Kapitel 1

1309 Worte
In der Nacht, als Solène Marchetti ihr letztes Konzert gab, regnete es. An dieses Detail erinnerte sie sich später – daran, wie sich das Geräusch des Regens auf dem Dach des Palais Garnier unter Beethovens Kreutzer-Sonate gemischt hatte, ein zweiter Rhythmus unter dem, den sie selbst erzeugte. Sie hatte es wahrgenommen, so wie sie an diesem Abend alles wahrnahm. Intensiv. Gierig. So wie jemand eine Mahlzeit wahrnimmt, von der er nicht weiß, dass es seine letzte sein wird. Sie war an diesem Abend brillant. Sie wusste es, ohne arrogant zu sein – genauso, wie sie die Temperatur eines Raumes oder die Spannung in einem Bogen wusste. Es war einfach eine Tatsache. Das Publikum im Palais war ganz still geworden, so wie es das Publikum nur tut, wenn auf der Bühne etwas Echtes geschieht, wenn ein Künstler aufhört, Musik zu spielen, und stattdessen beginnt, sie aus sich herauszufließen. Solène ließ die Musik wunderschön aus sich herausfließen. Das hatte sie immer getan. Was sie nicht wusste – was sie nicht wissen konnte – war, dass in der dritten Reihe, etwas links von der Mitte, ein Mann sie mit einer besonderen Art von Aufmerksamkeit beobachtete, die nichts mit der Musik zu tun hatte. Er hatte sie schon sechs Mal zuvor beobachtet. Immer in der dritten Reihe. Immer etwas links. Sie kannte seinen Namen noch nicht. Das würde sich ändern. Der Backstage-Flur des Palais roch nach Kolophonium und altem Holz und dem schwachen Hauch von tausend Parfums, die tausend Künstlerinnen und Künstler über hundertfünfzig Jahre hinweg getragen hatten. Solène liebte diesen Geruch auf unvernünftige Weise. Sie bewegte sich durch ihn hindurch so, wie sie sich durch alle vertrauten Räume bewegte – schnell, leicht vor sich hin eilend, den Geigenkasten locker in der linken Hand schwingend. „Solène.“ Ihr Manager, Didier, schloss sich ihr an. Dreiundfünfzig, an den Schläfen stets feucht, der Beste in der Branche und sich dessen zutiefst bewusst. „Das Engagement in Zürich ist bestätigt. Der vierzehnte Februar.“ „Valentinstag.“ Sie verzog das Gesicht. „Sag ihnen, sie sollen es verschieben.“ „Es ist bereits angekündigt.“ „Dann sag ihnen, ich sei schwierig.“ „Sie wissen, dass du schwierig bist. Sie wollen dich trotzdem.“ Daraufhin lächelte sie. Es war die einzige Art von Kompliment, der sie voll und ganz vertraute – jene, die mit Unannehmlichkeiten einhergingen. Die Garderobe war klein und überheizt, wie immer. Sie stellte ihren Geigenkasten mit der behutsamen Routine einer Person auf den Tisch, die dies schon zehntausend Mal getan hatte, öffnete ihn und überprüfte das Instrument so, wie eine Mutter ihr schlafendes Kind überprüft. Der Bogen. Die Saiten. Der Steg, perfekt aufrecht. Alles an seinem Platz. Alles so, wie sie es zurückgelassen hatte. Das Fenster fiel ihr nicht auf. Das Fenster fiel ihr nie auf. Es war geschlossen gewesen, als sie angekommen war, und es war jetzt geschlossen, und es gab keinen Grund, es zweimal anzusehen. Sie würde noch lange danach über dieses Fenster nachdenken. Darüber, dass sie es nicht zweimal angesehen hatte. Die Party fand im Foyer statt – die unvermeidliche Ansammlung von Spendern und Kritikern und Menschen, deren Begeisterung für klassische Musik genau mit ihrem Vermögen korrelierte. Solène bewegte sich fließend durch die Menge, was eine Leistung für sich war. Sie nahm Champagner an, den sie nicht trinken würde. Sie sagte die Dinge, die von ihr erwartet wurden. Sie lächelte mit genug Herzlichkeit, um freundlich zu wirken, und genug Zurückhaltung, um interessant zu bleiben. „Großartig heute Abend.“ Eine Hand an ihrem Ellbogen – sanft, aber mit Bestimmtheit aufgelegt, die Berührung von jemandem, der die Geste bereits vor der Ausführung beschlossen hatte. Sie drehte sich um. Er war groß. Das war das Erste, was ihr auffiel. Das Zweite war seine Unbeweglichkeit – die Haltung eines Mannes, der schon vor langer Zeit gelernt hatte, dass Bewegung ein Zugeständnis war, und er machte nur sehr wenige davon. Dunkler Anzug, keine Krawatte, dunkle Augen, die auf ihrem Gesicht ruhten, länger, als es der Moment eigentlich rechtfertigte. „Danke“, sagte sie. Die Standardantwort. Sie bereitete sich bereits auf den üblichen Abgang vor. „Der zweite Satz.“ Sein Akzent war kaum wahrnehmbar – osteuropäisch, geglättet durch die Jahre und das Reisen. „Sie haben es überstürzt.“ Sie unterbrach ihre Vorbereitungen zum Gehen. „Wie bitte?“ „Der zweite Satz“, wiederholte er. Nicht unfreundlich. Nicht entschuldigend. Einfach so, wie ein Mann eine Tatsache feststellt, die er für unbestritten hält. „Sie waren zu voreilig. Das wussten Sie. Sie haben es korrigiert, aber die Korrektur war sichtbar.“ Der Raum wirbelte um sie herum – Glas und Gelächter und das sanfte Sägen eines Streichquartetts in der Ecke. Solène sah diesen Mann an und spürte das besondere Kribbeln, das damit einherging, von jemandem genau gesehen zu werden, dem sie keine Erlaubnis zum Hinsehen gegeben hatte. „Und Sie sind?“ „Konstantin Voss.“ Sie kannte den Namen. Natürlich kannte sie den Namen. Die Berliner Philharmoniker mit einunddreißig. Die Neugestaltung des Programms der Salzburger Festspiele, die Kritiker je nachdem, auf welcher Seite der Debatte sie standen, entweder als visionär oder als wahnsinnig bezeichnet hatten. Ein Mann, über den in der Musikwelt so gesprochen wurde, wie man über das Wetter sprach – als etwas Mächtiges und Unpersönliches, auf das man sich vorbereitete, anstatt sich darauf einzulassen. „Sie haben den Mahler-Zyklus in Wien dirigiert“, sagte sie. „Den, der vierzig Minuten länger dauerte.“ „Es war die richtige Länge.“ „Das Orchester war anderer Meinung.“ „Orchester sind das oft.“ Eine kaum wahrnehmbare Bewegung in seinem Mundwinkel. Nicht ganz ein Lächeln. Eher die Andeutung eines Lächelns, zurückgehalten aus Gründen, die sie nicht benennen konnte. „Sie spielen besser, wenn sie mir widersprechen.“ Sie hätte ihn unerträglich finden sollen. Stattdessen fand sie ihn interessant, was noch schlimmer war, und das wusste sie, und sie nahm einen weiteren Schluck Champagner, den sie eigentlich gar nicht trinken wollte. Sie unterhielten sich elf Minuten lang. Sie zählte es hinterher, denn sie war die Art von Mensch, die Dinge zählte. Er sprach über ihr Spiel, wie ein Uhrmacher über ein Uhrwerk spricht – mit einer Präzision, die sich eigentlich klinisch hätte anfühlen müssen, sich aber stattdessen wie das Intimste anfühlte, was ihr seit Jahren jemand gesagt hatte. Er hörte Struktur in ihrer Musik. Architektur. Er benannte Dinge in ihrem Spiel, die sie selbst nie benannt hatte. Als jemand anderes sie wegzog – ein Spender, eine Notwendigkeit –, blickte sie einmal zurück. Er sah ihr bereits nach. Er hatte sich nicht zu jemand anderem gewandt oder nach einem weiteren Drink gegriffen. Er stand einfach mitten in diesem hellen Raum, vollkommen regungslos, und sah zu, wie sie sich von ihm entfernte. Sie redete sich ein, es sei Intensität. Die konzentrierte Art eines ernsthaften musikalischen Geistes. Sie war gut darin, sich Dinge einzureden. Der Unfall ereignete sich um 23:47 Uhr. Sie war allein in der Garderobe. Hinter der Tür murmelte die Party noch immer. Sie war zurückgekommen, um ihr Handy zu holen – es lag auf dem Tisch neben ihrem Geigenkasten, eine unachtsame Angewohnheit, die Didier ihr seit Jahren abzugewöhnen versuchte. Sie hörte es, bevor sie es begriff. Ein hohes, schrilles Knacken von der Decke – ein strukturelles Knarren, das fast musikalisch klang – und dann stürzte die Beleuchtungsanlage herab. Nicht die ganze. Gerade genug. Das letzte Geräusch, das Solène Marchetti jemals hörte, war der Aufprall – ein einziger perkussiver Ton, gewaltig und endgültig, wie eine zuschlagende Tür in einer Kathedrale. Dann Stille. Dann nichts. Dann, aus großer Ferne, als sich das Bewusstsein an den Rändern zusammenzog: der Geruch von Kolophonium und altem Holz, und irgendwo darunter, schwach und ohne Quelle, die besondere Kälte eines Fensters, das geöffnet und leise wieder geschlossen worden war. Sie wusste nicht, dass sein Name mit dem Fenster verbunden war. Sie würde es erfahren.
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