Ja bitte, lach mich aus!

1630 Worte
„Also schlecht sah er auf jeden Fall nicht aus.“, nuschelte ich hinter meinem Glas und nahm einen weiteren Schluck in der Hoffnung, dass diese Aussage reichen würde. „Und wie war dein Tag eigentlich bisher?“, versuchte ich relativ auffällig vom Thema abzulenken. „Dein Ernst? Jetzt erzähl doch endlich!“ In ihrem Blick lag pure Neugier gemischt von großer Erwartung, die ich sehr gut kannte. Es gab keinen Ausweg mehr… „Na gut… Er hatte einen hammer Style, doch nicht nur das! Der sah aus wie ein Model! Also wenn der nicht die Rolle bekommt, weiß ich auch nicht… Und wie peinlich… Ich musste ständig auf seine Muskeln starren.“ Sofort prustete Aly lautstark drauf los! „Oh Lia... Ich kann nicht mehr … du bist ... echt … so witzig!!!“ Sie konnte sich vor Lachen gar nicht mehr halten und ich fragte mich warum ich das nun hinzufügen musste. Ich verdrehte die Augen und sah sie dann vorwurfsvoll an. „Sorry, aber… das musste grad sein“, sich langsam fangend wischt sie ihre Lachtränen weg. „Wär doch witzig, wenn du mit dem Drehen müsstest!“ „Achja das wär witzig?“ Mit hochgezogenen Augenbrauen schaute ich sie an. „Jahaa! Dann müsst ihr vielleicht die Szene 1000-mal wiederholen, weil du nicht in seine Augen blicken konntest!“ Und ein weiteres Mal prustete sie los. „Ach hör doch auf. Ich kenn nicht mal seinen Namen.“, meinte ich rechtfertigend, aber es war definitiv falsch das auch noch zu erwähnen. „Waaaass!??? So ein heißer Typ flirtet mit dir und du weißt nicht mal seinen Namen?“ Und ein weiteres quietschend lautes Lachen drang aus ihrem kleinen Mund.   Nach einem tiefen Seufzer nahm ich einen weiteren Schluck und lies diese Frau, die sich meine beste Freundin nannte, weiter über mich lustig machen.   Nachdem sie sich wieder beruhigt hatte, hoffte ich wieder normal mit ihr sprechen zu können.   „Wie war eigentlich dein Date letzte Woche?“, fragte ich sie schließlich, nachdem es mir so schien, als könne sie wieder klar denken. „Ach, wie alle andern“, gab sie emotionslos von sich. „Denkst du immer noch, dass du über diese Datingwebsite deinen Mann fürs Leben finden wirst?“, fragte ich sie skeptisch.   Ich war noch nie begeistert davon, dass sie das tat. Im Internet sind so komische Leute zu finden. So viele verstecken sich hinter einer Maske, geben sich nicht so wie sie wirklich sind, oder wollen mit dir einfach nur ins Bett. Ich hätte richtig Schiss davor mich mit einem Mann zu treffen ohne den schon einmal live gesehen oder getroffen zu haben. Ich glaube ich hätte Angst, dass er ein Krimineller ist. Entweder will er mein Geld oder er entführt mich, um mich im Menschenhandel zu verkaufen. Ja vielleicht ein bisschen zu paranoid. Vor allem hier in Europa ist es relativ unwahrscheinlich in den Menschenhandel zu gelangen, aber ich will ungern einen Mann kennenlernen, von dem ich nicht weiß wo der schon überall seine Pratzen gehabt hat, und mir vielleicht eine Lüge nach der anderen erzählt! Ja ok, dass kann mir auch passieren, wenn ich meinen Traummann im Supermarkt kennenlerne, aber ich hab einfach das Gefühl, dass das im Internet viel leichter und schneller passiert.   „Ja…langsam bin ich nicht mehr so überzeugt, dass ich so meinen Traumprinzen finden werde. Vielleicht muss er doch am weißen Ross geritten kommen und mich retten, bevor ich in der Tiefe des ewigen Brunnens sterbe.“, verträumt stützte Aly ihren Kopf auf ihren Arm ab. „Ja ich glaub auch, dass es eher noch auf diese Weise passieren wird, als über diese Datingwebsite.“. sagte ich mit überzeugendem Ton, schnappte mir die Weinflasche und ließ nochmal einen guten Schuss dieses wundervollen Säftchens in die Gläser fließen. Rinnt echt gut heute, muss ich sagen.   „Ja ja, ich weiß ja, dass du nichts davon hältst. Du wartest doch nur bis du sagen kannst ´Hab ich dir doch gesagt´.“   *** Nachdem wir am Ende doch die ganze Flasche geleert hatten und ich auch nicht mehr mit dem Auto nach Hause fahren konnte, übernachtete ich wie schon so oft bei Aly. Ich hatte schon eine eigene Kiste bei ihr im Schrank, wo Schlafsachen und Zahnbürste usw. von mir gelagert waren.   Ich finde das macht einfach wahre Freundschaft aus. Dieses Selbstverständliche. Sich einfach bedienen zu können, nicht mehr nachfragen zu müssen. Es ist einem egal, ob aufgeräumt ist, oder der aller größte Saustall. Kommen zu dürfen, wann und wie man will. Bei wie mein ich, dass es scheiss egal ist mit Jogginghose und fettigen Haaren anzukommen. Dann ist das wahre Freundschaftslevel erreicht. Weder sie fragte, ob ich dableiben möchte, noch ich fragte ob ich übernachten darf. Es war einfach klar, dass ich über Nacht bleiben würde. Zum Glück hatte ich mir gleich zwei Tage frei genommen.   *** Sonntagmorgen und mein Wecker klingelt… Ob ich mich schon daran gewöhnt hab, sonntags zu arbeiten? Nein. Aber ich liebe es über alles in dem kleinen englischen Café in Bodmin zu arbeiten. Auch wenn sonntags der Wecker um 6 Uhr klingelt liebe ich es einfach mich Sonntagmorgen auf den Weg zu machen, um dieses wundervolle Café aufzusperren.   Schon seit 2 Jahre arbeite ich dort und ich könnte mir zur Zeit nichts Besseres vorstellen. Außer vielleicht endlich mal eine Filmrolle zu bekommen. Aber ich liebe einfach den Duft von frisch geriebenen Kaffeebohnen, das Plätschern des heißen Kaffees in die Cappuccinotassen, das Geräusch des Milchaufschäumens und natürlich den herrlichen Geschmack des besten Kaffees in der ganzen Stadt. Und unabhängig vom leckeren Kaffee genieße ich es sehr die liebevollen Menschen aus Bodmin zu bedienen und ihnen ein Lächeln auf den Mund zu zaubern. Wenn das mit der Filmkarriere nichts wird eröffne ich vielleicht mal mein eigenes Café. Obwohl ich Mr und Ms Bluewes wirklich sehr liebe und über alles schätze. Ich glaube bessere Chefitäten kann man nirgends finden. Ein wundervoll liebenswertes Ehepaar, das auch wirklich selten in der Gastronomie anzufinden ist, wo man sich sonst wegen dem Stress normalerweise gegenseitig die Köpfe einschlägt und nur wenige Worte liebevoll gewechselt werden. Ja ich weiß wovon ich spreche. Ich habe früher, als ich noch zur Schule ging in einem Restaurant im Sommer gejobbt. Da wird man als Kellner schnell mal vom Küchenpersonal angeschrien. Und wenn dann grade in dem ganzen Stress Fehler passieren ist es genau der Kellner der alles grade richten muss und freundlich dem Gast gegenübertreten zu hat. Ach ja, das waren Zeiten. Wie froh ich bin, dass diese vorbei sind.     Schon von weitem stach mir die gelbe Aufschrift „Sunny Coffee“ in die Augen. Der Name trifft es wirklich gut. Es fühlt sich nämlich wirklich so an als würd ich dort sonnigen Kaffee servieren. Und es fühlt sich auch so an als würd in dem Café immer die Sonne scheinen, weil so eine Liebe darin herrscht. Wenn man durch die Türschwelle tritt, ist es als würde man einen sonnigen Raum ausgefüllt von Liebe, Frieden und Freude betreten. Ich weiß nicht genau woran das liegt. Aber ich denke, dass es auch ganz stark an der Ausstrahlung von Mister und Misses Bluewes liegen. Manchmal seh ich sie an und frage mich, was es ist, was so leuchtet in ihnen. Vielleicht liegt es daran, dass sie bekennende Christen sind. Das muss schon echt ein krasser Glaube an einen Gott sein, der so wundervolle Menschen aus ihnen macht.   Der Schlüssel drehte sich wie gewohnt im Türschloss des Cafés. Mit Schwung trat ich durch die Tür und wunderte mich wie jedes andere Mal wie, selbst wenn die zwei noch gar nicht hier waren, Liebe und Friede auf einem einströmte.   Nachdem ich alles für die ersten Gäste startklar gemacht hatte, bewegte sich mein Körper zurück zur Kaffeemaschine, um mir erstmal selbst einen Kaffee zu gönnen. Das ist schon echt praktisch in einem Café zu arbeiten. Man bekommt wann man will und wie man will und auch noch kostenlos höchst qualitativen Kaffee. Ich bin schon recht anspruchsvoll geworden, wenn ich diese Qualität hier gewöhnt bin.   Und schon floss der erste Kaffee in die Tasse, die ich gleich meine nennen durfte. Gekonnt ließ ich die Wasserdampfdrüse für den Milchschaum in die Kanne gleiten und der gewohnte Klang, den ich nicht beschreiben kann, erklang in meinen Ohren. Als ich die Temperatur richtig abgeschätzt hatte zog ich die Kanne unten weg und wollte grade den perfekten Milchschaum auf meinen Kaffee gießen, da rutschte mir plötzlich die Kanne aus der Hand und landete mit dreimaligen Aufprallen auf dem Boden. Mit großen Augen sah ich der heißen Milch zu, wie sie sich ungewollt schnell auf den Fußboden verteilte. Geschockt starrte ich das Dilemma an, bis ich realisierte, dass die einzige Möglichkeit, diese weiße Soße vom Boden zu bekommen, darin besteht, sie aufzuwischen. Also holte ich einen Bodenputzlappen aus der Putzkammer und begann kniend meinen guten Milchschaum aufzuwischen. Warum ich hier blöd am Boden rumhocke, anstatt einen Wischmopp zu nehmen? Ich hab absolut keine Ahnung. Wahrschlich der Faulheit wegen.   Ich war gerade so in Gedanken, wie mir das nur passieren konnte, da hörte ich jemanden durch die Pendeltür der kleinen Küche im hinteren Teil des Cafés kommen, die gleichzeitig Aufgang zur Wohnung der Chefitäten war. Noch immer am Boden knieend hob ich langsam den Kopf und sah Harry Bluewes direkt in die Augen. „Da fängt dein Tag ja schon mal sehr heiter an.“, gab er belustigt von sich. „Hast du vorgestern wieder eine Absage bekommen?“, fügte er noch abwertend hinzu und stemmte seine Arme in die Hüfte. Mit großen Augen sah ich ihn an und fühlte mich plötzlich noch so viel kleiner, als ich hier am Boden eh schon war…        
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