Kapitel 10

1388 Worte
ALISAS SICHT Die Türen des Gerichtsgebäudes schlugen am Morgen der Anhörung auf wie Donner. Ich stand draußen in der kühlen Herbstluft, Kaels Hand fest in meiner, aber mein Puls hämmerte trotzdem. Das alte Rudel war schneller gewesen, als wir erwartet hatten – schwarze SUVs standen am Bordstein, ihre Scheiben getönt wie Drohungen. Drei Männer stiegen zuerst aus, unterrangige Alphas aus dem Unterstadt-Rudel, mit vernarbten Gesichtern und harten Augen. Sie trugen dasselbe rohe Grinsen wie auf dem Foto in meinem Umschlag. Einer höhnte: „Draven. Immer noch den Helden gespielt?“ Kaels Griff wurde fester, aber er zuckte nicht zurück. „Ihr seid gekommen, um zu reden, nicht, um meine Gefährtin zu bedrohen. Verschwindet.“ Der zweite Alpha lachte, tief und hässlich. „Bedrohen? Wir sind hier, um euch zu erinnern, was Blutschuld bedeutet. Euer Rudel vergisst nicht. Wir auch nicht. Lasst den Fall fallen, gebt die Frau heraus, und wir gehen. Oder wir machen euren Ruf zu Asche.“ Mein Blut gefror zu Eis. *Blutschuld.* Kaels Vergangenheit. Die Worte aus der unbekannten Nachricht. Meine freie Hand ballte sich zur Faust an meiner Seite, die Nägel bohrten sich in die Handfläche. Ich war fertig damit, die stille Omega zu sein, die darauf wartete, dass jemand anderes für sie kämpfte. Kael trat vor, seine Alpha-Aura rollte in einer dunklen Welle von ihm ab und drückte die Männer einen vollen Schritt zurück. „Ihr wollt die Bedingungen wissen?“ Seine Stimme war ruhig, tödlich. „Ich werde es vor Gericht regeln. Heute. Am selben Ort wie die Scheidung. Bringt jeden Zeugen, den ihr habt. Ich bringe die Beweise. Keine Spiele mehr.“ Der dritte Alpha spuckte auf den Bürgersteig. „Glaubst du, wir haben Angst vor dir? Wir erinnern uns an die Nacht, in der dein Vater nahm, was ihm nicht gehörte—“ Die Luft knackte unter Kaels Knurren. In zwei Schritten hatte er den Mann am Hals, hob ihn vom Boden, die Füße baumelten. „Sprich ihren Namen nicht aus. Berühre sie nicht. Schau sie nicht einmal *an*. Ihr seid mit diesem Rudel fertig, fertig mit dieser Schuld. Verschwindet jetzt, oder ich beende es hier und jetzt.“ Der Mann kratzte an Kaels Unterarm, aber Kael rührte sich nicht. Macht strahlte in Wellen von ihm ab – Raubtier gegen Raubtier. Ich trat näher, meine eigene Wölfin erhob sich, der Duft spitzte sich süß und scharf vor Trotz. Die Bindung zwischen uns flammte heiß auf, goldene Fäden zogen sich fest. „Kael“, sagte ich leise, nur für ihn. „Lass ihn los. Wir brauchen das nicht öffentlich.“ Er setzte den Mann langsam ab, die Augen nie von den anderen beiden abwendend. Sie wichen zurück, murmelten Flüche, zogen sich aber zu ihren SUVs zurück. In dem Moment, als die Fahrzeuge abfuhren, drehte sich Kael zu mir um, die Brust hob und senkte sich heftig. „Sie testen dich. Testen *uns*. Meine Vergangenheit ist kein Geheimnis mehr. Sie wollen Druckmittel.“ Ich nahm sein vernarbtes Kinn in die Hände, spürte die Rauheit des Stoppels. „Dann geben wir ihnen nichts. Du bist der Mann, der eine Anwaltskanzlei aufgebaut hat, um diese Art von Brutalität zu beenden. Ich bin die Frau, die aus einem Käfig herauskam und ihren Gefährten fand. Wir kämpfen auf dieselbe Weise – zusammen.“ Seine bernsteinfarbenen Augen suchten meine, die Bindung zog uns näher, bis unsere Stirnen sich berührten. „Du zitterst.“ „Nicht aus Angst.“ Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und küsste ihn – langsam, tief, der Art Kuss, der nach Versprechen schmeckte. Seine Hände glitten an meine Taille, zogen mich eng an sich. Hitze baute sich schnell zwischen uns auf; ich spürte, wie er sich gegen meinen Bauch verhärtete, die Bindung sang vor Verlangen. „Nimm mich danach zurück in die Penthouse-Wohnung. Lass mich dich erinnern, wer ich bin.“ Ein tiefes Knurren grollte in seiner Brust. „Du trägst bereits meine Markierung.“ „Gut.“ Ich biss in seine Unterlippe. „Dann trage mich weiter.“ Wir gingen Hand in Hand hinein, die Bindung summte wie ein unter Strom stehender Draht. Der Mediator war bereits im Raum, die Gesichter finster. Jeff saß am Verteidigungstisch, selbstgefällig wie immer, aber seine Augen huschten zu den Männern draußen. Aiden schwebte in der Nähe wie ein warnender Schatten. Die Anhörung begann. Kael präsentierte zuerst – Finanzunterlagen, den Original-Kaufbeleg für das Restaurant, der zeigte, dass es allein aus meinem Treuhandfonds finanziert worden war, nicht aus gemeinsamen ehelichen Vermögenswerten. Blackwood folgte mit eidesstattlichen Erklärungen meiner Mitarbeiter, dem aufgenommenen Telefongespräch meiner Mutter, in dem sie zugab, mich zur Ehe gedrängt zu haben wegen „Allianzen“, und Aidens widerwilliger Aussage. Der Hammer des Richters fiel hart. „Vorläufige einstweilige Verfügung erlassen. Restaurant vollständig geschützt. Herr Moretti, Sie werden die Klägerin oder ihre Mitarbeiter weder kontaktieren noch bedrohen.“ Jeff sprang von seinem Stuhl auf. „Das können Sie nicht machen! Draven ist ein Verbrecher!“ Kael stand auf, seine Stimme schnitt durch den Raum wie eine Klinge. „Verbrecher? Ich habe einen Unterstadt-Krieg beendet, der zwanzig Wölfe getötet hat. Ich habe Menschenhändler ausgeschaltet, die Omegas wie Vieh verkauft haben. Das Rudel, das mir Blut schuldet, weiß, was das bedeutet. Du hast meine Gefährtin geheiratet, um dein wahres Ich zu verbergen. Heute sieht es der gesamte Rat.“ Der Richter blickte zwischen uns hin und her, sichtlich überrascht von der Machtverschiebung. „Fall fortgesetzt. Vorläufiges Sorgerecht für das Restaurant der Klägerin zugesprochen.“ Der Raum brach in Geflüster aus. Das Gesicht meiner Mutter wurde bleich. Jeffs selbstgefällige Maske riss. Als wir hinausgingen, warteten die alten Alphas bereits im Flur – jetzt drei, dazu zwei weitere. Der Anführer schob sich vor. „Draven, wir sind noch nicht fertig.“ Kael blieb nicht stehen. Er zog mich hinter sich, sein Körper schirmte mich ab, und sprach über die Schulter. „Macht es fertig.“ Der erste Schlag kam aus dem Nichts – Kael bewegte sich wie flüssiges Metall, der Ellbogen krachte mit einem widerlichen Knacken gegen den Kiefer des Alphas. Der zweite griff nach meinem Arm; ich trat ihm voll in das Knie. Schmerz flammte auf, aber ich hörte nicht auf. Der dritte stürzte sich auf Kael – Krallen ausgefahren. Kaels Hand blitzte, packte das Handgelenk, verdrehte es, bis der Knochen krachte. Ich spürte, wie die Bindung entzündete. Meine Wölfin schoss vor, Fangzähne in einem stummen Knurren entblößt. Der vierte Mann stürmte auf mich zu; ich wich aus, packte seinen Arm und schmetterte sein Gesicht gegen die Wand. Nicht hart genug, um zu töten. Nur genug, um seine Nase zu brechen. Kael drehte sich um, die Augen lodernd, und erledigte den letzten mit einem präzisen Schlag an den Hals, der ihn würgend zu Boden gehen ließ. Stille hallte im Flur. Die Sicherheit war in Sekunden da, Kaels Ruf offenbar stärker als die Drohungen. Die Alphas wurden in Handschellen abgeführt. Kael zog mich eng an sich, atmete schwer, Blut an seinen Knöcheln, aber keines an mir. „Du hast mit mir gekämpft.“ „Habe ich.“ Ich küsste ihn wieder, schmeckte Salz und Sieg. „Ich bin nicht mehr deine zerbrechliche Gefährtin. Ich bin deine.“ Er lachte, tief und zerfetzt, dann hob er mich gegen die Wand, meine Beine schlangen sich um seine Hüften. Im dämmrigen Flur, verborgen vor neugierigen Blicken, nahm er mich genau dort – Kleidung beiseite geschoben, Finger und Schwanz glitten mit verzweifeltem Verlangen hinein. Die Bindung ließ jeden Stoß ewig wirken. Ich kam mit seinem Namen auf den Lippen, umschloss ihn fest, während er tief in mir kam, der Knoten uns fest verband. Als wir schließlich herunterkamen, die Stirnen aneinandergepresst, flüsterte er gegen meine Lippen: „Danach sind wir legal. Du bist meine auf dem Papier und in jeder Weise, die zählt.“ Ich lächelte, noch zitternd von den Nachbeben. „Versprich es.“ Das Gericht hatte gesprochen. Das alte Rudel war entlarvt worden. Mein Restaurant war sicher. Und der Mann, der mich hielt, als könnte die Welt untergehen, hatte mich gerade vor allem gewählt. Als wir Hand in Hand hinaus in das Sonnenlicht gingen, spürte ich, wie die letzten Fäden der Bindung einschnappten – golden, unzerbrechlich. Ich rannte nicht mehr vor einem Käfig davon. Ich rannte geradewegs auf das Leben zu, das ich immer verdient hatte. Eins mit Krallen, mit Macht und mit einem Gefährten, der die Welt für mich niederbrennen würde.
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