch nicht auf einmal, sondern langsam wie schmelzendes Eis. Ich war im Lagerraum und ordnete Vorräte, als ich es fand: Eine Kiste. Klein, aus Holz, versteckt hinter altem Trainingsgerät. Ich erkannte sie nicht. Trotz meiner eigenen Zurückhaltung neugierig öffnete ich sie und erstarrte. Blumen. Getrocknete Blumen. Hunderte davon. Alle Blumen, die ich ihr gegeben hatte. Sorgfältig konserviert, mit Daten beschriftet, chronologisch geordnet. „Tag 1, Blaue Prunkwinde“ „Tag 15, Gelbe Sonnenblume“ „Tag 47, Lila Iris“ „Tag 89, Weiße Geisterorchidee“ Jede einzelne. 321 Blumen. Sie hatte „alle aufbewahrt.“ Nicht in einer Vase, wo sie sterben würden. Nicht nach einem Tag weggeworfen, sondern konserviert. Meine Hände zitterten, als ich sie einzeln herausnahm. Sie hatte Notizen auf einige geschrieben: „Diese roch nach Honig“ „Ash muss so weit gelaufen sein, um diese zu finden“ „Wie weiß er immer, was ich brauche?“ Am Boden der Kiste, unter den ältesten Blumen versteckt, lag ein Stück Papier. Gefaltet. Abgenutzt, als wäre es oft gelesen worden. Ich entfaltete es — es war ihre Handschrift: „Ich weiß nicht, wer diese Blumen hinterlässt, aber wer immer du bist, danke. Du lässt mich auf eine Weise gesehen fühlen, wie nichts anderes es tut. Diese Morgen sind der beste Teil meines Tages und ich hoffe, eines Tages bin ich mutig genug, es dir persönlich zu sagen.“* „E“ Das Datum oben: Tag 6. Sie hatte das nach der sechsten Blume geschrieben. Sie wusste bereits damals, dass die Blumen wichtig waren, und hatte sie aufbewahrt. Alle. Jede einzelne. Die Taubheit zerbrach, und ich zerbrach. Nicht leise, nicht anmutig. Ich zerbrach. Schluchzend, hässlich, laut, körpererschütternd, unkontrollierbar. Weil sie sie geschätzt und aufbewahrt hatte. Sie hatte genug Sorge gezeigt, um 321 Blumen zu bewahren, Notizen zu schreiben, anzuerkennen, dass sie wichtig waren, aber nicht genug, um mich zu lieben. Nicht genug, um mich zu wählen. Die Blumen waren wertvoll, aber ich war es nicht. Die Geste war schön, aber die Person dahinter war nur „lieb“. Ich drückte die Kiste an meine Brust und weinte, bis ich nicht mehr atmen konnte. Bis mein Wolf sich schließlich, endlich rührte, nicht um zu trösten, sondern um zu heulen. Ein Laut reinen, verheerenden Verlusts. Wir hatten alles gegeben, und es war immer noch nicht genug. Marcus fand mich dort, sagte aber nichts. Setzte sich nur neben mich, während ich zerbrach. „Sie hat sie aufbewahrt,“ würgte ich zwischen den Schluchzern hervor. „Alle. Sie hat sie aufbewahrt.“ „Ich weiß, Junge.“ „Warum dann, warum war es nicht genug?“ „Weil Liebe keine Transaktion ist. Du kannst sie nicht verdienen, indem du genug gibst. Sie ist entweder da oder nicht.“ „Das ist grausam.“ „Das ist das Leben.“ Ich weinte härter. Er zog mich an seine Schulter, und das war der erste wirkliche Trost seit drei Tagen. „Lass es raus,“ sagte er leise. „Alles. Du hast das fünf Jahre lang gehalten. Lass es gehen.“ Also tat ich es. Ich weinte für den Jungen, der 321 Blumen gepflückt hatte, ich weinte für die Mitternachtstrainings, die niemand kannte, ich weinte für die Narbe auf meiner Schulter, die immer noch brannte. Ich weinte für die Hoffnung, die mich am Leben hielt, und die Ablehnung, die sie zerstörte, ich weinte für die Freundschaft, die ich verloren hatte, und die Liebe, die ich nie gehabt hatte, und ich weinte, bis nichts mehr übrig war. Bis ich wieder leer war. Aber dieses Mal war die Leere anders. Sie war nicht taub, sondern „rein“. Wie eine Wunde, die endlich entwässert wurde. Als ich endlich aufhörte, reichte mir Marcus Wasser. Ich trank mechanisch. „Was mache ich jetzt?“ fragte ich. Meine Stimme war „zerstört“. „Jetzt?“ Marcus sah die Kiste mit Blumen an. „Jetzt entscheidest du, wer du sein willst.“ „Wie meinst du das?“ „Du kannst gebrochen bleiben. Lass dies dich definieren. Werde das tragische Omega, das liebte und verlor.“ Er sah mir in die Augen. „Oder du lässt dies dich formen. Nutze diesen Schmerz, um etwas anderes zu werden, etwas Stärkeres.“ „Ich fühle mich nicht stark.“ „Bist du nicht. Noch nicht.“ Er stand auf, bot mir seine Hand. „Aber Stärke ist nichts, womit man geboren wird, sondern etwas, in das man hinein überlebt.“ Ich starrte auf seine Hand. Dachte an den Jungen, der ich vor drei Tagen gewesen war. Derjenige, der Blumen brachte, hoffte und still liebte. Dieser Junge war tot. Ich konnte um ihn trauern oder ich konnte mich weiterentwickeln. Ich nahm Marcus‘ Hand und ließ mich hochziehen. „Was ist der erste Schritt?“ fragte ich. „Du hörst auf, Blumen zu bringen.“ „Schon erledigt.“ „Du hörst auf, ihr auszuweichen.“ Ich verspannte mich. „Marcus,“ „Nicht um Freunde zu sein. Nicht, um dich zu quälen.“ Er hob die Kiste mit Blumen auf, reichte sie mir. „Um sie zurückzugeben und um Abschied zu sagen. Wirklich Abschied.“ „Ich habe schon—“ „Du hast wütend, verletzt und gebrochen Abschied gesagt.“ Er drückte meine Schulter. „Sag es nochmal. Ruhig, klar, endgültig und gib dir selbst Abschluss.“ „Und dann?“ „Dann findest du heraus, wer Ash Veylen ist, wenn er nicht durch seine Liebe zu Elara Thorn definiert wird.“ Ich sah auf die Kiste. 321 Blumen. 321 Morgen. 321 Stücke einer Liebesgeschichte, die immer einseitig war. „Okay,“ flüsterte ich. „Okay?“ „Ich werde sie zurückgeben. Ich werde Abschied sagen.“ Ich sah ihm in die Augen. „Und dann bin ich fertig. Wirklich fertig.“ Marcus lächelte, traurig, aber stolz. „Gut. Denn Junge? Du hast zu viel Leben vor dir, um es an jemanden zu verschwenden, der nicht sieht, was direkt vor ihr ist.“ Er ging. Ich saß mit der Kiste da. Und zum ersten Mal seit drei Tagen fühlte ich etwas anderes als Schmerz: Entschlossenheit. Ich hatte Elara Thorn fünf Jahre lang geliebt, ihr alles gegeben, und es war nicht genug gewesen, aber vielleicht, vielleicht war es an der Zeit, diese Hingabe jemandem zu geben, der sie tatsächlich verdient: „Mir selbst.“ Morgen würde ich die Blumen zurückgeben. Morgen würde ich Abschied sagen. Morgen würde ich anfangen, jemand Neues zu werden. Heute Nacht? Heute Nacht würde ich mir erlauben, den Tod des Jungen zu betrauern, der zu sehr liebte. Und mich auf die Geburt des Wolfs vorzubereiten, der nie wieder so lieben würde.
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