Prolog

1236 Worte
Prolog Mira, Planet Zatari, Tempel Thronsaal »Octavia ist eine Verräterin. Ich verbiete es.« Die Hohepriesterin, Octavias eigene Schwester, setzte sich auf ihren Kristallthron und sprach, als würde anstelle von rotem, warmem Blut Eis in ihren Adern fließen. Die Botschaft, die mir von meiner Freundin aus Kindertagen gesandt worden war, war seltsam und beängstigend. Aber das war nicht die Botschaft, die ich mit der Hohepriesterin und denjenigen, die sich an ihrem Hof versammelt hatten, teilte. Für sie war ich einfach eine Närrin, die um Erlaubnis bat, falschen Hoffnungen nachzujagen. Der Hoffnung, dass Octavia gegen ihren Willen entführt wurde. Der Hoffnung, dass sie ihren neuen Gefährten, einen Delti-Prinzen, aufgeben und zu ihrem Volk zurückkehren würde. Die Hoffnung, dass sie nicht die Verräterin war, die ihn befreit hatte. »Ich muss versuchen, sie zu finden und sie nach Hause zu bringen.« Mein Knie schmerzte von den langen Minuten, die es nun schon auf den kalten Steinboden gepresst wurde. Mein Kopf war nicht mehr gebeugt, aber unsere Königin hatte mir nicht die Erlaubnis erteilt, mich zu erheben, was ein Beweis für ihre Verärgerung bezüglich meiner Bitte war. »Sie hat uns alle verraten, Mira. Ich habe eine Prämie auf ihren Kopf ausgesetzt.« Ich ließ meinen Kopf sinken, um meinen Schock zu verbergen, und starrte auf die abgerundete Spitze meines schwarzen Stiefels. Der Stiefel bestand aus geschmeidigem Leder, mit einer verborgenen Klinge in der Spitze. Ich war eine Assassine und Leibwächterin, keine verwöhnte Prinzessin. Die Frauen, die in ihren fließenden Gewändern und weichen Pantoffeln herumstanden, verdankten ihre Freiheit Kriegerinnen wie mir. Ich beneidete sie nicht um ihren Komfort, aber ich knirschte mit den Zähnen, während ich versuchte zu verstehen, warum die Hohepriesterin von Zatari so unbeugsam war, so eiskalt in ihrem Glauben, dass sie ein Kopfgeld auf ihre eigene Schwester ausgesetzt hatte. »Wie viel?«, fragte ich. »Fünfzigtausend Credits.« Die Stimme war ruhig und gleichmäßig und verkündete eine Tatsache, die jeder hören konnte. Ich kannte diese Stimme gut, hatte sie mein ganzes Leben lang gehört. Meine Mutter saß an einem erhöhten Tisch links vom Thron mit den anderen anwesenden Ältesten. Ihr langes blondes Haar war jetzt von Weiß durchzogen, aber sie war immer noch schön, mit geschwungenen Brauen, intelligenten Augen und hohen Wangenknochen. Ihre weißen Gewänder identifizierten sie als Mitglied des Ältestenrates, eine einflussreiche Position, die sie viele Jahre lang innehatte. Sie hatte mich in den letzten acht Jahren gut geführt, während ich durch die Ränge aufstieg, um die vertrauenswürdigste Beschützerin der neuen Königin zu werden. Ich hatte in den ersten Jahren meines Lebens am Rande der Stadt, nahe der Grenze, auf einem Bauernhof gelebt. Ich hatte eine glückliche Kindheit, bin über die Felder gelaufen und habe mit meinen Landsleuten gespielt, habe gelernt, wie man verfolgt und jagt und tötet … Sie war gekommen, um mich zu holen, als ich volljährig wurde. Die ersten Jahre waren hart gewesen. Ich erinnerte mich nicht an alles, die Monate waren seltsam, chaotisch und schmerzhaft verschwommen. Aber mit der Zeit passte ich mich dem höfischen Leben an. Wenn ich die Komplexität des Gerichts nicht verstand, verbrachte sie Stunden damit, mir Vorträge über die subtile Kunst der Politik und der Täuschung zu halten. Dank ihr war ich jetzt eine Meisterin. Und so war es für mich genauso einfach, meine Königin anzulügen, wie zu atmen. »Dann hätte ich gerne Eure Erlaubnis, mir das Kopfgeld zu verdienen.« Schockierende Stille breitete in dem ovalen Raum aus, aber ich hielt meinen Kopf unten, während ich darauf wartete, dass die Königin ihre Entscheidung traf. Sollte sie mir das verweigern, müsste ich ein Schiff stehlen und ihr trotzen. Ich würde als Verräterin und Deserteurin bezeichnet werden. Das war ein Schicksal, das ich, sofern es notwendig war, akzeptieren wollte. Ich musste wissen, ob Octavias Botschaft zutraf. Ob ihre Worte schreckliche Fakten oder ekelhafte Lügen waren. Ich konnte nicht glauben, dass sie einen Delti-Prinzen liebte. Sie waren unser Erzfeind. Die Delti-Könige hatten einst mein Volk versklavt. Wir würden nie wieder unter ihre Kontrolle zurückkehren. Wir haben uns den Delti nicht unterworfen, wir haben sie getötet. Und wir würden sie ganz sicher nicht ficken. Uns schwängern lassen. Ihre Kinder aufziehen. Wir würden nicht einen von ihnen lieben. Der Gedanke war lächerlich. Unbegreiflich. Und doch war die Botschaft, die von meiner besten Freundin gekommen war, sehr klar gewesen. Sie war verliebt. Sie wollte nie mehr nach Hause kommen. Und alles, was ich wusste, alles, was mir gesagt worden war, meine ganze Existenz, war eine Lüge. Das konnte ich nicht akzeptieren. Ich würde sie aufspüren, ihr in die Augen schauen und die Wahrheit erfahren. Mit Erlaubnis der Königin − oder ohne. »Du kannst gehen, Mira. Bring Octavia nach Hause.« »Ja, Hohepriesterin.« Ich stand schnell auf und war dankbar für die Stunden des Trainings, die es mir erlaubten, mich trotz der langen Minuten, die ich auf ein Knie gebeugt war, frei zu bewegen. Als ich meinen Kopf hob, traf ich den Blick der Königin, sah die Warnung darin. Sie war keine dumme Frau und ich wusste, dass ich entweder mit Octavia nach Hause kommen musste oder nie wieder zurückkehren konnte. Nach einer kleinen Bewegung ihres Kinns wurden die Doppeltüren hinter mir aufgeschlossen. Das halbe Dutzend Wachen, die ich in den letzten acht Jahren ausgebildet hatte, standen bereit und würden mich auf Befehl der Königin augenblicklich töten. So wie ich es noch vor ein paar Wochen getan hätte. Aber jetzt? Jetzt hatte sich alles verändert. Jetzt musste ich die Wahrheit erfahren. Jetzt musste ich meine Freundin finden und sie, von welcher Fessel auch immer ihr der Prinz von Delti angelegt hatte, befreien. Octavia musste nach Hause kommen. Es war schon spät und so vergeudete ich keine Zeit damit, mich in meine Suite zurückzuziehen, um für die kommende Reise zu packen. Octavia war auf der Mondbasis, Lunar One. Dort musste ich hin, um sie zu finden. Aber die Basis war ein gefährlicher Ort, ein Ort, an dem sich Piraten und Abtrünnige unter den wachsamen Augen der Zatari-Kriegerinnen versammelten, die den Handelsposten mit einer gnadenlosen Effizienz kontrollierten, die von allen Besuchern befürchtet wurde. Von den Planeten Zatari und Delti reisten Schiffe zum Zatari-Mond, um Handel mit allem zu treiben, von Lebensmitteln und Gewürzen bis hin zum Schwarzmarkt in Slavers’ Bay. Ich hatte von der Basis gehört, war aber nie dort gewesen und hatte nie den Wunsch danach verspürt. Aber dort war Octavia zuletzt gesehen worden, sodass meine Suche dort beginnen würde. Es dauerte lange, bis der Schlaf kam, und als ich endlich die Augen schloss, träumte ich von meiner Mutter, davon, wie sie ausgesehen hatte, als sie jünger war. Aber in dieser seltsamen Art von Traum gab es zwei Versionen von ihr, die über einer jungen Frau standen und mit identischen Stimmen stritten. In meinem Traum hielt ich mir die Ohren zu, aber nichts konnte den Klang ihrer grausamen Worte aufhalten. »Töte sie. Sie wird uns alle verraten.« »Nein. Wir können sie nicht töten. Unser Blut fließt durch ihre Adern.« »Töte sie!« »Nein!« Meine beiden Mütter nahmen meine Arme und zogen sie in entgegengesetzte Richtungen, eine mit einer Wut, die ihre Lippen kräuselte, und mit Hass in ihrem Blick. Der anderen strömten Tränen über ihr Gesicht, woraufhin sie den Kopf schüttelte, ihre Augen füllten sich mit entschlossenem Kummer. »Nein. Sie muss leben, aber sie darf sich nicht erinnern …« Irgendwo in der Ferne schrie eine junge Frau, eine Frau, von der ich dachte, sie sei Octavia, aber als ich meinen Kopf hob und mich umdrehte, um sie anzusehen … war die schreiende Frau ich.
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