Kapitel Zwei

1150 Worte
Mildred Eden  Als ich noch klein war, erzählte mir meine Mutter unermüdlich von all ihren Erlebnissen als Wolf. Unter all den Geschichten war meine liebste die, wie sie meinen Vater fand – ihren Gefährten. Fast jeden Tag sprach sie davon. Für sie war es das Schönste, was ihr je passiert war, gleich nach dem Moment, in dem sie ihren eigenen Wolf bekam. Sie brachte mir auch bei, dass Werwölfe – anders als Menschen – ihre Seelengefährten erkennen konnten. Durch Geruch, Berührung und Blickkontakt. Jeder Werwolf bekommt einen Gefährten von der Mondgöttin bestimmt, und wenn man ihn gefunden hat, vervollständigt er einen in jeder Hinsicht. Eines stand fest: Der Mann, der gerade eben hereingekommen war, war eindeutig ein Werwolf. „Willst du noch ewig hier herumstehen, oder hilfst du mir mal?“ zischt Chloe mir zu und reißt mich aus meiner Starre, während der Fremde mit einem wissenden Grinsen direkt auf mich zukommt. Aus irgendeinem Grund scheinen meine Beine vergessen zu haben, dass hungrige Kunden auf mich warten. Alles in mir ist einfach nur froh, ihn zu sehen. Hundertprozentig – hätte ich meinen Wolf, sie würde jetzt schon heulen. Er kommt immer näher, sein Blick wirkt jetzt verwirrt. Dann dreht er sich zu Chloe um, beide nicken einander zu. Fast so, als würden sie gedanklich miteinander reden. Kein Wunder – Wölfe können über Gedanken kommunizieren. Fast wie ein Telefonat, nur ohne Klingeln. Etwas, das ich nie erleben werde, bis ich endlich meinen Wolf bekomme. „Mildred Eden.“ Der Fremde spricht meinen Namen aus, jetzt direkt vor mir stehend. Woher wusste er meinen Namen? Können Wölfe so etwas auch? „Ich nehme an, du hast deinen Wolf noch nicht.“ Sein Blick ist überlegen, seine Augen suchen meine, als wollten sie etwas finden. Endlich reiße ich mich zusammen und streiche unruhig mein Kleid glatt. „Äh… w-wie wissen Sie meinen Namen?“ frage ich und fluche innerlich über mein Gestotter vor diesem Fremden, der vielleicht mein Gefährte ist. „Wie kann es sein, dass du deinen Wolf noch nicht hast? Du siehst nicht aus wie fünfzehn. Es gibt zwar seltene Fälle, aber ich hätte nie gedacht, einem zu begegnen.“ Er ignoriert meine Frage einfach. Er wirkte nicht so, als wolle er mit mir reden. Eher so, als sei er dazu gezwungen. Aber daran bin ich gewöhnt – dass man mich nicht beachtet, nur weil ich eine wolfslose Werwölfin bin. Im Reich der Werwölfe ist es ein Tabu, den Wolf nicht rechtzeitig zu bekommen. Es gilt als Fluch. Und niemand will etwas mit einem verfluchten Wolf zu tun haben. „Es tut mir leid, Sir, aber ich habe Arbeit. Wenn Sie nichts bestellen wollen – die Tür ist dort.“ Meine Stimme klingt hart. Vielleicht ist er mein Gefährte, aber wenn er mich wie alle anderen behandeln will, kann er gleich wieder verschwinden. „Interessant… du bist eine kämpferische Wölfin. Nur leider ohne Wolf.“ Er zieht mich höhnisch auf, sein Mundwinkel verzieht sich spöttisch. Wut steigt in mir auf, mein Blut kocht. Aber ausrasten würde mir nichts bringen – ich bin schwach, und er weiß es nur zu gut. „Bitte gehen Sie.“ Meine Stimme zittert. „Falls du es noch nicht gemerkt hast – ich bin dein Gefährte. Traurig, aber wahr.“ Sein Gesicht verzieht sich angewidert. Ein Stich zieht sich durch meine Brust, meine Augen brennen, Tränen drohen hervorzubrechen. Wunderbar. Selbst mein Gefährte hasst mich. Ach, ich liebe mein Leben. „Mein Name ist Nicholas Slade. Zukünftiger Alpha des Moon-Walkers-Rudels. Und du, Mildred Eden, bist meine.“ Mit seinem Zeigefinger streicht er eine Haarsträhne aus meinem Gesicht. Das… Schwarze-Mond-Rudel? Sie haben das größte Territorium in ganz Amerika, über fünfhundert Wölfe. Alle anderen Rudel fürchten und respektieren sie. Sie sind die Könige der Könige. Will er sagen… ich soll die Luna dieses Rudels werden? Ich? Sprachlos starre ich ihn an. Keine Antwort will mir über die Lippen kommen. Er nickt Chloe zu, und sie eilt sofort an seine Seite. „Sie kommt mit mir. Sag dem Besitzer, dass sie hier nicht mehr arbeitet.“ „Warten Sie! Das können Sie nicht machen.“ Panik überkommt mich. Wie soll ich die Miete zahlen, die fast fällig ist? Meine Studienschulden? Er kann mir nicht einfach meinen Job nehmen! Und Chloe…? Offensichtlich kennt sie ihn. So wie sie seinen Befehlen gehorcht, muss sie ebenfalls aus dem Schwarzen-Mond-Rudel stammen. Na klar, so hat er meinen Namen erfahren. Er hebt die Augenbrauen, stößt ein leises Schnauben aus. „Weißt du, wie lange ich darauf warte, endlich meinen Gefährten zu treffen? Zehn verdammte Jahre! Ich konnte die Alpha-Position von meinem Vater nicht übernehmen, nur weil ich keinen Gefährten hatte. Hast du eine Ahnung, wie verdammt beschissen das ist?“ „Es ist enttäuschend, dass es jemand wie du ist. Aber besser als gar keiner. Und immerhin… dein Aussehen gleicht dein elendes Schicksal ein wenig aus. Nicht jeder hat so eine schöne Gefährtin.“ Sein Blick wandert prüfend über mich, mein Magen dreht sich um. „Chloe übernimmt ab jetzt deinen Job. Du kommst mit mir, Mildred.“ Ich sehe ein, dass Widerstand zwecklos ist, und gehe nach hinten, um mich umzuziehen. Maryanne lächelt mir breit entgegen, als ich die Umkleide betrete. „Ich wollte gerade los – gleich ist Mittagszeit.“ Ein Seufzer entweicht mir, mein Gesicht verrät meine Traurigkeit. So abweisend ich auch zu Maryanne war – sie hat einen Platz in meinem Herzen. Für ihre Güte. Ich werde sie vermissen. Langsam gehe ich zu ihr, umarme sie zum Abschied, lasse die Tränen endlich laufen. „Hey, hey, hey… schon gut. Lass es raus, Schatz, es wird alles wieder.“ Sie tätschelt sanft meinen Rücken, was mich nur noch mehr weinen lässt. Wie schön wäre es, jemanden wie sie als Freundin zu haben. Jemanden, der mir sagt, dass am Ende alles gut wird. Jemanden, der mich nicht verachtet, nur weil ich anders bin. Doch ich habe niemanden. Niemanden außer Maryanne. Und selbst sie kann ich nicht wirklich in mein Leben lassen – aus Angst. Angst, dass sie sich abwendet, wenn sie erfährt, wer ich wirklich bin. Nach Minuten stillen Schluchzens löse ich mich aus der Umarmung. „Ich… äh… ich werde hier nicht mehr arbeiten. Ich wollte mich nur verabschieden, Maryanne. Danke für alles.“ Ich ziehe sie ein letztes Mal an mich. „Ist das nicht ein bisschen plötzlich?“ Ihre Stirn legt sich in Falten, ehrliche Sorge in ihren Augen. Da ich ohnehin gehe, kann ich wenigstens ehrlich freundlich sein. „Ja, aber es muss so sein.“ Schnell ziehe ich mich um, während Maryanne dasteht, als hätte sie gerade ein Kind verloren. „Ich hoffe, du findest dein Glück, Mildred. Du bist ein guter Mensch. Egal wie sehr du versuchst, es zu verbergen – das bleibt, wer du bist.“ Sie drückt meine Hand kurz, bevor sie sie loslässt. „Leb wohl, Mildred.“ Das ist wohl das Beste… oder?
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