Kapitel 6

1241 Worte
Ich wusste, dass die Vorrichtung einen Fehler hatte. Er hatte es schnell geschrieben, ganz ohne seine übliche bedächtige Präzision; die Buchstaben waren schräg geschrieben, fast so, als dränge die Eile aus ihnen heraus. Solène las die Worte zweimal, bevor sie sich erlaubte, sie zu verstehen. Ich hatte im Juni die Seilzüge des Theaters überprüft – als Gefallen für den Regisseur, einen alten Kollegen. Ich hatte die Korrosion an dieser Halterung entdeckt. Ich hatte darauf hingewiesen. Mir wurde gesagt, man hätte sich darum gekümmert. Sie starrte ihn an. Ihre Hände lagen ganz regungslos in ihrem Schoß, die Kaffeetasse war unbeachtet geblieben und kühlte ab. Es sei nicht behoben worden, schrieb er. Ich hätte noch einmal nachsehen sollen. Das habe ich nicht getan. Solène las den Satz ein drittes Mal und suchte nach der Nahtstelle – der Stelle, an der die Wahrheit zerschnitten und wieder zusammengefügt worden war, um etwas zu verbergen. Sie hatte zwanzig Jahre damit verbracht, Partituren zu lesen, um die wahre Absicht des Komponisten hinter der Notenschrift zu entschlüsseln. Jetzt las sie ihn auf dieselbe Weise, und etwas in ihrer Brust sagte ihr, dass die Nahtstelle da war, auch wenn sie sie noch nicht ausmachen konnte. Sie schrieb: Du wusstest es seit Monaten und hast nichts gesagt. Ich habe etwas gesagt. An die falsche Person, anscheinend. Du hättest es mir direkt sagen können. Er betrachtete das einen langen Moment lang. Als er wieder schrieb, hatte seine Hand ihre gewohnte Kontrolle zurückgewonnen, jeder Buchstabe wurde mit architektonischer Präzision gesetzt. Wir hatten vor jener Nacht vielleicht elf Worte miteinander gewechselt. Was hätte ich sagen sollen? „Die Klammer über deinem Kopf hält nicht mehr, obwohl wir uns nie vorgestellt wurden“? Es war, ärgerlicherweise, ein berechtigter Einwand, der auf ärgerliche Weise vorgebracht wurde. Sie hasste es, dass sie die Logik darin erkennen konnte, obwohl ihr jeder Instinkt sagte, dass etwas Wesentliches immer noch in der Schublade verschlossen war, die er nicht öffnete. Sie schrieb: Und das Studio. Im Juli vorbereitet. Ich habe dir die Wahrheit gesagt. Ich dulde keine Verschwendung. Eine Pause, dann darunter: Ich wusste, dass etwas passieren könnte. Ich wusste nicht, was. Ich habe mich auf Möglichkeiten vorbereitet. Das ist es, was ich tue. Es ist die einzige Sprache, die ich habe. Solène legte den Stift beiseite. Der Raum hüllte sie in seine wohlabgewogene Stille, und unter ihren nackten Füßen war der Boden nun still – kein Cello von unten, keinerlei Vibration, nur das dichte alte Holz, das seine eigene Stille bewahrte wie etwas, das darauf wartete, eine andere Frage gestellt zu bekommen. Sie sah ihn an und begriff mit plötzlicher Klarheit, dass alles, was er geschrieben hatte, wahr war. Und dass es irgendwie auch nicht das Ganze war. An diesem Abend ging sie mit jener besonderen Erschöpfung nach Hause, die entsteht, wenn man zwei widersprüchliche Gefühle gleichzeitig in sich trägt – die Erleichterung über eine teilweise Erklärung und das kalte, beharrliche Wissen, dass „teilweise“ nicht dasselbe ist wie „vollständig“. Ihre Wohnung empfing sie so, wie sie es mittlerweile immer tat – das leise, stetige Brummen des Gebäudes durch den Boden, die Familie im Obergeschoss, die Rohre, die tragenden Wände. Sie ließ ihre Schlüssel in die Schale fallen, blieb im Flur stehen und drückte aus Gewohnheit ihre Handfläche gegen die Wand, um das kleine, unscheinbare Leben des Gebäudes um sich herum zu lesen. Dann ging sie in die Küche und blieb stehen. Der Stuhl an ihrem Tisch – ihr Stuhl, auf dem sie immer saß, immer genau auf dieselbe Weise zum Fenster hin gedreht – war gedreht worden. Nicht dramatisch. Nicht umgeworfen. Einfach um zehn bis fünfzehn Grad gedreht, sodass er nun zur Tür statt zum Fenster zeigte. Die Art von Veränderung, die jemand gedankenlos vornahm, um einen Stuhl so auszurichten, dass man sitzen und auf die Rückkehr von jemandem warten konnte. Sie stand ganz still da. Sie hatte das Haus an diesem Morgen um neun verlassen. Sie war bis sechs im Konservatorium gewesen. Neun Stunden. Sie ging zu dem Stuhl hinüber und berührte die Sitzfläche. Kalt. Keine verbleibende Wärme, die auf eine kürzliche Benutzung hindeuten würde. Wer auch immer dort gesessen hatte – falls überhaupt jemand dort gesessen hatte –, war schon so lange hergegangen, dass die normale Raumtemperatur den Stoff wieder eingenommen hatte. Sie dachte an Konstantins Gesicht an jenem Nachmittag im Atelier. Gelassen, beherrscht, während er ihr mit seiner präzisen, architektonischen Handschrift Teilwahrheiten vermittelte. Er war von neun bis sechs bei ihr gewesen. Das bedeutete: Wenn dieser Stuhl von denselben Händen berührt worden war, die Blumen auf der Fensterbank im zweiten Stock hinterlassen hatten, dann war er es nicht gewesen. Oder doch – zu einer Stunde, die sie sich nicht erklären konnte, in einer Version des Tages, von der ihr nichts erzählt worden war. An jenem Abend setzte sie sich auf ihr eigenes Bett, drückte beide Handflächen flach auf die Matratze und hatte zum ersten Mal seit Wochen Angst vor einer Möglichkeit, die überhaupt nichts mit Konstantin Voss zu tun hatte. Was, wenn es zwei gibt? Am Freitag kehrte sie ins Atelier zurück und stellte fest, dass sie ihm – ohne es zu wollen – von dem Stuhl erzählte. Das hatte sie nicht vor. Eigentlich wollte sie es in der Schublade verstauen, zusammen mit allem anderen – dem privaten Inventar kleiner Unstimmigkeiten, die sie ansammelte, ohne bisher etwas dagegen zu unternehmen. Doch er hatte sie angesehen, als sie hereinkam – mit dieser besonderen, unerschütterlichen Aufmerksamkeit, die ihr Gesicht las, noch bevor sie ein einziges Wort geschrieben hatte –, und hatte einfach gewartet, den Stift bereit, bis sie ihm etwas Wahres mitteilte. Sie schrieb: Gestern war jemand in meiner Wohnung. Während ich hier war. Mit dir. Sie beobachtete sein Gesicht, als er es las. Zum ersten Mal, seit sie ihn kennengelernt hatte, geschah dort etwas, das er offenbar nicht selbst gewählt hatte. Sein Kiefer spannte sich an. Seine Augen wanderten für einen kurzen Moment ganz woanders hin – an einen privaten und unangenehmen Ort, den er ihr offensichtlich nicht zeigen wollte. Er schrieb, langsamer als sonst: Beschreibe genau, was verschoben wurde. Nur ein Stuhl. Wie gedreht. Sie beschrieb es. In Richtung Tür. Fünfzehn Grad. Er las das, legte den Stift beiseite und sah sie an – ohne zu schreiben, ohne zu erklären, er sah sie nur an, und in seinem Gesicht lag etwas, das sie in fünf Wochen sorgfältiger Inszenierung und kontrollierter Offenbarung noch nicht an ihm gesehen hatte. Angst. Nicht um sich selbst. Um sie. Sie saß ihm in der Stille gegenüber und spürte, wie sich die Stimmung des Augenblicks völlig veränderte, und noch bevor sie sich entschlossen hatte, sich zu bewegen, noch bevor einer von beiden ein weiteres Wort geschrieben hatte, stellte sie die Frage, die seit Kapitel Vier unter allen anderen Fragen geschlummert hatte, die, um die sie herumgetanzt war, ohne sie wirklich anzusprechen. Sie formte die Worte mit den Lippen. Langsam. Dabei beobachtete sie seine Augen, um sicherzugehen, dass er sie verstand. Hast du geplant, dass ich mein Gehör verliere? Er griff nicht nach dem Stift. Stattdessen griff er nach ihr – mit zwei Fingern, vorsichtig, bedächtig, hob sie an, um sie an den Halsansatz zu drücken, wo ihr Puls schlug, wo sie die Schwingung jedes Wortes spüren würde, das er laut aussprechen würde, so wie sie ihm einst erzählt hatte, dass sie Yael Chens Cello vom Stockwerk unter ihr spüren konnte. Seine Finger blieben dort. Warm. Ruhig. Ohne zu antworten. Solène zog sich nicht zurück.
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