Zehnter Gesang

966 Worte
Zehnter GesangJetzt geht es vorwärts auf geheimem Pfade Zwischen den Martern und dem Wall der Stadt hin, Mein Meister und ich, seinen Fersen folgend. ›O hohe Kraft, die durch der Frevler Kreise Mich lenkest,‹ fing ich an, ›wie dir's gefällig, Sag' und befriedige mir meine Wünsche: Kann man das Volk, das in den Gräbern ruhet, Nicht näher sehn? Denn alle Deckel sind ja Geöffnet schon, und niemand hält dran Wache.' Und er zu mir: »Die werden all' geschlossen, Wenn heim vom Tale Josaphat sie kehren Mit ihren Körpern, die sie droben ließen. Auf dieser Seit' hat ihre Grabesstätte Mit Epikurus seine ganze Schule, Die mit dem Körper läßt die Seele sterben. Und dort drin wirst du bald befriedigt werden Auf alle Fragen, die du ausgesprochen, Und ob des Wunsches auch, den du verschweigest.« Und ich: ›O guter Führer, nicht verberg' ich Mein Herz, nur bündig möcht' ich mit dir sprechen, Und dessen hast du unlängst mich ermahnet.‹ »O Tuscier, der du durch die Stadt des Feuers Lebendig wallst, mit ehrenwerter Rede, Laß dir's gefallen, an dem Ort zu weilen! Ich muß an deiner Sprache dich erkennen, Als aus der edlen Vaterstadt gebürtig, Der ich wohl allzu lästig einst gewesen!« Urplötzlich tönt' es aus der Laden einer Also hervor, drum ich, von Furcht ergriffen, Mich etwas näher meinem Führer anschloß. Und er zu mir: »Wende dich um! Was tust du? Sieh Farinata, der sich aufgerichtet; Vom Gürtel aufwärts kannst du ganz ihn schauen.« Schon heftet' ich mein Antlitz auf das seine, Und jener hob den Busen und die Stirne, Als ob der Hölle trotzig Hohn er spräche. Und zwischen ihn nun und die Gräber stießen Mich meines Führers Hände rasch und mutig, Der sprach dazu: »Gezählt' sei'n deine Worte!« Sobald ich kam zum Fuße seines Grabes, Blickt' er mich eine Weil' an, und dann fragt' er Wie zürnend mich: »Wer waren deine Väter?« Und ich, der zu gehorchen war begierig, Verbarg ihm nichts, nein, ließ ihn alles wissen; Drauf er ein wenig aufwärts zog die Brauen Und sprach: »Sie waren fürchterliche Feinde Mir, meinen Vätern, meinem ganzen Anhang, So daß ich zu zwei Malen sie zerstreute.« ›Wenn auch verjagt, so kehrten beide Male Sie allenthalben heim,‹ gab ich zur Antwort, ›Doch eure haben schlecht die Kunst erlernet!‹ Da stieg, enthüllt vom Deckel, augenscheinlich Nächst ihm empor ein Schatten bis zum Kinne; Denn auf die Knie, schien's, hatte er sich erhoben. Er blickt' um mich herum, als ob er wünsche Zu sehn, ob jemand andres mit mir wäre; Doch, da sich sein Vermuten ganz erledigt, Sprach weinend er: »Wenn durch des Geistes Hoheit In diesem düstern Kerker du einhergehst, Wo ist mein Sohn? Warum ist er nicht mit dir?« Und ich zu ihm: ›Nicht von mir selber komm' ich, Denn mich geleitet jener, der dort harret, Den euer Guido wohl gering geschätzt hat.‹ Es hatten seine Worte und die Weise Der Strafe seinen Namen mir verraten, Drum konnt' ich ihm so volle Antwort geben. Stracks aufgerichtet rief er aus: »Wie sagst du, Er hat gering geschätzt? – Lebt er denn nicht mehr, Trifft nicht das süße Licht mehr seine Augen?« Als er gewahr ward eines kurzen Zögerns, Indem ich vor der Antwort war befangen, Fiel rückwärts er und kam nicht mehr zum Vorschein. Doch der hochherz'ge andr', um dessen willen Ich stehn geblieben, ändert' nicht sein Antlitz, Hielt starr den Hals und beugte nicht die Seite. »Und wenn,« sprach er, in seiner ersten Rede Fortfahrend, »schlecht sie diese Kunst erlernet, So martert mich dies mehr als dieses Bette; Doch fünfzigmal nicht wird vom neu'n erglühen Das Antlitz jener Herrin, die hier herrschet, Bis du erfährst, wie schwer die Kunst dir lastet. Und willst du in der süßen Welt je weben, So sprich, warum ist gegen meinen Stamm doch Dies Volk erbarmungslos in jeder Satzung?« ›Die große Niederlage und das Blutbad,‹ Sprach ich drauf, ›welches rot die Arbia färbte, Gibt solchen Ratschluß ein in unsern Hallen.‹ Nachdem er seufzend drauf das Haupt geschüttelt, »Nicht ich allein war's,«, sprach er, »noch gewißlich Wär' ohne Grund gekommen ich mit andern; Doch ich allein war's, welcher dort, wo alle Einwilligten, Florenz hinwegzureißen, Mit offner Stirn der Stadt Partei genommen.« ›Wenn euer Samen je soll Ruhe finden,‹ Fleht' ich ihn an, ›so löset mir den Knoten, In welchen hier mein Urteil sich verstrickt hat. Es scheint, ihr seht, wenn ich euch recht verstanden, Im voraus, was die Zeit mit sich herbeiführt, Doch für die Gegenwart verhält sich's anders.‹ »Wir sehn, wie einer, der ein schwach Gesicht hat, Die Dinge,« sprach er, »die von uns entfernt sind; So viel noch läßt der höchste Fürst uns schimmern. Doch wenn sie annahn oder da sind, schwindet All unser Sinn, und bringt kein andrer Botschaft, So wissen wir nichts von der Menschen Treiben. Darum begreifst du wohl, daß unser Wissen Ganz tot sein wird von jenem Augenblicke, Da sich das Tor der Zukunft wird verschließen.« Da sprach ich, von des Zögerns Schuld zerknirschet: ›Gebt dann dem, welcher dort zurücksank, Kunde, Daß noch den Lebenden sein Sohn vereint ist, Und wenn vorher ich blieb die Antwort schuldig, So sagt ihm, daß es nur geschah, weil ich schon Dem Zweifel nachsann, den ihr mir gelöst habt.‹ Und schon rief mich zu sich zurück mein Meister, Drob ich nun schneller von dem Geist begehrte, Daß er mir sage, wer mit ihm hier weile, Er sprach zu mir: »Mit mehr denn tausend lieg' ich Allhier, hierdrinnen ist der zweite Friedrich, Der Kardinal auch, von den andern schweig' ich.« Hierauf verbarg er sich, und meine Schritte Wandt' ich dem alten Dichter zu; die Rede, Die feindlich mir geschienen, überdenkend. Er aber brach nun wieder auf und fragte Im Weitergehn: »Was hat dich so verwirret?« Und da ich seiner Frage drauf genüget, Ermahnte also mich der Weise: »Was du Hier Feindliches vernommen hast, bewahre; Doch jetzt merk' auf (hier zeigt' er mit dem Finger), Wenn du dort stehst vor ihrem holden Strahle, Die mit den schönen Augen alles schauet, Wird klar durch sie dir deines Lebens Reise.« Er wandt' den Schritt zur Linken nun; die Mauer Verlassend, wallten wir zur Mitt' auf einem Fußpfad, der an ein Tal stieß, wo bis oben Uns widerliche Duft' entgegenqualmten.
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