Das Erste, was Fenris spürte, war die Stille. Das rhythmische Stampfen des Rammbocks hatte aufgehört. Das Zweite, was er spürte, war die Kälte – eine Kälte, die so absolut war, dass es sich anfühlte, als wäre sein Mark zu Glas geworden.
Er schnappte nach Luft, seine Lungen brannten. Die schwarzen Adern des Wolfskrautgiftes waren verschwunden und durch einen schwachen, silbernen Schimmer unter seiner Haut ersetzt worden.
„Keine Bewegung“, befahl eine Stimme.
Es war Elara. Aber es war nicht die sanfte, zögerliche Stimme des Mädchens aus dem Süden, das er verachtet hatte. Diese Stimme hallte mit der Kraft eines Bergsturzes wider.
Fenris setzte sich auf, sein Kopf schwirrte. Er lag auf einem Fell in der Mitte des Turms. Der Raum war nicht wiederzuerkennen. Jede Oberfläche – die Steinwände, die Holzbalken, sogar die Eisentür – war mit einer dicken Schicht aus leuchtendem, kristallinem Frost überzogen.
Er sah Elara an und sein Herz blieb fast stehen.
Sie stand mit dem Rücken zu ihm am Bogenfenster. Sie trug ihren Umhang nicht mehr. Ihre Haut war elfenbeinfarben, und entlang ihrer Wirbelsäule und Schultern verliefen leuchtend blaue Markierungen, die wie alte Sternbilder aussahen. Ihr Haar, einst mattbraun, schimmerte nun weiß wie der Kern eines Sterns.
„Was bist du?“, brachte Fenris hervor, während sein Alpha-Instinkt ihm befahl, entweder niederzuknien oder zu fliehen.
Sie drehte sich um. Ihre Augen waren nicht mehr menschlich. Sie waren wie wirbelnde galaktische Nebel. „Ich bin der Grund, warum deine Vorfahren den Großen Winter überlebt haben, Fenris. Und ich bin der Grund, warum du noch atmest.“
Fenris blickte auf die schwere Eisentür. Sie war nicht nur verschlossen, sondern durch eine zwei Meter dicke Eiswand physisch mit dem Stein verschmolzen. Dahinter konnte er die leisen, gedämpften Schreie der Attentäter hören, als sie realisierten, dass der Turm zu einer Festung des absoluten Nullpunkts geworden war.
„Du bist eine Astral“, flüsterte Fenris, während die Farbe aus seinem Gesicht wich. „Die Legenden ... sie besagen, dass der Weiße Wolf vor tausend Jahren ausgestorben ist.“
„Mein Rudel hat tausend Jahre lang dafür gesorgt, dass du das glaubst“, sagte Elara und trat auf ihn zu. Jeder ihrer Schritte hinterließ eine Frostblüte auf dem Boden. „Wir haben unsere Macht verborgen, haben die Rolle der Schwachen, der Omegas, der ‚geruchlosen Ratten‘ gespielt. Alles, um nicht von Männern wie dir als Waffen benutzt zu werden.“
Fenris spürte den Stich ihrer Worte mehr als die Kälte. Er sah auf seine Hände und erinnerte sich daran, wie er ihr im Saal das Kinn gepackt und sie öffentlich ihrer Würde beraubt hatte.
„Die Bindung“, sagte Fenris mit rauer Stimme. „Als ich dich zurückgewiesen habe ... warum hast du nicht gebrochen?“
„Ich bin die Frostkönigin, Fenris. Du kannst einen Gletscher nicht mit ein paar harten Worten zerbrechen.“ Sie hielt inne, ihr Blick wurde einen Bruchteil weicher. „Aber meine Wölfin hat es gespürt. Sie ist ... verletzt. Und wegen dieses ‚Silbernen Bundes‘ bin ich noch achtundzwanzig Tage lang an dich gebunden.“
Fenris stand auf, seine Beine zitterten. Normalerweise schwächte die Bindung durch Zurückweisung den Zurückgewiesenen, aber hier, in Gegenwart ihrer wahren Gestalt, verspürte er eine erdrückende Last des Bedauerns. Die „Ablehnungskrankheit“ war immer noch da – ein dumpfer Schmerz in seiner Brust –, aber sie wurde von einem neuen, ursprünglichen Drang überlagert: dem Bedürfnis, sie für sich zu beanspruchen, sie zu beschützen und um Vergebung zu bitten, von der er wusste, dass er sie nicht verdiente.
„Sie nannten dich ein ‚Gefäß‘“, erinnerte sich Fenris und runzelte die Stirn. „Diese Attentäter. Sie kamen weder aus dem Norden noch aus dem Süden.“
„Sie sind die Void-Touched“, sagte Elara, deren Leuchten etwas schwächer wurde, als sie darum kämpfte, ihre Kraft zu zügeln. „Sie jagen die Astrals. Sie wollen meinen Kern benutzen, um die Ewige Nacht wiederherzustellen. Und du, Alpha, hast gerade der ganzen Welt verraten, wo sie mich finden können, indem du uns in diesem Turm gefangen gehalten hast.“
Ein leises, kehliges Knurren vibrierte in Fenris' Brust – nicht ihr gegenüber, sondern ihm selbst gegenüber. Er war ihnen direkt in die Hände gespielt.
„Ich werde sie alle töten“, schwor Fenris und streckte seine Klauen aus. „Jeden einzelnen, der dich gesehen hat.“
„Du kannst nicht einmal gerade stehen, Fenris“, sagte Elara und ging an ihm vorbei zu der kleinen Feuerstelle. Mit einer schnellen Bewegung ihres Fingers entfachte sie eine blaue Flamme im Kamin – eine Flamme, die Wärme abgab, ohne das Eis an den Wänden zu schmelzen. „Im nächsten Monat bist du nicht der Alpha. Du bist mein Gefangener. Und wenn du die Nacht überleben willst, wirst du dich hinsetzen und mir sagen, warum du mich wirklich abgelehnt hast.“
Fenris erstarrte. Das Geheimnis der Prophezeiung – die besagte, dass seine Gefährtin sein Ende sein würde – brannte in seiner Kehle.
„Ich habe es getan, um dein Leben zu retten“, krächzte er.
Elara drehte sich um, ein zynisches Lächeln umspielte ihre Lippen. „Dann musst du dich noch viel mehr anstrengen, denn ich bin diejenige, die gerade dein Leben gerettet hat.“
Plötzlich ächzte der Boden unter ihnen. Nicht aufgrund eines Angriffs, sondern aufgrund einer tiefen, unterirdischen Verschiebung. Eine alte, hallende Stimme erfüllte den Raum – die Stimme des Turms selbst.
„Der Bund ist anerkannt. Die Prüfung beginnt.“
Die Wände begannen zu leuchten und zeigten eine Reihe von Rätseln, die in das Eis geritzt waren, und der einzige Ausgang – die Fenster – verschwand plötzlich in massivem Stein.
Sie waren nicht nur isoliert. Sie wurden gerichtet.