Kapitel 2

1661 Worte
Sera In dem Moment, als ich die Grenze überschritt, flackerte das silberne Licht und erlosch. Was auch immer dort zuvor geschehen war, es verblasste nun und ließ mich kalt, leer und unendlich müde zurück. Meine Beine versagten schließlich völlig, und ich stürzte zu Boden. Das weiße Zeremonienkleid war zerrissen und schmutzig, getränkt von Tau und meinem eigenen Blut von Kratzern, die ich gar nicht gespürt hatte. Ich krümmte mich zusammen, die Arme um meinen Bauch geschlungen, als könnte ich die zerbrochenen Stücke mit bloßen Händen zusammenhalten. Mein Wolf war verstummt und hatte sich in die dunkelste Ecke meines Geistes zurückgezogen, um seine Wunden zu lecken. Wir waren jetzt allein. Wahrhaftig allein. Die Rudelbande, die mich mein ganzes Leben lang begleitet hatten, waren zerrissen, durch die Zurückweisung zerrissen. Ich war eine Einzelgängerin. Der Gedanke hätte mich entsetzen müssen, doch ich spürte nichts, nur einen bodenlosen Abgrund in den Tiefen meiner Gedanken. Ich wusste nicht, wie lange ich dort lag, aber es war lange genug, damit der Mond seinen Stand veränderte, damit die Geräusche des Waldes sich vom Jagen nachtaktiver Jäger zum Zwitschern der Vögel vor der Morgendämmerung wandelten. Lange genug, damit meine Tränen auf meinen Wangen trockneten und salzige Spuren hinterließen. Lange genug, dass ich die Schritte erst hörte, als sie direkt hinter mir waren. Mein Wolf regte sich alarmiert, doch ich war zu erschöpft, um mich zu bewegen. Wenn es ein wilder Wolf war, der mich töten wollte, war das vielleicht besser so. Wenigstens würde der Schmerz dann ein Ende haben. „Nun", sagte eine Stimme, tief und sanft, mit einem Hauch dunkler Belustigung. „ Ich zwang mich, den Kopf zu heben. Ein Mann stand über mir, vom Schein des untergehenden Mondes angestrahlt. Er war groß, breitschultrig und strahlte eine Macht aus, die meinen Wolf instinktiv die Kehle entblößen ließ, selbst in meinem verletzten Zustand. Alpha. Aber nicht irgendein Alpha -- irgendetwas an ihm war anders, uralt, gefährlich. Seine Augen fingen das Mondlicht ein und blitzten in einer Farbe auf, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Nicht golden wie bei den meisten Alphas. Silbern. Wie das Licht, das während der Zeremonie von mir ausgegangen war. „Wer --" Meine Stimme war heiser, vom Schreien gebrochen. „Wer bist du?" Er hockte sich hin und musterte mich mit einer Intensität, die mich eigentlich hätte beunruhigen sollen. Stattdessen wurde mein Wolf hellhörig, interessiert trotz unseres gebrochenen Zustands. Sein Duft umfing mich -- Kiefernholz, Rauch, Nachtluft und etwas Wildes, das intime Teile von mir ansprach. „Ich bin der Alpha des Schattenwappen-Rudels", sagte er, und mir erstarrte das Blut in den Adern. Schatten Wappen. Nightshades erbittertster Rivale. Das Rudel, mit dem wir fünf Jahre lang am Rande des Krieges gestanden hatten. „Und du, kleiner Wolf, bist das Interessanteste, was ich seit Langem gesehen habe." „Ich bin nicht ..." Ich wollte gerade sagen, dass ich nichts war, nicht interessant, nicht seiner Zeit wert, aber er unterbrach mich. „Ich habe gesehen, was bei deiner Zurückweisungszeremonie geschah." Seine Lippen verzogen sich zu einem Ausdruck, der zu scharf war, um ihn als Lächeln zu bezeichnen. „Ich sah das silberne Licht." „Ich weiß, was du bist, auch wenn du es noch nicht weißt." „Was ich bin?", wiederholte ich verwirrt und ängstlich, noch immer zu betäubt, um dieses Gespräch richtig zu verarbeiten. Er streckte die Hand aus, und ich hätte zurückweichen sollen, aber ich tat es nicht. Seine Finger streiften meine Wange, wischten eine Träne weg, und die Berührung ließ einen elektrischen Schlag über meine Haut fahren. Mein Wolf winselte, hin- und hergerissen zwischen Angst und etwas, das sich gefährlich nach Interesse anfühlte. „Ein Mondwolf", sagte er leise, und die Worte klangen wie ein Todesurteil und ein Segen zugleich. „Eine Blutlinie, die eigentlich ausgestorben sein sollte." Und wenn ich mich nicht sehr irre, ist das der Schlüssel, um alles zu retten -- oder zu zerstören." Ich starrte ihn an und versuchte, seine Worte durch den Nebel aus Erschöpfung und Schmerz zu verstehen. Mondwolf. Ich hatte den Begriff schon einmal gehört, in alten Geschichten, die man Welpen erzählte. Es waren uralte Wölfe mit Kräften jenseits der normalen Gestaltwandlung, gesegnet -- oder verflucht -- von der Mondgöttin selbst. Aber das waren nur Legenden. Nur war das silberne Licht keine Legende gewesen. Die Macht, die uralte Schutzzauber durchbrochen hatte, war nicht meiner Einbildung entsprungen. „Ich verstehe nicht", flüsterte ich. „Das wirst du." Er stand auf und streckte mir die Hand entgegen. „Aber nicht hier und nicht jetzt. Du bist verletzt, erschöpft und befindest dich noch immer auf neutralem Boden, wo dich jeder finden kann, auch das Rudel, das dich gerade verstoßen hat." Ich sah auf seine ausgestreckte Hand, dann wieder in sein Gesicht. Das war Wahnsinn. Er war der Alpha unseres feindlichen Rudels. Seine Hand zu nehmen, wäre der ultimative Verrat an Nightshade. Andererseits hatte Nightshade mir gerade vor Hunderten von Zeugen das Herz gebrochen. „Warum hilfst du mir?", musste ich fragen. Nichts ist umsonst, schon gar nicht von einem Alpha. In seinen silbernen Augen blitzte etwas Raubtierhaftes und Besitzgieriges auf. „Weil ich, kleiner Wolf, seit fünf Jahren nach einem Mondwolf suche. Und jetzt ist mir einer buchstäblich zu Füßen gefallen, gebrochen, mächtig und perfekt für das, was ich brauche." Es war keine tröstliche Antwort. Nicht einmal eine freundliche. Aber sie war ehrlich, und in diesem Moment zog ich Ehrlichkeit den schönen Lügen vor, die Damien mir aufgetischt hatte. Ich legte meine Hand in seine, und in dem Moment, als sich unsere Haut berührte, entlud sich eine Kraft zwischen uns wie ein Blitz. Auch er spürte es -- ich sah, wie sich seine Augen einen Augenblick weiteten, wie sich seine Kiefermuskeln anspannten. Mein Wolf war plötzlich hellwach und sehr interessiert an diesem gefährlichen Fremden. Er zog mich mühelos auf die Beine, und ich stand nah genug, um die Narbe über seiner linken Augenbraue zu sehen, wie sein dunkles Haar ihm über die Stirn fiel, die scharfen Züge seines Gesichts, die von Gewalt, Macht und absoluter Autorität zeugten. „Wie soll ich dich nennen?", fragte ich, denn ich konnte ihn nicht länger als „den gefährlichen Alpha" bezeichnen. „Kade", sagte er. „Kade Blackthorn." Seine Hand hielt noch immer meine, sein Daumen streifte meine Knöchel auf eine Weise, die sich nicht so vertraut anfühlen sollte, wie sie es tat. „Und du kommst mit mir, kleiner Wolf." Es war keine Frage. Nicht einmal ein richtiges Angebot. Es war eine Feststellung, ausgesprochen mit der absoluten Selbstsicherheit eines Alphas, dem noch nie ein Nein entgegengebracht worden war. Ich hätte mich weigern sollen, ihn auffordern sollen, mich gehen zu lassen, meinen eigenen Weg zu finden, herauszufinden, was zum Teufel gerade mit meinem Leben geschehen war, ohne von einem Alpha zum nächsten zu springen. Aber ich war so müde, so gebrochen. Und trotz der offensichtlichen Gefahr, die von ihm ausging, trotz des Wissens, dass er mich für seine eigenen Zwecke benutzte, trotz jedes Instinkts, der mir sagte, dass dies eine schreckliche Idee war -- mein Wolf wollte ihm folgen. Und nachdem ich ignoriert, abgewiesen und zurückgewiesen worden war, war es berauschend, von jemandem mit einem starken, statt einem schwachen Blick angesehen zu werden. „Wo gehen wir hin?", fragte ich, anstatt mich zu weigern. Sein Lächeln war voller Zähne und düsterer Versprechungen. „Schattenkamm-Territorium. Feindliches Gebiet, wenn du es so sehen willst." Er ging los, hielt immer noch meine Hand und führte mich tiefer in die neutrale Zone, weg von allem, was ich je gekannt hatte. „Aber irgendetwas sagt mir, dass du Nachtschatten nicht mehr als dein Zuhause betrachtest." Er hatte Recht. Der Gedanke, zurückzukehren, Damien und Vanessa gegenüberzutreten und all diese mitleidigen Blicke zu ertragen, ließ mich erschaudern. „Und glaub mir", fügte Kade hinzu und blickte mich mit seinen unwirklich silbernen Augen an, „sie werden es bereuen. Alle. Wenn ich mit deinem Training fertig bin, wird Damien Thorne an seiner Zurückweisung ersticken." Diese Worte hätten mich eigentlich beunruhigen sollen. Hätten mich dazu bringen sollen, zu hinterfragen, worauf ich mich da eingelassen hatte. Stattdessen entfachten sie etwas in mir, einen Funken Wut, der den Schmerz meines gebrochenen Herzens überstanden hatte. Gut. Sollen sie es bereuen. Sollen sie sehen, was sie weggeworfen haben. Wir gingen einige Minuten schweigend, und mir fiel ein Auto auf, das am Rand der Mittelzone wartete, ein eleganter, schwarzer Lexus, der Macht und Reichtum ausstrahlte. Ein Mann lehnte daran, groß und muskulös, mit der Ausstrahlung eines Betas. „Boss", sagte er, und seine Augen weiteten sich, als er mich sah. „Ist das ..." „Ja", unterbrach Kade ihn. Er öffnete die Hintertür und bedeutete mir einzusteigen. „Wir müssen uns beeilen. Thorne wird bald merken, dass sie die Grenze überquert hat, und ich will heute Abend keinen Krieg anfangen." „Heute Abend?", wiederholte der Beta mit einem Anflug von schwarzem Humor. „Du schiebst es also nur auf?" „Wahrscheinlich." Kades Stimme klang unbesorgt, als ich mich in die Ledersitze gleiten ließ. Die Erschöpfung ließ alles unwirklich erscheinen. Er setzte sich neben mich, so nah, dass ich seine Wärme spüren und den betörenden Duft von Kiefern und Rauch riechen konnte. Als der Beta den Motor startete und wir losfuhren, sah ich zu, wie der Wald hinter uns verschwand. Irgendwo da hinten war das Rudel, in dem ich aufgewachsen war, das Leben, das ich mir erträumt hatte, der Gefährte, der mich weggeworfen hatte, als wäre ich nichts. Ich schloss die Augen und ließ den Kopf gegen den Sitz sinken. Mein Körper schmerzte. Mein Herz war gebrochen. Und ich war gerade in ein Auto mit dem Alpha des größten Feindes meines Rudels gestiegen. Was zum Teufel hatte ich getan? „Ruhe dich aus", sagte Kade leise, und ich spürte seine Hand auf meiner auf dem Sitz zwischen uns. Dieser elektrische Funke durchfuhr mich erneut, und mein Wolf brummte mit etwas, das weder Zustimmung noch Ablehnung war. „Morgen beginnt deine wahre Ausbildung." „Du bist jetzt bei mir, kleiner Wolf. Und glaub mir -- sie werden das bereuen."
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