Kapitel 6: Unter Kontrolle

1165 Worte
Kapitel 6: Unter Kontrolle Aria ging den ganzen Weg nach Hause, ohne sich bewusst daran zu erinnern, wie sie dort angekommen war. Der Name ließ sich nicht abschütteln. Mara. Nicht die Art, wie sie gesprochen hatte, und nicht dieser Blick, als würde sie Dinge wissen, die Aria selbst noch nicht einmal ahnte. Und vor allem nicht diese Worte. Seine Wahl. Aria schloss die Tür hinter sich und lehnte sich einen Moment dagegen, als müsste sie sich erst wieder sammeln, bevor sie den nächsten Schritt machte. „Das ergibt keinen Sinn“, murmelte sie leise. Doch je länger sie darüber nachdachte, desto mehr musste sie sich eingestehen, dass es genau das tat. Es ergab Sinn. Mehr, als ihr lieb war. Sie ließ ihre Tasche auf den Tisch fallen und griff sofort nach ihrem Handy. Einen Moment lang starrte sie auf den Bildschirm, dann wählte sie die Nummer, die sie inzwischen auswendig konnte. Kael. Das Freizeichen setzte ein. Einmal. Zweimal. Dreimal. Gerade als sie auflegen wollte, nahm er ab. „Du rufst mich an.“ Seine Stimme war ruhig, fast zu ruhig. Aria atmete tief durch. „Wir müssen reden.“ „Das tun wir gerade.“ „Nicht so. Ich will dich sehen.“ Ein kurzer Moment verging. „Wo bist du?“ „Zu Hause.“ „Bleib dort.“ Die Antwort kam ohne Zögern, als wäre sie selbstverständlich. Aria runzelte die Stirn. „Das war keine Bitte.“ „Ich weiß.“ Die zwei Worte trafen sie stärker, als sie erwartet hatte. „Kael, hör auf, so mit mir zu reden.“ „Wie rede ich denn mit dir?“ „Als würdest du entscheiden, was ich tue.“ Ein leises Ausatmen war zu hören. Dann: „Vielleicht tue ich das.“ Arias Herz schlug schneller. „Das ist nicht witzig.“ „Ich lache nicht.“ Seine Stimme blieb ruhig, aber genau das machte sie gefährlich. „Dann erklär mir endlich, was hier los ist. Wer ist Mara?“ Ein kurzer Moment verging, dann fragte er: „Wo hast du sie getroffen?“ „Beantworte meine Frage.“ „Aria.“ Sein Ton wurde fester. „Wo hast du sie getroffen?“ Aria spürte, wie sich ihre Finger um das Handy schlossen. „Auf der Straße. Sie hat auf mich gewartet.“ Für einen Moment sagte er nichts, dann war ein leises, kaum hörbares Fluchen zu hören. „Du bleibst jetzt zu Hause“, sagte er. Wieder dieser Ton. Diese Selbstverständlichkeit. „Nein“, erwiderte Aria sofort. „Ich werde nicht einfach hier sitzen und warten, bis du entscheidest, was ich wissen darf. Du weichst aus, du beantwortest nichts, und plötzlich tauchen Leute auf, die mehr über dich wissen als ich. Was erwartest du eigentlich von mir?“ Die Stille am anderen Ende zog sich, schwer und gespannt. Dann sagte er leise: „Dass du mir vertraust.“ Aria lachte kurz, ohne jede Wärme. „Warum sollte ich das tun?“ Ein Moment verging. „Weil du sonst nicht verstehen wirst, was hier passiert.“ Die Worte trafen sie tiefer, als sie erwartet hatte. „Dann erklär es mir.“ „Nicht am Telefon.“ „Dann komm her.“ Keine Antwort. Arias Geduld riss. „Oder hast du Angst?“ Kaum hatte sie es ausgesprochen, wusste sie, dass es ein Fehler gewesen war. Die Stille danach war anders. Dichter. Gefährlicher. Dann kam seine Stimme, ruhig, aber mit einer Schärfe, die sie nicht überhören konnte. „Ich habe vor nichts Angst.“ Ihr Herz schlug schneller, nicht aus Zweifel, sondern weil sie wusste, dass es stimmte. „Dann komm“, sagte sie leise. Ein kurzer Moment. „Ich bin unterwegs.“ Zwanzig Minuten später klopfte es an ihrer Tür. Ruhig. Kontrolliert. Aria blieb einen Moment stehen, bevor sie öffnete. Kael stand vor ihr, wie immer gefasst, unnahbar, als hätte ihn nichts je aus der Balance gebracht. Und doch lag eine Spannung in seiner Haltung, die sie vorher nicht bemerkt hatte. Sein Blick fiel sofort auf sie. „Ist sie dir gefolgt?“ fragte er ohne Begrüßung. Aria blinzelte. „Was? Nein.“ Er trat an ihr vorbei in die Wohnung und sah sich kurz um, als würde er etwas überprüfen. „Kael“, sagte sie scharf, „hör auf damit. Das ist meine Wohnung.“ „War sie allein?“ unterbrach er sie. Aria starrte ihn an. „Ja.“ Er atmete langsam aus, dann nickte er leicht, als hätte er eine Bestätigung bekommen. „Gut.“ Aria verschränkte die Arme. „Willst du mir jetzt endlich sagen, was hier los ist?“ Er drehte sich zu ihr um. Sein Blick ruhte einen Moment länger auf ihr, als würde er abwägen, wie viel er preisgeben konnte. „Mara ist nicht das Problem“, sagte er schließlich. Aria lachte leise. „Komisch, sie wirkt ziemlich überzeugt davon.“ „Sie will, dass du das glaubst.“ „Warum?“ „Weil sie dich testet.“ Arias Herz setzte kurz aus. „Testet?“ „Ja.“ „Wofür?“ Er antwortete nicht. Und genau das reichte. Arias Blick wurde schärfer. „Das hier ist kein Spiel für mich.“ „Für mich auch nicht.“ „Dann hör auf, mich wie eine Figur darin zu behandeln.“ Sein Blick veränderte sich leicht, wurde intensiver. Ehrlicher. Oder zumindest wirkte es so. „Du bist keine Figur“, sagte er leise. „Aber du bist Teil davon.“ Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. „Teil von was?“ Er hielt ihrem Blick stand, dann sagte er ruhig: „Von etwas, das schon lange läuft.“ Ihr Atem stockte. „Seit wann?“ Ein Moment verging. „Länger, als du denkst.“ Die Worte trafen sie härter, als sie sollten. Arias Gedanken überschlugen sich. „Das heißt… bevor ich dich getroffen habe?“ Er antwortete nicht. Aber diesmal brauchte sie keine Worte. Langsam trat sie einen Schritt zurück. „Du hast mich wirklich ausgesucht.“ Kael sah sie an. Und diesmal wich er nicht aus. „Ja.“ Für einen Moment schien alles stillzustehen. Arias Herz schlug hart gegen ihre Brust, während sich alles, was sie bisher geglaubt hatte, verschob. „Warum?“ fragte sie leise. Sein Blick blieb ruhig. Unerschütterlich. „Das kann ich dir noch nicht sagen.“ Die Stille zwischen ihnen wurde schwer, fast erdrückend. Arias Finger zitterten leicht, doch sie hielt seinem Blick stand. „Dann war alles gelogen.“ „Nein.“ Die Antwort kam sofort. Fest. „Dann sag mir, was echt ist.“ Ein Moment verging, bevor er leise antwortete: „Das hier.“ Arias Atem stockte. Nicht, weil sie ihm glaubte, sondern weil ein Teil von ihr es wollte. In diesem Moment wurde ihr klar, dass es längst nicht mehr darum ging, die Wahrheit herauszufinden, sondern darum, wie viel davon sie bereit war zu akzeptieren. Und genau das machte alles gefährlicher, als sie es sich je hätte vorstellen können.
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