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Das, was sie dort sah, hatte sie bestimmt nicht erwartet.
Mia hatte sich mental auf eine ganz andersartige und High-Tech-dominierte Inneneinrichtung eingestellt – mit schwebenden Stühlen zum Beispiel –, so ähnlich wie in dem Flugobjekt, das sie hierhergebracht hatte. Stattdessen sah der Raum exakt so aus wie Korums Penthouse in New York. Es gab sogar das weiche, cremefarbene Sofa, und Mia errötete, als sie sich daran erinnerte, was erst vor Kurzem darauf passiert war. Das Einzige, was anders war, waren die Wände; sie schienen aus dem gleichen durchsichtigen Material gemacht zu sein wie das Schiff, und sie blickte auf die grünen Pflanzen, die außerhalb des Hauses wuchsen, anstatt auf den Hudson.
»Du hast hier die gleichen Möbel?«, fragte sie überrascht und ließ seine Hand los, um einen Schritt nach vorn zu gehen und das alles aus der Nähe zu betrachten. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Möbelhäuser die Siedlungen der Krinar belieferten – andererseits konnte Korum mit der Nanotechnologie wahrscheinlich alles herbeizaubern, was er wollte.
»Eigentlich nicht«, sagte Korum und lächelte sie an. »Das habe ich erst vor deiner Ankunft so eingerichtet. Ich dachte, es würde dir die Eingewöhnung vielleicht einfacher machen, wenn du dich in den ersten Wochen in einer vertrauten Umgebung entspannen könntest. Sobald du dich hier wohler fühlst, kann ich dir zeigen, wie ich eigentlich eingerichtet bin.«
Mia blinzelte ihn an. »Du hast das extra so für mich arrangiert? Wann?«
Selbst mit der schnellen Fabrikationstechnologie – oder wie auch immer Korum diese Verfahren nannte, das es ihm ermöglichte, Sachen aus nichts herzustellen – brauchte er wahrscheinlich einige Zeit, um das alles vorzubereiten. Wann hatte er bei allem, was heute passiert war, überhaupt die Gelegenheit gehabt, darüber nachzudenken? Sie versuchte, sich vorzustellen, wie er das Sofa erschuf und gleichzeitig die Keiths festnahm, und musste fast laut auflachen.
»Vor einiger Zeit«, antwortete Korum schwammig und zuckte leicht mit den Schultern.
Mia runzelte ihre Stirn. »Also … nicht heute?« Aus irgendeinem Grund war für sie der Zeitpunkt dieser Geste wichtig.
»Nein, nicht heute.«
Mia starrte ihn an. »Du hast das Ganze schon seit einiger Zeit geplant? Mich hier zu haben, meine ich?«
»Natürlich«, gab er ohne Zögern zu. »Ich plane alles.«
Mia atmete tief durch. »Und wenn ich nicht wegen des Widerstands in Gefahr gewesen wäre? Hättest du mich dann trotzdem hierhergebracht?«
Er sah sie mit einem unleserlichen Gesichtsausdruck an. »Ist das wirklich wichtig?«, fragte er sanft.
Es war wichtig für sie, aber Mia hatte keine Lust, diese Diskussion gerade jetzt zu führen. Also zuckte sie nur mit den Schultern, sah weg und schaute sich im Zimmer um. Es war irgendwie beruhigend, an einem Ort zu sein, der zumindest vertraut aussah, und sie musste zugeben, dass es wirklich sehr aufmerksam von ihm gewesen war, das zu machen – für sie eine menschliche Umgebung in seinem Haus zu schaffen.
»Hast du Hunger?«, fragte Korum und sah sie lächelnd an.
Ihr etwas zu essen zuzubereiten war eine seiner Lieblingstätigkeiten; er hatte ihr ja sogar heute Morgen etwas zu essen gegeben, als sie Angst davor gehabt hatte, dass er sie umbringen würde, weil sie dem Widerstand geholfen hatte. Das war eine der Sachen, die ihre Gefühle für ihn so zwiespältig machten, wie überhaupt ihre ganze Beziehung. Trotz seiner Arroganz konnte er unglaublich fürsorglich und aufmerksam sein. Es machte Mia verrückt, dass er sich nie wirklich wie der Bösewicht benahm, als den sie ihn sich immer vorgestellt hatte.
Sie schüttelte ihren Kopf. »Nein, danke. Ich bin immer noch voll von dem Sandwich von vorhin.« Und das war sie auch. Alles, was sie wollte, war, sich hinzulegen und zu versuchen, ihrem Kopf eine Auszeit einzuräumen.
»Okay«, sagte Korum. »Du kannst dich ja hier ein wenig ausruhen. Ich muss für eine Stunde oder so weg. Denkst du, du kommst hier alleine zurecht?«
Mia nickte. »Hast du irgendwo ein Bett?«, fragte sie.
»Natürlich. Komm mit.«
Mia folgte Korum den bekannten Flur zum Schlafzimmer hinunter, welches identisch mit dem in Tribeca war. Das Badezimmer befand sich auch an dem gewohnten Ort, fiel ihr auf.
»Also sind das hier alles Sachen, von denen ich weiß, wie ich sie benutzen muss?«, fragte sie.
»Ja, so ziemlich«, sagte er und streckte seine Hand aus, um ihr kurz über die Wange zu streichen. Seine Finger fühlten sich auf ihrer Haut heiß an. »Das Bett ist wahrscheinlich bequemer, als du es gewohnt bist, weil es die gleiche intelligente Technologie benutzt wie der Stuhl im Schiff und die Wände dieses Hauses. Ich habe mir gedacht, dass dich das nicht stören würde. Hab keine Angst, wenn es sich deinem Körper anpasst, okay?«
Trotz der Anspannung, die auf ihre Schläfen drückte, lächelte Mia bei der Erinnerung daran, wie bequem der Sitz im Flugzeug gewesen war. »Okay, hört sich gut an. Ich freue mich darauf, es auszuprobieren.«
»Ich bin mir sicher, dass du es genießen wirst.« Seine Augen leuchteten undefinierbar. »Schlaf ein wenig, wenn du möchtest, ich bin auch gleich wieder zurück.«
Er beugte sich zu ihr herunter, gab ihr einen keuschen Kuss auf die Stirn und ging hinaus, während sie allein in einem intelligenten Haus in einer Siedlung von Außerirdischen zurückblieb.
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Weniger als zwei Kilometer entfernt sah der Krinar dabei zu, wie sein Erzfeind mit seinem Charl ankam.
Die zärtliche Art und Weise, in der Korum ihre Hand hielt und sie zu seinem Haus führte, unterschied sich so stark von seinem eigentlichen Charakter, dass der Krinar fast lachen musste. Das war eine interessante Entwicklung, dieses menschliche Mädchen. Würde das etwas ändern? Irgendwie glaubte er nicht daran.
Sein Feind würde nicht von seinem Kurs abgebracht werden, schon gar nicht von einem kleinen Menschen.
Nein, es gab nur einen Weg, die menschliche Rasse zu retten.
Und er war der Einzige, der das tun konnte.