ALISAS SICHT
Die Schritte des Gerichtsvollziehers verhallten den Bürgersteig hinunter, aber das Echo seiner Worte blieb wie ein Splitter in meiner Brust stecken. „Mrs. Moretti, Ihnen wurde zugestellt.“
Der dicke Umschlag in meinen Händen fühlte sich schwerer an, als er sein sollte – juristischer Jargon, Anschuldigungen, Forderungen, dass Jeff mein Restaurant als „eheliches Vermögen“ liquidiert haben wollte. Mein Name, Moretti, spottete mich von der Kopfzeile aus an.
Selbst jetzt greift er mit Tinte und Lügen aus, um zu ersticken, was ich aufgebaut hatte.
Ich stand allein mitten in Alisa’s Table, dem Restaurant, in das ich fünf Jahre stiller Rebellion gesteckt hatte.
Morgensonne fiel schräg durch die hohen Fenster, fing sich an den polierten Tischen und der offenen Küche, in der mein Personal sonst zielgerichtet arbeitete. Heute war sie leer bis auf mich und den Geist von Jeffs Kontrolle.
Mein Handy vibrierte. Kael.
„Bin unterwegs. Sprich mit niemandem allein. Schließ die Türen ab.“
Ich lächelte fast. Der Alpha-Befehl in seiner Nachricht hätte mich reizen sollen. Stattdessen beruhigte er etwas Unruhiges in meiner Wölfin. Zum ersten Mal fühlte sich der Schutz von jemandem nicht wie ein Käfig an. Er fühlte sich wie eine Rüstung an.
Zehn Minuten später hielt der schlanke schwarze SUV. Kael stieg aus, Macht strahlte von jeder Linie seines maßgeschneiderten Anzugs. Er klopfte nicht – er benutzte den Ersatzschlüssel, den ich ihm an diesem Morgen gegeben hatte, und schritt hinein, als gehöre ihm der Laden. Vielleicht tat er das in irgendeiner schicksalhaften Weise bereits.
Seine Augen fanden mich sofort. In zwei Schritten durchquerte er den Gastraum und zog mich an seine Brust. Kein Zögern. Seine Arme schlossen sich eng um mich, eine Hand hielt den Hinterkopf, während ich ihn einatmete – Zeder, Regen und dieses darunterliegende Wildfeuer, das pure Kael war.
„Er eskaliert“, flüsterte ich in sein Hemd. „Die Papiere sagen, das Restaurant sei mit gemeinsamen Mitteln gekauft worden. Dass ich die Ehe verlassen habe. Dass ich… mit dir zusammen bin. Unethisch.“
Kaels Knurren vibrierte durch mich. „Lass ihn es versuchen.“ Er hob mein Kinn an, dunkle Augen suchten meine. Das Bernstein flackerte, sein Wolf war nah an der Oberfläche. „Blackwood bereitet bereits eine Antwort vor. Notanhörung in vier Tagen. Wir frieren alles ein bis dahin.“
Ich zog mich leicht zurück, musste sein Gesicht sehen. „Und was ist mit dir? Jeff sagt, er weiß Dinge. Deine Vergangenheit.“
Etwas Dunkles huschte über sein Gesicht. Er ließ mich los, behielt aber eine Hand an meiner Taille und führte mich zu einer Eckbank. Wir saßen eng, Oberschenkel berührten sich. Der Kontakt erdete mich, selbst während mein Puls raste.
„Alte Kämpfe“, sagte er leise. „Bevor ich die Kanzlei aufgebaut habe. Ich war nicht immer auf der richtigen Seite des Gesetzes. Rudelstreitigkeiten in der Unterstadt. Blut ist geflossen. Ich habe diese Narben ehrlich verdient, aber die Optik zählt vor Gericht.“ Sein Daumen strich gedankenverloren über die kleine Narbe an meinem Handgelenk. „Ich kümmere mich darum. Du konzentrierst dich auf dich.“
Ich musterte ihn – den scharfen Kiefer, die ruhigen Hände, die Art, wie er mich ansah, als sei ich das Einzige, was in seiner kalkulierten Welt zählte.
Meine Wölfin drängte nach vorn, preßte sich gegen meine Haut, wollte ihn genau hier zwischen den leeren Tischen markieren. „Ich bin nicht zerbrechlich, Kael. Hör auf, mich vor allem abzuschirmen. Ich muss auch kämpfen.“
Seine Lippen krümmten sich. Stolz blitzte in seinen Augen auf. „Da ist sie. Meine wilde Gefährtin.“ Er beugte sich vor, Lippen streiften mein Ohr. „Dann kämpfe. Aber wisse, dass ich direkt hinter dir stehe, bereit, Kehlen zu zerreißen, wenn du mich brauchst.“
Hitze sammelte sich tief in meinem Unterleib. Die Bindung summte, magnetisch und unnachgiebig. Ich drehte den Kopf und fing seinen Mund in einem Kuss, der sanft begann und verzweifelt wurde. Zungen verwoben sich. Seine Hand glitt in mein Haar, packte gerade fest genug, dass ich keuchte. Ohne nachzudenken kletterte ich auf seinen Schoß, ritt ihn in der Bank, rieb mich gegen die wachsende Härte unter mir.
„Alisa“, stöhnte er gegen meine Lippen. „Wir können nicht. Noch nicht. Gericht—“
„Ich weiß“, keuchte ich, hörte aber nicht auf, mich zu bewegen. Langsame Hüftkreise, die uns beide keuchen ließen. Seine Hände packten meinen Hintern, führten mich, der Stoff zwischen uns eine frustrierende Barriere. „Nur… spüre mich. Erinnere mich daran, dass ich lebe.“
Er fluchte leise und schmutzig, eine Hand schob sich unter meine Bluse, umschloss meine Brust, der Daumen kreiste um meine Brustwarze durch die Spitze. Lust zuckte scharf und hell. Ich wiegte mich schneller, jagte der Reibung nach, die Bindung sang zwischen uns. Sein Duft verdichtete sich, umhüllte mich wie ein Anspruch. Ich war durchtränkt, schmerzte, war am Rand von nichts als seiner Berührung und dem Wissen, dass dieser mächtige Mann sich für *mich* auflöste.
„Komm für mich, kleine Wölfin“, knurrte er und biss in meine Unterlippe. „Leise. Lass mich spüren, wie du zerbrichst.“
Der Befehl kippte mich. Ich vergrub mein Gesicht in seinem Hals und zerbrach mit einem gedämpften Schrei, Schenkel zitterten um ihn. Er hielt mich hindurch, murmelte Lob gegen mein Haar – „Gutes Mädchen. So perfekt. Mein.“ – bis die Nachbeben verblassten.
Wir blieben so, Stirnen aneinander, atmeten einander ein. Kein Knoten. Keine volle Beanspruchung. Aber die Intimität fühlte sich tiefer an als die Nacht in seinem Penthouse.
Schließlich drängte die Realität herein. Wir richteten unsere Kleidung und gingen ins Hinterbüro. Kael breitete Dokumente auf meinem Schreibtisch aus, während ich Kaffee machte, die Hände noch zittrig.
„Deine Mutter hat mit Jeffs Familie gesprochen“, sagte er und überflog sein Tablet. „Sie drängen auf Mediation. Eine ‚zivilisierte‘ Lösung, um die Rudelallianzen zu schützen.“
Ich setzte seine Tasse härter ab als nötig. „Zivilisiert? Nach dem, was er getan hat?“
„Genau.“ Kaels Lächeln war messerscharf. „Wir nutzen die Mediation zu unserem Vorteil. Du sagst aus. Ich bin im Raum – nur beobachtend. Blackwood führt. Wir enthüllen die Scheinehe, den emotionalen Missbrauch, die finanzielle Umleitung auf Aidens Konten. Ich habe forensische Buchhalter dran.“
Ich nippte an meinem Kaffee und ließ den Plan mich stabilisieren. „Und deine Vergangenheit? Wenn Jeff sie rauszieht…“
Kael sah mir standhaft in die Augen. „Dann bekenne ich mich dazu. Ich habe für schwächere Wölfe gekämpft, als der Rat es nicht tat. Einige dieser Kämpfe wurden blutig. Aber daraus wurde der Mann, der jetzt für dich einstehen kann. Keine Entschuldigungen.“
Mein Herz zog sich zusammen. Ich griff über den Schreibtisch und verschränkte unsere Finger. „Ich vertraue dir.“
Die Worte fühlten sich riesig an. Größer als die Bindung. Kaels Augen weichten, dann erhitzten sie sich. „Sag das nochmal später, wenn ich dich nackt unter mir habe.“
Versprechen und Drohung in einem. Meine Wölfin sträubte sich vor Stolz.
Die nächsten drei Tage verschwammen zu Strategiesitzungen, späten Nächten im Penthouse und gestohlenen Momenten der Hitze. Kael überschritt nie die letzte Linie – wir beide kannten das Risiko –, aber wir erkundeten einander mit Händen und Mündern, bis ich die Karte seiner Narben auswendig kannte. Er lernte, was mich zittern ließ, was mich betteln ließ. Die Bindung stärkte sich, ein goldener Faden, der enger zog.
Am Morgen der Mediation zog ich mich sorgfältig an: ein maßgeschneidertes cremefarbenes Etuikleid, das stille Macht ausstrahlte, Haar in einem glatten Chignon, minimales Make-up, das die Erschöpfung verbarg, aber nicht das neue Leuchten meiner Haut.
Kaels Markierung – schwach, aber jetzt sichtbar an meinem Hals – lugte gerade über dem Kragen hervor, wenn man wusste, wohin man schauen musste. Sein Duft haftete an mir wie eine Rüstung.
Er fuhr uns zum neutralen Rudel-Mediationszentrum, einem schlanken Gebäude im Finanzviertel. Seine Hand lag die ganze Fahrt über auf meinem Oberschenkel. „Was auch immer dort drinnen passiert – denk daran: Du gehst freier heraus, als du hineingegangen bist.“
Jeff war bereits da, poliert und selbstgefällig in einem marineblauen Anzug, Aiden wie ein Schatten an seiner Seite. Meine Mutter saß hinter ihnen, Lippen dünn zusammengepresst. Die Mediatorin, eine ältere Beta-Frau, wirkte angespannt.
Die Sitzung begann zivil. Dann nicht mehr.
Jeff malte mich als instabil, emotional volatil, als hätte ich meine Pflichten als Omega-Ehefrau aufgegeben. Er behauptete, das Restaurant sei seine Investition, meine „Affäre“ mit Kael beweise Instabilität. Meine Mutter nickte mit und murmelte von Familienehre.
Ich saß aufrecht, das Herz pochte. Als ich an der Reihe war, sprach ich klar und mit fester Stimme. „Fünf Jahre habe ich gekocht, gelächelt und mich unsichtbar gemacht, damit er verbergen konnte, wer er wirklich ist. Ich habe ihn am Jahrestag mit Aiden erwischt.
Kein Bedauern. Nur Ärger, dass ich unterbrochen habe.“ Ich sah Jeff direkt an. „Du hast mich nie gewollt. Du hast mich benutzt. Und ich bin fertig damit, benutzt zu werden.“
Der Raum knisterte vor Spannung. Jeffs Maske rutschte, die Augen verengten sich mit echtem Zorn.
Dann sprach Kael, der still beobachtet hatte, zum ersten Mal. Seine Stimme schnitt wie eine Klinge. „Die Finanzunterlagen von Mr. Moretti zeigen systematische Umleitung ehelicher Mittel auf Konten, die seinem Partner zugutekommen.
Wir haben Zeugen. Wir haben Zeitstempel. Setzen Sie diese Farce fort, und wir sehen uns vor offenem Gericht, wo der gesamte Rudelrat jedes schmutzige Detail hört.“
Jeff griff verbal an, beschuldigte Kael unethischen Verhaltens, dass er mit einer Mandantin schlafe. Die Mediatorin forderte Ordnung.
Aber unter dem Tisch fand Kaels Hand meine. Drückte. „Ich hab dich.“
Die Mediation wurde zur „Abkühlung“ unterbrochen. Im Flur stellte Jeff mich in die Ecke, während Kael einen Anruf entgegennahm. Sein Lächeln war giftig. „Du denkst, Draven ist ein Retter? Er ist ein Killer, Alisa. Blut an den Händen aus den alten Kriegen. Ein Flüstern an die richtigen Leute, und seine Kanzlei bricht zusammen. Komm zurück. Wir können das noch leise klären.“
Einen Moment lang packte mich Angst. Dann erinnerte ich mich an Kaels Narben. Seine ruhigen Hände. Die Art, wie er mich gehalten hatte, während ich trauerte.
„Nein“, sagte ich, trat näher und ließ meine Wölfin aufsteigen. Meine Stimme sank, durchzogen von neuer Stärke. „Du darfst mich nicht mehr bedrohen. Ich bin nicht deine Tarnung. Ich bin nicht dein Vermögenswert. Rühr noch einmal an mein Restaurant, mein Leben oder meinen Gefährten, und ich helfe Kael persönlich, dich zu begraben.“
Jeff blinzelte, schockiert. Die alte Alisa hätte eingeknickt. Diese hier zeigte Zähne.
Kael erschien an meiner Seite wie eine herbeigerufene Präsenz. Er berührte Jeff nicht – er musste es nicht. Die Alpha-Aura allein ließ den Flur enger wirken. „Zeit abgelaufen, Moretti. Geh, solange du noch kannst.“
Jeff zog sich zurück, aber der Blick, den er uns zuwarf, versprach weiteren Krieg.
Zurück im Auto krachte das Adrenalin durch mich. Ich zitterte – vor Wut, vor Macht, vor Verlangen. Kael hielt in einer ruhigen Seitenstraße an, schaltete den Motor aus und zog mich über die Mittelkonsole auf seinen Schoß.
„Fuck, Alisa“, krächzte er, Hände überall. „Dich dabei zu sehen, wie du ihm die Stirn bietest… meine perfekte Gefährtin.“
Unsere Münder krachten zusammen. Verzweifelt. Zungen und Zähne. Seine Hand schob mein Kleid hoch, Finger fanden mich triefend. Zwei dicke Finger stießen hinein, krümmten sich perfekt. Ich ritt seine Hand schamlos, stöhnte in seinen Mund, die Bindung loderte weißheiß zwischen uns.
„Komm“, knurrte er. „Jetzt.“
Ich zerbrach hart, preßte mich um ihn, sein Name ein gebrochenes Gebet auf meinen Lippen.
Als ich herunterkam, Stirn an seiner, flüsterte ich die Wahrheit, gegen die ich gekämpft hatte. „Ich verliebe mich in dich, Kael. Nicht nur die Bindung. Dich.“
Seine Arme zogen sich enger, das Herz donnerte gegen meins. „Gut. Denn ich bin bereits gefallen. Hart.“
Aber als wir zurück zum Penthouse fuhren, leuchtete eine weitere Nachricht auf meinem Handy auf. Unbekannte Nummer.
„Dravens altes Rudel will Blut für das, was er getan hat. Lass den Fall fallen oder sie kommen für euch beide.“
Der Krieg vertiefte sich. Und die Geister von Kaels Vergangenheit blieben nicht begraben.
Ich sah den Mann neben mir an – den, der mir meine Krallen zurückgegeben hatte – und verstärkte meinen Griff um seine Hand.
Wir würden ihnen gemeinsam entgegentreten.