34

1534 Worte
ANN „Dieser Mann treibt mich noch in den Wahnsinn.“ Ich will nicht, dass der arme Benedikt denkt, Rian sei der Grund, warum ich mich von ihm trenne. Ich sehe, wie Rian sich zur Bar bewegt. Er nimmt eine Karte in die Hand, und seine wütenden Augen treffen erneut die meinen. Christus am Keks. „Was darf’s sein?“ Die Kellnerin lächelt. Ich lächle gezwungen und öffne die Karte. Mir ist dieses verdammte Essen völlig egal. Ich wähle das erste Gericht. „Risotto, bitte.“ Ich knalle die Karte zu. „Danke.“ Sie notiert Dukes Bestellung und verschwindet wieder im Trubel. Ich will einfach nur, dass dieser Abend vorbei ist und ich hier rauskomme. Ugh, Männer… wer verabredet sich freiwillig mit solchen Idioten? Mein Handy vibriert auf meinem Schoß, und ich sehe, wie Rian tippt. Oh mein Gott, das kann nicht sein. Mein Handy vibriert weiter. Fuckk. „Ich geh mal schauen, was die Cocktail-Specials sind.“ Ich lächle gezwungen und stehe auf. „Schon?“ Benedikt runzelt die Stirn. „Ja. Was willst du?“ „Überrasche mich.“ Ich gehe lässig zur Bar. Rians Blick wandert von meinen Füßen wieder zu meinem Gesicht, er hebt das Kinn. Na dann, bring’s, Arschloch. Ich bin wütender als du. Ich stelle mich neben ihn, nehme eine Karte in die Hand, um so zu tun, als würde ich lesen. „Was?“ flüstere ich. Rians Augen bleiben auf der Karte vor ihm fixiert. „Du bist auf einem verdammten Date?“ Meine Augen schießen zu ihm. „Sag bloß, du meinst das ernst?“ „Tödlich ernst,“ knirscht er durch die Zähne. Ich sehe wieder auf meine Karte. „Hör zu, du verdammtes Arschloch.“ Ich lächle süß. „Ich weiß nicht, was du gerade geschnupft hast oder wer zum Teufel du denkst, dass du bist—“ „Was darf’s sein?“ fragt der Barkeeper. „Ähm.“ Rian und ich sehen uns schnell die Specials an. „Zwei Dirty Martinis, bitte.“ Ich lächle. „Mach vier draus.“ Rian verzieht das Gesicht. Der Barkeeper dreht sich ab und legt los. „Ich freu mich so, dass du den ganzen Tag an mich denkst und die ganze Nacht von mir träumst,“ flüstere ich. „Also träumst du davon, dass wir einen Dreier mit deinem verdammten Date haben?“ „Du bist echt eine Freche,“ faucht er. „Du triffst dich wirklich mit ihm?“ „Geht dich nichts an.“ „Alles geht mich einen Scheiß an.“ Adrenalin pumpt durch meinen Körper. Niemand bringt mich so auf die Palme wie Rian Kronfeld. Ich werfe meine Haare über die Schulter. „Geh zurück zu deinem Date, Rian.“ „Ich bin nur hier, weil meine Schwester mich mitgeschleppt hat.“ „Ha! Beleidige nicht meine Intelligenz. Du bist hier, weil sie schön ist und du heute Nacht mit ihr schlafen willst.“ „Will ich nicht.“ „Doch, verdammt, willst du.“ „Es war ein Blind Date.“ „Klar, war es.“ Ich packe die Barkante fester. „Also ist er dein Freund?“ Seine Augen fangen meine ein. Ich sehe zu Benedikt, der unschuldig auf seinem Handy scrollt. Verdammt. Warum kann Benedikt mich nicht so lebendig fühlen lassen wie dieser Idiot? „Ich bin eigentlich hier, um ihm zu sagen, dass ich ihn nicht mehr sehen kann. Also danke, dass du mich vorher schon stressst, bevor ich überhaupt anfangen konnte.“ „Warum kannst du ihn nicht mehr sehen?“ Ich starre geradeaus, will nicht antworten. „Liegt es an mir?“ „Was?“ Ich verziehe das Gesicht. „Du bist verrückt.“ „Warum dann?“ „Rian.“ Ich knirsche mit den Zähnen, um keinen Wutanfall zu bekommen. „Ich habe kein Interesse daran, mit einem Mann zu reden, während er auf einem Date mit einer anderen Frau ist. Geh zurück zu ihr.“ Er blickt sich im Restaurant um. „Lass uns gehen.“ „Was?“ „Scheiß drauf. Lass uns einfach gehen. Keiner von uns will hier mit denen sein. Wir müssen Dinge besprechen.“ Ich reibe mir das Gesicht. „Würdest du das echt ihr antun?“ „Ich bringe sie natürlich zuerst nach Hause. Lass uns das machen.“ Er blickt auf die Uhr. „Können wir uns sagen wir um elf treffen?“ „Was?“ „Ich habe Sicherheit bei mir.“ Ich tue so, als schaue ich auf die Karte. „Nahe der Tür.“ Ich sehe zwei Männer in Anzügen neben dem Eingang stehen. „Die hab ich gesehen.“ „Sobald ich zu Hause bin, lassen sie mich in Ruhe,“ sagt er. „Du könntest zu mir kommen, wenn du willst.“ Ich starre ihn an, totales Pokerface. Dieser Mann ist ein verdammter Idiot. „Ich habe nichts zu sagen außer, dass du ein Arschloch bist, und es tut mir leid für dein Date.“ Er lächelt sanft und hält meinen Blick. „Schön, dich zu sehen.“ Mein Herz macht einen Salto in meiner Brust. Nicht so gucken. „Nicht so, Seb,“ flüstere ich. „Vianne, wir müssen reden. Du weißt es. Wir brauchen einen sauberen Schnitt, bevor wir nächste Woche wegfahren.“ „Du wirst alles ruinieren. Dieser Job ist mir wirklich wichtig, und ich will ihn nicht vermasseln. Wenn Torvald davon erfährt—“ „Er wird es nicht.“ „Bitte, Rian, hör auf. Wir haben eine Vergangenheit. Das war’s.“ Er starrt mich an. „Lass die Vergangenheit da, wo sie hingehört. Ich will jetzt nichts mit dir zu tun haben. Ich bin nicht mehr das Mädchen, das du damals kanntest.“ Er presst die Kiefer zusammen, die Augen halten meine. „Bitte sehr.“ Der Barkeeper stellt die vier Drinks auf den Tresen. „Danke,“ sagt Rian. „Stell sie auf meine Rechnung.“ Er nimmt die Drinks, wirft mir einen letzten langen Blick zu und sagt: „Auf Wiedersehen, Falkenrath.“ Dann dreht er sich um und geht zurück zu seinem Tisch. Mein Herz sinkt enttäuscht. Also, das war’s? Er gibt einfach auf? Natürlich tut er das. Ich meine, ich will ihn nicht, aber es wäre schön gewesen, wenn er ein bisschen mehr gekämpft hätte. Vielleicht interessiert er sich wirklich für sein Date? Was stimmt nur mit mir? Er lässt mich wie eine unsichere, unentschlossene Jugendliche fühlen. Mit einem tiefen Seufzer gehe ich zurück zum Tisch. „Was ist das?“ fragt Benedikt, als ich die zwei Cocktails abstelle. „Dirty Martini.“ Ich lächle. Benedikt nimmt einen Schluck, und ich beobachte ihn, während ein Schuldgefühl in mir hochkriecht. „Du bist wirklich ein großartiger Mann, Benedikt.“ Er lächelt traurig. „Aber…“ „Aber wir wissen beide, dass dies unser letztes Date ist.“ Sein Blick senkt sich auf sein Glas. „Wenn es unser letztes Date ist, können wir es wenigstens genießen?“ Meine Augen treffen seine. „Nein, Liebling.“ Ich nehme seine Hand über den Tisch. „Keine Liebe mehr. Keine Dates mehr. Keine spontanen Treffen. Nur schöne Erinnerungen ab jetzt.“ „Ich werde dich vermissen.“ „Ich werde dich auch vermissen.“ Ich drücke seine Hand. „Hey, es war doch schön, oder?“ Er lächelt traurig und nickt. „Ich weiß nicht, wen du suchst, Babe, aber ich hoffe, du findest ihn.“ Tränen steigen mir in die Augen, völlig unerwartet. Ich weiß selbst nicht, wen ich suche, aber ich glaube nicht, dass ich ihn je finden werde. Denn jemanden, der mich wieder ganz fühlen lässt, gibt es nicht. Benedikt redet weiter über seinen Tag, aber mein Geist ist meilenweit entfernt. Wie bin ich nur so geworden? So kalt und distanziert. Mein Ex-Mann hat eine Menge zu erklären. Es geht nicht darum, dass er mit jemand anderem geschlafen hat. Nicht um Untreue. Ganz im Gegenteil. Irgendetwas in mir hat sich an diesem Tag verändert, es hat mich als Person verändert. Und ich vermisse sie. Ich fühle mich überemotional und tränennah. Ich muss mich zusammenreißen. Ich muss nur das Abendessen überstehen, und dann kann ich zu Hause auseinanderfallen. „Ich geh nur kurz auf die Toilette.“ Ich gehe den Seitengang entlang und betrete die Toilette. Einzelkabine, eigenes Waschbecken und Spiegel. Ich wasche meine Hände und starre mein Spiegelbild an. Ich fühle mich zerbrechlich. Tränen steigen in meine Augen. Gott, Vianne, reiß dich zusammen. Was stimmt nur mit mir? Ich bin nie weinerlich. Die Türklinke dreht sich, jemand wartet. „Einen Moment!“ rufe ich. Ich wische das Make-up unter den Augen ab, kneife die Wangen und schüttele die Hände, atme tief aus und öffne die Tür. Rians große braune Augen treffen meine. Er tritt in die Kabine, drängt mich zurück, und schließt die Tür hinter sich. Ohne ein Wort nimmt er mein Gesicht in seine Hände und küsst mich. Seine Lippen sind weich, sein Wille stark, ich verkrampfe mich gegen ihn. Seine Zunge tanzt gegen meine. „Ich konnte nicht nach Hause gehen, ohne dich zu küssen,“ flüstert er gegen meine Lippen. Und ich fühle es zum ersten Mal seit Ewigkeiten. Bis in die Zehenspitzen. Bitte, Gott, lass es nicht er sein.
Kostenloses Lesen für neue Anwender
Scannen, um App herunterzuladen
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Schriftsteller
  • chap_listInhaltsverzeichnis
  • likeHINZUFÜGEN