Vierzehnter Gesang

1024 Worte
Vierzehnter GesangSie auf dem Schutt, den Attila zurückließ, Gedrängt von Liebe zum Geburtsort, rafft' ich Nun die zerstörten Blätter auf und gab sie Erbauten, ein vergeblich Werk begonnen. Ich machte mir mein eigen Haus zum Galgen.« Dem wieder, der schon sprach mit heis'rer Stimme. Drauf kamen wir zur Grenze, wo vom dritten Sich trennt der zweite Zirkel und der ew'gen Gerechtigkeit graunvolle Kunst zu sehn ist. Die neuen Dinge klar zu schildern, sag' ich, Daß wir zu einer Heide nun gelangten, Die kein Gewächs auf ihrem Grunde duldet. Es kränzet sie die schmerzensreiche Waldung Ringsum, wie diese der verruchte Graben; Hier hielten dicht am Rand wir unsern Schritt ein. Ein dürres festes Sandfeld war der Boden, Ganz gleicher Art mit jenem, der vor Zeiten Von Catos Füßen ist betreten worden. O Rache Gottes! wie so furchtbar mußt du Jedwedem scheinen, der es hier wird lesen, Was meinen Augen ward geoffenbaret! Zahlreiche Scharen sah ich nackter Seelen, Ganz jämmerlich wohl samt und sonders weinend, Doch schien verschiedne Satzung sie zu treffen. Rücklings am Boden lag ein Teil des Volkes, Ein andrer saß, zusammen ganz gekauert, Und noch ein andrer wandelt unablässig, Der so umherging, war an Anzahl größer, Und minder der, so in der Marter dalag, Doch war zum Fluch ihm mehr gelöst die Zunge. Es regneten aufs ganze Sandmeer nieder Langsamen Falles breite Feuerflocken, Wie auf den Alpen Schnee an stillen Tagen. Wie Alexander einst in jenen heißen Landstrichen Indiens über seine Mannschaft Sah Flammen ungedämpft zur Erde fallen, Drob er Vorkehrung traf, den Grund zu stampfen Durch seine Scharen, weil der Dunst noch leichter Zu löschen war, eh' neuer noch hinzukam, So senkte sich herab die ew'ge Lohe, Davon der Sand, wie unterm Feuerzeuge Der Zunder, glomm, die Qualen zu verdoppeln. Ununterbrochen ging das Spiel beständig Der unglücksel'gen Hände, welche hier bald, Bald dort abschüttelten die neuen Gluten. Ich nun begann '0 Meister, der du alles Besiegst, nur nicht die trotz'gen Teufel, die uns Entgegentraten bei des Tores Eingang, Wer ist der Große, der, die Brunst nicht achtend, So höhnend und mit scheuem Blicke daliegt, Daß mürb ihn auch der Brand nicht scheint zu machen?' Und jener selbst nun, der es inne worden, Daß seinethalb ich meinen Führer fragte, Rief: »Wie ich lebend war, bin ich auch tot noch. Mag Jupiter auch seinen Schmied ermüden, Von dem im Zorn er nahm den scharfen Blitzstrahl, Der an der Tage letztem mich getroffen; Ermüd' er all' die andern auch der Reih' nach In Mongibellos schwarzer Schmiedewerkstatt, 'Vulkan, du Lieber, hilf mir, hilf mir!' rufend, Wie bei der Schlacht er tat in Phlegras Tale, Und schleudr' auf mich die ganze Kraft des Blitzes, Doch wird er nie der Rache froh drum werden.« Da sprach mit solcher Kraft zu ihm mein Führer. Wie ich noch nie von ihm vernommen hatte: »O Kapaneus, daß nimmermehr sich dämpfet Dein Stolz, ist eben deine größte Strafe, Denn keine Marter, als dein eigenes Rasen, Wär' deiner Wut ein vollgeziemend Leiden!« Drauf wandt' er sich zu mir mit mildrer Lippe Und sprach: »Er ist der eine von den sieben Belagrern Thebens, welcher Gott verschmähte Und noch, so scheint's, verschmäht und wenig achtet; Doch, wie ich ihm gesagt, es ist sein Lästern Wohl seinem Innern ein gebührend Brandmal. Jetzt folge mir und hab' wohl acht, die Füße Noch nicht in den entbrannten Sand zu setzen, Am Saum des Waldes immer dicht sie haltend.« Stillschweigend kamen wir zu einer Stätte, Wo aus dem Wald hervor ein Bächlein sprudelt, Des Röte mir noch jetzt die Haare sträubet. Wie aus dem Schwefelpfuhl der Bach entströmet, Den dann die Sünderinnen sich verteilen, So wallte jener durch den Sand hernieder. Des Flußbetts Grund und beide Hänge waren Von Stein, so wie der Ranft zu jeder Seite, Daraus ich hier den Übergang erkannte. »Es hat dein Auge unter all' dem andern, Was ich gezeigt dir, seit zu jenem Tore Wir eingetreten, dessen Schwelle niemand Verriegelt ist, nichts so Bemerkenswertes Annoch gesehn als gegenwärt'ges Bächlein, Das alle Flammen über sich verlöschet.« So lauteten die Worte meines Führers, Drob ich ihn bat, zu spenden mir die Speise, Nach der er Sehnsucht mir ins Herz gespendet. »In Meeres Mitte liegt ein Land, verwüstet, Mit Namen Kreta,« sprach zu mir nun jener, »Zu dessen Königs Zeit schuldlos die Welt war. Drin ist ein Berg, anmutig einst bewässert Und laubbeschattet, Ida war sein Name. Jetzt ist er öde, wie vom Alter modernd. Ihn wählte Rhea zur betrauten Wiege Des Sohnes einst und ließ dort, wenn er weinte, Geschrei erheben, sichrer ihn zu bergen. Ein hoher Greis steht aufrecht in dem Innern Des Berges, nach Damiett' den Rücken wendend Und hin auf Rom, als sei's sein Spiegel, blickend. Von feinem Gold ist ihm das Haupt gebildet, Aus reinem Silber Arm und Brust bestehend; Dann folget Erz bis zu dem Spalt herunter; Von dort ab ist er ganz gediegnes Eisen, Nur daß gebrannter Ton der rechte Fuß ist, Auf dem er mehr als auf dem andern feststeht. Bis auf das Gold ist jeder Teil geborsten Durch einen Spalt, aus welchem Tränen träufeln, Die dann, sich sammelnd, jenen Fels durchwühlen. In dieses Tal enstürzet ihre Strömung, Den Acheron, Styx, Phlegethon zu bilden. Dann geht's herab durch diese enge Rinne Bis dort, wo man nicht ferner abwärtssteiget, Zu bilden den Cozyt, wie diese Lache Beschaffen, wirst du schaun, drum sag' ich's hier nicht.« Und ich zu ihm nun: »Wenn auf solche Weise Der Abfluß hier vor uns aus unsrer Welt kommt, Warum erscheinet er an diesem Rand erst?« Und er zu mir: »Du weißt, daß rund die Stätte, Und ob du gleich schon viel in ihr hernieder Gestiegen bist, stets links herum dich wendend, So hast du doch noch nicht den ganzen Umkreis Durchlaufen; drum, wenn Neues dir erscheinet, Darf Staunen nimmer auf dein Antlitz treten.« Ich wieder: »Meister, Phlegethon und Lethe, Wo sind sie nur? denn von dem letztern schweigst du Und sagst, der erstre bild' aus diesem Tau sich.« »Wohl sind erfreulich mir all' deine Fragen,« Antwortet' er: »doch sollte dir das Sieden Der roten Flut alsbald die eine lösen. Einst schaust du, aber nicht in dieser Grube, Den Lethe, wo zum Bad die Seelen treten, Wenn die bereute Schuld wird nachgelassen.« Drauf sprach er: »Es ist Zeit, uns zu entfernen Vom Busche nun; auf! folge meinen Schritten, Bahn bieten uns die unentbrannten Ufer, Und aller Dunst verlöschet über ihnen.«
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