ANN
Rian starrte mich einen Moment lang an und drehte sich dann wortlos um, um ins Haus zu gehen.
Meine Augen wurden groß. Rian war Nalims Vater?
Was zur Hölle? Er hat ein Kind?
„Nalim!“, stammelte ich und lief Rian hinterher. „Wir sind nur Freunde.“
„Vianne, du weißt, dass es mehr als das ist“, widersprach er und folgte uns.
Rian drehte sich um und sah mich mit einer Verachtung an, wie ich sie noch nie zuvor gesehen hatte.
„Ich schwöre dir, Seb, wir sind nur Freunde.“ Panisch schüttelte ich den Kopf. „Da läuft nichts.“
Nalim blickte verwirrt zwischen uns hin und her. „Wie kannst du das sagen? Du bist ständig in meinem Zimmer.“
„Auf dem Boden!“, japste ich.
Rians Blick hielt meinen fest. Seine Haltung war kalt, distanziert.
„Ich liebe dich, Vianne“, sagte Nalim.
Jesus Christus. Was zur Hölle? Ausgerechnet jetzt?
Wie konnte er Rians Sohn sein? Gegensätzlicher konnten sie kaum sein.
„Nalim… hör auf!“, fauchte ich wütend, ohne den Blick von Rian zu lösen.
„Wir sind kein Paar. Kriegt das endlich in deinen Kopf!“
Rians Augen blitzten gefährlich auf. „Sprich nicht so mit meinem verdammten Sohn.“
„Aber… er versteht das falsch.“
„Ich habe es mit meinen eigenen verdammten Augen gesehen.“ Rian trat einen Schritt auf mich zu, und ich wich zurück, unsere Blicke ineinander verhakt. „Du glaubst, du kannst ihn benutzen… während du mich benutzt?“, flüsterte er dunkel.
Ich schüttelte den Kopf. „Nein, Rian. Ich schwöre dir, ich sage die Wahrheit.“
Nalim sah verwirrt zwischen uns hin und her. „Moment… was? Kennt ihr euch?“
Ich schwieg. Ich hatte Angst zu sprechen. Rians Brust hob und senkte sich, während er versuchte, sich zu beherrschen.
„Kennst du meinen Vater?“, verlangte Nalim.
Rians Blick ließ meinen nicht los.
Ich schwieg.
„Antworte ihm!“, brüllte Rian. Tränen schossen mir in die Augen, und ich nickte.
Nalims Blick sprang zwischen uns hin und her. „Wie?“
Mein Herz begann zu rasen. Rian machte mir Angst. So hatte ich ihn noch nie gesehen. Wenn er wütend war, wurde er grausam.
„Seb“, flüsterte ich. „Nalim und ich sind nur Freunde. Ich schwöre es dir.“
„Du bist in meinem Zimmer. Wir haben uns vor keine zwei Minuten geküsst“, fiel Nalim mir ins Wort. „Du weißt, dass wir mehr als Freunde sind. Das weiß jeder.“
Rians Kiefer spannte sich vor Wut.
„Woher kennst du meinen Vater überhaupt?“, verlangte Nalim erneut.
Oh Gott, halt einfach die Klappe, Junge. Du ruinierst mir gerade das Leben.
Ich sah zwischen ihnen hin und her.
„Beantworte seine Frage“, flüsterte Rian düster.
„Rian.“ Ich schüttelte den Kopf. „Ich schwöre dir…“
„Dad?“, fragte Nalim. „Was geht hier vor?“
Rians Blick glitt zu Nalim. „Sie ist nicht das richtige Mädchen für dich.“
Nalim runzelte die Stirn.
Ja. Sag ihm, dass ich dein Mädchen bin.
„Sag ihm, womit du dein Geld verdienst, Vianne.“
Mir rutschte der Boden unter den Füßen weg.
„Rian, hör auf“, fuhr ich ihn an. Wenn er das aussprach, konnte er es nicht zurücknehmen. Dann gab es kein Zurück mehr. „Ich meine es ernst. Tu das nicht.“
Rian hob das Kinn, als würden meine Worte ihn nur weiter anstacheln. „Nyx arbeitet in einem Stripclub.“
Nalims Gesicht entgleiste. „Wer ist Nyx?“
„So nennt sich Vianne auf der Bühne.“
„Hör auf!“, schrie ich.
Wir starrten uns an, während sich mir die Nackenhaare aufstellten.
Sag es nicht. Bitte sag es nicht.
„Vianne ist eine Prostituierte, die Männer dafür bezahlt bekommen lässt, mit ihnen zu schlafen.“
Nalims Gesicht fiel in sich zusammen. „Woher weißt du das?“
Nein.
Rians Blick ließ meinen nicht los. „Weil ich sie dafür bezahlt habe, mit mir zu schlafen.“
Meine Augen füllten sich mit Tränen.
„Du hattest s*x mit Vianne?“, fragte Nalim fassungslos.
„Ja.“
Mir entfuhr ein erstickter Laut des Entsetzens.
„Sie hat uns beide gespielt“, flüsterte Rian.
Ich verzog das Gesicht und brach in Tränen aus. „Nein, das habe ich nicht.“ Verrat durchflutete mich.
Rians kalter Blick hielt meinen fest. „Raus aus meinem Haus, du verlogene Hure.“ Er machte einen Schritt auf mich zu. „Wag es ja nicht, meinem Sohn noch einmal zu nahe zu kommen.“
Was zur Hölle?
Scham erfüllte jede einzelne Zelle meines Körpers, und ich schluchzte laut bei seinen Worten.
„Raus aus meinem Haus!“, brüllte er, völlig außer sich.
Ich drehte mich um und stolperte davon. Ein Schlag hätte weniger wehgetan.
Ich musste weg. So schnell wie möglich.
Durch die Tränen konnte ich kaum sehen. Ich stolperte zur Haustür hinaus. Es war dunkel, und es begann zu regnen. Ich hatte keine Ahnung, wohin ich gehen sollte.
Ich huschte zur Seite des Hauses und drückte mich an die Wand, versteckte mich. Ich wollte keinen von beiden sehen. Keinen einzigen.
„Raus aus meinem Haus, du verlogene Hure.“
Ich schlug mir die Hand vor den Mund, um mein Schluchzen zu ersticken.
„Vianne.“ Nalim kam aus dem Haus gerannt, und ich presste mich noch fester gegen die Wand. „Vianne!“, rief er in den Regen. „Wo bist du?“
Rian trat hinter ihm auf den Vorgarten.
„Was zum Teufel hast du getan?“, rief Nalim.
„Sie hat uns beide belogen.“
„Du weißt nicht, was du sagst.“
„Doch, das weiß ich.“
„Ich kann nicht glauben, dass du mit ihr geschlafen hast!“, schrie Nalim.
Stille.
Der Schmerz schnitt mir durch die Brust.
„Komm rein“, sagte Rian.
„Ich liebe sie!“, rief Nalim.
„Ich weiß.“
„Du hast alles zerstört!“
„Sie ist nicht das richtige Mädchen für dich. Es tut mir leid, aber ich könnte dich niemals anlügen. Und ich könnte so ein Geheimnis niemals vor dir verbergen. Dafür liebe ich dich zu sehr.“
Ich lehnte den Kopf gegen die Ziegelwand. Der Regen fiel inzwischen stärker, und ich schmeckte heiße, salzige Tränen auf meinen Lippen.
Und was ist mit mir?
Das war das Ende.
Davon gab es kein Zurück mehr.
Er hatte seinem Sohn gesagt, dass ich eine Prostituierte bin.
Meine Brust zog sich schmerzhaft zusammen. Ich hatte es gewusst. Ich hatte gewusst, dass es zu schön war, um wahr zu sein.
„Ich hasse dich!“, schrie Nalim.
„Dann komm rein und hasse mich.“
Stille.
„Timo, komm. Rein jetzt.“
Scham überwältigte mich. Noch nie in meinem Leben hatte ich mich so verlassen gefühlt.
„Wo ist sie hin?“, fragte Nalim. „Vianne!“, rief er.
Die Haustür schlug zu, und ich vergrub mein Gesicht in den Händen und weinte lautlos.
Rian ging bis zur Straße, sah in beide Richtungen und ließ dann den Kopf sinken. Er schob die Hände in die Hosentaschen und stand lange im Regen, bevor er schließlich langsam wieder ins Haus ging.
Die Tür schlug zu, und ich brach in Schluchzen aus, meine Schultern bebten.
„Raus aus meinem Haus, du verlogene Hure.“
Die Scham.
Das tat weh.
War das alles, was ich für ihn war?
Hatte er mich die ganze Zeit über nur als Hure gesehen, während ich mich verliebte?
„Sie ist eine Prostituierte, die Männer dafür bezahlt bekommen lässt, mit ihr zu schlafen.“
Mein Atem zitterte, während ich versuchte, mein Schluchzen zu unterdrücken.
Ich zog mein Handy hervor und bestellte ein Uber. Ich musste mir ständig die Augen wischen, um den Bildschirm sehen zu können.
„Weil ich sie dafür bezahlt habe, mit mir zu schlafen.“
Ich war beschämt, gedemütigt und völlig verwirrt.
Ich war so verdammt verletzt.
Und das Schlimmste war: Er hatte recht. Alles, was er gesagt hatte, stimmte. Warum zur Hölle hatte ich dort gearbeitet?
„Wag es ja nicht, meinem Sohn noch einmal zu nahe zu kommen.“
Mit zitternder Hand stopfte ich das Handy zurück in meine Tasche und rutschte an der Wand hinunter, bis ich auf dem Boden saß.
Und im Regen und in der Dunkelheit weinte ich… allein.