King
Ich hätte nie gedacht, dass Alyssa Bennett sich an mich wenden würde. Dass sie so verzweifelt ist, zeigt wohl, dass sie endlich genug von ihrem beschissenen Ehemann hat.
Es ist eine Weile her, dass ich etwas anderes als mein Motorrad gefahren bin, aber als sie anrief, holte ich meinen Wagen aus der Garage.
Ich parke neben dem roten Auto am Straßenrand, die Sonne beginnt am Horizont unterzugehen. Alyssa springt sofort vom Fahrersitz und greift nach hinten. Zuerst schnappt sie sich eine Wickeltasche, dann einen Kindersitz.
Ich kneife die Augen zusammen, um sicherzugehen, dass ich richtig sehe.
Ja, es ist ein verdammter Kindersitz!
Ich steige aus meinem Wagen und biete an, ihr mit ihrer Tasche zu helfen. Ich beobachte, wie sie den Kindersitz auf meinem Rücksitz sichert. Ich wusste nicht, was ich erwarten sollte. Aber ein echtes Baby, das in einem rosa Strampler steckt und kleine Geräusche macht, war es definitiv nicht.
Vielleicht ist es ihre Nichte oder so?
Es sind drei Jahre vergangen, seit ich Alyssa das letzte Mal gesehen habe, und sie ist wirklich erwachsen geworden. Ich bin mir nicht sicher, ob das etwas Gutes oder etwas Schlechtes ist. Sie sieht erschöpft aus, als hätte sie um ihr Leben gekämpft.
Und mein Bauchgefühl sagt mir, dass sie das tatsächlich hat.
Sie trägt einen schwarzen Hoodie und Jeans. Ihr dunkles lockiges Haar ist zu einem unordentlichen Dutt zusammengebunden und Strähnen rahmen ihr Gesicht ein. Unter ihren haselnussbraunen Augen sind dunkle Ringe. Wenn ich nicht so ein aufmerksamer Typ wäre, hätte ich nicht bemerkt, dass auf ihren Wangen Make-up ist, das die lila Flecken darunter nur spärlich verdeckt.
Der Anblick bringt mein Blut zum Kochen. Ich hätte nicht auf Gray hören sollen. Wir hätten sie schon vor langer Zeit retten können. Es wär mir scheißegal gewesen, wenn sie nicht freiwillig gegangen wär. Ich hätte diesen Kerl umgelegt und sie nach Hause gebracht.
Alyssa springt auf den Beifahrersitz und schnallt sich schnell an. Ihr Knie wippt nervös und sie kaut auf ihrer Lippe, während ich wieder auf meinen Sitz klettere.
„Können wir endlich losfahren?“, fragt sie mit angespannter Stimme.
„Gibt es einen Grund, warum wir dein Auto am Straßenrand stehen lassen?“, frage ich und ziehe eine Augenbraue hoch.
Ich frage mich, ob sie ehrlich sein wird, wenn ich genug Druck mache. Wir könnten immer noch einen Zwischenstopp bei ihrem Haus machen und das Problem lösen. Es ist schon ein paar Tage her, seit ich mich das letzte Mal so richtig schön abreagiert habe.
„Es ist kaputt“, antwortet sie, aber ich überhöre den Hauch von Angst in ihrer Stimme nicht.
„Ich habe ein paar Starthilfekabel hinten. Ich könnte einfach ...“
„Der Motor ist kaputt, nicht die Batterie“, unterbricht sie mit hastigen Worten.
„Willst du, dass ich einen Abschleppwagen rufe?“, frage ich. Aber ich spüre, dass sie von Sekunde zu Sekunde unruhiger wird.
Ja, sie lügt wie gedruckt.
„Nein, ist schon ok. Isaac hat gesagt, er wird es abholen, wenn er nach Hause kommt“, sagt sie und die Lüge gleitet glatt über ihre Lippen.
„Willst du ihn anrufen und das nochmal abklären?“
„Nein, das ist schon ok.“ Ihre Verzweiflung wird immer offensichtlicher. Aber ich kann sehen, dass sie versucht, ihre ruhige Fassade zu wahren.
Ich grinse über den Versuch. „Hast du es etwa eilig, Kätzchen?“
Sie antwortet nicht. Ihre haselnussbraunen Augen flehen mich stumm an. Normalerweise genieße ich es, sie etwas zu ärgern. Aber das hebe ich mir für später auf, wenn sie sicher in meinem Haus ist.
Ich fahre zurück auf die Autobahn und schaue zwischen ihr und dem Kindersitz auf dem Rücksitz hin und her.
Ich räuspere mich. „Also, wie heißt das Kind?“, frage ich lässig.
„Zuri“, murmelt sie.
„Und sie ist?“
„Meine Tochter.“
Interessant. Ich erinnere mich nicht, dass Gray etwas darüber gesagt hat, dass sie ein Baby bekommen hat. Eigentlich glaube ich, dass sie nur einmal im Monat miteinander sprechen. Und die Telefonate dauern in der Regel fünf Minuten oder weniger.
Ich sollte Grays Arsch versohlen. Das hätte eigentlich das größte Warnsignal für ihn sein müssen.
„Wie alt ist sie?“, frage ich und bin bemüht, meine Emotionen im Zaum zu halten.
„Sieben Monate.“
Ich hasse kleine Nervensägen und habe mir nie vorgestellt, selbst eine zu haben. Aber Eifersucht und Wut brodeln immer noch unter der Oberfläche. Isaac Carter war der erste Mann, der sie flachgelegt hat, sie sogar geschwängert hat. Was für ein verfickter Glückspilz. Das hätte ich sein sollen. Aber Niko und ich haben einen Pakt geschlossen, als wir Teenager waren: Da wir sie beide mochten, durfte keiner von uns sie haben.
„Sie sieht aus wie du. Hat deine Locken.“
Alyssa lächelt schwach. „Ja, hat sie.“
Während wir fahren, sehe ich aus dem Augenwinkel, wie Alyssas Augen zu den Seitenspiegeln huschen, um nach Anzeichen zu suchen, dass ihr Ehemann uns folgt. Die Spannung in ihren Schultern lässt langsam nach, während wir mehr Abstand zwischen uns und ihr zurückgelassenes Auto bringen.
Schließlich richtet sie ihren Blick auf mich, wo er auch hingehört. „Wo ist Gray? Ich bin überrascht, dass er mich noch nicht zurückgerufen hat.“
Ich brumme. „Habe ihn in letzter Zeit nicht viel gesehen. Aber du weißt, wie es mit dem Motorradclub ist. Es ist immer etwas los. Ich bin sicher, er wird dich bald zurückrufen.“
Ich weiß, dass mein Bruder seine eigenen Probleme hat. Aber wenn er mir eine Nachricht schickt, um jemanden zu erledigen, mache ich es ohne Frage. Das ist mein Job und ich genieße es verdammt nochmal.
Alyssa schnaubt. „Ich glaube, du hast ,Gang' falsch ausgesprochen. Lass uns ehrlich sein, euer vermeintlicher Motorradclub ist nichts anderes als eine Verbrecherbande.“
Ich nehme den Missmut in ihrem Ton wahr, aber sie hat keine Ahnung, warum wir tun müssen, was wir tun. So soll es auch sein. Gray wollte, dass sie ein ahnungsloses Kätzchen bleibt, und ich hatte nie die Zeit oder Energie, mit ihm darüber zu streiten.
Bis jetzt. Tatsächlich denke ich, dass das Thema sehr bald aufkommen wird.
„Können wir noch schnell beim Supermarkt anhalten? Ich brauche ein paar Sachen“, fragt Alyssa, wobei sich die Nervosität wieder in ihrer Stimme bemerkbar macht.
„Klar.“ Ich fahre zum nächsten Supermarkt und parke weiter hinten auf dem Parkplatz, da es hier immer so verdammt voll ist. Alyssa springt schnell aus dem Wagen. Doch bevor sie die Tür schließen kann, rufe ich: „Ich glaube, du hast etwas vergessen.“
Sie runzelt die Stirn. „Was denn?“
Ich zeige auf den Kindersitz, während sich ein ungutes Gefühl in meinem Bauch breitmacht. „Du lässt das Kind einfach hier?“
„Ja, Zuri schläft“, sagt sie und betont ihren Namen. „Ich bin sofort wieder da. Du wärst überrascht, wie lange sie noch schläft.“
Ich beobachte, wie sie in den Laden rennt und mich allein mit ihrem kleinen Quälgeist zurücklässt. Ich habe keine verdammte Ahnung, was ich mit dem Kind tun soll.
Nur wenige Minuten nachdem Alyssa im Laden ist, fängt Zuri an zu weinen.
Verdammt! Vielleicht kann ich sie einfach ignorieren und sie in Ruhe lassen. Ich schätze, sie wird irgendwann von selbst wieder einschlafen oder so.
Die Schreie werden schnell lauter und fordernder.
Ach, Verdammt! Ist ja gut.
Widerwillig greife ich nach hinten und kämpfe mit den Gurten, bevor ich sie aus dem Sitz ziehe. Mit einem gequälten Gesichtsausdruck halte ich sie ungeschickt in meinen Armen. Doch sie hört sofort auf zu weinen und kuschelt sich an meine Brust.
Gott, ich hasse das. Warum hat Alyssa sie nicht einfach mitgenommen?
Als der Quälgeist zu mir aufblickt, bemerke ich, dass sie die gleichen Augen wie Alyssa hat. Ja, das ist definitiv ihr Kind. Aber leider ist da auch etwas von Isaacs DNA mit drin.
Ihre winzigen Finger greifen nach meinem Hemd und ich spüre einen Stich in meiner Brust. Vielleicht ist es der fette Burger, den ich vorhin gegessen habe, der meine Arterien verstopft. Was auch immer es ist, ich schiebe es beiseite und schaue mich auf dem Parkplatz um. Ich will sicherstellen, dass keine Gefahr droht.
Ein Glucksen zieht erneut meine Aufmerksamkeit auf sich und ich schaue sie finster an. „Hör mal, Kleine. Wir können uns gut vertragen, aber komm mir nicht in die Quere. Deine Mutter und ich haben noch ein paar offene Rechnungen, die ich heute Abend klären will.“
Sie brabbelt als Antwort zurück.
„Gut, dass wir uns einig sind.“