3.

962 Worte
Kapitel 3 – Alte Gefühle, neue Schlachten Ich stehe vor Sorens Haustür und zögere. Mein Finger schwebt über der Klingel, aber irgendetwas hält mich zurück. Vielleicht ist es der Wind, der mir eisig um die Ohren pfeift, oder die Erinnerung an das letzte Mal, als ich an dieser Tür stand. Damals war alles anders. Wir waren anders. Bevor ich weiter nachdenken kann, öffnet sich die Tür. Soren lehnt im Rahmen, ein Glas Whiskey in der Hand. Sein Blick ist ruhig, aber scharf, als hätte er genau gewusst, dass ich gerade hier draußen stehe und mit meinen Gedanken kämpfe. „Ich dachte, du hast Angst bekommen,“ sagt er und tritt zur Seite, um mich hereinzulassen. „Von dir?“ Ich betrete das Haus und streife mir den Mantel von den Schultern. „Kaum.“ „Dann komm rein.“ Das Wohnzimmer ist warm, das Licht gedämpft. Ein Kamin knistert leise, und der Geruch von Holz und Whiskey liegt in der Luft. Es sieht gemütlich aus – zu gemütlich für das, was hier gleich passieren wird. Ich verschränke die Arme. „Also, reden wir oder starren wir uns einfach die ganze Nacht an?“ Soren grinst. „Kommt drauf an. Ich kann beides ziemlich gut.“ Ich rolle mit den Augen und setze mich auf das Ledersofa. Soren nimmt den Sessel gegenüber. Für einen Moment sagt keiner von uns etwas. Dann lehne ich mich vor. „Warum mischst du dich in meinen Fall ein?“ Er schwenkt das Glas in seiner Hand. „Weil dein Fall meine Stadt betrifft.“ „Deine Stadt?“ Ich hebe eine Braue. „Seit wann gehört Lunaris dir?“ „Seitdem jeder zweite Geschäftsmann meint, er könnte hier machen, was er will.“ Ich atme tief durch. „Soren, das ist ein legitimes Bauprojekt. Es wird Jobs schaffen, Infrastruktur verbessern—“ „Es wird die Stadt zerstören.“ „Das siehst du so.“ „Nein, das ist so.“ Er lehnt sich nach vorne, seine blauen Augen lassen mich nicht los. „Lunaris ist nicht nur irgendeine Stadt, Amira. Sie hat eine Geschichte, eine Seele. Und dein Mandant will sie verkaufen, Stück für Stück.“ Ich spüre, wie mein Kiefer sich anspannt. „Du tust gerade so, als würde ich für den Feind arbeiten.“ „Tue ich das?“ „Ja.“ Ich starre ihn herausfordernd an. „Ich mache meinen Job, Soren. Genauso wie du deinen machst.“ Er schnaubt. „Du willst mir sagen, dass das für dich nur Arbeit ist?“ „Ja.“ Er lehnt sich zurück. „Dann lügst du.“ Mein Herz schlägt schneller. „Ich lüge nicht.“ „Doch, das tust du. Weil ich dich kenne, Amira. Und ich weiß, dass du dich nicht mit Leuten einlässt, denen du nicht wenigstens ein bisschen glaubst. Also sag mir—“ Er legt das Glas auf den Tisch. „Glaubst du wirklich, dass dein Mandant das Richtige für Lunaris tut?“ Ich presse die Lippen zusammen. Es ist eine einfache Frage. Eine, die ich beantworten könnte. Aber die Wahrheit ist – ich bin mir nicht sicher. Soren merkt es. Ich sehe es an dem triumphierenden Funkeln in seinen Augen. „Dachte ich mir,“ murmelt er. Ich atme scharf aus. „Das bedeutet nicht, dass ich meine Arbeit nicht mache.“ „Nein.“ Er lehnt sich vor. „Aber es bedeutet, dass du darüber nachdenkst.“ Ich halte seinem Blick stand, aber mein Magen zieht sich zusammen. „Und jetzt?“ frage ich leise. Er zuckt mit den Schultern. „Jetzt trinken wir was und tun so, als könnten wir uns für einen Moment entspannen.“ Ich sehe ihn an. „Und morgen?“ „Morgen kämpfen wir weiter.“ Eine Stunde später sitze ich mit einem Glas Wein in der Hand auf seinem Sofa, die Beine unter mich gezogen. Die Stimmung ist anders. Weniger angespannt, fast… vertraut. „Ich bin überrascht, dass du immer noch hier wohnst,“ sage ich und lasse meinen Blick durch den Raum schweifen. „Warum?“ Ich zucke mit den Schultern. „Du warst immer der Typ, der weiterzieht.“ Er grinst. „Vielleicht hatte ich diesmal einen Grund zu bleiben.“ Ich sehe ihn an. „Und der wäre?“ Er nimmt einen Schluck Whiskey. „Du.“ Mein Herz setzt für einen Schlag aus. „Soren—“ „Sag nichts,“ unterbricht er mich sanft. „Ich weiß, dass du nicht hören willst, was ich denke. Und ich weiß, dass du Gründe hast, warum wir nicht… du weißt schon.“ Ich schlucke. „Ja.“ Er mustert mich. „Aber es ändert nichts daran, dass ich es immer noch will.“ Mein Atem stockt. Die Worte hängen zwischen uns, schwer und unausgesprochen, aber so klar wie der Schnee draußen. Dann steht er plötzlich auf. „Es ist spät,“ sagt er, als wäre nichts passiert. Ich blinzele. „Du schmeißt mich raus?“ Er schmunzelt. „Ich versuche, dich vor dir selbst zu retten.“ Ich lache leise. „Das ist neu.“ Er zuckt mit den Schultern. „Man lernt mit der Zeit.“ Ich stehe auf, lege meinen Mantel um und gehe zur Tür. Kurz bevor ich sie öffne, drehe ich mich noch einmal um. „Soren?“ Er sieht mich an. „Ja?“ Ich beiße mir auf die Lippe. „Wir sind immer noch auf verschiedenen Seiten.“ Er nickt langsam. „Ich weiß.“ Ein Moment vergeht. Dann sage ich: „Gute Nacht.“ „Gute Nacht, Amira.“ Ich schließe die Tür hinter mir und atme in die kalte Nachtluft. Mein Kopf sagt mir, dass ich mich von Soren fernhalten sollte. Aber mein Herz? Mein Herz schlägt in eine ganz andere Richtung.
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