Die Welt versank in einer Kakophonie aus zerbrechendem Glas und brennendem Gummi. Julian zögerte nicht; er riss Elena zu Boden auf den nassen Asphalt, wobei sein massiger Körper als menschlicher Schutzschild gegen die Steinstufen des Stadtverwaltungsbüros fungierte. Ein zweiter, gedämpfter *Zack* zischte durch die Luft und schlug ein Loch in die schwere Eichentür, wo sich noch vor einem Herzschlag Elenas Kopf befunden hatte.
„Bleib unten!“, knurrte Julian, seine Stimme ihrer üblichen, im Sitzungssaal gewohnten Geschliffenheit beraubt.
„Wer schießt auf uns?“, keuchte Elena, während der kupferne Geschmack der Angst ihren Mund überflutete. Der USB-Stick grub sich in ihre Handfläche, eine Erinnerung daran, dass die „Wahrheit“, die sie bei sich trug, nun eine Zielscheibe auf ihrem Rücken war.
„Jemand, der nicht will, dass ich die einzige Person heirate, die mich hinter Gitter bringen kann“, zischte Julian. Er zog eine schlanke, silberne Pistole aus seinem Hosenbund – ein krasser Kontrast zu seinem maßgeschneiderten italienischen Anzug. Er feuerte zwei Schüsse auf eine dunkle Limousine ab, die auf der anderen Straßenseite stand, wobei die Mündungsblitze sein Gesicht in gezackten Lichtblitzen erhellten.
„Beweg dich. Sofort!“
Er zog sie hoch, nicht in Richtung Straße, sondern tiefer in die Nische des Gebäudes hinein. Sie rannten nicht in Sicherheit, sondern auf den Notar zu. Die Absurdität dieser Situation traf Elena wie ein Schlag. Männer versuchten, sie zu töten, und Julian Vane war immer noch auf eine Hochzeit versessen.
Im Inneren des Gebäudes herrschte eine gespenstische Stille, nur flackernde Sicherheitslampen spendeten Licht. Der Notar, ein älterer Mann namens Mr. Henderson, stand zitternd hinter einem Marmortisch, die Augen weit aufgerissen, als er das Blut sah, das Julians Knöchel bedeckte.
„Die Papiere“, befahl Julian und schob Elena zum Schreibtisch.
„Julian, hör auf!“, schrie Elena, während ihr Herz wie wild gegen ihre Rippen hämmerte. „Wir werden gejagt! Wir müssen die Polizei rufen, wir müssen –“
„Die Polizei steht auf der Gehaltsliste von Vane Global, Elena. Oder auf der des Mannes in jenem Auto“, fuhr Julian sie an und wandte sich ihr zu. Seine grauen Augen waren nicht mehr eiskalt, sondern glichen einem Sturm. „Wenn wir diese Papiere nicht innerhalb der nächsten sechzig Sekunden unterschreiben, bist du eine Zeugin mit einer Zielscheibe auf der Stirn. Wenn wir unterschreiben, gehörst du zu Vane. Meine Sicherheitsprotokolle, meine privaten Rettungsteams und meine rechtliche Immunität werden zu deinen. Entscheide dich schnell, denn ich kann hören, wie sie nachladen.“
Der emotionale Konflikt quälte sie mehr als die Angst vor den Kugeln. Zu unterschreiben bedeutete, alles zu verraten, wofür sie stand – ihre Karriere, ihre Ethik, ihre Identität als Verfechterin der Gerechtigkeit. Aber zu verweigern bedeutete, in einer staubigen Lobby zu sterben und Clara einem langsamen, mittellosen Ende zu überlassen. Sie sah Julian an und erkannte den rücksichtslosen Pragmatismus, der sein Imperium aufgebaut hatte. Er verlangte nicht, dass sie ihn liebte; er verlangte, dass sie ihn überlebte.
„Unterschreib es“, flüsterte sie, ihre Stimme voller Abscheu.
Ihre Unterschrift war ein zerklüfteter Tintenklecks. Julians war ein präziser, tödlicher Strich.
„Ich erkläre euch hiermit ...“ Mr. Hendersons Stimme verstummte, als die gläsernen Eingangstüren der Lobby nach innen explodierten.
Julian wartete nicht auf die Erlaubnis. Er packte Elena an der Taille und warf sie hinter die Marmortheke, gerade als eine Blendgranate detonierte und die Welt in einen blendend weißen Schrei verwandelte.
Die Mitte des Kapitels war ein Wirrwarr aus taktischer Gewalt. Elena kauerte auf dem Boden, die Hände über den Ohren, und beobachtete, wie sich Julian mit einer furchterregenden, raubtierhaften Anmut bewegte. Er war nicht nur ein Milliardär; er war ein Mann, der offensichtlich Zeit an dunkleren Orten als in Vorstandsetagen verbracht hatte. Er lieferte sich einen Schusswechsel mit zwei Schatten in taktischer Ausrüstung, seine Bewegungen waren kalkuliert und kalt.
Als das Klingeln in ihren Ohren nachließ, spürte sie, wie eine Hand ihren Arm packte – fest. Julian zog sie zu einem hinteren Serviceausgang. Sie stürmten hinaus in eine schmale Gasse, wo bereits ein zweiter SUV – dieser in Silber – mit quietschenden Reifen wartete.
„Steig ein!“
Sie stürzten sich auf den Rücksitz, während der Motor aufheulte. Als die Lichter der Stadt hinter den gepanzerten Scheiben verschwammen, begann das Adrenalin abzuebben und hinterließ eine kalte, leere Erkenntnis. Sie war verheiratet. Sie war in Sicherheit. Und sie war eine Gefangene des Mannes, den sie am meisten auf der Welt hasste.
Julian lehnte sich zurück, seine Brust hob und senkte sich leicht, sein Sakko war zerrissen und mit weißem Marmorstaub befleckt. Er griff in seine Tasche, zog ein sauberes Seidentaschentuch heraus und wischte sich einen Blutstreifen von der Wange.
„Willkommen in der Familie, Elena Vane“, sagte er, und die Ironie in seiner Stimme schnitt wie ein Rasiermesser.
„Nenn mich nicht so“, fuhr sie ihn an und starrte aus dem Fenster. „Das ist ein Vertrag, Julian. Nicht mehr.“
„Ein mit Blut besiegelter Vertrag ist selten so einfach“, erwiderte er. Er lehnte den Kopf gegen die Kopfstütze und schloss die Augen. Für einen Moment fiel die Maske des Eiskönigs, und darunter kam eine Erschöpfung zum Vorschein, die Jahrhunderte alt zu sein schien. „Hast du das Hauptbuch noch?“
Elena griff in ihre Tasche. Ihr Herz setzte einen Schlag aus.
Die Tasche war leer.
Der USB-Stick – ihr einziges Druckmittel, das Einzige, was die Krankenhäuser am Laufen hielt und Julian in Schach hielt – war verschwunden. Er musste herausgefallen sein, als Julian sie auf der Treppe zu Boden geworfen hatte.
„Julian“, flüsterte sie, ihr Gesicht wurde aschfahl.
Er öffnete ein Auge, als er die Veränderung in ihrer Stimme wahrnahm. „Was?“
„Ich habe es nicht. Das Hauptbuch … es ist wieder im Büro des Sachbearbeiters.“
Julian setzte sich kerzengerade auf, sein Gesicht verhärtete sich zu einer Maske purer Wut. Doch bevor er etwas sagen konnte, piepste sein Handy mit einer SMS von einer unbekannten Nummer. Er blickte auf den Bildschirm, und das Blut wich aus seinem Gesicht.
Er richtete das Handy auf Elena. Auf dem Bildschirm war ein verpixeltes Foto aus der Vogelperspektive zu sehen, auf dem der USB-Stick auf dem blutbefleckten Pflaster der Treppe lag. Unter dem Foto stand ein einziger Satz:
*DANKE FÜR DAS HOCHZEITSGESCHENK. ICH MELDE MICH BEZÜGLICH DER LÖSESUMME FÜR DIE LEBENSERHALTUNGSMASSNAHMEN IM KRANKENHAUS.*
Die Autoreifen quietschten, als Julian den Fahrer anschrie, er solle wenden, doch ein schwarzer Sedan rammte sie seitlich und schleuderte den SUV in einer schwindelerregenden 360-Grad-Drehung in Richtung der East-River-Docks.