RIAN
„Rian, Timo ist hier.“
„Danke, Carly, schick ihn direkt rein“, antwortete ich über die Gegensprechanlage.
Ich stand auf, und nur einen Augenblick später öffnete sich die Tür und mein Lieblingsmensch trat ein.
„Hey, Dad.“
„Hey, Großer.“ Ich lächelte. „Worauf hast du Lust zum Mittagessen?“ Timo war der Sohn meiner Schwester. Sein Vater hatte sich aus dem Staub gemacht, als er zwei war, und seitdem hatte ich die Vaterrolle übernommen.
Er hatte im Alter von fünf Jahren angefangen, mich Dad zu nennen, als er in die Schule kam und nicht wollte, dass die anderen Kinder ihn für einen Außenseiter hielten.
„Warum musst du mich eigentlich immer ‚Großer‘ nennen? Kein anderer Vater nennt seinen Sohn so. Das klingt total nach Kindergarten.“
Ich lächelte und drückte kurz seine Schulter. „Das liegt daran, dass kein anderer Vater einen Sohn hat, der mir so am Herzen liegt wie du. Und glaub mir, Gefühle zu zeigen, ist alles andere als kindisch.“
Er schenkte mir ein schiefes Lächeln. Timo war der einzige Mensch, der meine verletzliche Seite zu sehen bekam. Die hob ich mir nur für ihn auf. Er war die wichtigste Person in meinem Leben.
„Können wir zu McDonald’s?“
Ich verzog das Gesicht. „Für den Fraß bin ich zu alt.“ Ich griff mir meine Jacke von der Stuhllehne. „Wir gehen ins Pub.“
Er seufzte. „Na gut, meinetwegen.“
Viertelstunde später saßen wir mit unseren Limos im Pub und warteten auf das Essen. Ich gähnte, weil ich hundemüde war. Vianne machte mich völlig fertig.
„Vergiss nicht, dass am Samstagmorgen das Fußballfinale von Willow ist. Und am Nachmittag will ich mit dir nach Autos schauen“, sagte ich ihm.
„Was ist denn mit meiner Karre nicht in Ordnung?“
„Das ist eine alte Schrottlaube. Ich mache mir ständig Sorgen, ob die Airbags überhaupt noch auslösen.“
„Mann...“ Er verdrehte die Augen. „Ich hab echt keinen Bock, meinen Samstag beim Fußball von Willow zu verplempern.“
„Pech gehabt. Da musst du jetzt durch. Ist ja nur dieses eine Mal.“ Er sah mich mit großen Augen an.
Ich nahm einen Schluck von meinem Getränk. „Was ist eigentlich aus der Sache mit diesem Mädchen geworden?“
Ein breites, dämliches Grinsen stahl sich auf sein Gesicht. „Ach, Dad.“ Er schüttelte den Kopf, als fehlten ihm die Worte.
„So gut, ja?“, schmunzelte ich.
„Sie ist perfekt. Ich bin total verknallt.“
„Immer mit der Ruhe, mein Bester. Liebe ist ein starkes Wort.“
„Aber... ich liebe sie wirklich. Sie ist die Richtige, ich spüre das.“
„Das freut mich für dich. Sie sollte aber auch gut genug für dich sein. Wann lerne ich sie denn mal kennen?“
Die Kellnerin stellte unser Essen vor uns ab. „Danke.“
„Ich bin eher nicht gut genug für sie.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich bringe sie am Freitagabend mal mit vorbei.“
„Alles klar.“
„Aber benimm dich nicht so seltsam.“
Ich hielt mit dem Salzstreuer inne. „Definiere ‚seltsam‘.“
„Na ja... komm nicht in so einem steifen Anzug an. Trag mal was Lockeres.“
„Was ist denn mit meinen Anzügen nicht in Ordnung?“
„Du siehst darin aus wie ein Fossil.“
Ich schüttelte den Kopf. „Dieser Anzug bezahlt deinen ganzen Kram, das ist dir schon klar, oder?“
„Ich beschwer mich ja nicht. Ich sage nur, dass der erste Eindruck zählt.“
Ach, wie schön es doch war, jung und naiv zu sein. „Na gut.“
„Ich komme morgen vorbei und such dir was zum Anziehen raus.“
„Ich bin durchaus in der Lage, mir meine Kleider selbst auszusuchen.“
„Ich will einfach, dass alles perfekt läuft. Sie ist mir echt wichtig.“ Ich verdrehte die Augen. „Schon verstanden.“
„Oh, und kannst du vielleicht in mein Zimmer gehen und die Poster abhängen?“
Ich runzelte die Stirn. „Warum das denn?“
„Weil ich nicht will, dass sie denkt, ich bin noch ein kleines Kind.“
„Was genau habt ihr zwei denn in deinem Zimmer vor?“
„Keine Ahnung, sie ist jedenfalls ziemlich heiß darauf.“
Ich riss die Augen auf. „Sag mir bitte, dass du verdammt noch mal Kondome benutzt...“
„Und wag es ja nicht, mich vor ihr ‚Großer‘ zu nennen“, sagte er und ignorierte meine Frage geflissentlich.
Ich grinste.
„Ich meine es ernst!“
Ich hob kapitulierend die Hände. „Okay, verstanden. Coole Klamotten, harter Kerl und keine Poster. Dafür eine XXL-Packung Kondome als Beilage.“ Ich zog eine Augenbraue hoch. „Du wirst sicher keinen s*x in deinem Zimmer haben, während ich unten sitze und alles mitkriege. Haben wir uns da verstanden?“
„Wie auch immer.“ Er biss in seinen Burger. „Das Leben ist gerade einfach großartig, weißt du?“
Ich lächelte, während mein Blick an seinem Gesicht hängen blieb. Ich liebte es, ihn so glücklich zu sehen.
„Du solltest es auch mal versuchen“, sagte er mit vollem Mund. „Ich meine die Sache mit der Liebe.“
Ich griff nach meinem Burger und hatte plötzlich das Bild von Vianne und unserer gemeinsamen Woche vor Augen.
Vielleicht war es an der Zeit.
Vianne stand nackt in der Küche, die Arme um mich geschlungen, ihre Lippen nur Millimeter von meinen entfernt.
„Hab einen schönen Tag“, hauchte sie.
Ich lächelte die Verführerin an. Sie war unglaublich. Ich gab ihrem Hintern einen kleinen Klaps. „Werde ich haben.“
„Ich wünschte, du müsstest heute nicht auschecken“, sagte sie. „Ich hatte die schönste Woche meines Lebens in diesem Hotelzimmer.“ Sie küsste mich erneut.
„Ich auch.“ Unsere Lippen trafen sich wieder. Wir konnten einfach nicht damit aufhören, sobald wir zusammen waren. „Was hast du am Wochenende vor?“
„Nicht viel. Ich schaue mir morgen den ganzen Tag Wohnungen an. Willst du mitkommen?“
„Morgen kann ich leider nicht. Ich muss zum Fußballspiel der Tochter eines Freundes.“
„Und heute Abend?“, fragte sie.
Ich atmete tief durch. Es war noch zu früh, um sie Timo vorzustellen. „Da habe ich was mit der Familie vor.“
Ihre Miene verdunkelte sich.
„Hast du Lust, morgen Abend vorbeizukommen? Ich koche was“, bot ich an.
„Echt jetzt?“
„Ich muss mich ja noch für den Kaffee revanchieren.“ Ich piekste sie in die Rippen.
Sie kicherte. „Abgemacht.“ Sie zog mich in eine Umarmung und wir verharrten eine Weile so. Mir gefiel der Gedanke nicht, sie heute Abend nicht zu sehen.
„Wirst du mich heute Abend vermissen?“, fragte sie.
„Nö“, grinste ich.
„Gut, ich dich nämlich auch nicht. Bin eigentlich froh, dich endlich loszuwerden.“
Nach einem letzten, langen Kuss machte ich mich auf den Weg zur Tür. Ich sah mich noch einmal um und erblickte Vianne, wie sie einen kleinen Freudentanz aufführte – splitternackt.
„Bis zum nächsten Mal“, lächelte ich.
Sie warf mir eine übertriebene Kusshand zu. „Bis zum nächsten Mal!“