Kapitel 4: Keine Zufälle
Aria hasste es, sich unsicher zu fühlen.
Und genau das war sie.
Seit dem Anruf ließ sie ein Gedanke nicht mehr los. Es war nicht die Stimme, nicht einmal die Warnung, sondern dieses eine Wort, das sich in ihrem Kopf festgesetzt hatte.
Ausgesucht.
Es ergab keinen Sinn, und doch fühlte es sich zu gezielt an, um einfach nur Zufall zu sein.
Sie saß am Fenster ihres Zimmers, das Handy noch immer in der Hand, als könnte es ihr plötzlich Antworten liefern. Draußen bewegte sich die Stadt wie immer weiter, laut, gleichgültig, unverändert.
Nur für sie hatte sich etwas verschoben.
„Das ist lächerlich,“ murmelte sie leise.
Aber sie glaubte sich selbst nicht.
Am nächsten Morgen war sie früher unterwegs als sonst.
Nicht, weil sie musste, sondern weil sie nicht still sitzen konnte.
Die Straßen waren ruhiger, die Luft kühler, doch in ihrem Kopf herrschte ein Chaos, das sich nicht ordnen ließ. Sie versuchte, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren, auf ihre Kamera, auf die Details, die sie sonst so mühelos einfing.
Heute funktionierte nichts davon.
Zu viele Gedanken.
Zu viele Fragen.
Keine Antworten.
Bis sie ihn sah.
Kael lehnte an seinem Motorrad, ruhig wie immer, als würde er auf nichts warten und gleichzeitig genau wissen, dass sie kommen würde.
Aria blieb kurz stehen.
Dann ging sie direkt auf ihn zu.
Ohne Zögern.
„War das geplant?“ fragte sie, noch bevor sie vor ihm stehen blieb.
Sein Blick hob sich langsam zu ihr. „Was genau?“
„Dass wir uns schon wieder sehen.“ Sie deutete leicht zwischen ihnen. „Oder willst du mir sagen, das ist alles Zufall?“
Ein kaum sichtbares Lächeln erschien auf seinen Lippen. „Du klingst, als würdest du nicht mehr an Zufälle glauben.“
„Ich fange gerade an, sie zu hinterfragen.“
Er richtete sich auf und trat einen Schritt näher. „Und gefällt dir, was du herausfindest?“
Aria verschränkte die Arme. „Noch nicht.“
Ein kurzer Moment verging, in dem sie sich einfach ansahen.
Dann sagte sie direkt: „Warum ich?“
Sein Blick blieb ruhig. „Warum du was?“
„Warum hast du mich angesprochen?“ Ihre Stimme war fest. „Oder war das wirklich nur ein Zufall?“
Stille.
Bewusst.
Kontrolliert.
„Vielleicht wollte ich dich kennenlernen,“ sagte er schließlich.
„So einfach ist das?“
„Manchmal schon.“
Aria schüttelte leicht den Kopf. „Nein. Nicht bei dir.“
Sein Blick wurde etwas intensiver. „Du glaubst, mich schon zu kennen?“
„Nein,“ sagte sie sofort. „Aber ich glaube nicht, dass du Dinge einfach passieren lässt.“
Ein leises Ausatmen.
„Du beobachtest zu viel.“
„Und du sagst zu wenig.“
Die Stille zwischen ihnen wurde dichter, spannungsgeladen.
„Jemand hat mich angerufen,“ sagte Aria plötzlich.
Keine Einleitung.
Keine Vorsicht.
Kaels Haltung veränderte sich kaum sichtbar, aber genug, dass sie es bemerkte.
„Und?“
„Sie hat gesagt, ich soll mich von dir fernhalten.“
Ein kurzer Moment verging.
Zu ruhig.
Zu kontrolliert.
„Und hörst du darauf?“ fragte er.
Aria sah ihn direkt an. „Sollte ich?“
Er trat einen kleinen Schritt näher. „Das kommt darauf an, was du willst.“
„Ich will die Wahrheit.“
Ein schwaches Lächeln erschien, aber es erreichte seine Augen nicht. „Dann stell die richtigen Fragen.“
Aria nickte leicht. „Gut. Habe ich dich wirklich zufällig getroffen?“
Die Stille zog sich.
Lang.
Schwer.
Sein Blick blieb auf ihr, unverändert, und genau das ließ ihr Unbehagen wachsen.
„Warum ist dir das so wichtig?“ fragte er ruhig.
Aria ließ ein kurzes, humorloses Lachen hören. „Weil jemand behauptet, dass ich nicht die Erste bin.“
Für einen Moment wurde sein Blick dunkler.
Kaum sichtbar.
Aber da.
„Und das reicht dir, um mir zu misstrauen?“
„Es reicht, um Fragen zu stellen.“
Ein weiterer Moment verging.
Dann sagte er ruhig: „Du solltest nicht alles glauben, was andere dir erzählen.“
Die Antwort war zu glatt.
Zu einfach.
Aria spürte, wie sich Frustration in ihr ausbreitete. „Dann gib mir etwas Besseres, an das ich glauben kann.“
Er schwieg.
Und dieses Schweigen sagte mehr als jede Antwort.
„Dann frage ich anders,“ sagte sie schließlich leise.
Sie trat einen Schritt näher, diesmal bewusst.
„Hast du mich ausgesucht?“
Sein Blick blieb auf ihr.
Keine Bewegung.
Keine Eile.
Sekunden vergingen.
Dann fragte er ruhig:
„Was würdest du tun, wenn ich ja sage?“
Arias Herz schlug schneller.
„Dann würde ich gehen.“
Sein Blick hielt sie fest. „Würdest du das wirklich?“
Sie zögerte.
Nur für einen Moment.
Und genau dieser Moment verriet sie.
Ein kaum sichtbares Lächeln erschien auf seinen Lippen. „Das dachte ich mir.“
Aria spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog. „Du weichst aus.“
„Nein,“ sagte er ruhig. „Ich gebe dir nur nicht mehr, als du bereit bist zu hören.“
Die Worte trafen sie unerwartet tief.
„Du kennst mich nicht gut genug, um das zu entscheiden.“
„Doch,“ sagte er leise. „Besser, als du denkst.“
Die Stille danach war schwer.
Gefährlich.
Aria trat einen Schritt zurück.
Nicht aus Angst.
Sondern weil sie Abstand brauchte.
„Das reicht mir nicht,“ sagte sie.
„Das muss es auch nicht.“
„Dann sind wir hier fertig.“
Sie drehte sich um und ging.
Ohne zu warten.
Ohne sich umzusehen.
Doch sie kam nicht weit.
„Aria.“
Seine Stimme hielt sie auf.
Sie blieb stehen.
Drehte sich langsam zurück. „Was?“
Sein Blick lag wieder auf ihr, ruhig, kontrolliert.
Und doch war da etwas Neues.
Etwas, das sie nicht einordnen konnte.
„Wenn ich dich wirklich ausgesucht hätte,“ sagte er ruhig, „glaubst du, ich hätte dich gehen lassen?“
Arias Atem stockte.
Für einen Moment dachte sie nicht.
Fühlte nur.
Und genau das machte es so gefährlich.
Als sie schließlich ging, fühlte sich jeder Schritt schwerer an als der davor.
Seine Worte hallten nach.
Immer wieder.
Und obwohl sie keine klare Antwort bekommen hatte, wusste sie, dass genau das die eigentliche Antwort war.
In diesem Moment wurde ihr etwas klar, das sie nicht mehr ignorieren konnte.
Es ging längst nicht mehr nur um Neugier.
Nicht nur um Misstrauen.
Sondern darum, dass sie sich bereits auf etwas eingelassen hatte, das sie nicht verstand.
Und vielleicht auch nicht mehr kontrollieren konnte.