Penthouse

1157 Worte
Das Penthouse fühlte sich weniger wie ein Zuhause und mehr wie eine Festung an. Unter mir erstreckte sich das Industrie-Tal wie ein Raster aus Neonlicht und Rauch. Ich stand im Marmorbadezimmer, während der Dampf der Regendusche an den Spiegeln klebte. Auf der Granitablage lagen die Kleidungsstücke, die Gideons Bedienstete gebracht hatten. Keine Wolle. Kein Canvas. Stattdessen lag dort ein nachtblaues Seidenkleid mit strukturierten silbernen Stickereien. Daneben befand sich ein Paar silberner Dolche – taktische Klingen, die dafür entwickelt worden waren, verborgen in Armscheiden getragen zu werden. Sie wollten nicht nur, dass ich wie eine Dame aussah; sie wollten, dass ich wie eine Waffe aussah. Ich strich über die Seide. Drei Jahre lang war ich ein Geist gewesen. Mich so zu kleiden bedeutete, mein Versteck hinter mir zu lassen und alles niederzubrennen, was mir Schutz geboten hatte. Es gibt kein Zurück, sagte ich mir. Wenn du jetzt davonläufst, werden sie dich für immer jagen. Ich zog das Kleid an. Die Seide schmiegte sich wie eine zweite Haut an meinen Körper. Sie betonte meine Taille und fiel bis zum Boden, mit einem hohen Schlitz am linken Oberschenkel. Ich befestigte die Dolche an meinen Unterarmen und zog die schmal zulaufenden Ärmel darüber. Als ich in den Spiegel sah, stockte mir der Atem. Mein dunkles Haar war zu einem kunstvollen Zopf geflochten und mit einem silbernen Faden umwickelt. Meine goldenen Augen, nicht länger vom Silberwurzeltee getrübt, leuchteten hell. Ich sah nicht wie eine Streunerin aus. Ich sah aus wie eine Königin. Die Doppeltüren klickten auf. Ich trat in den Wohnbereich. Gideon wartete an der Glaswand. Er trug einen maßgeschneiderten dreiteiligen Anzug aus anthrazitfarbener Wolle, makellos und scharf geschnitten. Der Verband war verborgen. Er wirkte imposant und unantastbar. Als meine Absätze über den Marmorboden klackten, drehte Gideon sich um. Die kalte Maske des Commanders rutschte ab. Sein Blick glitt über die dunkle Seide und verweilte auf der freiliegenden Haut meines Halses, bevor er wieder zu meinen Augen schnellte. Sein Kiefer verspannte sich. Durch die Bindung strömte eine Welle reiner, besitzergreifender Hitze zwischen uns hindurch. „Lyra“, raunte Gideon. Seine Stimme war ein tiefes Knurren. „Bestehe ich die Inspektion, Commander?“, fragte ich mit erhobenem Kinn. Gideon kam auf mich zu, seine Stiefel klangen wie ein Countdown. Er blieb nur wenige Zentimeter vor mir stehen, sein Körper versperrte das Licht. Er streckte die Hand aus und strich mit den Fingern über meine Schulter. Dort, wo er mich berührte, sprühten Funken. Mein Atem stockte, während meine Hände auf den Revers seines Jacketts ruhten. „Du siehst atemberaubend aus“, flüsterte Gideon und ließ seinen Daumen über mein Schlüsselbein gleiten. „Der Vorstand meines Vaters wird vor Angst erstarren.“ „Gut“, sagte ich leise. „Denn ich habe vor, ihnen einen Grund dafür zu geben.“ Gideon lächelte. Er hielt mir seinen Arm hin. „Die Sitzung hat vor zehn Minuten begonnen. Zeit, die Trauerrede meines Vaters zu unterbrechen.“ Wir nahmen den privaten Aufzug und fuhren dreißig Stockwerke hinunter. Die Stille war schwer, aufgeladen mit der unausgesprochenen Spannung unserer Bindung. Als sich die Türen öffneten, nahmen zwei Wachen sofort Haltung an. Ihre Gesichter wurden kreidebleich. „C-Commander Sterling!“, stotterte einer. „Ihr Vater hat gemeldet, dass Sie vermisst werden …“ „Tretet zur Seite“, befahl Gideon. Der Wachmann wich zurück und betätigte das biometrische Schloss. Die massiven Türen aus Mahagoni entriegelten sich mit einem mechanischen Klick. Im Sitzungssaal saßen dreißig hochrangige Führungskräfte und Clanälteste um einen gewaltigen Tisch aus schwarzem Granit. An der Spitze stand Alpha Marcus Sterling. Marcus war Gideon wie aus dem Gesicht geschnitten – breitschultrig, mit ergrautem Haar und erbarmungslosen grauen Augen. Er hielt ein Glas Whiskey in der Hand und dröhnte über die Lautsprecher: „…und so übernehme ich in der tragischen Abwesenheit meines Sohnes das direkte Kommando, um eine groß angelegte Offensive gegen—“ Gideon stieß die Türen auf. Krach! Der Raum versank in ohrenbetäubender Stille. Dreißig Köpfe schnellten zum Eingang. Flüsternde Stimmen brachen wie ein Hornissenschwarm los. „Gideon?“, hauchte Marcus. Er ließ sein Glas fallen. Der Whiskey zersprang auf dem Boden, doch er blickte nicht hinab. Seine Augen wanderten zu mir. Gideon betrat den Raum mit bedächtiger Autorität, seinen Arm mit meinem verschlungen. Jeder Blick folgte uns und erfasste die nachtblaue Seide und die überwältigende Präsenz des Paares. „Du bist zu spät für deine Rede, Vater“, sagte Gideon ruhig. „Obwohl ich sehe, dass du keine Zeit damit verschwendet hast, meinen Nachruf zu verfassen.“ Marcus’ Gesicht verhärtete sich zu einer Maske der Wut. Er zwang sich zu einem angestrengten Lächeln. „Gideon. Du überlebst einen Hinterhalt und marschierst unangekündigt hier herein? Du solltest auf der Krankenstation sein.“ „Mir geht es gut“, sagte Gideon und blieb zehn Fuß vom Tisch entfernt stehen. Er ließ mich nicht los. „Und ich habe den Grund mitgebracht, warum ich überlebt habe.“ Ein alter Clanältester beugte sich vor. „Wer ist dieses Mädchen, Gideon? Sie trägt keinen Ironclaw-Geruch. Ist sie eine Streunerin?“ „Sie ist nicht einfach nur eine Streunerin“, verkündete Gideon, seine Stimme hallte klar durch den Raum. „Sie ist Lyra Vance. Tochter der königlichen Blutlinie … und sie ist meine vom Schicksal bestimmte Gefährtin.“ Keuchen und ungläubige Rufe hallten durch den Raum. Zwei Führungskräfte sprangen erschrocken auf. Marcus’ Gesicht lief dunkelrot an. „Schweigen!“, brüllte er und schlug mit der Faust auf den Granit. „Das ist absurd. Die königliche Blutlinie wurde vor zwanzig Jahren ausgelöscht. Sie ist ein Straßenköter, eine Ablenkung und eine illegale Eindringlingin.“ Marcus zog eine silberne Pistole und richtete den Lauf direkt auf meine Stirn. „Wachen. Bringt diese Streunerin vom Gelände oder eliminiert sie.“ Die Wachen zögerten. Ich wartete nicht. Bevor Marcus den Abzug betätigen konnte, trat ich an Gideons Seite hervor. Meine königliche Magie schoss wie flüssiger Blitz durch meinen Körper. Ich zog einen verborgenen Dolch und schleuderte ihn mit übernatürlicher Geschwindigkeit. Die Klinge durchschnitt das Leder von Marcus’ Holster und nagelte den Ärmel seines Anzugs an die hölzerne Rückenlehne seines Stuhls. Die Pistole schlitterte klappernd über den Granittisch. Der Raum erstarrte vor Entsetzen. Ich stand aufrecht da, die zweite silberne Klinge glänzte in meiner Hand. Meine goldenen Augen flammten in königlichem Licht auf und zwangen jeden Wolf im Raum, das erdrückende Gewicht meiner Abstammung und ihrer uralten Dominanz zu spüren. „Steck deine Waffe weg, Marcus“, sagte ich mit ruhiger, kraftvoller Stimme. „Du sprichst mit der zukünftigen Alpha-Frau dieses Rudels.“ Gideon trat neben mich, ein stolzes Lächeln auf den Lippen. Er zog seine eigene Waffe und legte den Lauf lässig an die Rückenlehne von Stuhl seines Vaters, direkt neben Marcus’ Ohr. „Die Vorstandssitzung ist beendet, Vater“, flüsterte Gideon. „Jetzt werden du und ich uns unter vier Augen darüber unterhalten, warum du dem Rat befohlen hast, meine Gefährtin zu exekutieren.“
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