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1283 Worte
Ich gehe in dieser Nacht nicht zurück zum Packhaus. Stattdessen checke ich in einem Motel am Stadtrand ein – der Art von Ort, der keine Fragen stellt und Bargeld annimmt. Das Zimmer riecht nach Zigaretten und Verzweiflung, aber es gehört mir. Niemand weiß, dass ich hier bin. Niemand sucht nach mir. Ich sitze am Rand des Bettes, Elias Vales Karte fest in der Hand, und starre auf mein Handy. Zwölf verpasste Anrufe – alle von meiner Schwiegermutter. Keiner von Daemon. Ich lache, und es klingt selbst in meinen eigenen Ohren wahnsinnig. Natürlich hat er nicht angerufen. Warum sollte er? Er feiert wahrscheinlich gerade und stößt mit Aurelia an, wie viel einfacher sein Leben jetzt wird. Mein Finger schwebt über dem Löschen-Button der Voicemails, aber die Neugier siegt. Ich drücke Play bei der ersten. „Seraphina, wo bist du? Du hast die Veranstaltung früh verlassen und uns zum Narren gemacht. Ruf mich sofort zurück.“ „Das ist inakzeptables Verhalten. Du wirst bis morgen Morgen im Packhaus sein, oder du wirst die Konsequenzen tragen.“ „Gut. Bleib, wo du bist. Daemon möchte dich morgen um zwölf in seinem Büro treffen. Sei nicht zu spät.“ Ich lasse das Handy nach dem Löschen der Nachrichten aufs Bett fallen. Morgen. Er wird es morgen tun – denke ich bei mir. Ich sollte etwas fühlen. Angst, Trauer, vielleicht sogar Erleichterung. Aber alles, was ich spüre, ist Taubheit. Als hätte man mich ausbluten lassen und nichts mehr in mir übrig gelassen außer leerem Raum, wo früher Gefühle waren. Ich lege mich auf die kratzige Moteldecke und starre an die wasserfleckige Decke. Meine Wölfin ist immer noch still, immer noch versteckt. Ich mache ihr keinen Vorwurf. Was gibt es schon zu sagen? Schlaf kommt nicht. Ich liege einfach da, beobachte, wie die Schatten sich verschieben, wenn draußen Autos vorbeifahren, und zähle die Stunden herunter, bis alles offiziell endet. ********** Um 11:45 Uhr gehe ich durch die Türen des Packhauses – zum letzten Mal, da bin ich mir ziemlich sicher. Das Personal schaut mir nicht in die Augen. Sie huschen an mir vorbei, als wäre ich ansteckend, verschwinden in Zimmern und um Ecken. Neuigkeiten verbreiten sich schnell in einem Pack, und ich vermute, dass jeder weiß, was gleich passieren wird. Ich trage Jeans und ein T-Shirt, kein Make-up, und meine Haare stecken in einem unordentlichen Dutt. Wenn Daemon sich von mir scheiden lassen will, dann soll er es tun, während er die echte mich sieht – nicht die polierte, perfekte Luna, die ich so sehr zu sein versucht habe. Seine Bürotür ist geschlossen, aber ich klopfe nicht, bevor ich sie öffne. Er sitzt hinter seinem massiven Eichenschreibtisch und sieht aus wie der mächtige Alpha, der er ist – frisch gebügelter Anzug, zurückgekämmtes Haar, kalte graue Augen. Aurelia steht am Fenster, natürlich tut sie das. Und meine Schwiegermutter hockt auf der Ledercouch wie ein Geier, der darauf wartet, dass etwas stirbt. „Du bist zu spät“, sagt Daemon, ohne von den Papieren vor sich aufzuschauen. „Es ist 11:58“, antworte ich. „Eigentlich bin ich früh.“ „Sei nicht frech, Seraphina. Das steht dir nicht.“ Ich lache, scharf und bitter. „Ja, wäre ja schrecklich, wenn ich unschicklich wäre vor den Leuten, die mich gleich wie Müll wegwerfen.“ Daemons Kiefer spannt sich an. „Setz dich.“ „Ich stehe lieber, danke.“ „Setz dich hin!“ Der Alpha-Befehl trifft mich wie eine physische Kraft, und meine Knie knicken ein, bevor ich sie stoppen kann. Ich sacke in den Stuhl gegenüber seinem Schreibtisch, meine Wölfin winselt in Unterwerfung. Ich hasse es. Ich hasse ihn dafür, dass er seine Macht so gegen mich einsetzt. „Besser“, sagt er und sieht mich endlich an. In seinem Ausdruck ist keine Wärme. Kein Bedauern. Nur… Irritation. Als wäre ich ein Problem, das er lösen muss. „Ich nehme an, du weißt, warum du hier bist.“ „Du lässt dich von mir scheiden“, sage ich flach. „Und ersetzt mich durch sie.“ Ich schaue Aurelia nicht einmal an. „Herzlichen Glückwunsch. Ich hoffe, ihr werdet sehr glücklich zusammen.“ „Das ist nichts Persönliches, Sera“, sagt Daemon, und ich möchte ihm etwas ins dumme Gesicht werfen. „Das Bündnis mit deiner Familie hat seinen Zweck erfüllt. Wir haben die westlichen Territorien. Die Ehe ist nicht mehr nötig.“ „Nichts Persönliches“, wiederhole ich langsam. „Klar. Weil eine andere Frau in unserem Haus zu ficken, während ich unten auf dich warte… das ist ja nur Business, oder?“ Aurelia rührt sich unbehaglich. „Pass auf deinen Ton auf“, schnauzt meine Schwiegermutter. „Du bist immer noch in der Gegenwart deines Alphas.“ „Anscheinend nicht mehr lange.“ Ich lehne mich im Stuhl zurück und verschränke die Arme. „Also, was ist der Deal? Was bekomme ich bei dieser Scheidung? Unterhalt? Vermögen? Oder soll ich einfach mit nichts abhauen?“ Daemon schiebt einen Ordner über den Schreibtisch. „Die Bedingungen sind hier aufgeführt. Du erhältst eine einmalige Abfindung von zweihunderttausend Dollar. Im Gegenzug unterschreibst du eine Geheimhaltungsvereinbarung, die dich daran hindert, über Packangelegenheiten oder die Natur unserer Ehe zu sprechen. Außerdem verzichtest du auf alle Ansprüche auf Packvermögen und stimmst zu, in keinem anderen Pack jemals den Status einer Luna anzustreben.“ Ich starre den Ordner an, als könnte er mich beißen. „Zweihunderttausend Dollar. Das ist also, was drei Jahre meines Lebens dir wert sind?“ „Das ist mehr als großzügig“, sagt meine Schwiegermutter. „Angesichts dessen, dass du diesem Pack nichts von Wert gebracht hast.“ „Nichts von Wert.“ Die Taubheit reißt jetzt auf, Wut sickert durch die Risse. „Ich habe den Vertrag über die Westlichen Territorien ausgehandelt. Ich habe drei Jahre lang jede Pack-Veranstaltung organisiert. Ich habe deine Finanzen, deinen Terminkalender, dein ganzes verdammtes Leben gemanagt, Daemon, während du damit beschäftigt warst…“ „Genug.“ Seine Stimme ist eisig. „Unterschreib die Papiere, Seraphina. Es ist vorbei.“ „Was ist mit Cassian?“ Der Raum verstummt. Daemons Gesicht wird ausdruckslos. Aurelia erstarrt. Der Ausdruck meiner Schwiegermutter wird gefährlich. „Was hast du gesagt?“ fragt Daemon langsam. „Cassian“, wiederhole ich, mein Herz pocht. „Dein Sohn. Unser Sohn. Was passiert mit ihm?“ „Du hast keinen Sohn“, sagt meine Schwiegermutter, aber in ihrer Stimme liegt Panik. „Wovon redest du?“ Ich stehe auf, meine Beine zittern. „Lüg mich nicht an, verdammt. Ich habe euch über ihn reden hören. Vor sechs Monaten habe ich dich und Aurelia im Flur gehört, wie ihr gelacht habt, dass er sie ‚Mama‘ nennt.“ Die Worte kommen jetzt heraus, drei Jahre unterdrückte Wahrheit brechen endlich frei. „Ich weiß, dass ich ein Baby hatte. Ich weiß, dass ihr ihn mir weggenommen habt.“ „Du bist hysterisch“, sagt meine Schwiegermutter, aber sie schaut jetzt Daemon an, die Augen weit aufgerissen. „Wo ist er?“ Ich schreie jetzt, Monate voller Trauer und Wut explodieren aus mir heraus. „Wo zum Teufel ist mein Sohn?“ „Sera…“, beginnt Daemon. „Wage es nicht, mich ‚Sera‘ zu nennen! Ich habe dein Kind zur Welt gebracht, und du hast es mir weggenommen! Ich erinnere mich nicht… ich kann mich nicht erinnern, aber ich weiß, dass es passiert ist. Ich weiß, dass er existiert.“ Meine Stimme bricht. „Wo ist er?“ Daemon steht auf, sein Stuhl schabt über den Boden. Zum ersten Mal, seit ich hereingekommen bin, sieht er verunsichert aus. „Du musst dich beruhigen.“ „SAG MIR, WO ER IST!“
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